Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Marion Steinfellner

Manchmal träume ich auch Wörter.

© Herbert J. Wimmer aus der Poetiktanzperformance "Freudentanz (gelb)", Text: Lucas Cejpek, Tanz: Marion Steinfellner, 23.12.2014

Danke fixpoetry, danke und danke Astrid Nischkauer für dieses Butoh-Interview, wo sie sagt, es gibt keine Regeln dafür. Und es ist interessant, ich habe mir im Vorfeld überlegt, ob ich während des Interviews die Du- oder Sie-Form verwende. Und ich habe mich zur Sie-Form entschlossen. Wenn ich mit Astrid Nischkauer spreche, sind wir per-du, und jetzt spreche ich per-Sie mit ihr. Es gibt sehr wenige Texte und Briefe mittlerweile, die die Sie-Form haben.

Das ist jetzt ein Butoh-Interview, kurze Erklärung: Butoh, ein Ausdruckstanz, der seine Wurzeln in Japan hat, 1957 begründet von Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno als Gegenbewegung gegen Globalisierung, gegen Atombomben, gegen Atomkraft, und Rückbesinnung auf schintoistische und Zen-buddhistische Wurzeln. Es ist ein Tanz des Moments, so wie dieses Interview jetzt ein Sprechen des Moments ist, so wie meine Texte auch Augenblicksschreibungen sind. Meine Gedichte, die nicht überarbeitet werden, die in einer sehr hohen Konzentration und Achtsamkeit entstehen, getippt auf einer Schreibmaschine auf der Rückseite von Briefkuverts, dort wo die Absenderin ihren Namen und ihre Adresse schreibt, und das Kuvert ist offen. Sie entstehen in Zeiträumen, die offen sind. Ein Wort kommt, zieht wieder vorbei. Ein Wort kommt, wird getippt. Ein Wort kommt, wird gesprochen, wird ein wenig gekaut, anders ausgespuckt, verändert. Ein Wort kommt, wird vergessen, ein neues ist da. Dazwischen Tanz und der Körper will sich recken oder strecken, will sich bewegen. Es ist ein Warten. Und es ist ein Warten der Idea Vilariño aus Uruguay:

estoy esperando
estoy esperando en el mundo
en un lugar del mundo
estoy esperando
ven
o no vengas
yo me estoy aqui
esperando

ich bin wartend
bin wartend in der Welt
in einem Ort der Welt
wartend
komm
oder komm nicht
ich bin hier
wartend

Und dieses Gerundiv im Spanischen – es ist nicht übersetzbar, es ist „wartend“, aber es ist wirklich eine Momentanitätsbeschreibung, schwer übersetzbar, weil „wartend“ mit „d“ aufhört und damit auch eine Zäsur setzt. Aber „esperando“, da öffnet sich etwas vom Klang her.

Ein Stück weit sind meine Gedichte auch Text-Performances, die jetzt stattfinden. Ich schreibe gerade einen Gedichtband, Textband, wie auch immer, über Butoh. Und es gibt Vorgaben, es gibt formale Vorgaben. Es gibt ein Gedicht von mir, das heißt „Wassertanz“ und  ist ein Akrostichon. Es sind zehn Wörter und die erste Zeile ist:

wellenbewegtheit der stille see die zitternde kreatur

Ich habe den Zeilen auch verschiedene Butoh-Themen zugeordnet und das erste Thema ist Kreatur-Queer. Mir ist das Geschlecht von Wesen völlig egal. Ich mag Wesen, ich verliebe mich in Wesen, ich begehre Wesen, ganz gleich welches Geschlecht die haben, ob das jetzt ein Hund ist oder eine Hündin, oder ein männlicher Birkenbaum oder ein weiblicher Birkenbaum oder ein menschlicher Mann, anatomisch gegendert, oder eine Frau, es ist mir egal. Ich verliebe mich in Wesen und darum geht es in diesem Kapitel. Es sind sieben Gedichte auf unterschiedlichem Papier getippt, jedes Kapitel hat eine eigene Farbe. Ich schreibe nachts vorm Kamin in einem leeren Zimmer auf dem Boden sitzend und tippe, und das ist das, was diesen Abend zu diesem Thema da ist.

Marion Steinfellner, nachtwasserlieder I

Meine geborgenste Kindheitssituationserinnerung, das ging über Jahre: ich sitze im Wohnzimmer in einem braunen Samtfauteuil, und das Wohnzimmer wurde nie genutzt. Und  es stand eine riesengroße wunderschöne Tanne mit Naschereien gleich nebenan und es hat nach Wald geduftet. Und ich stand da wirklich so an die Heizung geschoben und da konnte man die Füße dazwischen reinschieben. Und das Fauteuil, weil ich so klein war, war riesengroß. Und dann hab ich diesen bodenlangen Vorhang über mich geworfen und immer so Naschereien vom Christbaum geholt. Und ich hab zu Weihnachten immer, thank you mum, immer sehr viele Bücher bekommen, so zehn Bücher, Buchclub thank you und Donauland thank you. In diesem kleinen weinviertler Dorf direkt an der tschechischen Grenze, das letzte Dorf, am Ende der Welt mit dem eisernen Vorhang vor der Nase bis ich 17 war. Und da war ich ungestört ganz allein für Stunden und hab Schokolade gefuttert und gelesen, mit Blick in den Himmel und warmen Füßen. Und ganz draußen hinter dem Vorhang, so halb drinnen, halb draußen.

Für mich ist tanzen und schreiben auch spielen. Ein Kind spielen. Ein Kind spielen wie bei Ilana Shmueli:

Komm
Spiel mit dir allein
Himmel und Hölle
Spiel wie das Kind mit dem Stein
Hüpf über den Strich –
Ohne Angst
Vor der Angst

Und das ist schreiben für mich immer. Ich sitze hier und ich warte und ich spiele und dann kommen Wörter und ich schreibe nicht alles auf, was da kommt. Da bin ich auch bei Ilse Aichinger mit dem zweiten Wort.

Und ich tendiere dazu, Mammutbaumwörter zu erfinden. Das ist so wunderbar in der deutschen Sprache, neue Wörter erfinden zu können, indem man wirklich Nomen aneinandersteckt. Das ist im Spanischen überhaupt nicht so. Ich habe ein Buch geschrieben, Deutsch – Spanisch, manche hab ich auf Spanisch geschrieben, manche auf Deutsch und quer übersetzt, aber im Spanischen hat man immer diese sperrigen Artikel dazwischen. Und ich hab es Freunden in Argentinien geschenkt und die haben gesagt: „Was gibt es für verrückte Wörter im Deutschen!“ hab ich gesagt: „Nein, die hab ich erfunden, die gibt es nicht.“ Und das ist für mich auch so wichtig, das ist eine Form von Präzision. Das ist wirklich eine Form von Präzisierung: Was ist das jetzt genau, was ich da sagen möchte – Und dann les ich auch immer mit, innerlich, dann passt der Klang vielleicht auch nicht so, und dann ergibt sich vielleicht auch ganz was Neues. Und ich hab ein sehr gutes Gedächtnis, auch für Wörter. Manchmal träume ich auch Wörter. Wie das Wort Geistesgegenwart weiß auf blauem Aquamarinmeereshintergrund. Oder Traumreste kommen mit in das Schreiben. Manchmal träume ich auch Wörter. Und auch alles, was mich umgibt, kommt da mit. Da bin ich Friederike Mayröcker so dankbar, die hat mich so ermutigt. Und das finde ich, ist ein einfach nicht gut aufgegriffener Aspekt ihres Werkes, nämlich die Körperlichkeit. Wie sie körperlich mit Sinnen arbeitet und was da alles mitkommt. Ihr Leib, ihr Körper, ihre Wahrnehmung, was sie gerade an Musik hört, was sie sieht, usw. Da hat sie mich sehr ermutigt dazu, das alles mit einzubeziehen. Und da ist so viel Raumwahrnehmung da: Innenraum – Außenraum. Sie ist natürlich eine Meisterin darin, das so wunderbar ineinander zu verflechten. Und da hat sie mich sehr ermutigt, dass das auch mit rein darf, das Weinen. Tränen sind für mich das Kriterium, ob mir Kunst gefällt oder nicht.

Und das ist so wunderbar jetzt auch bei diesem Interview, dass ich jetzt auch so abschweifen kann und erzählen kann. Und jetzt möchte ich einmal kurz die Situation schildern: Astrid Nischkauer und ich, wir machen gerade ein Kaminstrandpicknick auf einer roten Plüschdecke vor einem Feuer. Es gibt ein großes ganz leeres Zimmer in dem keine Bilder sind. In dem nur ein Möbel, ein kleines Möbelstück, ist, mit Gedichtbänden nur von Frauen. Ich habe auch Gedichtbände von Männern, aber nicht in diesem Raum. Musik, eine gute Musikanlage und das war’s. Es ist ein bisschen eine weiße Zelle auch. Und dann gibt es immer Blumen hier, es gibt immer Blumen hier. Jetzt gibt es gerade 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9: neun Tulpen. Mitten im Januar, tapfer! Die Schreibmaschine. Drei Kerzen, auf die heiligen drei Königinnen. Das war’s.

Und im Grunde genommen, das was ich mache mit dem Tanzen, mit dem Schreiben, mit dem Malen auch, es ist immer zu Beginn das poetisch Momenthafte in anderen Ausdrucksformen. Und auch, ein Stück weit damit verbunden, andere Kindspielzeitalter. Der Tanz ist das erste. Säuglinge sind wunderbare Tänzer! Oh, wow! Wie Säuglinge mit ihrem Gesicht tanzen! Und wie weich die sind! Und wie Babys fallen können, kleine Kinder fallen können! Oh wow! Und rollen können! Und beim Butoh, es ist schon eine Technik auch. Die Technik besteht darin, fallen zu können. Und dass du von der Erde hängst. Das heißt, du musst dein Galileisches Weltbild völlig umdrehen. Du hängst einfach von der Erde. Und es wird so viel mit Vorstellungskraft beim Butoh gearbeitet, das hat mir beim Schreiben sehr geholfen. Das hilft mir immer wieder. Denn das, was du dir vorstellen kannst, das ist auch da. Und beim Schreiben auch. Das ist eine Form von Sprachmagie. Es ist ja auch so, was für unglaubliche Orte in Büchern erschaffen werden können. Oder in Gedichten. Was für Stimmungen, was für, ja, Räume, einfach Räume auch.

Und dazwischen ist die Malerin und dann kommt die Schreiberin. Die Schreiberin ist schon die Älteste. Und das wechselt dann so. Aber im Grunde genommen sind es verschiedene Ausdrucksformen desselben. Es geht um den Augenblick, der sich zeigt. Wie ich den erlebe. Was ich wahrnehme. Wie konzentriert ich bin. Wie sehr ich mich fallenlassen kann. Und das ist unwiederholbar. Das ist auch eine Art von Fragment.

Und abschließend möchte ich sagen, dass das auch sehr interessant ist: Dass alles zweimal fünfzehn-Minuten-Performances mit gestellter Zeit, Interview-Performances, waren. So ein schönes Interview, danke! Danke Astrid Nischkauer für die wunderbare Möglichkeit des letsurpriseyourself! Oh wow, bitte wow! Und dass ich’s trotzdem nochmal überarbeiten kann, weil getippt ist getippt, getanzt ist getanzt, gemalt ist gemalt. Dankeschön! Dankeschön! Dankeschön!

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