Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Margret Kreidl

Da bin ich gerade, auf Seite 41.

Margret Kreidl, © Astrid Nischkauer So, jetzt werde ich einmal auspacken. Packt den Rucksack aus und stapelt Bücher auf den Tisch und auf die Sitzbank. Ich habe mich ja auf unser Treffen vorbereitet, mit einer Liste, weil ich gern Listen mache, mit einer Liste von Büchern, die bei mir zuhause gerade auf verschiedenen Tischen liegen. Auf dem Küchentisch, das ist der große Tisch, mein eigentlicher Schreibtisch, dann habe ich einen zweiten, kleineren Tisch, wo der Computer steht, und dann gibt es noch den Nachttisch. Bei Lucas Cejpek in der Wohnung habe ich auch Büchertische, bei ihm staple ich auch Bücher auf, da habe ich richtige Lesetürme.

Ich habe nicht alle Bücher mitgebracht, die auf meiner Liste stehen, aber das sind doch ganz schöne Stapel. Und jetzt werde ich aus diesen Bücherstapeln etwas herausziehen.

Zum Beispiel ein Buch von Tor Ulven: "Das allgemein Unmenschliche", das lese ich auch für eine Lehrveranstaltung, die ich im Herbst an der Angewandten mache, zum Thema Kurz­prosa. Ich habe hinten angefangen zu lesen. Blättert im Buch. Das lange Gespräch mit dem Titel "Gegengift", wo Tor Ulven über seine Ästhetik spricht, über die Arbeit an seinen Texten. Da gibts schon viele Anstreichungen. Blättert weiter. Das finde ich sehr schön, eine wunderbare Definition von Kurzprosa, damit werde ich arbeiten: „Sie besitzt eine Ver­dichtung, die dem Gedicht ähnlich ist, hat aber gleichzeitig eine Gelöstheit und Offenheit, wie eine Geschichte.“

Soll ich mit Kurzprosa weitermachen? Ja. Nimmt ein Buch vom Stapel. Michael Donhauser: "Von den Dingen", ein Buch, das ich vor vielen Jahren gelesen habe. Wann ist das er­schienen? Ich muss nachschauen. 1993 – Wahnsinn, vor 22 Jahren! "Prosagedichte" steht da als Untertitel. Blättert im Buch. Ein schönes Wiederlesen. „Schönbrunngelbe Lastwagenfuhre Stroh.“ Ich kann mich erinnern, ich habe Michael damals geschrieben, kein E-mail, ich habe ihm einen Brief geschrieben.

Der Kellner serviert die Getränke. Danke, lieber Mentor! – Bitte schön. Zum Wohl!

Das war eine gute Unterbrechung. Mentor ist der Juniorchef in meinem Café. Das ist ein Ort, wo ich zuhause bin, der Rüdigerhof. Seit fast zwanzig Jahren trinke ich hier jeden Tag meinen Kaffee und lese die Zeitungen. Ja, das ist wichtig, diese Alltagsroutinen, die Regelmäßigkeit. Und dass der Kellner in meinem Café Mentor heißt, ist schön.

Zieht ein Buch aus dem Stapel. Catherine Safonoff. Das ist eine Autorin, die ich ganz frisch entdeckt habe, eine Schweizer Autorin. "Der Bergmann und der Kanarienvogel", das Buch ist – hm – es steht "Roman" auf dem Umschlag. Ich weiß nicht, ob es ein Roman ist. Das ist auch nicht wichtig. Die Autorin schreibt, während sie eine Psychotherapie macht, in kurzen Kapiteln die Geschichte dieser Therapie. Sie beschreibt und reflektiert das ganze Auf und Ab, die Widerstände, die Verdrängung, die Erinnerungsbilder, die Übertragung, wie sie sich verliebt in den Therapeuten, das ist auch sehr witzig. Und es ist gleichzeitig ein Buch über ihre Lektüren, die Bücher, die sie liest, die sie gelesen hat. Und aus diesen Lektüren macht sie Wortgeschichten, die nicht nur inhaltlich sondern auch rhythmisch sehr schön sind, genauso wie die Naturbilder, Naturbeschreibungen, die Beschreibungen ihres Gartens, die sich in der und durch die Geschichte der Therapie bewegen. Ein tolles Buch! Ein Buchtipp aus der NZZ, wo ich immer wieder interessante Besprechungen lese.

Gute Buchtipps bekomme ich auch aus der "Camera Austria". Nimmt eine Zeitschrift vom Stapel. Das ist die neue Nummer, die Nummer 130. Die Zeitschrift habe ich seit 2000 abonniert, kennengelernt habe ich sie als Studentin, als ich 1983 nach Graz gekommen bin, im Forum Stadtpark, das damals ein wunderbares Mehrspartenhaus war: Literatur, Theater, Musik, Fotografie. Das war für mich ganz neu, Fotografie als Kunstform, ich habe tolle Ausstellungen im Forum gesehen. Und aus den "Camera Austria"-Heften bekomme ich nach wie vor viele Anregungen. Ich fange deshalb auch hinten zu lesen an, bei den Ausstellungs­besprechungen und Buchtipps.

Blättert in der Zeitschrift. Da ist zum Beispiel Zoe Leonard mit ihren bubblegum-Bildern, eine Bilderserie von Kaugummiresten auf Asphalt, auf den Straßen. Das sind abstrakte Bilder und der schwarze Negativrand verstärkt das noch. Die konkreten Kaugummireste werden zu kleinen, undefinierbaren Farbflecken im monochromen Grau.

Blättert weiter. Dieser geköpfte, amputierte Kaktus in einer Wüstenlandschaft, das ist ein Foto von Philip Gaißer. Das ist das Übungsgelände der US-Firma "Cactus Tactical" in Phoenix, Arizona. Die benützen die Kakteen als Zielobjekte, um ihre Waffen auszuprobieren. Blättert weiter. Oder diese Aufnahme hier, die unwirklich aussieht, wie eine Fotomontage. Es ist aber keine. Das ist der "Arizona Retirement Park", eine Disneyland-Landschaft. Jens Asthoff hat einen spannenden Essay über die Fotoarbeiten von Philip Gaißer geschrieben. Sein Text führt mich noch einmal zurück zu den Fotos, zu einem anderen, genaueren Hinschauen. Da ist zum Beispiel dieses Astwerk, es sind Rhododendronrümpfe, ich sehe das Astwerk und dann diese grauen Stäbe, hineingeworfen in die amputierten Rhododendronbüsche, wie Mikadostäbe.

So, jetzt komme ich zum zweiten Stapel. Zieht ein Buch aus dem Stapel. Ja, das ist ein schöner Umschlag! Das Buch habe ich vor vielen Jahren antiquarisch gekauft, in Berlin, wegen dem Umschlag und wegen dem Titel. "BEI-SPIELE" von Ivan Vyskočil, erschienen 1969. Schlägt das Buch auf. „Der Anfang“: „Auf fünf Gartenstühlen sitzen fünf Personen. Die erste, die zweite, die dritte, die vierte und die fünfte. Die erste oder die dritte ist eine Frau.“ Eine Versuchsanordnung, ja. Das ist die Literatur, die ich mag, die mich beim Lesen – wie soll ich sagen? –  woanders hinbringt, weg von dieser Phrasen- und Klischeeproduktion. "BEI-SPIELE", das ist für mich realistische Literatur, gerade im Fragmentarischen und in den Versuchsanordnungen. Wir leben nicht in der Totalität, unser Alltag, unsere Erinnerungen, unser Sein besteht aus Bruchstücken, und trotzdem machen viele daraus diese ganzen Geschichten. Die interessieren mich nicht.

Was habe ich als nächstes? Nimmt ein Buch vom Stapel. "Greguerías", ein Buch, das ich antiquarisch gekauft habe, von Ramón Gómez de la Serna. Ein spanischer Autor, ich weiß nicht, wann er geboren ist, 1963 ist er im Exil gestorben, ein Avantgardeautor, ein Surrealist vor den Surrealisten. „Der Traum ist ein Depot für verlegte Gegenstände“ – was für ein Untertitel! Das Buch ist eines von vielen Traumbüchern, die ich in den letzten Jahren gelesen und gesammelt habe, auch als Material für die Arbeit an meinem "Alphabet der Träume". Blättert im Buch. Die "Greguerías" definiert der Autor so: „Humor plus Metapher ist Greguerías.“ Das sind – wie soll ich es beschreiben? – es sind Prosaminiaturen, die haben auch etwas Epigrammatisches, dann geht es wieder mehr ins Aphoristische, ins Anekdotische, manchmal steht da nur ein Satz.

Wo bin ich stehengeblieben beim Lesen? Da ist das Lesebändchen: „Eine Lücke“. Da bin ich gerade, auf Seite 41. „Eine Lücke im Bücherregal ist wie eine leere Grabnische.“

Zieht ein Buch aus dem Stapel. Das Schöne an Aufträgen ist, dass ich immer wieder zu Büchern zurückkehre, wie zu diesem Buch von Emil Szittya, "dem besten Traumreiter der Welt", wie er sich selbst einmal beschrieben hat. Das Buch ist im Wieser Verlag erschienen, Anfang der 90er Jahre, eine Sammlung von Prosa und Gedichten, das hat mich schon beim ersten Lesen begeistert. Blättert im Buch. Da habe ich viel angestrichen: „Die Haschisch­films des Zöllner Henri Rousseau und Tatyana Joukof mischt die Karten. Ein Roman gegen die Psichoanalise". Blättert weiter. Romane, Filme, Porträts: „Mein Aprilporträt“, „Ein Porträtersatz“, das sind zwei Seiten, auch die Romane sind oft nur zwei, drei Seiten lang. Max Blaeulich, der ein sehr gutes Nachwort über Emil Szittya geschrieben hat und Ludwig Hartinger, der mein Lektor beim Wieser Verlag war, die haben Ende der 80er und in den 90er Jahren vergessene, verschollene Autoren und Autorinnen entdeckt, vor allem aus mittel- und südosteuropäischen Ländern. Und als 1996 mein erstes Buch im Wieser Verlag erschienen ist, habe ich mir gesagt: Das sind meine Verlagskollegen, auch die Toten, das ist einfach ein schönes Umfeld, Dominik Tatarka, Jan Skácel, Roberto Bazlen oder so ein anarchistischer Vagabund wie Szittya.

Du sagst mir dann, wenn die Zeit um ist, weil mit den Büchern, also mit den Bücherstapeln kann ich lange reden.

Zieht ein Buch aus dem Stapel. Pascal Quignard, "Die wandernden Schatten", ein französi­scher Autor, das Buch hat mir Lucas geschenkt. Das sind kleine Texte in Kapitelfolgen, essayistische Texte, auch lyrische Landschafts- und Naturbilder. Blättert im Buch. Ah, da sind wieder die Listen, ich bin eine Listenliebhaberin. Was steht da zu den Listen? „Ich muss sogleich Listen zu den Listen hinzufügen, die Tanizaki führte.“ Über diese Liste von Quignard bin ich wieder zu Tanizaki zurückgekommen, "Lob des Schattens", und zu einem der schönsten Listenbücher, das ich kenne, dem "Kopfkissenbuch" von Sei Shōnagon, das liegt gerade wieder einmal auf meinem Schreibtisch.

Es ist ein ständiges Wiederlesen – nimmt ein Buch vom Stapel – zum Beispiel Marguerite Duras: "Das tägliche Leben", das Buch liegt auf meinem Küchentisch. Wann ist es erschienen? 1988. Marguerite Duras im Gespräch mit Jérôme Beaujour. Blättert im Buch. „Der Chemiegeruch“, „Die Damen der Roche noir“, „Die Autobahn des Worts“, „Das Theater“ – da habe ich einen gelben Zettel eingeklebt, wo sie über ihre Erfahrungen am Theater schreibt, als Frau, als Autorin. Da steht, dass an der Comédie Française seit 1900 keine Autorin aufgeführt wurde, keine Regisseurin ein Stück inszeniert hat. Und Marguerite Duras war 1965 die erste, die gespielt wurde, ein Wahnsinn! Jean-Louis Barrault hat ihre Novelle "Ganze Tage in den Bäumen" für die Bühne bearbeitet.

Blättert weiter. Das ist ein Text über ihre Poetik: „Schreiben heißt nicht Geschichten erzählen. Es ist das Gegenteil von Geschichtenerzählen. Es ist alles auf einmal erzählen. Es ist eine Geschichte und das Fehlen dieser Geschichte erzählen.“ Also, das ist mir sehr nahe von der Poetik her, für das eigene Schreiben, das bei mir zwischen den Gattungen passiert. Ich bin weder eine – unter Anführungszeichen – "reine" Lyrikerin, noch eine "reine" Prosaautorin. Angefangen habe ich mit Gedichten, die ab Mitte der 80er Jahre in Literaturzeitschriften und Anthologien erschienen sind.

Was jetzt wieder auf meinem Schreibtisch gelandet ist, sind "Eva & Co"-Hefte. "Eva & Co" war eine feministische Kulturzeitschrift, die erste Europas, 1982 in Graz gegründet. Nimmt ein Heft vom Stapel. Da habe ich jetzt für ein Gespräch mit Christa Nebenführ über die Frauenbewegung in den 80er Jahren nachgelesen. Ich bin 1983 nach Graz gekommen. Meine literarische Sozialisation hat dort stattgefunden, und meine feministische! "Eva & Co" war da wichtig, sowohl was die Zeitschrift als auch was die Künstlerinnengruppe betrifft, bei der ich mitgearbeitet habe. Über "Eva & Co" ist auch meine erste Theaterproduktion entstanden, 1990 in der Frauenfabrik in der Plüddemanngasse. Gemeinsam mit Reni Hofmüller und Annette Giesriegl habe ich eine szenische Collage, eine Revue erarbeitet. Ach, das waren super Bedingungen! So etwas habe ich nie mehr erlebt. Wir haben sogar für mehrere Monate Recherche bezahlt bekommen. Das Thema des Stücks waren Reproduktionstechnologien, Bio-Engineering, darüber wurde damals in der Öffentlichkeit noch wenig gesprochen. Das Ergebnis, das Stück, das aufgeführt wurde, ist nicht als Ganzes gelungen. Das Schöne war, dass wir vieles ausprobieren konnten, verschiedene literarische und musikalische Formen, dass die Räume dafür da waren, auch für das Scheitern. Heute gibt es diese Räume praktisch nicht mehr, von der Bezahlung ganz zu schweigen.

Nimmt ein Heft vom Stapel. Diese "Eva & Co"-Ausgabe ist die Dokumentation einer Lese­reihe, die in der Frauenfabrik stattgefunden hat: „Autorinnen über Autorinnen“. Ich war auch eingeladen, über eine Autorin meiner Wahl zu schreiben. Blättert im Heft. Ich habe über Marina Zwetajewa geschrieben: "Und ein Heft mit zwei Ellenbogen". Ich kann mich noch gut an die Lesungen in der Fabrik erinnern – und an die Gespräche nach den Lesungen. Elfriede Gerstl habe ich 1991 bei dieser Veranstaltungsreihe kennengelernt, das war ein besonders schöner Abend! Gelesen hatte ich schon einiges von ihr, auch ihren Roman "Spielräume", das war für mich eine wunderbare Demonstration, was ein Roman alles sein kann.

Was steht noch auf meiner Liste? Leseturm bei Lucas: Da liegen die neuen "manuskripte". Ich habe gerade die Ernst Jandl-Briefe gelesen, die Briefe an Kolleritsch, Bauer, Breicha und Ian Hamilton Finlay. Das war eine Überraschung für mich, ich habe nicht gewusst, dass Ernst Jandl mit ihm befreundet war. Von Ian Hamilton Finlay habe ich zum ersten Mal etwas in Graz gelesen, konkrete Poesie in einer Ausstellung. Später habe ich ihn in dem Buch "Land and Environmental Art" wiederentdeckt, wo ein ganzes Kapitel seinem berühmten Garten in Schottland gewidmet ist: "Little Sparta".

Die aktuellen "Lichtungen" mit dem Serbien-Schwerpunkt liegen auch auf meinem Leseturm bei Lucas. Vor zwei Wochen war ich bei einer Veranstaltung in der Wiener Hauptbücherei, wo Saša Ilič aus Belgrad eine Autorin und einen Autor aus Serbien vorgestellt hat. Das war ein sehr interessanter Abend, auch was die Gespräche mit dem Publikum betrifft. Und mit Saša Ilič habe ich noch lange beim gemeinsamen Essen nach der Lesung weitergesprochen, über seine "Einführung in ein anderes Leben", wo er über die serbische Literaturszene schreibt, über Nationalismus, Kanonbildung. Ich habe Saša Ende Mai kennengelernt, bei einem Literaturfestival im Kosovo, in Priština. Das "polip"-Festival hat er gemeinsam mit Jeton Neziraj, einem kosovarischen Theaterautor, organisiert. Dass ein Serbe und ein Kosovare zusammenarbeiten, das ist leider auch im Kulturbereich noch immer nicht die Normalität. Ich bewundere die beiden für ihren Mut. Das Festival war spitze! Die Lesungen und Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen aus Ex-Jugoslawien, und die Lesung vor Germanistikstudentinnen aus Prizren, die ich gleich am Tag nach meiner Ankunft hatte. Die hatten meine Texte nicht nur gelesen, die haben meine Texte wirklich befragt – so eine Diskussion habe ich schon lange nicht mehr erlebt!

So, was steht noch auf meiner Liste? Auf der Nachttischliste, zum Beispiel. Zieht ein Buch aus dem Stapel. Auf meinem Nachttisch liegt František Listopad, also nicht er, sondern sein schönes kleines "hochroth"-Gedichtheft: "Die Erde ist Kohle und Zitronen". Die Gedichte sind aus dem Tschechischen übersetzt, obwohl Listopad auch auf Portugiesisch schreibt, er lebt seit den 50er Jahren in Lissabon. Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, war sein Essayband: "Tristan oder Der Verrat des Intellektuellen". Und im Nachwort oder in den biografischen Angaben ist mir ein Buchtitel hängen geblieben: "Freiheit und anderes Obst". Der Titel ist mir so nahe gegangen, ich weiß nicht warum, der hat viel in mir ausgelöst, auch für mein "Alphabet der Träume". Und voriges Jahr, als ich mein Buch bei der Leipziger Buchmesse vorgestellt habe, war ich auch beim Verlagsstand von "hochroth" und habe nach seiner Adresse gefragt. Ich habe František Listopad gleich geschrieben, und er hat mir geantwortet, auf Deutsch!

Auf meinem Nachttisch, wo nicht viele Bücher Platz haben, liegt ein Buch von Rafael Alberti: "An die Malerei. Poem von der Farbe und der Linie". Das ist ein Buch über Maler – also, ich weiß nicht, von Giotto bis Picasso – und über Farben: Rot, Blau, Gelb, Grün. Ein wunderschönes Buch, auch schön gemacht, schön gesetzt. Alberti ist eine frühe Literaturliebe von mir. Da war ich noch in Salzburg, in Thalgau, wo ich aufgewachsen bin. Als ich in die Handelsakademie gegangen bin, habe ich viel gelesen, vor allem Gedichte. So habe ich mich weggelesen von der Schule, von allem. Und ich habe Gedichte auswendig gelernt, von Brecht, Heine, Goethe, sogar Shakespeare Sonnette, Gedichte von Ingeborg Bachmann bis Rafael Alberti: "Im Erlenschatten, Liebste, im Erlenschatten, nicht. Unter der Pappel, ja, dem Weiß und Grün der Pappel. Weißes Blatt, du, grünes Blatt, ich."

Wie lange spreche ich denn schon? Du unterbrichst mich ja nicht. Du musst mich unter­brechen, Astrid.

Da wäre noch einer meiner Lieblinge, Max Jacob, "Der Würfelbecher", auch ein Wiederlesen für die Kurzprosa, und seine "Höllenvisionen", großartige Texte.

Ja, und Ernst Bloch, den möchte ich noch anführen. Auf der Buchliste, die ich mitgebracht habe, steht natürlich sein Name, weil auf meinem Schreibtisch mehrere Bücher von ihm liegen. Sein "Prinzip Hoffnung" hat mich bei der Arbeit an meinem Traumalphabet begleitet. Nimmt ein Buch vom Stapel. "Erbschaft dieser Zeit", 1935 erschienen. Blättert im Buch. Wo habe ich den Zettel? "Die bürgerliche Endfahrt in den Faschismus". Ja, es geht um das Bürgertum und über den Abstieg des Kleinbürgertums, der ein Aufstieg ist in den Faschismus. Blättert im Buch. Und es geht um Montage als politisches und künstlerisches Prinzip. Schon die Überschriften, die Kapitel- und Textüberschriften sind toll: „Schreibender Kitsch“, „Der glänzende Filmmensch“, „Ungleichzeitigkeit und Berauschung“, "Sachsen ohne Wald", "Romantische Hakenbildung". Blättert weiter. „Ersatz und neu“. Ja, das passt auch sehr gut zum heutigen Kleinbürgertum, zur neuen Mitte.

Das ist jetzt, das muss das letzte Buch sein. Nimmt ein Buch vom Stapel. Hélène Cixous, "Hypertraum". Eine Autorin, die ich schon lange lese. Die ich in Graz als Studentin zum ersten Mal gelesen habe, in der Frauengruppe. "Hypertraum" ist ein Buch, wie im Klappen­text steht, das die letzten Zeiten erkundet, zwischen zwei Toden, zwischen dem Tod der Mutter und dem Tod des Freundes. Es geht um die Haut, um den Körper. Cixous beschreibt, wie sie ihre kranke Mutter salbt, jeden Tag diese fast hundertjährige Frau salbt, die Haut, die krank ist, die aufbricht. Es ist ein autobiografischer Text und ein philosophischer Essay. Ich habe das Buch noch nicht fertig gelesen. Wo bin ich stehengeblieben? Seite 122: „Ich schreibe Mama. Ich werde schreiben können Mama. Ich werde immer Mama schreiben können.“

So, jetzt höre ich auf, ich habe sowieso schon viel zu lange gesprochen. Die Bücherliste ist nicht abgearbeitet, nur ein Teil – ah, Bernhard Luginbühl, dick unterstrichen! Seine "jeantinguelytagebuchnotizen" liegen auf meinem Küchentisch. Vor zwei Jahren waren Lucas und ich in Mötschwil, das ist ein Dorf in der Nähe von Bern, wo es eine Freiluftausstellung von seinen Eisenskulpturen gibt. Das sind teilweise riesige Werke. Es ist kein – wie soll ich sagen – normaler Skulpturenpark. Es ist der Ort, wo Bernhard Luginbühl gearbeitet und gelebt hat, mit seinen vier eisenschweißenden Söhnen. Und das war und ist immer noch ein Familienbetrieb! Die Tochter verkauft die Eintrittskarten und betreut den Büchertisch, eine Schwiegertochter macht die Führung, Sohn und Enkel bedienen die Gäste an der Bar, und seine Witwe hat uns Marillenkuchen serviert. Ja, das war etwas ganz Besonderes, dieses Haus mit der Werkstatt, den Bäumen und Skulpturen rundherum. Da spielt alles zusammen: der Garten und das rostende Metall, Familienleben und künstlerische Arbeit. Und genau das spürt man auch in den "jeantinguelytagebuchnotitzen", wo Luginbühl über seinen Freund Jeano schreibt, da geht es drunter und drüber, da geht alles ineinander auf.

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