Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Klaus Fischedick

Die Insel ist nun einmal eigensinnig

„Wesentlich für den Garten ist eine Kontinuität der Menschen. So, wie eine alte Generation Künstler auf der Insel begonnen haben und es normal ist, dass bei der weiteren Entwicklung in den weiteren Flächen jüngere Künstler sich ansiedeln und mit und um die Ziele von Hombroich ringen, so ist auch eine Kontinuität im Gärtnerbereich notwendig, die leider Herr Korte nicht eingeleitet hat. Wir haben immer versucht, ihm klar zu machen, dass er hinter sich einen jungen Mann aufbauen muss, der seine eigenen Gedanken weiter tragen und weiter bearbeiten kann und dem man auf weiteren Flächen, die dazukommen, eigene Entwicklungen anbieten muss. Bedauerlicher Weise ist im vorstehenden Punkt und auch an der Art, wie ein Gärtner bei uns weiter machen müsste, keine Verständigung erzielt worden. Herr Korte hat nach einigen Jahren intensiver Anfangstätigkeit sich selber nur noch als Landschaftsplaner gesehen, der Landschaftsteile planerisch entwickelt und anderen diese zur Ausarbeitung überträgt. Der träumerische, künstlerische Gärtner, der er am Anfang war, hat sich gewandelt in einen Landschaftsarchitekten. Unsere Aufgabe ist es, einen Gärtner, eine empfindsame Person, zu finden, die mit vorsichtiger Hand die konzipierten Bereiche von Herrn Korte und die neuen Bereiche entwickelt und weiter führt. Es ist schade, dass zwischen den Vorstellungen von Herrn Korte und dem gemeinsamen Grundsatz, der am Anfang festgelegt war, kaum ein Konsens existiert.“ (K-H. Müller: Zur Erinnerung einige grundsätzliche Gedanken zu Hombroich. Sie sind unsortiert zusammengestellt, aber wesentlich für ein Verständnis für Hombroich.)

„Die Hauptphilosophie der Insel heißt: gleichwertiges Nebeneinander von Pflanzen, Tieren und Menschen. [...] Entscheidend ist, dass die Tierwelt, die durch diese Form in einer Vielfalt angelockt ist, ihre Flucht- Aufenthaltsmöglichkeiten behält. Ein Mähen der Wiesen führt dazu, dass diese Fluchtmöglichkeiten abhandenkommen, weil durch zwei oder dreimaliges Mähen die Wiesen in erster Linie bei dem fetten Boden vergrasen werden. Umgekehrt ist in den Monaten April, Mai, wenn die Blumenblüte in den Wiesen ist, die Gefahr, dass mit dem Nachwachsen der Disteln und Brennnesseln diese Blumen wieder verdrängt werden. Wenn Mähen in der Natur nicht gut ist, dann ist im Grunde die einzige Chance, dass ein Gärtner selektiv diese Flächen mit der Sense durcharbeitet und Stauden freilegt, von dem Druck, den sie durch Disteln und Brennnesseln bekommen. Gleichzeitig sind Distelfelder und Brennnesselbereiche in angemessenem Umfang ebenfalls zwingend, da Brennnesselbereiche die Landschaft für Schmetterlinge und ihr Wohlbefinden sind und Disteln neben ihrer Schönheit, wenn sie blühen, im Herbst Distelfinkschwärme jedes Jahr anlocken.“ (K-H. Müller)

„In der Wildnis finde ich etwas, das mir teuer und verwandter ist, als Dinge in den Straßen und Dörfern. Die größte Freude, die Feld und Wald uns bereiten, ist die Andeutung einer dunklen Beziehung zwischen Mensch und Pflanzenwelt. Ich bin nicht allein und unerkannt, die Pflanzen nicken mir zu und ich nicke zurück. Das Schwanken der Zweige im Sturm ist mir vertraut und unvertraut zugleich. Es überrascht mich und es ist mir doch nicht unbekannt.“ (R.W. Emerson, zitiert im Vorwort zu Bernhard Korte: Insel Hombroich.)

„An einem Samstag im April 1984 bat mich Herr Müller in seinen Garten. Herr Müller beabsichtigte, nach China zu reisen und so erzählte er, sich sehr beeilend, er wünsche sich einen Garten so schön wie den Garten von Claude Monet in Giverny. Er plane für den Garten, die Insel Hombroich, ein öffentliches Museum und Kunstateliers im alten Herrenhaus, dem Rosa Haus. Und in mehreren neuen Pavillons wolle er seine Sammlung chinesischer und afrikanischer Kunst und seine Sammlung vornehmlich der klassischen Moderne den Besuchern zugänglich machen. Das Motto der Museum Insel heißt: Kunst parallel zur Natur. Mir trug Herr Müller die gärtnerische Gestaltung an. Die Natur hier ist von fast tropischer Fülle und im Wechsel von Lichtungen und dichtem Bestand, Wasserflächen und dem Himmel, ideal. Die von der Erft umflossene Insel liegt nicht allzu weit von der Einmündung der Erft in den Rhein, südlich von Neuss. Ihre neuere Geschichte beginnt 1820 mit den Bäumen, die rund um das Rosa Haus gepflanzt wurden. Seit dieser Zeit wachsen herrlich schattige Blutbuchen, die sich in den Boden krallen, eine nunmehr 35 Meter hohe Sumpfzypresse, mit einem Stammumfang von 5 Metern, deren Luftwurzeln im Wasser- und Stammbereich als eigenwillige Höcker erscheinen, ein mächtiger Tulpenbaum, eine Gerichtseiche, gefleckte Platanen, bizarre Robinien, dunkle Eiben und fruchtende Maronen.“ (Bernhard Korte: Insel Hombroich.)

„Die Geschichtenerzähler machen weiter. Die Autoindustrie macht weiter. Die Arbeiter machen weiter. Die Regierungen machen weiter. Die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter. Die Preise machen weiter. Das Papier macht weiter. Die Tiere und Bäume machen weiter. Tag und Nacht machen weiter. Der Mond geht auf. Die Sonne geht auf. Die Augen gehen auf. Türen gehen auf. Der Mund geht auf. Man spricht. Man macht Zeichen. Zeichen an den Häuserwänden. Zeichen der Straße. Zeichen in den Maschinen, die bewegt werden. Bewegung in den Zimmern durch eine Wohnung, wenn niemand außer einem selbst da ist. Wind weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz. Wilde Gebüsche und Gras wachsen in den liegengelassenen Trümmergrundstücken mitten in der Innenstadt. Ein Bauzaun ist blau gestrichen. An den Bauzaun ist ein Schild genagelt: Plakate ankleben verboten. Die Plakate, Bauzäune und Verbote machen weiter. Die  Fahrstühle machen weiter. Die Häuserwände machen weiter. Die Innenstadt macht weiter. Die Vorstädte machen weiter. Auch alle Fragen machen weiter. Wie alle Antworten weiter machen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.“ (Rolf Dieter Brinkmann: Alles macht weiter.)

„Wohin soll der Mensch gehen, wenn seine Welt zur Hölle wird? Wer bleibt? Wer bleibt und noch Kraft hat, muss entweder das Töten lernen, oder sich aufs Getötet-werden vorbereiten. Ansonsten bleibt es ein zukunftsloses, zermürbendes, ohnmächtiges, langsames Sterben. Es ist keine leichte Entscheidung, zu fliehen. Man hat noch etwas mehr zu verlieren, als das Leben: seine Würde, seine Menschlichkeit. Man flieht nicht nur vor den Mördern, sondern auch davor, selbst zum Mörder zu werden. Beides gelingt nicht immer. Aber wohin? Es bleibt nur Europa. Dort gibt es Arbeit, Hoffnung. Dort wird doch der Reichtum der Welt hergestellt und die Freiheit und der Wohlstand. Niemand denkt, dass Europa einem alles schenkt. Fast niemand jedenfalls. Aber die wenigsten glauben, dass man, wenn man die vermeintlich gefährlichsten Teile der furchtbaren Reise hinter sich gebracht hat, lediglich in einer anderen Form der Hölle gelandet ist. Denn auch Europa tötet, nur subtiler. Hier gibt es allerdings nicht nur die Terroristen und Mörder, die korrupten Wahnsinnigen und Mächtigen, sondern auch die ganz normalen Menschen, die ihre Arbeit haben, eine Wohnung und einen Wagen haben, einen Garten vielleicht und Kinder, die ohne Angst zur Schule und auf den Sportplatz gehen. Nur die Polizisten scheinen überall gleich zu sein in dieser Welt. Denn wenn man ihnen befielt, zu prügeln, dann prügeln sie. Und Europa hat viele Polizisten.“ (Georg Seeßlen: Fata Morgana Europa. In: Spex, Oktober 2015.)

„Im Bett ist der Mensch nicht gern allein. Und in meinem Bett ist grad noch Platz für dich. Doch mein Alter ist fast jeden Tag zu Hause. Und ich glaub, er hat was gegen dich. Für mich ist die Welt nicht mehr in Ordnung, nicht früh um Sieben und auch nicht nach der Tagesschau. Für mich heißt das Wort zum Sonntag: Scheiße. Das Wort zum Montag: Mach mal Blau. Wir müssen hier raus! Das ist die Hölle! Wir leben im Zuchthaus! Wir sind geboren, um frei zu sein. Wir sind zwei von Millionen. Und wir sind nicht allein.“ (Ton Steine Scherben: Wir müssen hier raus.)

„Bäume sind verwurzelt. Sie folgen mit Gelassenheit wachsend und fruchtend den Zeitläufen. Sie haben eine Identität und ihre Eigentümlichkeit. Herkunft und Bodenansprüche, Sexualität und Physiologie, Morphologie und Systematik, Vermehrungsweisen und Krankheiten, Verbreitung und Geschichte der Bäume behandeln gewichtige Bücher. Dentrologische Führer der großen Gärten vermitteln dem Besucher die wissende Nähe. Das Bäumen eigene Mysterium von Größe und Bedeutung, die Eindeutigkeit der platzbestimmenden Existenz, zieht viele Menschen an. Bäume sind mit den Jahren von zunehmender Würde und Schönheit und häufig wächst die Neigung zu Bäumen mit dem Älterwerden der Menschen. Viele Besucher der Insel Hombroich erleben den Park zunächst als großes Traumgebilde. Sie kehren zu den verschiedenen Jahreszeiten zurück. Sie freunden sich mit den vielen nun schon vertrauten Gewächsen an. Meine Erfahrung und mein Wissen um diese Baumriesen möchte ich hier mitteilen. In einem mehr als hundertjährigen Baumbestand, in einem Garten, plante Herr Müller sein Museum und Ateliers. Im Garten sind die Sehnsüchte nach einem verlorenen Paradies angesprochen. Ein Gärtner kann diesen alten Menschheitstraum mit erfüllen. Durch Intuition und Wissen, Einsatz und Körperkraft schafft er einen befriedeten Ort, auch für Tiere und Pflanzen. Die bloße Darstellung anderer Existenzen und die Einsicht in ihre Ordnung gibt augenblicksweise höchstes Glück. Ich spreche nicht einen glückhaften Taumel an, sondern die Annahme der in ihren Erscheinungen faszinierenden Erde. In solchem Sinne schlage ich diesen Spaziergang vor, über die Insel zu den markanten Bäumen aus dem vorigen Jahrhundert, die in einem anderen Zeitbezug mit Gleichmut sind und sich erfüllen.“ (Bernhard Korte)

„Eine Arbeit von Giorgio Agamben über den Homo Sacer findet in diesen Tagen neue Aufmerksamkeit. Die Ähnlichkeiten der Beziehung der europäischen Gesellschaft zu den Flüchtlingen ist denn auch allzu eindringlich. Im alten Rom war es der wegen Vertrags- oder Eidbruchs verstoßene Mensch, der von jedermann getötet werden durfte, aber nicht geopfert. Er ist zugleich ausgestoßen, vogelfrei und auch wieder geschützt und sogar heilig. Und dies spiegelte sich bereits im Namen Sacer, was sowohl verbannt, als auch heilig bedeuten kann. Diese prekäre Beziehung, zugleich widersinnig und alles Politische grundierend, konstruiert recht eigentlich den Souverän. An ihm, dem Homo Sacer, dem rechtlosen Flüchtling, zeigt und definiert er seine Macht. Souverän ist die Sphäre, in der man töten kann, ohne einen Mord zu begehen und ohne ein Opfer zu zelebrieren. Und heilig, das heißt tötbar, aber nicht opferbar, ist das Leben, das in dieser Sphäre eingeschlossen ist, so beschreibt Agamben es in Homo Sacer. So will es also auch dieser Souverän, obwohl es wirtschaftlich unsinnig und moralisch verwerflich, die Flüchtlinge mehrheitlich daran hindern, in eine Sphäre eingeschlossen zu werden. Etwa weil in diesem alten Bild die Macht immer wieder auch mit Verantwortung gekoppelt wäre? Wir müssen verstehen, dass Abschiebung nichts anderes ist als eine symbolische, manchmal aber auch sehr direkte Art des Tötens. Was jener wirklich meint, der nach Abschiebung geifert, ist unter Schauern vorstellbar. Der Souverän, der den Flüchtling erst einsperrt, dann abschiebt, tut genau dies: er entzieht dieses sein Menschenobjekt dem Opfer um es zu töten.“ (Georg Seeßlen)

„Mein Freund Mel McGinnis hatte das Wort ergriffen. Mel McGinnis ist Kardiologe und das gibt ihm manchmal das Recht dazu. Wir saßen zu viert um einen Küchentisch und tranken Gin. Das Sonnenlicht, das durch die großen Fenster über der Spüle fiel, erfüllte die Küche. Außer Mel und mir waren noch Mels zweite Frau Theresa, wir nannten sie Terri, da und meine Frau, Laura. Wir lebten damals in Albuquerque stammten aber alle von woanders her. Auf dem Tisch stand ein Kübel mit Eis, Gin Tonic machte ständig die Runde und irgendwie waren wir bei dem Thema Liebe gelandet. Mel vertrat die Ansicht, echte Liebe sei immer geistige Liebe. Er sagte, er habe fünf Jahre in einem Priesterseminar verbracht und sei schließlich ausgetreten, um Medizin zu studieren. Er sagte, diese fünf Jahre im Seminar seien für ihn noch immer die fünf wichtigsten Jahre in seinem Leben gewesen. Terri sagte, der Mann, mit dem sie zusammen gelebt hatte, bevor sie mit Mel zusammenzog, habe sie so sehr geliebt, dass er sie umzubringen versuchte. Dann sagte Terri: „Eines Nachts hat er mich verprügelt. Er packte mich an den Füßen und schleifte mich durchs Wohnzimmer. Er sagte ununterbrochen: „Ich liebe dich. Ich liebe dich.“ Und dann schleifte er mich weiter durchs Wohnzimmer. Mein Kopf schlug dauernd irgendwo an.“ Terri sah in die Runde. „Was soll man mit so einer Liebe anfangen?“ (Raymond Carver: Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden.)

„Zurück zum Haus zwischen den Geleisen und dem Garten, in dem die Apfelbäume warten, auf die ich kletterte, mich vor Erdanziehung rettete, bis jemand rief und ich dann in die Küche lief auf meinen Platz, den ich verließ, wie einen Glauben, wie die Klassenzimmer, Sportplätze, Partykeller, Sicherheitszonen geschaffen von Eltern und Menschen, die in Luftschutzbunkern wohnen, in denen du sonst nichts vermisst, außer dir selbst. Und sobald du dich fragst, wer das ist und ob du dir so wie du bist gefällst, wird das der Moment, in dem du das Gebäude verlässt. Mit ihm einen Berg von Leichen. Deine, ich sah meine auf den Schienen bei gestellten Weichen ein letztes Mal die Köpfe schüttelnd liegen und fuhr fort und drüber weg. Fuhr fort und drüber weg. Fuhr fort und drüber weg, als unsichtbares Sexsymbol, das den Gedanken lauter werden lässt, wenn dich im Dunkeln mit mir dein Tastsinn verlässt. Wie man Liebe macht hat uns nicht nur um den Beischlaf, sondern auch um den Verstand gebracht. Und zölibatäre Linguisten, Lehrkörper und Theisten haben sich hoffentlich totgelacht und nicht bloß wie sonst ins Fäustchen gemacht, weil die wollen, dass wir werden sollen, wie sie. Bleibt nur: weiter, weiter, weiter. Soziale Randgruppen auf dem Weg zu sich selbst. Die Geschichte ist alt und wird älter auf Tanzflächen, Tresen, Vinyl und Papier, Zelluloid und bei dir. Heißen hier Ü-Räume, sind Sicherheitszonen in der Realität. Ein Lebender, der nicht weiß, wie das geht, steht vor dem Haus, steht zwischen den Geleisen und dem Garten, in dem die Apfelbäume warten.“ (Blumfeld: Ich-Maschine.)

„Das Zuschneiden der Bambusstreifen erforderte äußerste Sorgfalt. Es mussten dem je nach Jahreszeit verschiedenen Feuchtigkeitsgrad und sämtlichen weiteren Umständen, die beim Trocknen der dünnen Bambusblättchen eine Rolle spielen, Rechnung getragen werden. Und solcher Umstände gab es mehr als genug. Man musste alle Eigenschaften der vorliegenden Bambussorte sowie ihre besondere Empfindlichkeit auf jahreszeitliche und regionale Einflüsse kennen, musste wissen, wie sie auf den warmen und den kalten Schatten reagierte, auf das abgeblendete, oder das scharfe Sonnenlicht. Und überhaupt musste man auf alles Erdenkliche achten, damit die zugeschnittenen, gegen Schädlinge sorgfältig präparierten, über dem Feuer vorsichtig getrockneten Bambusblättchen wirklich ihrem Zweck entsprachen. Dass also ihre Oberfläche schön und gleichmäßig war und man nach dem Erreichen dieser Schönheit und Gleichmäßigkeit auf ihnen schreiben konnte. Denn darum ging es. Die ersten Sutra-Texte wurden auf solchen Bambusstreifen geschrieben. Mit Tusche und Pinsel und sicherer Hand und in winzigen, schlecht beleuchten Werkstätten auf dünne und je nach ihrer Bedeutung verschieden lange Bambusblättchen, die dann ganz einfallsreich, wenn auch ein bisschen kompliziert, mit einer Seiden- oder Lederschnur aneinander gebunden wurden, womit die ersten Bambusbücher entstanden. Und das waren die ältesten. Und wurden nicht hier, nicht im Sutrenspeicher aufbewahrt, sondern unter den wertvollsten Stücken in den Kästen hinter dem Altar der goldenen Halle.“ (László Krasznahorkai: Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß.)

„Früh-nicht für mich-umbern und umenden ihre Nachtschattentage. Malven, die Spiegelmelde emporpochen Nußwalkflocken Bergnarden. Melissen grüßen dich, Nepeta, Nesselsalbei munden bald ums Jahr. Ich trinke Birkenwein im Neubruchfeld der Muskateller, unter Mispeln Kompostobst in den Zimmern schwimmten, Glut-Morellen, Blattknollen. Verheiß die Unterschiedes-Himmel zwischen Egarten, den Schneelinien. Niebernzwirl zumeist in Maserungen Notstockloden grüner Zweige. Merlen, durch Merkeppich gemogelte, Nivose und Masholderballen. Die Lichtbirke blüht, Wirrsel, die im Unschlaf Wolken sind und Fog. Wie Pfoten, und Frostnüsse klamm-Muren-glut nigeln diese-die Nisseln. Und in Mandelfarben Spaltholz nichtverkluvte, morsche Wintereschen. Durchziehen Schlummer ihre Markstrahl-Nestelstränen im Harzkranz.“ (Oswald Egger: Hänggärten.)

„Und kahl also hießen die Bäume und vereinzelt waren bestückt mit letzten Blättern auch die Sträucher und das Laub lag durchnässt in den Winkeln, den Mulden und dem Verhau der Stämme, lag trocken noch, oder gewirbelt auf wieder himmelwärts vom Föhn, dem wärmenden Fallwind, das es stieg so und sank, getrieben wurde über den Asphalt, als feierte ich, feierte sein Ende noch einmal und duftete der Herbst und streifte, was war, mit einem Lächeln, war ein Lächeln als Bläue und heller ein Spiegeln in den Ästen, den Fensterläden am Granit des Brunnens, der schon eingewintert, noch eingewintert nicht war, dass sein Wasser zu Spritzern hin über den Beckenrand verweht wurde und dann ward es, wurde es kalt, war zusammengebrochen der Föhn, und klangen härter die Hufe am Pflaster und die Hufe, die Reifen und Regen fiel, dampfte noch einmal, denn bald würde der Reif die Erde kühlen, bedecken die Schatten. Ich suchte einen Namen, sagte Nässe und Straße, sagte Feld und es hüllte sich in einen Nebel. Leben, so hieß der Schmerz, der seinen Ausdruck nicht fand. Die Dohlen wurden heruntergezogen vom Berg ins Dorf, saßen an den Mauern der Häuser und auf den Dächern. Ich hörte ein Hämmern im Nebel, der nicht dicht war, der eher ein Nieseln war, als eine Gischt und fein verstäubt. Es nieselte am See wo auf dem Uferrasen die Platanenblätter und Zweige noch lagen, noch erinnerten an die Stürme, wie sie reißend in den Kronen der Bäume gebrochen waren, wo sie aufgepeitscht hatten das Wasser, das nun ruhte, nur leise noch zitternd, als eine Geliebte, wenn die Lust groß war, weil sich geöffnet hatte die Talschaft mit dämmernden Fluren, das Nieseln legte sich auf meine Lippen.“ (Michael Donhauser: Zwischenjahreszeiten III.)

„Sie war spindeldürr, hatte ein hübsches Gesicht, dunkle Augen und braunes Haar, das über ihren Rücken fiel. Sie hatte eine Vorliebe für Halsketten aus Türkis und langen Ohrgehängen. „Mein Gott, sei doch nicht albern, das hat doch nichts mit Liebe zu tun! Das weißt du doch ganz genau.“ sagte Mel. „Ich weiß nicht, wie man sowas nennt, aber als Liebe kann man es bestimmt nicht bezeichnen.“ (Raymond Carver)

„Kehren wir kurz zur Grundlage des Souveräns zurück, wie er bei Karl Schmidt beschrieben ist: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ (Georg Seeßlen)

„Nach uns die Sintflut, oder eine große Dürre. Pflanzen, die verwelken. Ich komm mit zum Ertrinken. Oder vielleicht ein Sturm zum Durchgehen. Interessant, wenn er sich legt. Wie schreibt man Sonne? Auf den Treppen, die wir kennen, mit Blicken, oder Lachen, oder Bier? Wie fühlt sich Sommer an mit einer Decke über dem Kopf? Und wie sieht’s aus, bei uns, oder bei mir, oder bei dir? Bei dir? Bei dir? Zwei Zentimeter Luft und zwei Zentimeter und zwei Welten zwischen uns. Und du? Und du weißt auch nicht mehr, wie’s funktioniert. Wie schreibt man Sommer? Und wie viele gehören dazu? Zu jener Explosion, die einen übrig lässt. Wie sich das anfühlt, wenn du austrinkst und sagst: „Ich weiß es auch nicht mehr, wie’s geht.“ Ist das zu einfach so? Oder zu kompliziert? Vielleicht zu wenig für noch mehr, für  noch viel mehr? Und jede Frage die man stellen kann, macht die Räume eng. Und kein guter, langer Weg dabei. Zwei Zentimeter Luft, zwei Welten zwischen uns. Wir brauchen alle nur zu wollen, was passiert. Wir brauchen alle nur zu wollen, was passiert. Das ist der volle Raum. Und das ist der coole Schritt nach vorn, oder zurück. Und leider, wie er mag oder kann, ist der Kopf noch dran, nicht nur die Beine.“ (Schneller Autos Organisation: Wie schreibt man Sommer?)

„Was meint ihr denn Leute?“ Mel hatte sich nun an Laura und mich gewandt: „Klingt das etwa nach Liebe?“ „Mich darfst du das nicht fragen“ sagte ich, „Ich habe diesen Mann nicht einmal gekannt, ich kenne ihn nur dem Namen nach, ich kann dazu nichts sagen, da müsste man schon Genaueres wissen. Aber ich glaube, du willst damit sagen, dass Liebe ein Absolutum ist.“ Mel sagte: „Zumindest die Art von Liebe, von der ich rede. Bei der Art von Liebe, von der ich rede, versucht man nicht, Leute umzubringen.“ Laura sagte: „Ich kenne weder Ed, noch weiß ich was über die Umstände, aber wer kann schon die Situation eines anderen beurteilen?“ Ich berührte Lauras Handrücken. Sie lächelte mir kurz zu. Ich griff nach Lauras Hand. Sie war warm. Die Fingernägel waren makellos manikürt. Ich schloss meine Finger um Lauras Handgelenk und hielt es fest. „Als ich ihn verließ, hat er Rattengift genommen.“ sagte Terri. Sie umfasste mit den Händen ihre Arme. Sie haben ihn in Santa Fe ins Krankenhaus eingeliefert. Wir haben damals da gelebt, vielleicht zehn Meilen außerhalb. Sie haben ihm das Leben gerettet. Aber dann hat auf einmal sein Zahnfleisch verrückt gespielt. Ich meine, es löste sich von den Zähnen, sodass sie auf einmal wie Fangzähne vorstanden. Mein Gott.“ sagte Terri, sie wartete einen Augenblick. Dann ließ sie ihre Arme los und griff nach dem Glas. „Was die Leute nicht alles tun.“ (Raymond Carver)

„Einer, der die Folter und den Tod der Nächsten erlebt hat, der in einer Welt hausen musste, in der es keine Zukunft, keine Hoffnung gibt, einer, der sein Leben eingesetzt hat, weil sogar sterben besser ist, als so weiter zu leben, einer der dorthin will, wo es ein Menschenrecht geben soll, der wird, wenn er trotz aller Gefahren nach Europa gekommen ist, dort nicht als Mensch, sondern als Objekt behandelt. Als Teil eines Stroms, eines Problems, einer Krise, einer Herausforderung. Er erlebt, wie man ihn zuerst ausschließen wollte, da man ihm unterstellt zu kosten und die ohnehin prekären Sozialsysteme zu belasten, Arbeitsplätze, Wohnung, Einrichtung zu verlangen. Und, wie man ihn dann einsperrt, damit er nicht weiter flüchtet. Den man demütigt, damit nur ja kein positives Bild entsteht, das andere wie ihn anlocken könnte. Dem man zu verstehen gibt, dass er nicht hierher gehört. Der immer wieder überprüft und selektioniert wird. Der nicht auf eine neue, digital-neoliberale Art überwacht wird, sondern auf die alte, bürokratisch-kolonialistische registriert. Bis schließlich entschieden wird, ob er wieder ausgeschlossen wird, oder sich der disziplinarischen Arbeit der Integration unterwerfen darf. An diesem Menschen ohne Rechte zerbricht die Idee von Europa.“ (Georg Seeßlen)

„Die Insel ist nun einmal eigensinnig und die Insel sieht in ihrer Landschaft die Natur, die Natur für Umwelt und Mitwelt, das heißt das Schaffen von Räumen und Schutzräumen für Tiere, die sich möglichst in einer Vielfalt ansiedeln sollen. Und das Loslassen der Anlage.“

„Die Insel ist nun einmal eigensinnig und die Insel sieht in ihrer Landschaft die Natur, die Natur für Umwelt und Mitwelt, das heißt das Schaffen von Räumen und Schutzräumen für die Tiere, die sich möglichst in einer Vielfalt ansiedeln sollen.“

„Die Insel ist nun einmal eigensinnig und die Insel sieht in ihrer Landschaft die Natur, die Natur für Umwelt und Mitwelt, das heißt das Schaffen von Räumen und Schutzräumen für die Tiere, die sich möglichst in einer Vielfalt ansiedeln sollen. Und das Loslassen der Anlage, wenn sie einmal, wenn sie einmal installiert ist.“ (K-H. Müller)

„Wohnung, Einrichtung zu verlangen und den man dann einsperrt, damit er nicht weiter flüchte, den man demütigt, damit nur ja kein positives Bild entsteht, dem man zu verstehen gibt, dass er nicht hierher gehört, der immer wieder überprüft, selektioniert wird, der nicht auf eine neue, digital-neoliberale Art überwacht wird, sondern auf die alte, bürokratisch-kolonialistische registriert. Bis schließlich entschieden wird, ob er wieder ausgeschlossen wird, oder sich der disziplinarischen Arbeit der Integration unterwerfen darf.“ (Georg Seeßlen)

„Die Insel ist nun einmal eigensinnig und die Insel sieht in ihrer Landschaft die Natur, die Natur für Umwelt und Mitwelt, das heißt das Schaffen von Räumen.“

„Ich trinke Birkenwein im Neubruchfeld der Muskateller, unter Mispeln Kompostobst in den Zimmern schwimmten, Glut-Morellen, Blattknollen. Verheiß die Unterschiedes-Himmel zwischen Egarten, den Schneelinien.“ (Oswald Egger)

„Unter einem fremden Himmel Schatten Rosen Schatten auf einer fremden Erde zwischen Rosen und Schatten in einem fremden Wasser mein Schatten.“ (Ingeborg Bachmann: Schatten Rosen Schatten.)

„Freilich machen die europäischen Regierungen in dieser Situation keine besonders gute Figur. Sie wirken in der Tat alles andere als souverän bei der Nicht-Lösung eines Problems, das eigentlich gar keines sein müsste und das gemessen an dem, was die direkten Nachbarn jener Länder zu bewältigen haben, aus denen die Flüchtenden kommen, nachgerade marginal erscheint.“ (Georg Seeßlen)

„Dem Schnurbaum benachbart steht im Wiesenbereich eine Blutbuche, Fagus sylvatica. Im freien Stand hat sie ihre Krone weit über den Wiesenbereich gewölbt, sie beschattet ihn so, dass ein subtiler Moosgarten entstand. Die wogenden Mooskissen gehen in den ausgeprägten Wurzelbereich über. Gleich in Umarmung verschlungenen Leibern, sichern mächtige Hauptwurzeln den Stand der Riesen. Dem Sinnbild von Fruchtbarkeit und Leben streuen wir in jedem Mai Hände voll Rhododendrenblüten. Ein morgendlicher Opfergang durch den tauglitzernden Park bedeutet höchstes Gartenglück. In dieser Handlung zeigt sich das besondere Verhältnis von Mensch und Natur. Der Mensch hat die naturbeherrschenden Techniken zu einem evolutionsmäßig ihn selbst bedrohenden Preis erworben. Die scheinbar irrationalen Opferhandlungen belegen zentral das glückhafte Eingebundensein und die beruhigende, weil dann selbstverständliche, Zugehörigkeit zum Kosmos. Duldsamkeit und Respekt vor der Eigenentwicklung des Gartens haben einen höheren Stellenwert, als ein moosfreier Rasen, als läusefreier Schneeball, oder vom Rußtau befreite Rosen. Die von der individuellen Persönlichkeitsstruktur nachvollziehbare Vorliebe für Beherrschung und Ordnung hat im Garten keinen Platz.“ (Bernhard Korte)

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge