Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Markus Köhle

Es gibt nichts Schöneres, als ein konsequent per-Sie geführtes Selbstgespräch. Ist ein Zitat natürlich, ist ein Satz aus Gert Jonkes Der ferne Klang. Und damit ist natürlich einer meiner persönlichen literarischen Säulenheiligen schon genannt, und aber eigentlich auch die Form. Weil ein konsequent per-Sie geführtes Selbstgespräch gibt eigentlich jetzt schon mal eine Form vor für die nächsten fünfzig Minuten. Ob ich mich daran halten kann weiß ich nicht. Das Schöne ist ja immer auch das Brechen von Formen. Und das mit dem Säulenheiligen muss ich eigentlich auch gleich schon wieder insofern revidieren, als es kein schönes Bild ist, Säulenheiliger, ich hab’s nicht mit Heiligen an sich, Säule ok, Haussäule, nein, passt nicht. Tempel haben Säulen und Gert Jonke ist vielleicht einfach ein Tempel für mich, ein Vorbild auf jeden Fall. Und ich habe tatsächlich einen Schein, wie es vor den ECTS-Punkten noch hieß, der von Gert Jonke unterschrieben wurde. ___STEADY_PAYWALL___Also ich habe eine Poetikvorlesung besucht bei Gert Jonke, vor langer Zeit in Innsbruck, ich habe in Innsbruck studiert und ich weiß nicht, wann das war, aber vermutlich schon in den frühen Nullerjahren, weil es war leider nicht persönlich, handschriftlich unterschrieben, sondern schon so ein Ausdruck, G. Jonke. Und irgendwann um die Jahrtausendwende wurden die handschriftlichen Zeugnisse automatisiert, deswegen jetzt einen Schein, Poetikvorlesung bei Gert Jonke, in meiner Dokumentenmappe abgeheftet, wie sich das so gehört. Die Dokumentenmappe allerdings habe ich nicht von meinen Eltern zu Weihnachten bekommen, das ist an sich ja so ein Geschenk, sondern die habe ich irgendwo bei einem Ferialjob mitgehen lassen. Wobei mitgehen lassen vermutlich auch nicht stimmt, weil ich musste einen Galeriekeller ausräumen, da waren viele Ordner und Akten und die waren zu entsorgen und nachdem es schon quasi als Müll definiert war, habe ich dann eine dieser Mappen für mich gerettet, ihr ein neues Leben geschenkt, ein neues Leben als Dokumentenmappe in meinem Regal. Und da ist jetzt dieser Schein als besonderes Dokument eben drinnen. Ich weiß nicht, was andere Menschen so in ihren wichtigen Mappen abheften, aber viele andere Scheine aus dem Studium haben es nicht in diese Mappe geschafft. Aber diverse andere Befähigungsnachweise und was man halt so alles ansammelt, Dokumente, im Laufe eines aktuell noch vierundvierzigjährigen Lebens, aber in zwei Wochen ist es schon mehr. Das ist alles halb so schlimm, wie es vermutlich gerade klingt.

Genau. Gert Jonke ist auch ein Autor, den ich immer wieder lese. Also es haben ja vermutlich die meisten Menschen Bücher, die sie immer wieder lesen und Lyrik ja ohnehin. Aber bei Gert Jonke ist es ein Gesamtpoesiekunstwerk, würde ich sagen, und seine Prosabücher sind tatsächlich auch Bücher, die ich immer wieder lese. Und aktuell gerade weil es einfach daliegt – ich habe gerade ein Notizbuch aus der Bibliothek Suhrkamp und Die Schule der Geläufigkeit von Gert Jonke hat genau das gleiche Design, eben dieses wunderschöne Gelb eigentlich. Und deswegen musste ich es neulich wieder lesen. Es ist ja auch passend zum Wiederlesen, weil es geht ja um die Wiederholung eines Festes in der Schule der Geläufigkeit, wo versucht wird, eigentlich die Erinnerung auszutricksen indem man ein Fest genauso wiederholt, wie es das letzte Jahr war. Das ist ein wunderschönes Gedankenspiel ohnehin schon und die Erinnerung auszuhebeln ist auch eigentlich ein schönes Schreibmotiv. Wobei ausgehebelte Erinnerung, also Erinnerung, sobald wir sie hervorholen, ist sie ja wahrscheinlich eh schon ausgehebelt und fiktionalisiert, würde ich mal sagen. Und das ist auch ganz schön, weil ich habe deswegen gerade mit Jonke auch begonnen, weil ich das Buch auch gelesen habe, weil ich tatsächlich versuche in letzter Zeit – bei einem Projekt, das den Arbeitstitel Zurück in die Herkunft trägt – tatsächlich so die eigene Lesevergangenheit aufzuarbeiten insofern, als man einfach Bücher wieder in die Hand nimmt und dann auch versucht, so die alten Erinnerungen dazu niederzuschreiben und dann im Idealfall mit einem eigenen Text darauf zu antworten. Das ist gerade das aktuelle Schreibprojekt, das mich beschäftigt. Und da ist das Ziel einerseits in Kontakt zu treten mit diesen Menschen, die großteils schon verstorben sind. Das heißt, ich schreibe Jenseitspost gerade. Also bei Jonke habe ich die Form der Notiz, oder der Überbringung des Postulats noch nicht definiert, keine Ahnung, ob das eine Rohrpost ins Jenseits wird. Bei anderen war es einfacher, Elfriede Gerstl hat natürlich eine Postkarte bekommen, so wie sie es selber immer gemacht hat. Genau. Und Thomas Bernhard natürlich auch einen Brief, kein besserer Briefwechsel als Bernhard mit seinem Verleger damals. Und deswegen eben nehme ich diese alten Bücher – oder was heißt alte Bücher, die werden ja nicht alt – aber Bücher gerade wieder zur Hand und schreibe, erinnere mich sehr viel und finde dann auch schön, wie sehr sich die Erinnerung auch einfach verändert. So wie man die Bücher abgespeichert hat und was die Neulektüre dann macht. Vor manchen Neulektüren hat man ja vermutlich Angst, aber deswegen ist es wichtig, die alte Leseerinnerung vorher festzuhalten und es dann nochmals zu lesen. Und das beschäftigt mich gerade und jetzt habe ich tatsächlich schon wunderbar dahinmonologisiert, ohne dass die Form noch besonders aufgefallen wäre. Weil vielleicht gibt es ja auch nichts Schöneres, als konsequent per-Sie ausgesprochenes Lob: Das haben Sie sehr gut gemacht bisher, es sind schon einige Minuten vergangen – ich kann auch auf die Uhr schauen, tatsächlich, es sind schon einige Minuten vergangen!

Es ist die Form ja tatsächlich, also die an mich herangetragene Form, eine wunderbare Herausforderung. Vermutlich die konstruierteste, künstlichste Form, die es geben kann. Einerseits, weil man ein Selbstgespräch führt, wissend, dass das dann veröffentlicht wird. Jetzt werden wahrscheinlich wenige Menschen zugeben, sie sind gut im Selbstgesprächeführen, oder zugeben kann man das schon, oder sie machen das regelmäßig, auch das kann man noch zugeben. Aber ein Selbstgespräch, das dann da veröffentlicht wird, das ist schon eine sehr besondere Form. Ich denke, die bisher 45 vor mir hatten auch noch wenig Übung darin und ich finde auch, dass es tatsächlich unmöglich ist, sich darauf vorzubereiten, wenn man das durchdenkt. Ich habe ja dann gesehen, wie manche tatsächlich sich akribisch darauf vorbereiteten und habe mir dann auch schon Gedanken gemacht, ok, wie gehe ich das an? Aber kann ich mich auf ein Selbstgespräch vorbereiten, habe ich mich dann gefragt? Und da bin ich dann zum Schluss gekommen, eigentlich nicht. Die Selbstbefragung, wenn es eine Befragung wird, muss jederzeit irgendwie möglich sein. Und sie bedarf vermutlich einiger Erinnerungsstücke, damit man nicht vollkommen abgleitet. Wobei das vollkommene Abgleiten vermutlich das Schöne ist. Es gibt in einem Essay von Franz Schuh über die freie Rede wunderbare Formulierungen, die man natürlich gelesen haben müsste, um sie annähernd ihm gerecht werdend zitieren zu können, habe ich jetzt nicht gemacht, aber im Grunde sagt er, dass ab einem bestimmten Moment der freien Rede sich irgendein Schalter umkippt und es dann möglich ist, Dinge anzuzapfen, an die man sonst nicht drankommt. Insofern, vermutlich ist das deine Absicht hinter dieser Form und ich bemühe mich redlich, in diese Areale des Gehirns vorzudringen. Einstweilen ist es noch ein in-Form-Kommen, in-Form-Sprechen, was auch gut zur Zeit passt, denn tatsächlich nach über hundert Tagen der Auftrittspause, also ganz genau waren es bei mir 111 Tage vom Corona-Lock-Down und erstem abgesagten Termin, der am 10. März war, bis Ende Juni, wo ich dann tatsächlich neulich erstmals nach 111 Tagen wieder auf die Bühne durfte. Aber morgen, morgen beginnt ja der Kultursommer in Wien, Wien dreht auf, und insofern ist dieses in-Form-Sprechen eine gute Übung für das Kommende. Ich freue mich sehr auf den Kultursommer in Wien, vier Tage, zehn Bühnen, die nächsten zwei Monate glaube ich, wunderbar viele Lesungen und Veranstaltungen.

Und da haben Sie jetzt aber gerade sowohl Corona abgehandelt, als auch die Zukunft, das haben Sie sehr gut gemacht. – Danke!

Auch das muss man vermutlich üben, sich selbst laut aussprechend per-Sie Lob zu geben, das hat was. Also womit wieder so eine alte Redewendung einfach widerlegt wäre, Selbstlob, wie die lautete, das möchte ich auch gar nicht erwähnen. Haben vermutlich viele von uns – ja, wann hat man das zu hören gekriegt? – als Kind, als Kind, wo man vielleicht das automatisch selbstständig noch machte, woraufhin die, hoffentlich nicht Eltern, aber irgendwelche sich dreinmischenden Menschen, einen damit behelligt hätten, dass Selbstlob eben nicht geziemend wäre. Was hiermit widerlegt wäre.

Also damit haben Sie im Laufe des Gespräches bereits eine Redensart dekonstruiert, demontiert, für immer quasi widerlegt, wenn das als Gesprächssubstrat übrig bleibt, könnte man fürs Erste schon zufrieden sein, aber – aber Sie geben sich natürlich nicht so schnell zufrieden, habe ich recht? – Vermutlich haben Sie recht, wobei, ums Rechthaben soll es natürlich in einem Selbstgespräch nicht gehen. Wobei es vermutlich am einfachsten ist, in einem Selbstgespräch recht zu haben, wenn einem die Stimmen im eigenen Kopf geneigt sind, also insofern ist das ja gar nicht gesagt. Und vielleicht müsste man die Parallelen vom Traum und Selbstgespräch irgendwie mal näher anschauen. Ich bin ein sehr guter Träumer – Sie sind ein sehr guter Träumer? –  Ja. Und nachdem ja vorgestern Vollmond war und mich das dann tatsächlich eine Woche lange beschäftigt, also nicht, dass ich nichts anderes während dieser Woche machte, aber träumen, sehr viel träumen ist während Vollmondwochen schon der Fall. Nur tatsächlich ist es mir dieser Tage nie gelungen, ihn zu sehen, ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich verlasse das Haus nämlich schon regelmäßig, aber die letzten Tage nicht. Heute, nachdem er schon zwei Tage abnehmen durfte, werde ich es nochmals versuchen.

Sie würden also sagen, der Mond bestimmt ihren Monatskreislauf? – Bestimmen ist wirklich zu viel gesagt, aber es ist tatsächlich eine herzlich willkommene Ausrede, einmal im Monat aktiv über die Stränge schlagen zu dürfen, wobei das diesmal auch tatsächlich nicht der Fall war, was ja gut ist, wenn es nicht jedes Mal so ist. Vollmond. Ja, damit haben Sie den Vollmond eigentlich schon abgehandelt. Noch immer sind wir vage bei Gert Jonke, wurde schon ein anderer Name genannt? – Ja, Elfriede Gerstl wurde auch schon erwähnt, Thomas Bernhard tatsächlich auch schon. Auf dem Nachtkästchen, das keines ist, aber das so eine Ablagefläche ist, der demnächst zu lesenden Bücher, liegen die Subtexte von Ilse Aichinger, die auch noch behandelt werden sollen in meinem Projekt. Verschenkter Rat, ja ohnehin einer der schönsten Titel für einen Gedichtband, vielleicht wird es auch eine Antwort aus einem dieser Gedichte. Jedenfalls – Verschenkter Rat. Selbstgespräche und Verschenkter Rat. Ja, darüber müssten Sie vielleicht noch ein wenig nachdenken, da ließe sich vermutlich eine gewinnbringende Brücke bauen. Gut.

Vielleicht wollen Sie dann doch mal auf diese Erinnerungsstücke, die Sie ja mitgebracht haben, zu sprechen kommen. Vom Notizbuch abgesehen. Sie selbst bezeichnen sich ja, wenn ich das so sagen darf, als Sprachinstallateur, Literaturzeitschriftenaktivist und Poetry Slam-Papa Österreichs, also eigentlich Slam-Papa Österreichs. Um vielleicht bei den Literaturzeitschriften zu beginnen. Es ist ja auch immer gut, wenn man das Gegenüber – auch wenn es sich konsequent der Rede enthält, es kommen immerhin Signale anderer Art, nicht akustischer, aber wir sind in Kontakt – und ich darf mein Gegenüber jetzt auch mal beschenken mit drei Ausgaben der Literaturzeitschrift DUM, da bin ich Teil des Herausgeberkollektivs, ist vielleicht übertrieben gesagt, Teil des Herausgeberinnenteams. Anna-Lena Obermoser, großartige Spoken-Word-Performerin, schreibt Kolumnen regelmäßig, die heißen flimmern.fischen, Nummer 13, die aktuelle. Wolfgang Kühn, der Mastermind dahinter und Martin Heidl, auch ein fleißig lesender Mensch. Drei Ausgaben, mal so einfach für den Sommer, für ein stilles Örtchen zum Hinlegen sind sie ganz gut, die Texte sind sehr kurz, gut konsumierbar. Eine Dialektausgabe und so weiter und so fort. Zeitschriften waren für mich insofern auch immer wichtig, als ich tatsächlich bevor ich den Mut hatte, in ein freies Autorenleben zu springen, war ja mal Wissenschaft eigentlich das Naheliegendere, ich habe ein Forschungsprojekt gemacht über Literaturzeitschriften in Österreich, 1970 bis 2004 hat es schlussendlich dann gereicht. Bis 1970 gab es so ein Standardwerk und ab 1970 war ein guter Zeitpunkt das anzusetzen, weil da sehr viele entstanden sind aufgrund der neuen Reproduktionsmöglichkeiten. Und das war dann ein ursprünglich auf zwei Jahre angesetztes Forschungsprojekt für drei Menschen, das dann drei Jahre gedauert hat und schlussendlich damit endete, dass ich nicht wie geplant den Doktortitel hinterher hatte, sondern einen Streit mit dem Doktorvater und aber immerhin die Publikation, sechs Kilo, zwei Schwarten, wie es in einer Rezension hieß: ein unvollendetes Standardwerk. Das tatsächlich noch in Buchform erschien, also kann man sich eigentlich jetzt schon gar nicht mehr vorstellen, aber das sind dann tatsächlich lange Listen von Namen der Autorinnen und Autoren aus diesen Jahren. Egal. Hat mich jahrelang beschäftigt, hat mich dann auch kurz in einen Literaturzeitschriften-overload-Zustand versetzt, also danach brauchte ich mal Abstand davon. Mittlerweile, oder seit Jahren schon wieder, bin ich ein großer Freund der Literaturzeitschriften und verschenke nicht nur eigene, sondern auch neu entstandene, zum Beispiel dieses wunderschön produzierte Und aus Innsbruck, mit eigener Corona-Beilage, Poster und alles fair produziert und wunderbar, großartig, schön gemacht. Und vielleicht ein ungünstiger Titel, vielleicht ebenso ungünstig wie DUM, aber, ja, bei derartigen Namen bleibt man dann offenbar. Und Und ist vielleicht am schwierigsten zu googeln überhaupt, man bekommt sicher vermutlich viele Hits, wenn man Und googelt, aber Undheft.at, damit landet man dann schon wunderbar auf der Homepage dieses relativ neuen, noch neuen Projekts, sehr ambitioniert, engagiertes Team aus Innsbruck.

Womit wir bei Innsbruck wären, was wir ja eigentlich gerade schon waren, weil das Studium war noch in Innsbruck. Auch diese eingangs erwähnte Poetikvorlesung war noch in Innsbruck. Und Innsbruck ist immer noch ein Ort, der mich monatlich sieht, wenn es die Zustände zulassen. Also seit 2002 veranstalte ich mittlerweile regelmäßig in Innsbruck mindestens einmal monatlich. Und so eine lange Pause wie es jetzt eben gab, im Februar war noch, aber seither eben nicht, das gab es seit 2002 nicht. Es gab schon immer eine Sommerpause, aber ansonsten fand das immer statt und war auch immer sehr schön. Und, um dann doch leider wieder zum leidigen Coronathema kommen zu müssen, das war eben Underground, so hat es begonnen, andere sagen mittlerweile schon Mainstream, kann ich nicht unbedingt unterschreiben, aber es ist auf jeden Fall eine große Veranstaltung ohne großes Haus dahinter und derartige Dinge sind tatsächlich aktuell nicht mehr machbar. Also wenn ich veranstalten wollte, müsste ich mehr Leute zahlen und könnte einen Bruchteil der Leute nur rein lassen, also das ist einfach absolut unfinanzierbar. Und das ist ein bisschen die Befürchtung, dass da ganz viel Szene wegbricht jetzt. Weil wenn man ein Haus im Hintergrund hat, kann man natürlich die Auflagen erfüllen, aber für Veranstaltungen anderer Art ist das tatsächlich ein Problem. Es wird Corona vermutlich des Öfteren gelingen, sich in diesem Gespräch breit zu machen. Es lässt sich nicht vermeiden, aber war halt auch einfach lebensbestimmend und ist es noch jetzt. Gut. Innsbruck. Was gibt es noch mit Innsbruck zu verbinden? – Ja, tatsächlich auch den Beginn des Schreibens, was ja auch vielleicht in einer derartigen Selbstbefragung nicht ganz unwichtig ist. Ich habe es tatsächlich einer Professorin zu verdanken, Schreiben erstmals gewagt zu haben. Elfriede Pöder, leider mittlerweile auch schon verstorben, hat uns bei einem Mittelseminar über feministische Literatur war das, aber der Titel hat natürlich anders gelautet, irgendwie ermöglicht, anstatt einer Arbeit ein laufendes Lektüreprotokoll, bzw. man könnte es auch Tagebuch nennen, zu schreiben und hat uns dezidiert aber auch ermutigt eigentlich, das literarisch anzulegen. Und das war dann tatsächlich so der Beginn, eigentlich. Also das war dann die Arbeit und die ist auch damit durchgegangen und dann habe ich begonnen tatsächlich für den Freundeskreis Geschichten zu schreiben. Und es gab dann Vorleseabende, klassischer Weise in einer WG, es wurde natürlich auch getrunken, aber es wurde auch vorgelesen. Und da gab es – weil wir den Vollmond schon hatten, jetzt kommt die tatsächliche Bedeutung des Vollmondes – wir haben Vollmondlesungen veranstaltet, die waren dann schon außerhalb der WG, natürlich open-Air, damit man den Vollmond auch schön sehen kann, und sind dann tatsächlich auch zu einer Gruppe angewachsen. Vollmondlesungen waren eben schon das größere Ding und dann gab es da auch schon eine erste Literaturzeitschrift und Lesungen auch zum Tag des Apfels, oder halt irgendwelche Aufhänger, und das war dann Cognac und Biskotten, die Zeitschrift, die es nach wie vor gibt und die nach wie vor in unterschiedlichster Form erscheint. Und das ging damals auch noch in alle künstlerischen Richtungen. Die WG die ich hatte, hatte einen riesengroßen Hausgang und deswegen habe ich auch die Gang-Art gegründet, das war einfach eine Galerie, da haben dann jährlich, also ich glaube im zwei-Monats-Abstand, Leute ausgestellt, einige davon mittlerweile auch im Kunstbetrieb gelandet. Und da musste man sich halt dann mal durch Installationen im Gang durch bemühen, was irgendwie immer lustig war. Das, ja, das war die Innsbruckzeit. Und tatsächlich – und dann schließt sich der Bogen zur Wissenschaft – war die Absprungmöglichkeit nach Wien zu kommen die Wissenschaft. Weil wir haben in Innsbruck das Forschungsprojekt erfunden und definiert, über Literaturzeitschriften arbeiten zu wollen, aber alle gibt es natürlich nur in der Nationalbibliothek, bzw. im Literaturhaus, das lange dann mein Arbeitsplatz war, weil dort Freihandbereich und großartig. Und nachdem ich damals schon eine Fernbeziehung hatte mit – nicht der Stadt Wien, sondern Mieze Medusa, die Innsbruck früher verlassen hat – habe ich diesen Absprung genutzt und bin seither, seit 2004 in Wien und wähne mich schon Ottakringer mittlerweile.

Was sehr schön ist, wir sind gerade in Ottakring, wir sind an einem Ort, den Sie vermutlich mit Bedacht gewählt haben – Bierfink, Bierfink, Tiere, Bier, das führt doch direkt zu einem Projekt, das eigentlich schon älter ist, aber noch immer, immer eine Freude ist. Ich habe lange Zeit mit Sabine Freitag gemeinsam ein Projekt gemacht, das dann auch ein Buch geworden ist. Ich habe Wolpertinger erfunden, also Tiere, die ganz einfach so nicht existieren, aber die Igelse hätte sich ein Leben verdient. Die Igelse ist vielleicht ein passendes Tier zur Jahreszeit Sommer. Oder auch die Verquickungen sind nicht nur tierischer Art, sondern auch Obst, Gemüse hat Einlass gefunden und es gibt auch die Paprikatze, war auch sehr beliebt. Insgesamt hat es so funktioniert, dass ich Sabine Freitag einfach immer mit den Texten quasi überrascht habe und sie hat im Nachhinein dann die Bilder dazu gemacht. Und das war überhaupt nicht als Buch gedacht, sondern Sabine Freitag hat immer schon sich für Mischwesen interessiert und nach einer Ausstellung von ihr habe ich gesagt, ok, du bekommst jetzt Tiere von mir. Und dann haben wir mal ausgestellt in der Grünen Galerie – und das ist eigentlich wirklich eine ideale Geschichte, wie es passieren kann – ausgestellt, im Galerienpublikum war Dieter Bandhauer und sagte: daraus machen wir ein Buch. Bum. Freude und quasi Erstkontakt mit Sonderzahl Verlag, das war dann glaube ich mittlerweile vor sechs Jahren, oder so. Und seither bin ich glücklicher Sonderzahl Autor. Und es sind einige schöne Dinge entstanden bisher schon. Also Kuhu, Löwels, Mangoldhamster, 52 Wolpertinger in Wort und Bild mit einem – für die Fleißigen – Register mit weiteren hunderten Wolpertingern, die es noch genauer auszuarbeiten gäbe. Hat mich eine Zeit lang beschäftigt und war ein schönes Projekt. Sabine Freitag stand mir dann noch einmal zur Seite, bei einem – wir kommen wieder zu Literaturzeitschriften, Freibord ist auch tatsächlich sehr wichtig für mich generell, es ist nämlich Gerhard Jaschke jemand, der mich sehr früh schon begeistert hat mit seiner Vortragsart und ich durfte ihn des Öfteren damals sehen und auch eine meiner ersten Veröffentlichungen im Freibord unterbringen. Mittlerweile ist es ja das Feribord und ein Leporello und mit Sabine Freitag gemeinsam haben wir dann ein spezielles Leporello gemacht mit dem schönen Titel: Es ist angedichtet und es gibt eine Menüfolge mit Grießnockerlsuppe, Cordon Bleu, oder Käferbohnensalat und Gugelhupf, auch in Wort und Bild. Wie es entstanden ist habe ich lange bei Lesungen am Anfang gesagt: ja, und am Ende gibt es dann ein Buffet. Es war dann dieser Art. Zum Teil war die Enttäuschung groß, aber es war was zum Mitnehmen und tatsächlich auch irgendwie zum Überbrücken. Was tatsächlich auch gerade sehr gut hierher passt, alle Menschen um uns essen, zu recht, es ist Mittag. Die Kellnerinnen und Kellner werden von uns aber bestens mit Blicken abgewimmelt.

Sie können also mit Blicken abwimmeln? – Ja, mit Blicken kann man abwimmeln. Abwimmeln ist auch ein schönes Wort, eigentlich. Gut.

Zeitschriften, Literaturzeitschriftenaktivist, Papa-Slam Österreichs, genau, könnte man an dieser Stelle aufnehmen, wurde schon erwähnt: seit 2002 veranstalte ich Slams in ganz Österreich. Auftreten tue ich nach wie vor auch, wenn es sich ergibt, lieber natürlich mittlerweile alleine abendfüllend, aber dem Genre Spoken-Word-Poetry bin ich sehr treu, das ist für mich einfach ein eigenes Genre. Man kann natürlich auf der Slam-Bühne machen, was man will, alles was in der Zeit Platz hat, in sämtlichen Sprachen und dergleichen ist herzlich willkommen und erlaubt. Aber es gibt, wenn man die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet, eine Art, die sich herausdestilliert mittlerweile, die eben an die mündliche Literaturtradition anschließt und aber auch genauso am Rap und die eine rhythmische, lyrische Vortragsweise irgendwie zu Tage bringt. Das ist schön und das machen mittlerweile auch viele, das Schöne ist aber tatsächlich auch, dass die Bühne immer vielfältig ist. Also wenn alle nur mehr Spoken-Word-Poetry machten, fände ich das nicht besser als wie es aktuell ist, dass einfach alles Platz hat, vom Dialektgedicht über die Comedy bis zum klassischen Storytelling, das tatsächlich auch noch immer möglich ist in fünf Minuten. Weil fünf Minuten ist bei uns noch immer das gängige Maß. In Frankreich sind es drei Minuten, da gibt es dann kaum mehr Storytelling. Genau. Und da ist halt tatsächlich zu hoffen, dass die Szene diese monatelange Pause gut überstanden hat und morgen geht’s ja wieder los, denn auf einer diesen zehn Bühnen und zwar in Oberlaa – und ich fahre morgen zum ersten Mal nach Oberlaa – wird dann von Mieze Medusa ein Poetry Slam gehosted mit tollen Gästen und ich habe gelesen, die Bühne hat Platz – also nicht die Bühne, sondern der Raum dort ist für 500 Leute zugelassen und mit den aktuellen Abstandsregeln, keine Ahnung, wie groß das sein muss und wie komplett das Gegenteil von einem normalen Slam das sein wird, weil es wird alles riesig sein, man wird von der Bühne aus hoffentlich die Menschen alle noch sehen können, aber es wird tatsächlich das genaue Gegenteil einer ansonsten dichten Atmosphäre. Weil das Verdichten des Publikums und der Texte auf eine bestimmte Zeit ist ja im Grunde das Kernkonzept von Slam und da wird das morgen total ins Gegenteil gestülpt und das wird auf jeden Fall spannend. Ich werde dort sein und dieses historische Ereignis in würdiger Form dokumentieren, vermutlich entsteht eh ein eigener Text daraus. Genau.

Anlässe zum Schreiben gibt es ja momentan tatsächlich genug. Sie haben ja doch auch eine spezielle Form bedient in letzter Zeit, ist das richtig? – Tatsächlich habe ich das gemacht und zwar von dem Zeitpunkt an, wo ich nicht mehr auftreten durfte bis zum ersten Auftritt danach, eben diese 111 Tage, habe ich wöchentlich eine sogenannte Montags-Depesche versendet. Die ist ganz einfach am Montagvormittag entstanden, direkt am Laptop vom Laptop ablesend in die Kamera rein gesprochen, hochgeladen und versendet worden. Das war mein Versuch Publikumskontakt zu generieren in dieser doch langen, langen Durststrecke von 111 Tagen. Und das war im Grunde gar nicht groß geplant, hat sich einfach für mich so ergeben und war dann tatsächlich sehr schön, weil ich richtig viele Mails von Menschen bekommen habe. Und vermutlich war das tatsächlich am meisten Feedback, wenn man sich das genau anschaut, ansonsten, obwohl man Bücher macht und regelmäßig auf Bühnen steht, gibt es schon ein paar Gespräche nach Auftritten oder sonst, aber so gehäuftes Feedback war dann doch schön. Die Menschen waren daheim, sie hatten Zeit, sie haben nette Mails geschrieben, das war eine schöne Erfahrung. Und in irgendeiner Form, hoffentlich nicht wieder Corona bedienend, werden diese Montags-Depeschen im Herbst weitergehen, ich habe Geschmack daran gefunden. Und ich weiß nicht, ob es wöchentlich werden wird, aber ich werde mir den Sommer über da ein neues Format einfallen lassen und das irgendwie weiter machen.

Den Sommer über wird Sie aber auch anderes beschäftigen, wenn ich mich nicht irre? – Da haben Sie vollkommen recht. Gemeinsam mit Peter Clar nämlich mache ich schon seit Jahren ein Projekt, das wir Korrespondenzpoesie genannt haben. Es gibt mittlerweile schon vier Bände, die nächsten zwei kommen bald raus. Das hat damals begonnen im Jahre 2017 oder 16 war Peter Clar in Danzig an der Uni und hat schon sehr viel gearbeitet, aber ich hatte das Gefühl, er ist unterfordert, und ich habe ihn dann mit einem Projekt überrascht, am ersten Mai 2017, tatsächlich an diesem Tag, habe ich ihm geschrieben ein zwölfzeiliges Gedicht mit Konzept, was einfach beinhaltete, er musste am gleichen Tag zwölf Zeilen zurück schreiben und das das ganze Monat lang, den ganzen Mai. Da ist dann der Wonnenbrand daraus entstanden. Zwölf Zeilen meinerseits, seinerseits – geht in den Besitz meines Gegenübers über. Und wir machen das zwei Monate pro Jahr, also Mai und November war es in diesem Fall im Jahre 2017. November heißt natürlich Nebelrolle, sehr viele düstere Gedichte, kaum zu durchblicken die Nebelwände, was sehr passend war, weil ich durfte da die Zeit in Wels verbringen, ich war der Welser Stattschreiber, mit Doppel-t, also weil der reguläre Stadtschreiber, Stadtschreiberin wurde nicht mehr zugelassen, die vorherige war zu rebellisch für den FPÖ-Bürgermeister, und dann wurde das Projekt kurzzeitig abgesetzt, aber gleich wieder von initiativen Menschen per Crowdfunding als Stattschreiber mit doppel hartem t installiert und deswegen durfte ich Novembergedichte in Wels schreiben. Das ist vermutlich eine Form, die es sonst nirgends gibt. Die Orte sind uns immer wichtig, es gibt ein Vösendorf-Gedicht auch in diesem Band. Im ersten Band trumpfen wir gleich groß auf, Peter war in Danzig, dann war ich kurz mal in Tbilisi, ein Wort, das ich nicht korrekt aussprechen kann, oder Tiflis, Georgien, in Istanbul, Danzig, Bregenz – Gedichte rund um den Erdballen, sozusagen. Das darauffolgende Jahr 2018, April: Posterhase, ist naheliegend, im Oktober: Herbstsommer. Der März kommt demnächst, der heißt Märzenbechern. Und der September kommt auch, der heißt Hochlandrindskopf. Und im August dieses Jahres, also im Februar haben wir schon geschrieben wieder, und im August beschäftigt uns dieses Projekt wieder, das heißt in wenigen Wochen werde ich dann wieder täglich zwölf Zeilen – in diesem Fall muss ich warten, also ich lege im Frühjahr immer vor und dann antwortet Peter, und im Herbst legt Peter vor und ich harre den ganzen Tag seiner zwölf Zeilen um dann antworten zu können. Und das Schöne ist auch, nachdem ich die ersten drei Wochen im August in Griechenland verbringen werde, auf Zakynthos bei der Sommerakademie, gibt es dann einfach auch griechische Gedichte, womit es nicht nur einen großen Wels- und Danzigschwerpunkt gibt, sondern auch Zakynthos, Vasilikos. Vasilikos heißt Basilikum und dort werde ich mich aufhalten drei Wochen lang. Genau. Und dieses Projekt wächst und wächst und dann auf einmal sind alle Monate durch und die ersten zwei Monate sind tatsächlich schon rar: bitte sehr!

Sie nehmen jetzt den ersten Schluck Ihres Getränks und es ist tatsächlich schon sehr viel Zeit vergangen. Man merkt, dass Sie das selten machen, aber man merkt auch, dass Sie sehr gerne sprechen. Sie versuchen sich vermutlich, in Form zu sprechen für das Kommende? – Da haben Sie ganz recht. – Sie sind ein guter Gesprächspartner, hat Ihnen das schon jemand gesagt? – Heute noch nicht, vielen Dank!

Es gibt dann natürlich noch weitere Dinge zu verschenken – der ist da rein geraten, es ist ein alter Flyer und ist vermutlich wertlos, außer als Lesezeichen. Das sind einfach Flyer für das DUM, die aktuellen Themen sind hier drauf.

Gut. So viel zum Thema Literaturzeitschriften und Lyrikprojekte im weitesten Sinn. Erwähnenswert und wichtig ist natürlich auch noch, was sonst in letzter Zeit entstanden ist. – Sie scheinen gerne mit anderen Menschen zusammen zu arbeiten, ist das richtig? – Ja, ich spreche zwar auch ganz gern mit mir selbst, aber ich habe durchaus kein Problem, auch andere Menschen zu Wort kommen zu lassen, bzw. in einen künstlerischen Dialog mit ihnen zu treten und weil gerade von Griechenland die Rede war – Da haben Sie die Brücke aber sehr gefinkelt gelegt zu diesem Übergang! – auf Zakynthos vor Jahren habe ich eine Fotografin kennen gelernt, die mittlerweile nicht nur Freundin, sondern auch Partnerin in – Crime ist das Falsche – aber in Art geworden ist. Claudia Rohrauer, großartige Fotografin. Auch sie habe ich dazu überreden können, sie zu überraschen mit einem Projekt. Ich habe sie aber gebeten, dass sie mir Fotos schickt einfach, ein Jahr lang und wie viele Tage vergingen von einem bis zum nächsten Foto, so viele Zeilen Text durfte ich schreiben. Das ist dann tatsächlich so vom Einzeiler, weil am nächsten Tag das nächste Foto kam, bis zum fast Dreißigzeiler gegangen. Und wir haben das auch so gestartet und dachten nie, dass die Rohrköhlauer tatsächlich nicht nur Postkarten, sondern schlussendlich auch ein Buch werden konnten. Auch da muss dem Sonderzahl Verlag wieder gedankt werden. – Haben Sie sich tatsächlich noch nicht beim Sonderzahl Verlag in diesem Gespräch bedankt? Na dann haben Sie aber höchste Zeit, dass Sie das machen! – Vielen Dank Matthias Schmidt und Dieter Bandhauer für die großartige Zusammenarbeit. Anfangs haben wir nur in Postkarten gedacht, die im Sommer auch sehr gut einsetzbar sind als Fächer, die Katzenklappe, den Türsturz, die Abschussrampe und das Leitungslos darf ich hiermit auch meinem Gesprächsgegenüber, das ich offiziell nicht ansprechen soll, aber natürlich auch mache, überreichen. Vom Buch muss ich erst wieder Exemplare besorgen.

Und wir machen das Projekt auch weiter, mittlerweile in anderer Form, und das Jahr ist ja um. Mittlerweile schickt sie in unterschiedlichsten Rhythmen Bilder und wir bestimmen aber immer schon vorher die Form der Texte. Also beim Herbst hat sie immer zwei Bilder geschickt und das Ziel war, eine Seite zu schreiben, aber zu einem Bild nur eine Zeile und zum anderen die restliche Seite. Und aktuell haben wir es auch bei zwei Bildern und diesmal mit halbe-halbe. Und Fotos als Impulse zum Schreiben finde ich großartig, das öffnet Schleusen, die vielleicht ein konsequent per-Sie geführtes Selbstgespräch, wenn es denn lange genug geführt würde, öffnete. Wenn man sich nicht zu sehr dann doch an den mitgebrachten Erinnerungs- und Geschenksstücken hielte, die zum Großteil eh schon übergeben wurden, aber die Zeit ist ja auch schon knapp. Dazwischen hat sich noch ein Lesezeichen, wiederum vom Sonderzahl, rein geschlichen, das geht auf Jammern auf hohem Niveau zurück, ein Buchtitel aus dem Jahre 2017, ein Barhocker-Oratorium. Auch hier merkt man die Vorliebe für besondere Formen raus, Oratorium wollte ich immer schon mal schreiben. Dass es allerdings den Titel trägt, der eigentlich jetzt, zur Zeit, aktuellst passen würde, also Jammern auf hohem Niveau kann man tatsächlich aktuell sehr gut, das wusste ich damals nicht. 

Was zwischen den Zeilen steht ist auch nur Durchschuss. Steht da drauf. Und, damit, und obwohl ich es vorher nicht strukturiert habe, ergibt sich automatisch als letzter, auf jeden Fall einzubringender Punkt noch die Arbeit für Kinder, mit Kindern, über Kinder. Und die stellt ja auch eine ganz besondere Verbindung mit meiner Gesprächspartnerin, die mir gegenüber sitzt, dar. Ich durfte noch nicht lesen, was mein Gegenüber über Ganz schön frech geschrieben hat, aber ich freue mich schon, das irgendwann lesen zu dürfen. Auch hier gibt es wieder eine schöne Entstehungsgeschichte. Ich habe tatsächlich wenig Berührungspunkte gehabt in meiner Kindheit und Jugend mit Büchern und bin ganz schlecht bewandert in Kinder- und Jugendliteratur. Habe das versucht später dann etwas aufzuholen, aber das wird natürlich nie so gelingen, weil die Erstlektüre im passenden Alter natürlich die prägende und wichtige wäre. Aber ich habe immer schon gerne mit Kindern zusammen gearbeitet und durfte dann ein Schulprojekt von Barbara Hundegger übernehmen, die damals absagen musste. Bin dann kurzfristig eingesprungen und hab erstmals mit Volksschulkindern gearbeitet. Vorher mit anderen Altersstufen, das habe ich regelmäßig gemacht, da passt Slam Poetry ganz gut rein immer. Aber mit Kindern, mit tatsächlich, ja, Zweitklasslern zum Teil, zu arbeiten war eine neue Erfahrung und hat auch großartig funktioniert. Und hat einfach so viel Spaß gemacht, dass tatsächlich dann auch ein ganzes Kindergedichtebuch, das nicht nur Kindergedichte enthält, sondern hoffentlich für die ganze Familie tauglich ist, entstanden ist. Und viele davon sind wirklich Wunschgedichte, weil ich die Kinder gefragt habe, was sie interessiert. Und dann gab es von mir aus Freibad als Thema und dann habe ich ein Freibadgedicht geschrieben. Und Roboter, natürlich, Roboter sind ein ganz, ganz wichtiges Thema und dann gab es den Schlotterroboter. Und vieles mehr. Und alleine die Aufenthalte in den Klassen waren irgendwie schon so befreiend wieder weil – da komme ich vielleicht zum Anfang des Gesprächs zurück, wo ich das mit dem Selbstlob erwähnte und wie sehr man das als Kind vielleicht selber eh gemacht hat, bis es einem ausgetrieben wurde, aber wie spielerisch und eben kindlich und sprachfreudig und kreativ Kinder im jüngsten Alter schon an die Sachen herangehen. Ich habe sie Berufe erfinden lassen und ein Kind hat dann tatsächlich als Berufswunsch geäußert: ich möchte Linksanwältin werden. Da habe ich mir gedacht, ok, großartig, dir ist eine großartige Zukunft beschieden, wenn nicht als Linksanwältin, dann auf jeden Fall als Sprachjongleurin. Und ähnliche Erlebnisse fanden einfach statt und das hat dann nicht nur zu diesem Buch geführt, sondern auch zu einer mittlerweile schon über drei Jahre dauernden Kooperation mit dem LUX, das Magazin für helle Köpfe. LUX hat es damals zu unserer Zeit noch nicht geheißen, da gab es Die Spatzenpost und Das kleine Volk. Und Das kleine Volk ist im Grunde das LUX, oder das LUX ist Das kleine Volk von heute. Mittlerweile gibt es für jede Schulstufe eines. Und ich schreibe da, also ich habe da drei Jahre lang über Gemütszustände, die sich treffen, geschrieben. In diesem Fall ist das die Sportlichkeit und – und wer trifft die Sportlichkeit? – die Sportlichkeit und die Freude vermutlich, keine Ahnung, zwei Gefühle treffen aufeinander und lernen sich kennen. Das wird illustriert und mit Arbeitsblatt versehen und da gibt’s zum Teil Fanpost und ich bin ganz gerührt und weiß irgendwie gar nicht, wie ich damit umgehen muss. Außer dass ich die Serie nach drei Jahren beendet habe, nicht dass mir die Gefühle ausgegangen wären, aber es war Zeit für ein neues Projekt und ab Herbst erscheint dort ein Kühlschrankkrimi in Fortsetzung, ein Jahr ist schon geschrieben. Und die Gurke Ursula ist die Hauptprotagonistin und die Streichwurst Berta spielt auch eine wesentliche Rolle, weil sie ein Relikt aus vergangenen Kühlschranktagen ist, die wurde einfach vergessen im Kühlschrank, nachdem der Kühlschrank vegetarisiert wurde und sie als letzte Kühlschrankwurst auf der Wand des Kühlschranks klebt, hat sie dann doch einen eigenen Blick auf die Welt. Und Jo Römer macht da großartige Illustrationen dazu. Das ist Teil meiner Arbeit geworden, ich habe nie geglaubt, dass ich für Kinder so viel machen kann und das freut mich total. Und das kann ich leider nicht herschenken, davon habe ich nicht mehr. Vielleicht entsteht aus den Gefühlen ja auch mal ein Buch, das wäre auch eine Freude, sechzig Gefühle treffen sich.

Ja. Was ist das für ein Gefühl, fast eine Stunde sich selbst befragt zu haben, fünfzig Minuten immerhin schon? In einer Minute stürmt vermutlich – nein, ich kenne sie besser, sie wird erst in zehn Minuten hier herein stürmen und dann noch pünktlich genug sein. – Fünfzig Minuten, das wage ich zu behaupten, dass ich das tatsächlich so sicher noch nicht gemacht habe. Man hat vermutlich an diversen Theken zu später Stunde schon ähnlich lange gesprochen, aber ich hoffe doch nicht nur alleine, sondern nur wenn das Gegenüber nicht mehr fähig war, in ein tatsächliches Gespräch zu treten. Aber ich fand diese Erfahrung großartig, ich bin auch eigentlich mit den Erinnerungsgeschenkstücken durch, ja, ein zerknitterter Flyer bleibt mir, ein ganzer kommt noch zum Paket, zum Geschenkspaket für Astrid Nischkauer, jetzt darf ich, am Ende des Gesprächs ja den Namen verraten, der vermutlich auch ganz oben zu lesen ist. Und es sei an dieser Stelle auch Ihnen ein Lob ausgesprochen, dass Sie so vollkommen schweigsam eine Stunde mir gegenüber sitzen konnten, aber trotzdem Gesprächsaufnehmsignale von sich gaben. Jetzt Sieze ich Sie auch, weil wenn ich mich Sieze kann ich Sie jetzt auch noch Siezen. Und tatsächlich, wer kommt, wer kommt herein, pünktlich und ich hab’s nicht geahnt? Und so können wir denn doch tatsächlich wunderbar mit dem Herannahen von Mieze Medusa dieses Gespräch zum Abschluss bringen, Quantas knurrt noch, und Quantas knurrt noch, als letzten Satz des Selbstgespräches finde ich großartig, danke, Sie haben sich an die Zeit gehalten, Sie sind fertig, haben Sie noch etwas zu sagen? – Vielen Dank für die Möglichkeit, mich eine Stunde selbst erforschen zu dürfen und dabei gelegentlich ein Lächeln, gelegentlich ein Knurren von unter dem Tisch zu hören, es war mir ein großes Vergnügen, Punkt.

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