Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Nils Röller

 

Herzlichen Dank für die Einladung, ein Selbstgespräch in Astrid Nischkauers Gegenwart zu führen. Notiert habe ich zuvor, dass ich folgendes sagen werde: Das, was ich denke, was ich spreche, das lebt mit dem, was andere sprechen, denken, gedacht und geschrieben haben. Seit einiger Zeit ist eine Überlegung wichtig, die sich mit den englischen Worten „work that place“ fassen lässt. Also am Ort arbeiten und ihn durchzuarbeiten. Es ist eine Formulierung von Charles Olson. Sie fordert dazu auf, das Außen einzubeziehen. Olson denkt dabei die Schreibmaschine mit. Die Schreibmaschine trägt dazu bei, dass Dichtende, Schreibende, ihren Atem exakt ausdrücken können. Das Notieren mit Abständen, mit Blanks, mit der Freistelltaste, das wird durch die Schreibmaschine zu einer kalibrierten Setzung von Signalen, die angeben, wo geatmet werden kann, wo es Pausen gibt, wo das Herz aktiv ist. Das Herz verbindet Olson mit dem Atem. Der Atem wird vom Herz gesteuert. Diese Steuerung kann dank der Schreibmaschine exakt durch die Schreibenden gesetzt werden. Und warum ist das jetzt wichtig mit dem Außen und dem Atem? Work that place?

Weil ich derzeit an dem Projekt „Alpentram“ arbeite, konzentriere ich mich in diesem Selbstgespräch auf die Straßenbahn in Zürich. Sie taktet, sie hat sehr wenig Verspätung. Es wird kaum geredet im Zürcher „Tram“, im Unterschied beispielsweise zu denen in Köln, wo Lebensgeschichten, Scheidungen, Erfahrungen bei Psychoanalysen mitgeteilt werden. Das geschieht in Zürich nicht. Es ist relativ leise. Die Leute schauen auf ihre Smartphones, manche kämmen und schminken sich im Tram. Sie finden auf der Eckbank am Ende des Trams einen Erker, in dem sie sich wie in einem Turmzimmer pflegen. Eine andere Wahrnehmung führt zu dem Fußboden. In Zürich ist der Fußboden des Trams kalkuliert nicht kalkuliert. Er ist hochgradig planvoll eingesetzt, aber kein Muster ist zu erkennen. Farben, die jemand oder ein Auswahlgremium als Farben in Zürichs Umgebung bestimmt hat, die sind dort im Muster vorhanden, sind eingemischt worden in das Granulat, das dann auf den Fußboden aufgetragen wird. Blau für Zürich, Weißgrau, Schwarz und Rot. Ich sehe eigentlich nicht so viel Rot in Zürich, doch es hat bestimmt einen nachvollziehbaren Grund auch für diese Farbe im Fußbodenbelag. Ich verstehe das Tram als herausfordernden Aspekt des Orts, an dem ich lebe. Es ist ein Ort, an dem evident wird, wie hochgradig formatiert, organisiert eine „polis“ sein kann. Und damit ist auch angesprochen, dass viel funktioniert in der Schweiz. Gleichzeitig führt diese Formatierung dazu, dass meine Blicke und die Blicke vieler Leute auf einen Fußboden gehen, der geplant ist, aber kein berechenbares Muster ergibt. Und da läuft dann die Wahrnehmung ins Leere.

Das andere ist die Trennung zwischen Außen –  Raum, Platz – und dem Innen, das vielleicht das Selbst ist, das klassische. Zur Diskussion steht damit, dass die Schriftstellerin solipsistisch ist, weil sie mit sich selbst beschäftigt ist. Diese Vorverurteilung wird von Olson aufgehoben. Atem, Gefühl, Herz sind für ihn mit dem Kosmos verbunden: Dadurch dass wir leben und dass es Leben überhaupt gibt. Und damit wird Achtgeben auf den Atem, den Herzschlag, das wird etwas, das mehr ist als das individuelle Selbst. Dazu lädt Olsons Denkfigur ein: Auf den Atem zu achten, bei der Arbeit am Ort. Olson lebte und arbeitete in der Fischindustriestadt Gloucester. Sie denkt und erschreibt Olson in Verbindung mit dem Herz, mit dem Inneren. Das ist nicht Gefühlsduselei, sondern eine Entideologisierung des Selbst. Das möchte ich nochmals mit dem Filmemacher Fernando Birri aus Argentinien sagen. Ich hoffe, er lebt noch, zuletzt lebte er in Rom. Fernando portraitiert einen Jesuiten in Venezuela oder Kolumbien. Und der sagte, auf die Frage, was er da macht, da sagte der Jesuit, er versuche Knowhow für das Überleben weiter zu geben, damit die Leute ihr Leben fristen können, trotz der Drogenkriege. Und er sagt, es geht darum, den Pflug mit einem Stern zu verbinden. Das eine hier auf der Erde, der Pflug, oder das Hiersein, das zu verbinden mit dem Fernen, das über alles hinausgeht und kosmisch ist. Diese Verbindung höre ich aus Olsons Denkfigur heraus.

Soll ich noch weiter sprechen? Mich interessiert das Leerlassen, das Platzlassen auf einer Seite, einem Blatt Papier, dann, wenn nur zuweilen ein schwarzes Schriftzeichen, ein Satz, ein Satzzeichen zu sehen sind. Ein Satz hält die Aufmerksamkeit, vielleicht auch nicht, und dann fällt der Satz zur nächsten Seite hinüber, oder die Aufmerksamkeit springt auf der Seite zu anderen Zeichen oder Leerstellen. Ich glaube, dass in Gedichten gerade durch die Leerstellen auf der Seite etwas Anderes geschieht, was nicht in Prosa und im Drama zu finden ist. Ich denke, dass in Gedichten eine andere Verschränkung von Zeit und Raum möglich ist: Ich lese etwas, bin in einer Art Struktur, und andererseits ist da eine Pause oder Nicht-Gefülltes, es bleibt etwas leer in der Zeile, ich soll damit etwas machen, mein Auge springt, es springt auf der Fläche der Seite. Ich glaube, dass wir da etwas Wichtiges haben. Am Dienstag habe ich mit dem Buch-Gestalterdenker Walter Pamminger darüber gesprochen. Er denkt das Buch als Architektur, als Gebäude.

Hinzu kommt: Ich habe auf der Fahrt nach Wien das neue Buch von Gustav Sjöberg gelesen. Er hat im „Schreibheft“ Gedichte und einen kurzen Text „zur blühenden Allmaterie“ veröffentlicht. Das ist auch der Titel des Buches, das bei Matthes & Seitz in diesem Frühjahr erschienen ist. Ein Fundstück in dem Buch ist das Wort „Konsens“. Gustav entwickelt es im Dialog mit dem „consensus“ von Campanella, dem Renaissancephilosophen. Campanella versteht darunter „Mitsinn“. Er setzt voraus, dass alles: Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine etwas Geschaffenes sind, so wie auch Zeichen, Dichtungen und Kunstwerke geschaffen sind. Sie sind etwas Geschaffenes, das miteinander Sinn ergibt. Das führt zum Verständnis von Dichtung als Naturphilologie bei Gustav Sjöberg. Eine Dichtung als Naturphilologie schreibt mit den Pflanzen, mit den Steinen, mit der Erde, nicht über sie, auch nicht um sie herum. Diese Dichtung wirkt für kosmische Gärten und nicht für Gärten als begrenzte manipulierbare Räume. Für kosmische Gärten zu wirken, das ist ein dichterischer Anspruch: Das Entstehende, das, was entstanden ist, als etwas zu schätzen, das wie Zeichen da ist, mit ihnen sinnt.

In dem Projekt „Alpentram“, an dem ich gerade arbeite, untersuche ich eine klassische Form, den Alexandriner, wie ihn Albrecht von Haller, der Naturforscher und Dichter, verwendet. Den setze ich ein, um das Tram in Zürich zu erschreiben. Und ich merkte beim Schreiben, dass etwas hineinkommt. Es wirkt merkwürdig, aber eben nicht verfremdend, jetzt den Alexandriner zu verwenden, um Gegenwart zu beschreiben. Ein Grund für die Merkwürdigkeit ist, dass ich eine klassische veraltete Form verwende, um ein Objekt wahrzunehmen. Der Alexandriner wird zu einem Sichtrohr und das Tram wird zu einer Röhre, in der ich mich bewege, und das nehme ich durch den Alexandriner wahr. Zwischen den Rohren geraten einzelne Worte in den Fokus und Details wie der Fußboden im Tram. In diesen Erkundungen entstehen Objekte, die mit der Wahrnehmung, mit den Fern-und Nahrohren, verschlungen sind und dann heraus präpariert werden können. Das Wahrnehmungsrohr ändert sich dabei.

Und das führt auch dazu, dass Indien präsent wird. Der Himalaya gerät in das Langgedicht „Die Alpen“, und indische und tamilische Dichterinnen sind im Tram zu lesen und zu hören. Ich lese Malathi Maithris Gedichte. Sie und die Dichterinnen Salma, Kutt Revathi und Sukirtharani sind dafür, dass sie Gedichte schreiben, in den Medien verurteilt und verfemt worden. In dem Gedicht „Wellen“ erwähnt Malathi einen Bus, der sich im Fenster eines Hauses spiegelt. Das lyrische Ich ist im Haus gefangen, schaut aus dem Fenster, öffnet den Computer und plötzlich erscheint eine Zeile in einer Email. Sie wirkt wie ein Gedicht, lässt „den Rest“ verschwinden. Bei Malathi und den genannten Dichterinnen wird eine Kraft evident: Das Vermögen von Dichtung, aus der Isolation, die Gesellschaft Frauen auferlegt, zu entkommen.

Auf den Dichter Joy Goswami möchte ich nun zu sprechen kommen. Er schreibt Bengali, 200 Millionen Leute sprechen diese Sprache. Meine Freundin Sampurna Chattarji hat ihn aus dem Bengali ins Englische übersetzt. Goswamis Gedichtband „Surjo-Pora Chhai – Von der Sonne gebrannte Asche“ ist bei Fahrten mit dem Tram oder Bus entstanden. Es nimmt die Unterbrechungen beim Bremsen des Trams oder bei der Fahrausweiskontrolle auf. An Goswamis Gedichten beschäftigt mich, dass er von Konkretem ausgeht, zum Beispiel von einem Fischer am Strand. In Wassertropfen, die seine Schritte aufspringen lassen, erkennt Joyda die Bewegung von Meteoriten in der Dämmerung. Damit ist er beim Kosmos. Joyda, so nennt ihn Sampurna in ihrem Vorwort, gelingt eine Wahrnehmung, die etwas im Alltag erfasst und es mit dem All verbindet. Das erste Gedicht in Joydas Buch ist Niels Bohr gewidmet. Es lässt einen Baum im Wasser wurzeln. Seine Blätter hat Opferblut gefärbt. Das lyrische Ich jagt der  Asche des Baums nach, fasst sie. Dann bricht das Gedicht auf. Im Bruch findet es einen Atomwirbel. Ein Indien, das ich durch Lektüren von Joyda, auch von Bhanu Kapil kennenlerne und durch Reisen und Aufenthalte, das schreibt sich in das Tram-Gedicht ein. Und das ist für mich der Anlass, erneut auf den „place“ zu sprechen zu kommen. Olson schreibt in Gloucester. Albrecht von Haller beschreibt ein Dorf in den Alpen. Er beschreibt es als Idylle. Für ihn war das nicht verdächtig, weil er es unter dem Aspekt von Freiheit denken konnte.

Sich heute mit einem Gedicht zu beschäftigen, das in den Alpen eine Idylle konstruiert, das impliziert auch die Funktion dieses Topos in national gesinnten Diskursen zu reflektieren. Deswegen sind für mich die indischen Dichterinnen sehr wichtig. Sie dichten in der Diaspora. Das heißt, sie fühlen sich Indien verbunden, schreiben aber häufig – nicht Joyda, aber zum Beispiel Bhanu Kapil oder Sampurna Chattarji – auf Englisch, weil sie sagen, dieses Englisch ist eigentlich ein Hilfsmittel, ein Mittel gegen den Nationalismus in Indien. Sie leben in England oder in Amerika, sind aber Indien sehr verbunden. Das ist zum Beispiel die Situation, aus der Banu Kapil Grausamkeiten gegenüber Frauen thematisiert, zum Beispiel das, was 2012 an der Service Road zum Flughafen Neu Delhi geschehen ist, was aber auch an anderen Orten in der Welt geschehen kann, das arbeitet Bhanu Kapil auf. Und dieses Indien mit seiner Diaspora, gerät in das Tram-Gedicht, schlägt Funken der Aufmerksamkeit. Ich möchte nicht die Form vor der Materie schützen, sondern erkunden wie Form wirkt. Ich hatte in Vorbereitung für unser Selbstgespräch auch überlegt, dass für Formen historische Entwicklungen wichtig sind, dass sich Zeitformen des Dichtens beim Reiten auf Kamelen entwickelt haben. Da bin ich wieder bei Fortbewegungsmitteln, die Form gebend wirken. Das Tram ist ein Wüstenschiff, das ich untersuche.

Ein wichtiger Punkt ist, dass zwischen Dichtenden und Welt etwas wirkt: Das Kamel, das Tram, das kann auch so etwas wie die Schreibmaschine oder schlicht die Kombination Papier/Bleistift sein: Alles was Form bildet. Das Nachdenken und Dichten in alten Formen ermöglicht Differenzerfahrungen. Das wird unterstützt durch ein Argument von Karen Barad, das Schnitte akzentuiert. Barads Argument ist an den Naturwissenschaften orientiert. Sie argumentiert, dass Messapparaturen die Differenz zwischen Experiment und Welt erzeugen. Verkürzt: Apparaturen erzeugen Welt. Damit können wir Form als Messapparatur denken. Wir können sie wahrnehmen als Schnitt, als nachvollziehbaren Schnitt zwischen dem, was ein Innen und Außen konstituiert. Noch ein Supplement dazu. Ich überlege, dass Form eine Chance ist, sich selbst zu dekolonialisieren und sich auszudifferenzieren: Was steckt und wirkt in einem ein Muster, was wird an Wahrnehmungen und Vorurteilen damit bedient und nicht befragt? Das andere ist, wie lassen sich Muster vermeiden, aufgeben? Diese Frage ist eine der Kritik. Sie wird derzeit in der Neubewertung der Philologie, wie sie Hamacher und Cacciari vorschlagen, gestellt. Ich verstehe Philologie als Frage danach, was Textformen mit uns anstellen, oder was wir mit ihnen anstellen. Kritik führt zu Aufmerksamkeit, die es zu entwickeln gilt. Nicht im Sinne von besser-schöner-weiter. Sondern es steht an, die Kritik weiter zu treiben, zu dem zu treiben, was Diaporie genannt werden kann, die Entzweiung der Ausweglosigkeiten.

 

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