Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Lucas Cejpek

                                                                                           Mit dem Fenster im Rücken...

 

Lucas Cejpek, © Armin Bardel Wir sind  eigentlich schon am Endpunkt unseres Gesprächs, nämlich in der Küche. Dort, wo man am besten miteinander reden kann. Dazu muss ich sagen, dass ich selten Gäste habe. Das sind die einzigen zwei Sessel in der Wohnung, außer dem Schreibtischsessel.

Es gibt kein Wohnzimmer. Das ist doch eine schreckliche Idee, so ein Versammlungsraum, mit einer Couch. Wenn ich mit anderen Leuten zusammen sein will, geh ich ins Kaffeehaus.

Gegenüber von der Eingangstür steht der Vorzimmerschrank, mit Requisiten oben drauf, Reste von meinen Theaterproduktionen, die dich begrüßen. Eine Vogelmaske und ein Totenkopf mit roten Haaren: Er hat eine Clownsperücke auf.

Vielleicht gehen wir als erstes – ich habe dich ja gebeten, am Abend zu mir zu kommen – jetzt ist es acht Uhr, das ist die Zeit, wenn Theateraufführungen anfangen, und Lesungen auch. Lesungen um sieben sind einfach zu früh, gleich nach der Arbeit und dem Einkaufen. Ich finde es schön, wenn man eine Pause macht, bevor man in den Abend geht und in die Nacht. Ich habe immer von einer Nightline geträumt, dass Lesungen erst um 22 Uhr anfangen, wenn die Tagesgeschäfte erledigt sind.

Das Zimmer, das ich dir zuerst zeigen will, ist mein Arbeitszimmer. Da bin ich zuhaus. Ich arbeite ja am Abend, weil da bin ich endlich allein. Als ich hier eingezogen bin, habe ich meinen Schreibtisch so hingestellt, dass ich auf das Haus gegenüber schauen kann. Jetzt zwingt mich der Computeranschluss dazu, in die Wand zu schauen. Und mein Schreibtisch ist zu einer Ablage geworden.

Das Haus versperrt einem natürlich die Sicht, so groß, wie es ist. Gleichzeitig öffnet es sich mit den vielen Fenstern, die hell erleuchtet sind. Ich stelle mir immer vor, was dort alles geschieht, weil alles, was ich sehe, nur Ausschnitte sind. Das ist auch beim Schreiben so. Es ist nie alles gesagt. Und gleichzeitig darf ein Text keine Projektionsfläche sein, wo jeder alles hinein interpretiert.

Hier kannst du sehen, dass alles immer mehr zugewachsen ist. Als ich eingezogen bin, gab es im Schlafzimmer nur ein Regal. Das war ein bisschen über meiner Körpergröße, ein Meter neunzig hoch. Das war das erste Regal, das ich selbst gebaut habe, damit ich meine Bücher doppelreihig aufstellen kann. Damit sie nicht so viel Platz einnehmen. Aber das ist alles umsonst.

Dieses Regal hab ich aus Graz mitgenommen, wo ich aufgewachsen bin und wo ich studiert habe, aus meinem WG-Zimmer in einem ehemaligen Gasthaus. Zur Taube, so hat es ge­heißen, ja, ich habe im Schankraum gewohnt. Das Regal hab ich in eine Vertiefung in der Wand zur Küche eingebaut, wo früher die Durchreiche war.

Was ich nach der Übersiedlung nach Wien beibehalten habe, ist die Trennung von lebenden und toten Autoren. Du lachst, aber das war eine Notwendigkeit. Weil ich nach dem Studium als Journalist gearbeitet habe, und da musste die Gegenwartsliteratur griffbereit sein. Wenn eine Autorin oder ein Autor stirbt, trage ich sie ins Arbeitszimmer – eine Zeit lang bin ich zwischen Graz und Wien gependelt, da hab ich die Toten richtig überführt – damals hatte ich noch ein eigenes Auto.

Es ist jedenfalls ein gutes Gefühl, im Schlafzimmer mit den Lebenden zu sein und im Arbeitszimmer mit den Toten. Das hat sich natürlich dadurch, dass ich ständig neue Regale anbauen muss, verändert. Jetzt schlafe ich auch mit dem klassischen Altertum und der bildenden Kunst, Theater- und Filmbüchern.

Da steht ein Fenster am Boden, wie du siehst. Wir sind wieder im Vorzimmer, und das Fenster ist aus meiner letzten Produktion Eine Schwalbe falten. Das war im April, im Kabinetttheater, ein Monolog von Margret Kreidl. Da ist Juliane Gruner, die Schauspielerin, unter dem Fenster gestanden, vor dem schwarzen Vorhang im Hintergrund. Der Raum war unheimlich hoch.

Dass das ein Keilrahmen ist, finde ich bezeichnend. Ein Keilrahmen mit Plexiglas, der im Bühnenlicht wie ein Fenster wirkt.

Das Bad ist ein relativ großer Raum, der für mich erst vor einem halben Jahr wohnlich geworden ist, als ich ein Regal hineingestellt habe. Es ist nicht feucht hier, das Fenster ist immer einen Spalt breit offen. Es gab nirgendwo mehr eine weiße Wand, und ich wusste nicht, wohin mit den ganzen Zeitschriften: kolik, manuskripte, Schreibheft, Kunstforum, Camera Austria.

Im Klo gibt es nichts zu lesen. Außer alte Zeitungen, die in einem Zeitungsständer liegen. Über dem Spülkasten hängt das Plakat meiner Theaterproduktion Die Insel von Renato P. Arlati. Ein wunderbarer Autor, bei dem alles Tagebuch war. Da steht keine Jahreszahl drauf. Das Plakat hat Manfred Willmann gemacht, von dem auch das Foto ist.

Den Bacon hab ich schon lang. Das Plakat hab ich mir irgendwann Mitte der Siebzigerjahre gekauft, zu Anfang des Studiums, und jetzt hängt es da im Vorzimmer, zwischen zwei Türen. Früher hatte ich viele Bilder an den Wänden, aber da stehen jetzt überall Regale mit Büchern, zweireihig, sodass ich manchmal die Übersicht verliere. Francis Bacon war für mich auch eine frühe Fernseherfahrung. Bevor ich Künstlerinnen und Künstlern persönlich begegnet bin, im Forum Stadtpark. Das war während des Studiums. Damals hab ich auch meine ersten Bücher gekauft, in einer Buchhandlung.

Als Kind bin ich mit meiner Mutter in die Stadtbibliothek gegangen, wo wir Bücher ausge­liehen haben. Wir hatten nie genug Geld, um Bücher zu kaufen und waren deshalb auch bei Donauland. Das war eine sogenannte Buchgemeinschaft, jetzt gibt es sie nur noch im Netz. Mein Vater hatte seine Regale mit Erbstücken aus der Büchergilde Gutenberg gefüllt, und mit Reclambänden. Ich bin mit dem Großen Welttheater im Radio aufgewachsen.

Bacon hab ich, wie gesagt, zuerst im Fernsehen gesehn, in Schwarzweiß, und er hat mich auch als Person – ich war sehr existentialistisch geprägt vom Lesen her, Sartre vor allem –  daher hat mich Bacon natürlich fasziniert. Das Selbstzerstörerische. Und das Nicht-Reali­stische. Obwohl er nach Fotografien gearbeitet hat. Und das ständige Übermalen. Irgendwann musste man ihm seine Bilder wegnehmen, sonst hätte er sie zerstört. Indem er mit einem Fetzen den Dreck vom Boden auf der Leinwand verteilt hat.

Sein Atelier war voll mit dem Material, mit dem er gearbeitet hat. Deswegen hat er auch nur wenige Besucher gehabt, ein paar Freunde, die ihm Model gestanden sind, und David Sylvester, der die berühmten Interviews mit ihm gemacht hat. Nachher sind sie miteinander trinken gegangen. Das machen wir beide nachher auch.

Die Küche ist jetzt – du hast ja gesehen, dass mein Schreibtisch nicht benützbar ist – deshalb ist die Küche der Ort, wo ich schreibe. Mit dem Fenster im Rücken und dem Fernseher vor mir. Das ist amerikanisches Kitchen-TV, wo der Fernseher immer läuft, auch wenn man nicht immer hinschaut. Während ich koche, laufen die Nachrichten, auf allen möglichen Sendern.

Ich esse am Abend immer allein. Dabei schau ich mir einen Kinofilm an, auf DVD. Früher bin ich viel ins Kino gegangen, aber das nimmt so viel Zeit in Anspruch. Wer geht nachher gleich nachhaus? Deshalb hol ich mir Filme aus der Videothek und schau sie auf dem Bild­schirm hier an: 60 Zentimeter Durchmesser und dahinter das Geschirr in der Kredenz.

Ich würde lieber mit dem Blick aus dem Fenster schreiben, aber da ist nur ein Lichthof. Das Entscheidende ist, dass der Unterschied zwischen Handschrift und Maschinschrift räumlich ist. In der Küche gibt es keine Technik. Außer Fernseher, DVD-Player, Kühlschrank und Herd. Kein Geschirrspüler, keine Dunstabzugshaube. Vor kurzem war der Rauchfangkehrer da, um meine Therme zu überprüfen, und der hat gefragt, wo ich überall einen Luftabzug habe. Und ich habe gesagt, nirgends, ich mache die Fenster auf.

Ich habe eine Zeit lang einen Laptop gehabt, aber der hat solche Probleme mit der Strom­versorgung gemacht. Es ist besser, ich habe den Computer in einem anderen Zimmer und muss zuerst in die Handschrift gehen. Ich habe früher mehr in die Maschine geschrieben als jetzt. Bei der Schreibmaschine musstest du nach jedem gröberen Fehler die ganze Seite neu schreiben. Da ist der Text immer wieder durch den Körper gegangen.

Nietzsche hat gesagt, dass unsere Schreibgeräte an unseren Gedanken arbeiten. Der Text entsteht ja  nicht im Kopf, sondern im Schreiben, also unter der Hand.

Ich streiche durch und kranzle ein, ich mache Pfeile und ziehe Verbindungslinien, ich schreibe zwischen die Zeilen und drehe das Blatt, wenn ich am rechten Rand keinen Platz mehr finde.

Überall liegen Bleistifte herum. Keine Farbstifte, das würde zu einer Bedeutungshierarchie führen. Kein Rot, ich bin ja kein Lehrer. Der Griff der Bleistiftverlängerung ist rot – die hab ich mir vor kurzem gekauft, weil ich Bleistiftstummel liebe, frag mich nicht warum.

Und da liegt – ich gehe gern von dem aus, was gerade passiert – diese Benachrichtigung der Post hab ich heute bekommen, dass etwas nicht ins Brieffach gepasst hat. Das sind die Beleg­exemplare der neuen manuskripte, wo ein Auszug aus dem Buch abgedruckt ist, an dem ich schreibe.

Auch wenn ich kurze Texte schreibe, entstehen sie immer im Zusammenhang eines Buchs. Ich wollte immer Bücher schreiben, von Anfang an. Das will nicht jeder Autor. Du lachst, aber viele Texte entstehen aus bestimmten Anlässen: innere Notwendigkeit, Berechnung, Gelegenheit. Und das sammelt sich dann an, das Geschriebene, und irgendwann wird es zum Buch. Musil, über den ich dissertiert habe, hat so eine Sammlung Nachlass zu Lebzeiten genannt. Und damit ist der Literaturbetrieb ja vor allem beschäftigt, mit der Ewigkeit.

Ich lese am liebsten Bücher. Ich lese in Zeitschriften hinein, um zu sehen, was gerade entsteht. Aber meine Leidenschaft ist das Buch. Das muss eine Notwendigkeit haben, unbedingt. Das ist keine Frage des Umfangs, sondern der Komposition.

An meinem ersten Buch – das hat keinen Untertitel und keinen Gattungsbegriff – an Ludwig hab ich sehr lange geschrieben. Ich habe ja spät zu schreiben begonnen, nach dem Studium. Ich musste die Wissenschaft erst einmal loswerden. Diese Denkweise und diese Schreibweise hab ich schon bei meiner Dissertation nicht mehr gebraucht. Das war eine Montage. Aber von der Zitat-Montage zum eigenen Schreiben zu kommen, das hat dann doch gedauert. Letztlich schreibe ich immer noch zusammengesetzte Texte. Aus Material und Eigenem.

Was dabei entscheidend ist, ist die Reduktion. Also die Dinge nicht auf den Begriff zu bringen, im philosophischen Sinn, sondern auf das Wesentliche zu reduzieren und mitein­ander zu kombinieren. Das war bei Ludwig das Zimmer, das aus vier Elementen besteht: Tisch, Bett, Stuhl, Schrank. Vier einsilbige Wörter, die die Welt bedeuten.

Deshalb hab ich diese Führung mit dir gemacht, weil Zimmer für mich die wesentlichen Erlebnisräume sind. Kafka sagt, dass die Katastrophe beginnt, wenn man das eigene Zimmer verlässt. Aber die Gesellschaft ist in den eigenen vier Wänden präsent, ob man die Nach­richten hört oder nicht.

Tisch, Bett, Stuhl, Schrank. Das ist die ganze Einrichtung, und die ist beweglich. Das Zimmer ist eigentlich ein Schrank. Der Schrank geht ja auf die Truhe zurück, die man tragen konnte. Und in der man schließlich auch hinaus getragen wird, im Sarg. Auf dem man alles mögliche auftischen kann: Die Tafel aufheben war früher wörtlich gemeint. Und auf der Truhe ist man gesessen, oder man hat sich darin versteckt, wie man es immer noch macht, im Schrank.

Zumindest im Theater, bei Ehekomödien. Die Minidramen, die ich inszeniere, sind durchaus komödiantisch. Ich habe Theater gemacht, bevor ich zu schreiben begonnen habe. Und die räumliche Vorstellung ist für mich nach wie vor wesentlich.

Theater, sagt Peter Brook, ist ein Schauspieler und ein Zuschauer, wobei der Regisseur der ideale Zuschauer ist. Das ist Theater, mehr nicht. Ein leerer Raum, sagt Brook, alles andere ist eine Sache der Vereinbarung. Das ist Literatur auch, ein Autor und ein Leser, verbunden durch das Wort.

Im luftleeren Raum des Literaturbetriebs fragt man sich als Autor natürlich immer wieder, für wen man schreibt. Aber diese Frage führt zu nichts. Wenn ich schreibe, muss ich mich fragen, was möchte ich lesen, was für ein Buch? Eines, das ich noch nicht gelesen habe, so ein Buch!

Das ist nicht einfach. Ich sage mir nach jedem Buch, dass ich radikaler werden muss. Margret muss dann immer lachen, Margret Kreidl, meine Lebensgefährtin und meine liebste Autorin, wir lesen uns gegenseitig und streng, und dann sag ich immer, nein, das nächste Mal muss ich einfacher werden, radikal!

Das ist die grundsätzliche Frage, wohin bewege ich mich. Deswegen heißt das Buch, an dem ich arbeite, Ein weißes Feld. Nicht Ein weites Feld, sondern Ein weißes Feld. Das ist der Arbeitstitel. Titel sind für mich wichtig, damit ich arbeiten kann. Weil sie ein Feld markieren. Und diesmal markiere ich mein Feld mit der Farbe Weiß.

Weiß auf Weiß sozusagen. Oder der weiße Faden, der sich durch das Ganze zieht. Wie im Theater. Oder im Film. Wie Melville – ein nom de guerre, nach seinem Lieblingsbuch Pierre von Herman Melville – Jean-Pierre Melville hat diesen Decknamen nach dem Krieg beibe­halten als Regisseur und seine Farbfilme blau markiert.

Meine zweite Markierung heißt Ich. Dass sich alles, wie schon in meinem letzten Buch Unterbrechung um mich herum kristallisiert. Wobei dieses Ich natürlich auch herbeizitiert ist. Auf jeden Fall ist es nie psychologisch. Das war schon bei meinem ersten Buch so: Ludwig ist ein Name, der meinem Vornamen ähnlich ist. Das heißt, dass ich im Schreiben eine Nähe zu mir herstellen will, aber wie nah ich mir dabei komme, das weiß ich nicht. Wer das ist, der da schreibt. Das will ich gar nicht wissen.

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