Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Lydia Haider

Lydia Haider spricht mit ihrem Wein.

  Lydia Haider, © Karin Hackl

Mir fällt nicht so viel ein, über das ich mit mir sprechen würde.

Über Frauenthemen wäre es gut zu sprechen. Also über die Überwindung des Patriarchats, eigentlich sollte man nur mehr über das sprechen. Weil das so das Nächste ist, das ansteht. Es gibt zwar viele andere Sachen, so wie – Kapitalismus ist furchtbar, oder Nationalsozialismus, der noch immer besteht ist auch furchtbar. Es gibt viele furchtbare Sachen, eine lange Liste. Aber das Furchtbarste ist schon noch immer – obwohl 2018 ist, dass wir noch immer in einem System leben, das Frauen tatsächlich unterdrückt. Was eigentlich, wenn man das wirklich so ausspricht, gar nicht zum Zusammenkriegen im Kopf ist. Ich finde das auch manchmal so beschämend, dass dann in hundert Jahren vielleicht über unsere Generation gesagt wird: „Was war denn da mit euch?“ also „Was war denn mit denen?“ dass die da noch immer so in diesem Sumpf herumgewabert sind und nicht gesagt haben: „Aus jetzt!“ Irgendwie schon die längste Unterdrückung die es gibt, nämlich die der Frau, würde ich einmal sagen. Und das ist schade. Sehr schade.

Wie man das überwinden kann, ist ein anderer Punkt. Es gibt viele verschiedene Herangehensweisen und jede einzelne ist berechtigt. Das Wichtigste ist, dass sich die Frauen zusammenschmeißen und nicht gegeneinander arbeiten, sondern immer miteinander und so ein Maximum an Macht herauskriegen, für voll viele Gegenschläge. Und ich glaube, es braucht viele Gegenschläge, damit sich das ändert, radikal. Weil Umbrüche immer wehtun. Aber es sollte halt mal den anderen wehtun und nicht immer in die falsche Richtung gehen, die Umbrüche. Nur sind die irgendwie nicht so sichtbar, oder greifbar, noch.

Im ganzen deutschsprachigen Raum formieren sich gerade die tollsten Frauen, sie reformieren sich, weil die hat es ja alle schon gegeben. Und treten wieder an die Oberfläche, die ältesten Burschenschaften überhaupt. Und holen sich einfach das zurück, was ihnen zusteht. Das finde ich sehr gut. Und zeigen, wer eigentlich fürs Führen geschaffen ist, physisch und psychisch ist das sicher nicht der Mann, würde ich einmal sagen.

[Kellner:] Entschuldigung die Frage, was hast du draußen gehabt?
Ein Cola war das.
[K:] Cola?
Ja. Und kann ich noch einen weißen Spritzer bestellen?
[K:] Ja.
Merci.
[K:] Und was zum Essen auch?
Nein. Ich esse nicht und trinke nur.

Aber es ist eine andere Frage, ob man das überhaupt so in der Öffentlichkeit sagen soll, oder ob dieser Machtwechsel eh schleichend gehen soll, damit es nicht so wehtut für die Gegenseite, für die armen Männer. Sondern ob man sie nicht vielleicht vorsichtig und sanft –

Nein, ah, einen weißen Spritzer.
[K:] Scheiße.
Ja, nein, aber danke. Vorher war das Cola.
[K:] Ja, ja, passt schon.
Sorry.

Ähm. Weil wir ja nicht – also wir, die Frauen – machen ja nicht das Gleiche, wie die Männer. Wir führen sie ja vorsichtig dorthin zurück, wo sie hingehören, ohne Schmerzen zu verursachen.

Danke.
[K:] Bitte.

Es ist ja keine Umkehrung vom Patriarchat. Was ja viele glauben und was ja oft der Kritikpunkt ist: „Und ihr unterdrückt dann die Männer?“ Nein. Natürlich nicht. Wir sagen ihnen nur, wo sie hingehören. Wir bringen sie an den angestammten Platz, wenn man das so sagen kann. Die können das auch besser: Haushaltsführung, Themen, mit denen sie nicht überfordert sind, sich mit solchen beschäftigen, Kinder betreuen. Das finde ich ganz, ganz gut. Weil die sich ja auch meistens die meisten Sorgen machen hierüber. Und die, die sich so sorgen um so Dinge, dann auch gleich in diesen Bereichen am besten bleiben.

Aber Frauenthema ist eigentlich auch das falsche, jetzt über das zu sprechen.

Ich weiß nicht, über was würde ich am liebsten mit mir sprechen? Keine Ahnung. Ich hätte mir vielleicht was überlegen sollen im Vorhinein. Nachdem es ja über Literatur geht, vielleicht über Literatur, aber das finde ich total fad, wenn wer, der schreibt, über seine Sachen erzählt. Das würde ich selber auch nicht lesen wollen.

Vielleicht: Ich könnte mit meinem Wein sprechen. Lydia Haider spricht mit ihrem Wein. Das würde mich vielleicht interessieren. Weil der Wein schon was Gutes ist, der gibt so viel und verlangt gar nichts. Man muss halt aufpassen, dass man sich den Magen nicht übersäuert, das ist das Einzige. Man kann ja aber dann auf Wodka umsteigen, der übersäuert nicht, zu späterer Stunde. Und da ist der Wein dann auch nicht beleidigt, weil der weiß eh: Wenn sie fertig ist, ist sie fertig. Das ist wie ein braver Mann, der dann weiß, wann er ins Bett gehen muss. Und sagt: „Die Frau trinkt jetzt noch weiter und ich gehe ins Bett.“ So zirka. Vielleicht sind der Wein und der Mann total vergleichbar. Ja. Sie sollten immer verfügbar sein, aber sollten auch wissen, wann sie sich zurückziehen, wann sie genug getan haben. Und sie sollten sich nicht so aufspielen, also sie sollten auch nicht zu dominant im Geschmack sein. Sollten immer am Tisch stehen und bereit sein, aber. Ja. Wein und Mann liegt weit beieinander.

Und ob er weiß oder rot ist, ist dann wurscht.

Ja. Ich habe mir immer gedacht, dass ein Selbstgespräch, also wie du mir das geschrieben hast, literarisches Selbstgespräch, dass das einfach ist. Aber das ist viel schwieriger, als ein Interview. Weil da beantwortet man halt und, keine Ahnung, so kommt man nur auf seine eigenen Themen. Das ist voll zach, nämlich, immer mit seinen eigenen Themen jetzt konfrontiert zu sein. Nur das, was einem selbst so herumgeistert. Also viel schwieriger. Ja.

Weil bei so einem literarischen Selbstgespräch, das ja ein Widerspruch ist, oder auch nicht, ist dann die nächste Frage: Wie spricht man eigentlich wenn man nicht laut spricht mit sich? Die Frage hab ich mir auch gestellt beim Herfahren. Wie ich mit mir im Innen, also in dieser Totalität von Benveniste, spreche. Und das kann man ja nie so wiedergeben, jetzt in der Lautlichkeit. Weil oft beobachte ich mich dabei, dass das ganz oft Musik ist, mit der ich dann spreche. Also es rennt irgendwie ständig Musik in meinem Kopf und man antwortet dann irgendwie darauf. Auch dass man dann unwillkürlich mitklopft, oder in einem speziellen Rhythmus schreibt, den man überhaupt nicht intendiert hat, oder der nicht von außen kommt, sondern weil halt eben im Innen immer irgendwas rennt. Oder auch in Englisch spreche ich oft mit mir im Innen. Es wird zwar immer weniger jetzt, aber ich habe lange Zeit Englischkurse gemacht am Sprachenzentrum und habe mich dann dabei beobachtet, dass ich immer beim Einschlafen mit mir auf Englisch geredet habe. Aber voll spannend, in einem vermutlich sehr naiven Englisch, mein Level ist nie über C1 raus gegangen, aber gut irgendwie, also gut angefühlt hat sich das. Ob das jetzt ein hochwertiges Gespräch von der Qualität her war, ist eine andere Sache. Und ich habe mich auch schon ertappt dabei, dass wenn ich mit mir selbst spreche, oder wenn man halt so glaubt, man spricht mit sich selbst, wenn man halt einfach nachdenkt, das ist eigentlich der viel bessere Begriff, als „Selbstgespräch“ – dass ich das manchmal interessanter finde dann, wenn von außen Musik kommt. Also ich spreche lieber mit Musik von außen, als mit einer realen Person. Weil da kann man viel schöner antworten. In meinem Kopf spielt eh Musik, dann kommt Musik von außen, und dann reden die miteinander, also man redet dann mit Musik, ohne zu sprechen. Ich bin nicht die einzige, ich habe auch schon mit ein paar anderen Kolleginnen geredet, die das auch so haben, dass sie sich lieber mit Musik unterhalten als mit realen Menschen. Das ist viel schöner, gerade, wenn man schon viel getrunken hat, dann ist es ein Hochgenuss. Ich will die Namen der Autorinnen nicht nennen. Aber die haben dann auch alle in ihren Texten immer was Musikaffines – nein, das kann man so nicht sagen – in allen Facetten etwas sehr Musikalisches. Das ist zwar schon so abgedroschen, aber irgendwie gibt es das schon, das kann man einem Text ansehen, ob es ein gehörter Text ist oder ein bildhafter Text oder – was gibt es denn noch? – eh nicht mehr. Ein gefühlter oder gerochener könnte es auch noch sein, aber so von den Sinnen her sind doch sehr dominant das Hören und das Sehen. Geruchstexte sind mir noch nicht so viele untergekommen, ich weiß nicht, ob dir vielleicht?

Ich meine, es ist schon ein Unterschied ob man dann eben tatsächlich laut mit sich spricht, da habe ich immer Hemmungen davor, also Selbstgespräch, weil es ist schon sehr negativ konnotiert, wenn man mit sich selbst spricht, ohne dass wer anderer da ist. Aber manchmal auch notwendig. Ich war noch nicht auf so vielen Residencies irgendwo alleine, aber es ist mir aufgefallen, dass das Erste immer ist, wenn ich irgendwo bin, den Fernseher dort anzumachen. Oder auch wenn ich länger irgendwo zum Lesen bin, irgendwo weg – das Erste: ein Fernseher, damit man einen Gesprächspartner hat. Damit man nicht nur mit sich spricht, so kann man zumindest den ZiB-Moderator beschimpfen und man spricht nicht zu sich. Ja. Obwohl, ich glaube, wenn man älter wird, dass man das vermutlich macht. Und ich kenne viele Leute, die älter sind und die dann einfach so mit sich sprechen, unbewusst nämlich. Das bewusste Selbstgespräch ist glaube ich eh eines, das nicht pathologisch ist, vielleicht. Aber das unbewusste… gefährlich.

Ja.

Und das schönste Selbstgespräch ist natürlich mit dem Text, aber das ist ja auch nichts Neues. Immer wenn ich einen Text oder ein neues Buch oder so neu anfange, dann ist das so, als würde ich mich mit irgendwem voll Geliebten treffen, als wäre da jetzt eine heißgeliebte Person, wo man nur wartet den ganzen Tag, bis man endlich Zeit hat, sich mit der zu treffen und dann setzt man sich hin und denkt sich so: „Wow. Ich will nie wieder ohne dich sein!“ Und dann trifft man die halt oft, und öfter, und dann denkt man sich manchmal: „Ok, scheiße, halt die Goschen, ich will dich gar nicht mehr sehen, aber ich muss dich sehen, weil wir sind jetzt zusammen. Und ich will dich eigentlich verändern und du lässt dich gar nicht biegen.“ Und es ist immer wie eine Beziehung. Da redet man ja auch die ganze Zeit mit dem Text, bis er dann halt fertig ist und dann auszieht, dann kommt der nächste, die nächste Liebesbeziehung. Aber es ist immer voll schön am Anfang, finde ich. Ich kann es dann echt überhaupt nicht erwarten, bis ich wieder Zeit habe, endlich, dass ich den Laptop aufmache und eine Tschick anzünde und anstoße mit dem Text und mir denke: „Ich freue mich so, dass ich dich kennengelernt habe! Und du bist nur von mir. Ich kann jetzt alles tun mit dir. Voll schön.“ Das sind die wirklich guten, guten Momente im Schreiben, das ist dann vielleicht das literarische Selbstgespräch, nicht das, das wir jetzt führen - literarische Selbstreflexion ohne „literarisch“.

Aber ein Problem, das ist mir in meiner kurzen Schreibkarriere auch aufgefallen, ist, wenn man die Texte lieber trifft als reale Menschen. Ebenso wie mit der Musik. Wenn man irgendwie merkt: die fäun mi alle an. – Wie würde man das jetzt auf Standardsprache übersetzen? Die fäulen mich an? – Die gehen mir alle voll am Arsch und ich sitze lieber zehn Stunden da nur mit meinem Text. Aber es kommen dann eh wieder die Phasen, wo einen der Text dann so angeht, dass man lieber wieder die realen Menschen trifft. Das darf halt nur nie kippen. Ich kenne auch viele Autorinnen und Autoren, die schon so lange schreiben und sich nur mehr in ihrer Schreibwelt verschanzen. Und das will ich überhaupt nie. Die Gefahr ist immer da, weil wenn einem die Texte so taugen und man sich mit denen so gern trifft, immer und immer wieder, dass man irgendwann die außen gar nicht mehr braucht, den Rest.

Aber bei mir ist glaube ich die Gefahr nicht so groß. Ich bin so ein Rudeltier, ich hielte das gar nicht aus so lange Zeit nur mit mir. Und nur mit sich selbst saufen ist auch extrem fad auf die Dauer. Also man braucht schon immer wieder neuen Input, oder wen, der dann Konter gibt. Weil das können bei mir schon – oder wahrscheinlich bei allen Menschen – nur die realen Menschen und nicht der Text. Auch wenn er manchmal widerspenstig ist, ist man immer der Chef.

Irgendwo habe ich mal ein Interview geführt, wo eine Frage war: „Wer bestimmt? Ob bei mir die literarischen Figuren bestimmen, oder ich?“ So eine Schasfrage - also natürlich ich. Wie dämlich ist man, wenn die literarischen Figuren einen bestimmen? Da hat man irgendwie was falsch gemacht, glaube ich. Oder es ist auch pathologisch, vielleicht. Oder es ist auch meine Sicht pathologisch. Dieses Machtausüben im Text ist schon sehr mein Ding. Und vermutlich auch das Umgekehrte, wenn man Macht auf sich ausüben lässt im Text, das auch gewünscht und gewollt ist. Wenn man das will – ich finde das komisch. Man wird eh schon im Außen determiniert und von allen bestimmt und reguliert und was auch immer, man hat so wenige Spielräume, da sollte man den größtmöglichen im Text haben, nämlich komplett, total und aufs Äußerste, auf die Spitze getrieben. Auch in der Form, also auch im Stil und in allem sollte man die ganze Freiheit haben im Text und da nicht noch eine Figur mitreden lassen, oder wen, der einem sagt: „Dieses Wort darfst du nicht verwenden.“ Aber das gibt es.

Bei mir gibt es das nicht. Würde ich mal sagen. Obwohl ich oft schon angefeindet oder angeschwärzt worden bin für das. Das ist halt so. Manche lassen sich biegen. Manche nicht. Ich gehöre glaube ich nicht dazu – oder nicht, „ich glaube“ – ich gehöre definitiv nicht dazu.

Ja. Glaube. Da gibt es auch so schöne Sprüche dazu. Ich glaube. „Glauben kannst du in der Kirche.“ oder „Glauben heißt nichts wissen.“

Ja, nein, ich weiß es fix, dass ich da nicht dazu gehöre.

Da wären wir bei dem schönen Thema Macht, was uns wieder zum Frauenthema zurückführt. Und es schließt sich der Kreis.

Ja. Was man sich nicht alles sagen lässt. Ich kenne so viele Leute, die sich so viel sagen lassen. Und warum tun sie das? Weil wir vorher über Geschmack geredet haben – ich finde, man muss im Schreiben schon immer als erstes in oberster und erster Instanz und ganz oben drüber nur seinem eigenen Geschmack nachgehen. Und nicht mit der Brille – sicher ist das auch interessant, mit der Brille der Wissenschaft dann nochmal drüber zu gehen, oder mit der Brille der Kritik, oder mit der Brille eines Rudels, oder einer Leserschaft. Aber eigentlich sollte man das nicht. Eigentlich sollten auch – ok, da lehne ich mich jetzt sehr weit aus dem Fenster, wenn ich das sage – sollten auch Texte nicht unbedingt lektoriert werden. Die ruinieren oft so viel. Also die können einen Text total kaputt machen. Oder die ursprüngliche Intention vernichten. Und in der Masse und in der Fülle an Texten, die es sowieso gibt, wenn da jeder seinem eigenen Geschmack nachgeht, hätten wir viel mehr Spitzen raus und nicht nur so einheitliches Gewäsch, das es tatsächlich oft ist. Und man denkt sich: „Wah, schon wieder so ein Text“ und macht ein Buch zu, „Wah, schon wieder so ein Text.“ und macht es zu und schon wieder. Weil das alles irgendwie so geglättet wird und die Literaturwelt lässt sich das bieten. Die Musikwelt, habe ich so das Gefühl – was sich zumindest in den letzten zehn, zwanzig Jahren in Wien tut – lässt sich das nicht gefallen. Die ziehen ihr Ding durch und egal, wenn die nirgends rein passen, dann machen die das. Das gibt es eh in der Literaturwelt auch. Aber in der Musikwelt hat man das Gefühl, dass man dann doch noch eher mit seinem eigenen Ding, das man dann durchzieht, irgendwann eine breitere Masse erwischt und dass man nicht nur ins Leere produziert, so wie das bei wahnsinnig guten Sachen in der Literatur oft ist, die bis zum bitteren Ende überhaupt nie wer rezipiert. Weil man die nicht durchkommen lässt in diesem geglätteten und gestriegelten Gewäsch.

Aber das bricht auch irgendwann auf, das ist nur eine Frage von Zeit. Bis sich das die Leute nicht mehr bieten lassen, einfach nicht mehr gefallen lassen.

Das heißt nicht, das die Qualität dadurch besser wird, sondern einfach nur, dass es mehr Vielfalt gibt. Und an Vielfalt mangelt es schon ein bisschen, habe ich das Gefühl, in der Schreibwelt. Töne und Wörter sind beide sehr begrenzt.

[K:] Entschuldigung die Störung, dürfte ich von euch eine Zigarette haben? Ich darf nicht rüber zur Trafik und wir haben nichts.
Ja, aber du kannst nur eine wuzzeln, ich hab leider keine.
[K:] Ja, ja, wenn es kein Problem ist, danke.
Soll ich dir eine drehen?
[K:] Ich weiß ja nicht, wie das funktioniert
Ich dreh dir eine.
[K:] Danke.
Ähm. Ja.
[K:] Aber jetzt schau ich zu.
Bildende Kunst lässt sich das auch nicht gefallen. Ähm. Oder ich schrei dir einfach, wenn die Tschick fertig ist?
[K:] Nein, ich wollte einmal zuschauen, wie das funktioniert.
Ach so, ja, kannst du auch. Filter, Papierl, am besten – da ist nur mehr so brösliger dabei, am besten noch ein bisschen ein feuchterer Tabak – ausbreiten auf eine circa passende Länge, das ist zu viel, dann rollen und gleichmäßig verteilen, sonst hat man ein Würstel in der Mitte. Du hast sicher schon öfter eine Tschick dreht – echt noch nicht?
[K:] Sowas hab ich nicht gemacht. Nur gekauft im Tabakgeschäft.
Und das Wichtige ist, dass man hart dreht, weil sonst ist sie zu stark, sonst dreht’s dich weg, wenn man nur normale Zigaretten gewöhnt ist. Das können die wenigsten, hart und fest drehen, sogar die, die schon lang drehen.
[K:] Machst du das jedes Mal, bevor du rauchst?
Ja, ja. Man raucht dann viel bewusster, wenn man es jedes Mal dreht.
[K:] Ok.
Und dann abschlecken. Keine Angst, meine Spucke verbrennt eh. Und am besten dann noch vorne zudrehen. Mir wird zwar immer gesagt, das schaut dann aus wie ein Ofen, aber ist natürlich keiner. Weil damit halt normalerweise vorne das gute Kraut nicht raus fällt. Aber auch bei Zigaretten, weil so ist sie jetzt voll fest, so wie eine gekaufte.
[K:] Ok. Dankeschön. Danke. Dankeschön.
Und du rauchst da sicher lang dran.
Mh. Ich dreh mir auch gleich eine.

Ja.

Das Problem gerade, glaube ich, ist auch, dass ich die ganze Zeit überlege, was ist interessant, oder was würde ich interessant finden bei so einem Selbstgespräch. Aber ich würde wahrscheinlich gar nichts interessant finden und versuche jetzt krampfhaft irgendwas zu suchen, was dann vielleicht interessant ist. Ich finde einfach, wenn Autorinnen oder Autoren über ihr Zeug reden, ist das immer fad, weil so nichtssagend. Ich meine, der Autor, der war mal tot und ist schon längst wieder auferstanden und ist super und alles ist so wichtig was jeder zu seinem Zeug sagt. Aber ich weiß nicht. Das kann man dann eh lesen im Text. Da stellt sich die Frage: Warum muss man das noch kommentieren? Das tun eh andere, die dazu ausgebildet sind, oder befähigt, oder die sich darauf spezialisiert haben. Die sagen dann was über den Text. Meistens auch einen Schas, aber vielleicht berechtigter, als wenn ich was sag zu meinem Schas. Aber ja.

Rauchen finde ich auch wichtig. Rauchen zum Schreiben finde ich ganz wichtig. Also ich rauche daheim nicht. Ich überarbeite daheim immer nur. Und wenn ich mal wirklich produzier, dann würde ich sagen, Produktion ist in einem literarischen Geschäft vielleicht 20 Prozent. Weil danach überarbeitet man ja nur mehr, oder ein großer Teil ist auch mit Leuten reden, oder der größte Teil ist nachdenken. Da muss ich nicht rauchen, zu keinem von den Teilen. Aber zur tatsächlichen Produktion, zu diesen 20 Prozent rauche ich einfach voll gern und trinke einen Gspritzten dazu. Ja. Das kann ich aber daheim nicht, weil ich da nicht rauche. Ich habe zwei Kinder und daheim wird nicht geraucht, fertig. Und wenn jetzt überall bald Rauchverbot ist, finde ich das voll scheiße. Und ich hab echt schon überlegt, wie ich das dann mache mit meiner literarischen Produktion. Wo setze ich mich dann hin? Im Weidinger darf man dann nicht mehr rauchen und überall, wo ich gerne sitze, kann man dann nicht mehr rauchen zum Produzieren. Draußen, ja, das geht aber auch nur in gewissen Monaten.

Was man da macht und den Autorinnen antut, über das denkt man gar nicht nach, würde ich jetzt einmal sagen. Und generell, dass das Rauchen jetzt den Rechten gehört, das fäult mich sowas von an. Dass dieses Nichtrauchen so links ist und das Rauchen rechts. Eine Fehlentwicklung. Das Rauchen sollte den Linken gehören und die Künstlerinnen und die Künstler und die Polizei übrigens auch. Also das sollte uns alles gehören, den Linken sollte das alles gehören. Und das Schimpfen auch, weil das Schimpfen haben auch schon seit Jahren die Rechten gepachtet. Das, dass man sich über was auslässt. Wirklich über was auslässt. Die Linken, die sind immer so tolerant und auch die Künstlerinnen und Künstler, die sind alle so: „Nein, wir dürfen ja niemanden ausschließen.“ Sicher dürfen wir wen ausschließen, die Rechten nämlich.

Und dass man das den Rechten überlassen hat, finde ich furchtbar. Wir müssen uns wieder viel mehr zurückholen, als erstes das Rauchen. Dann die Polizei. Und dann den Rest, bis alles uns gehört.

Aber das ist kein Scherz mit dem Rauchen zum Produzieren. Das ist echt glaube ich einmal blöd. Weil ich würde dann wahrscheinlich auch einfach daheim rauchen und gefährde dann  aber meine Kinder. Also dass die Regierung dann meine Kinder gefährdet, finde ich nicht super. Wenn man das so runter bricht. Vielleicht könnte man sich auch in Kollektiven oder so zusammen tun, schreibende Menschen, die zum Schreiben gerne rauchen und aber nicht daheim sitzen können oder wollen. Die dann irgendwo in Schreibvereinen beieinander sitzen und rauchen und schreiben. Und halt auch was trinken, das können sie sich selber mitbringen. Vielleicht initiiere ich sowas, fände ich gut.

Und ich glaube nicht, so wie Brecht das sagt, dass man dann mit dem Rauchen, wenn man sich etwa ein Theaterstück anschaut, dann durch das Distanz kriegt zur Sache. Sondern einfach nur, weil Rauchen ein Nervengift ist und weil das extrem was macht im Körper. Schon alleine nur dieses Unbewusste, dieses Unreflektierte, das dann mitschwingt mit dem Rauchen, dieses – ich habe jetzt Zeit und ich rauche jetzt nur und ich denke jetzt nur und ich schreibe das jetzt nieder, was ich da denke. Nicht, weil ich mich distanzieren will von dem.

Da bin ich auch nicht die Erste, die das so sieht.

Ja.

Was könnte noch interessant sein?

Ich finde, es sollte viel mehr Geld geben für schreibende Menschen. Über das sollte ich nachdenken und das sollte ich sagen. Ich bin zwar bisher von dem komplett verschont geblieben und mir ist es immer gut gegangen und ich kann ganz normal leben, unreich, aber unarm genauso. Aber ich habe so viele Kolleginnen, und Kollegen auch, mehr Kolleginnen als Kollegen, die im Prekariat herumgrundeln und die nicht wissen am nächsten Tag oder zum nächsten Monat spätestens, wie es weitergeht. Und das ist wirklich zach, wie soll man da produzieren? Maslowsche Bedürfnispyramide, vorher muss man mal gegessen haben, damit man – wie heißt der oberste Bereich in der Pyramide? Selbstfindung? Oder Selbst-, äh, das Selbst halt – wo man dann auch einmal erst – damit wir wieder beim Geschmack sind – weiß, was einem überhaupt taugt. Sonst kommt man ja gar nicht dahin.

Der Maslow.

Ja.

Also da gäbe es glaube ich noch genug Potential. Ressourcen, die die Gesellschaft sowieso hat, denen man aber nur erstens die Freiheit geben muss, zum eigenen Geschmack und zweitens, damit sie dort überhaupt hin kommen zum eigenen Geschmack, einmal eine kleine Basis. Dann würde es glaube ich ganz anders ausschauen mit Vielfalt.

Ja.

Wie ist denn die Zeit?

Und vor allem, das finde ich auch, und da bin ich gerade dabei, mit vielen zu reden: sich zusammen zu tun. Das gibt es irgendwie in der Geschichte aller Künste, dass sich Leute, die gut drauf waren, zusammengeschmissen haben und dadurch nur noch besser geworden sind. In der Literaturwelt gibt es das zu selten. Und bei schreibenden Frauen noch viel seltener. Und deswegen sind wir gerade dabei, so einen richtig mächtigen Haufen, oder so ein richtig großes Rudel zu bilden. Das sich dann auch – ich würde nicht sagen, leichter durchsetzen, weil jede einzelne von uns könnte sich schon leicht durchsetzen – aber vielleicht Synergien einfach nutzen kann und gemeinsam was machen und Leute, die gerade anfangen, mitreißen, oder echt spannende Sachen einmal machen. Ganz vielfältige, nicht so niedergebürstete. Und dass es da ganz viele Aufschreie gibt, das kann ich dir jetzt schon sagen. Oder ich kann es mir sagen. Aber das ist halt so. Bis die bereit sind und sehen, dass Frauen viel mehr drauf haben als Männer. Das sage ich jetzt einfach einmal so. Und vor allem auch viel solidarischer sind miteinander, nicht so dieses Auspieksen und dieses gegenseitige Anstacheln, oder: „ich bin so geil und ich rede jetzt eine Stunde einmal nur über das, wie geil ich bin.“ Sondern einfach dieses sich gegenseitig helfen und zusammenhalten und auf ein ganz großes Ziel hinarbeiten.

Ja.

Mein Schlusswort.

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