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Literarische Selbstgespräche

Von und mit Rhea Krčmářová

Als du dir dieses Konzept vom Literarischen Selbstgespräch angeschaut hast, hat dich das doch an etwas erinnert, oder?

Stimmt. Mich hat es an die Zeit erinnert, bevor ich Sprachkunst studiert habe, als ich als Journalistin im Livestyle-Bereich gearbeitet habe. Und ja, ich war jung und brauchte das Geld. [auflachen] Du kannst dich als Interviewer, als Interviewerin natürlich immer nur bis zu einem gewissen Punkt einlesen, kannst natürlich nicht alles wissen, was ein Experte, eine Expertin wissen, die oft 15, 20 Jahre oder mehr Erfahrung auf dem Gebiet haben. Ich fand den Teil am Schluss immer am spannendsten, als ich meine Fragen abgearbeitet hatte – wobei auch die Fragen einen manchmal zu unerwarteten Zwischenfragen führen konnten. Ich habe das Interview immer mit der offenen Frage beendet: Gibt es etwas, was ich  nicht gefragt habe, etwas, was man wissen sollte? Was ist Ihnen ein Anliegen, das man kommunizieren sollte? – Da kamen oft noch sehr, sehr spannende Sachen dazu, an die ich als Interviewerin oft gar nicht gedacht hätte. Ich finde, diese offenen Fragen könnte man noch viel mehr etablieren, insofern finde ich dieses offene Gespräch und dieses offene Interview eine ausgesprochen spannende Form.

Was möchtest du also gefragt werden?

Ich möchte gefragt werden: Was meinst du mit transmedial und was meinst du mit Textkunst?

Du schreibst „transmediale Textkünstlerin“ ja immer in deine Biographie und du bekommst eigentlich sehr wenige Nachfragen, obwohl den Leuten oft nicht klar ist, was du meinst. Was also meinst du mit transmedialer Textkunst?

Ich nehme den Text als Material. So wie eine Malerin die Farben, die Leinwand, die Pinsel hat und damit arbeitet, oder zum Beispiel eine Schneiderin oder eine couturière etwas aus Stoff machen, möchte ich etwas aus Texten machen, aus Worten.

Text hat ja auch mehrere Ebenen. Einerseits hast du die klangliche Ebene. Dieses Melodische, wo es fast schon in Musik übergeht. Textklang muss ja auch nicht unbedingt verständlich sein, das ist auch der Grund, warum ich manchmal musikalische Elemente oder Wörter aus anderen Sprachen verwende, einfach nur des Klangs und der Ergänzung wegen. Eine weitere Ebene ist natürlich der Kontext, der Zusammenhalt, der Inhalt, den man transportiert. Mich interessiert beides, sowohl Form, als auch Inhalt. Transmedial heißt für mich, dass ich Folgendes erforschen will: Verändert sich der Inhalt oder der Kontext, wenn man den Text in ein anderes Medium bringt? Wenn ja, wie?

Insofern ist es für mich persönlich sehr wichtig, wie man Texte liest, wie man Inhalte kommuniziert, und dass man versucht, einen Text gut rüber zu bringen. Für mich ist eine Performance, oder eine Lesung etwas anderes, als zu Hause zu sitzen und den Text für sich selber zu schreiben und zu lesen. Für mich kommt da ein anderes Medium dazu, das auch wichtig ist. Ich erlebe es leider immer wieder, dass Autorinnen, Autoren großartige Texte schreiben, aber ihre Texte zerlesen. Sie hudeln drüber, geben den Texten nicht den Raum, den sie verdienen. Ich weiß, es klingt jetzt harsch, ich will niemanden kritisieren, aber mir tut das immer leid, weil das sehr oft sehr gute Texte sind und durch die Art, wie sie gelesen werden,  manchmal an ihrer Schlagkraft, an ihrer Wirkung einbüßen. Natürlich können die meisten Autorinnen, Autoren nicht so lange Schauspielunterricht nehmen, bis sie lesen wie, sagen wir einmal, ein Klassiker wie Oskar Werner. Das ist unübertroffen und so gut lese ich auch nicht. Mir ist es aber wichtig, beim Lesen den eigenen Texten den Platz und die Wirkung zu geben, die sie verdienen. Auch, weil einem die Texte oft besser in Erinnerung bleiben. Wobei ich natürlich auch verstehe, dass bei Lesungen auch Faktoren wie Aufregung ins Spiel kommen, aber man kann sich ja Hilfe holen.

Was mich auch sehr interessiert ist, welche Rolle Typografie und Textgestaltung spielen. Wenn ich einen Text schreibe, probiere ich gerne mal aus, wie es sich für mich anfühlt, wenn ich ihn zum Beispiel mit einer Groteskschrift schreibe, oder in einer Sans-serif, oder einer Typewriterschrift. Wie ändert sich das? Was ist der Kontext des Textes, gibt ihm das (Typo)grafische etwas dazu, nimmt es ihm etwas weg? Ein Punkt auf meiner Projektliste ist, mich noch mehr mit Typografie zu beschäftigen. Ich habe vor einiger Zeit eine eigene kleine Handschrift-Font entwickelt, und möchte das ausbauen, vielleicht noch mehr eigene Schriften machen. Ich finde das sehr spannend. Wobei es auch da Autoren und Autorinnen gibt, die sich ausschließlich auf den Inhalt konzentrieren und das Typographische dann Profis überlassen, was auch absolut in Ordnung ist. Für mich ist es aber immer interessant zu sehen, wie man das Ganze gestaltet. Das ist für mich Textkunst und das Transmediale: Hinausgehen und den Text in verschiedenen Medien probieren. 

Welche Medien interessieren dich?

Welche interessieren mich nicht? – [auflachen] Etwas, mit dem ich im Moment experimentiere, ist die Schnittstelle zwischen Text und Textil. Die Idee ist, Gedichte zu schreiben, dann die Texte in Fotoshop zu bearbeiten und sie auf Textil zu drucken, damit ich zum Beispiel einen Schal oder einen Rock mit meinen eigenen Texten machen und tragen kann. Wenn ich erst einmal die erste Fassung meines nächsten Buchs fertig habe, werde ich das umsetzen. Ich habe auch angefangen, Gedichtschmuck zu machen „wearable poetry“, zum Beispiel ist mein Armband ein kleines Gedicht auf Englisch, ein erster Versuch.

„wearable poetry“ von Rhea Krčmářová

Der Grund, warum mich das interessiert ist, dass Text in der Mode sehr oft als Dekor verwendet wird, ohne Kontext. Ein klassisches Beispiel sind Markennamen. Viele Menschen  haben auch Kleidung, die irgendwo dekorativ beschriftet ist. Wenn du die Leute fragen würdest: Was steht hinten auf deiner Jacke drauf? Was steht auf deinem Hosenbein? Könnten die meisten es gar nicht sagen. Mich interessiert, ob man aus diesen Texten Gedichte machen kann, damit die Kleidung zu einer Art Gesamtkunstwerk wird. Ich versuche, soweit es geht, keine sichtbaren Markennamen zu tragen, sondern wenn schon lieber eigene Texte. In dem Kontext ist natürlich auch spannend, dass es hier im westlichen Raum Leute gibt, die chinesische Schriftzeichen oder andere Symbole tragen, die oft nicht wirklich etwas Sinnvolles bedeuten. Die Leute glauben, das Zeichen heißt „Jahr des Drachen“ und dabei heißt es vielleicht „Sauerkraut in der Dose“. Gleichzeitig hat man das gleiche Phänomen offensichtlich in China und Japan, wo englisch klingende Texte, die oft keinen Sinn ergeben, auf T-shirts und Ähnliches gedruckt werden. Der Autor Jasper Fforde hat das in seinem ersten Thursday-Next-Roman verwendet, um seiner Heldin Thursday Next bei ihrer Mission in Japan Hinweise zu geben, wohin sie gehen muss. Texte, die so random, so zufällig aussehen, wurden zu Hinweisen für die Heldin, auch eine spannende Idee.

Da mich interessiert, wie man Texte anders präsentieren kann, bringe ich mir auch Nähen und Sticken bei. Mich faszinieren alle Arten von Stickerei, außer Kreuzstich, so tief bin ich noch nicht gesunken. Ich möchte erforschen, wie ein Text oder ein Gedicht wirkt, wenn man es zum Beispiel gestickt in einem Rahmen sieht, versus wenn es auf eine Buchseite gedruckt ist. Ich arbeite an einem Gedichtband, der den Arbeitstitel niemals nicht zerbrochen trägt. Die Idee für dieses Projekt ist, dass ich, wenn ich besser sticken kann, den Gedichtband mit Stickbildern illustriere. Wobei ich natürlich noch einen Verlag suche, der offen genug ist für solche Experimente.

Gestickte Gedichte von Rhea Krčmářová

Ich arbeite auch an transmedialen Performances. Wenn man Performances mit Videobeamern und Projektionen sieht, ist es sehr oft so, dass Bilder und die Lesung nebeneinander laufen. Das ist natürlich eine Art, das zu machen. Mich interessiert aber, wie man beide Medien noch mehr zusammenbringen kann. Ich habe zwei Performances mit 4youreye entwickelt, wo ich als Performerin ein Teil des Bildes bin. (Schauen wir, wie es mit den Performances in Zeiten von Covid weitergeht). Und natürlich gilt auch hier: klassische Lesungen sind etwas Wunderbares, ich übe absolut keine Kritik daran. Mich interessiert nur einfach das Mehr – also das Typografische, Videopoesie, Poesieperformances. Ich habe vor einiger Zeit auch begonnen, eigene Performances mit Videos zu machen. Ich drehe meine eigenen Videos und lese dann entweder dazu, oder ich singe und man sieht den Text des Gedichts als Teil des Videos. Für das Gedicht Fragen einer lesenden Arbeiterin habe ich mich ganz bewusst für eine der italienischen Arie antiche entschieden (Amarilli von Giulio Caccini), auch im Wissen, dass dieses Renaissanceitalienisch sehr vielen Leuten nicht so geläufig ist, das heißt, dass die Leute dann zwar den Klang und die Worte haben, aber sich trotzdem auf den Film und das Gedicht im Film konzentrieren. So kann man zwei Arten von Texten inkludieren, aber sie ergänzen sich und lenken nicht voneinander ab. Ich würde auch gerne auf Latein singen, oder vielleicht irgendwelche mittelalterlichen Choräle, wobei ich jetzt nicht christlich bin. Es gibt sehr, sehr schöne altböhmische Choräle, die teils Latein, teils Alttschechisch gesungen werden. Auch da würde das Publikum den gesungenen Text einfach nur als Geräusch, als Klang wahrnehmen und könnte sich auf die Worte im Video konzentrieren.

Ich muss natürlich auch schauen, dass die großen Projekte, die ich habe, auch zu Ende gebracht werden.

Hast du gerade ein großes Projekt? 

Oh ja, ich schreibe gerade einen neuen Roman. Arbeitstitel Mias Gesetz, es geht um Monster in der Essstörungsklinik.

Wieso Monster?

Mythologie interessiert mich extrem, ist eins der Themen, wo ich mich einlese, vertiefe, durcharbeite. Was ich sehr spannend finde ist, erstens Mythologie als Geschichten, die die Menschheit verbinden. Das ist etwas, was sich durchzieht, was wir mit unseren Vorfahren gemeinsam haben, mit Ahnen, auch im übertragenen Sinn.

Als jemand, die Fluchthintergrund hat und sehr früh von ihrer Großfamilie abgeschnitten war (und auch durch meine verstreute Familiengeschichte im Allgemeinen) fehlt mir dieser kontinuierlichen Zugriff auf Großeltern, Urgroßeltern, diese lineage, wie es auf Englisch heißt und die viele haben. Insofern interessiert mich lineage mehr im übertragenen Sinn. Was ist das, was uns verbindet, was ist das Allgemeinmenschliche? Mythologie ist eines der verbindenden Elemente, und es gibt nach wie vor eine große Sehnsucht nach diesen Geschichten. Das sieht man daran, wie erfolgreich die Avengers-Filme sind, Superhelden-Comics, American Horror Story auf Netflix, Penny Dreadful, alles das. Oder daran, dass viele Geschichten seit 150, 200 Jahren immer wieder gelesen und bearbeitet werden. Manche der Stoffe sind sogar noch älter. Viele der Elemente, die wir aus der klassischen Antike kennen, oder aus der germanischen Mythologie, finden sich in mehr oder minder transformierter Form in modernen Geschichten wieder.

Andererseits frage ich mich dann auch, was die Rolle der Mythologie in unserer modernen Zeit ist. Mich interessiert Mythologie als Erklärung, versus Mythologie als Sehnsucht nach einer Erklärung.

Was meinst du damit?

Es gibt ja die Theorie, dass Menschen früher die Mythologie gebraucht haben, um für eine Welt, die sie nicht verstanden haben – eine Welt die komplex war, eine Natur, die zerstörerisch war, übermächtig – eine Erklärung zu haben. Wenn es donnert, dann ist das der Donnergott, der wirft die Blitze. Ich frage mich, ob das tatsächlich so war. Oder gab es die mythologischen Erklärungsversuche vielleicht deswegen, weil die logischen und geläufigen den Leuten einfach nicht grandios, magisch, spektakulär genug waren? Unter diesem Aspekt könnte man sich natürlich auch Verschwörungstheorien anschauen, zum Beispiel die Corona- und die Flacherde-Theorien. Wir leben in einer sehr wissenschaftlichen Welt, in der es für die meisten Sachen sehr rationale Erklärungen gibt. Ich frage mich, ob hinter diesen Verschwörungstheorien und Erklärversuchen, die auf den ersten Blick sehr irrational erscheinen, nicht vielleicht ein gewisser Wunsch nach mehr Mythologie, mehr Märchen, nach einer zauberhafteren Welt steckt? Ich hab mich jetzt mit der Flat-Earth-Theorie nur am Rande beschäftigt. Die Idee der Weltscheibe und des Mysteriums, was auf der anderen Seite ist, mag logisch betrachtet natürlich ein völliger Blödsinn sein, ist aber ausgesprochen faszinierend. Was steckt da wirklich dahinter, und wo ist unsere Sehnsucht nach Geschichten, nach Mythologie?

Meine eigene Sehnsucht nach Mythologie ist auch der Grund, warum ich mich in letzter Zeit mehr mit Lyrik und kürzeren Texten beschäftige. Auch, da ich denke, dass man mit Lyrik und kürzeren Texten besser experimentieren kann. Bei längeren experimentellen Texten durchschaue ich die Machart oft schon relativ bald, und irgendwann langweile ich mich. Das führt mich auch zurück zum Thema Mythologie und zum Text, den ich im Oktober bei der Poesiegalerie performt habe. Der relativ kurze Text, 30 Urban rules, war für mich zum Teil auch eine Antwort auf diese Verschwörungstheorien, oder auch auf den Wunsch nach „Creepypasta“, also nach Unheimlichem/Mythischem. Inspiriert wurde das Gedicht von einem Text, den ich auf tumblr gefunden habe. Ich habe seit Jahren auf tumblr einen Blog, auf dem ich Beiträge reposte und für mich sammle. In meiner Timeline habe ich einen Text entdeckt, den ich auf meinem Blog gepostet habe: Rules to follow when at sea, ganz wunderbar creepy. Mich hat interessiert, ob ich die Stimmung, die ich beim Lesen empfunden habe, dieses leichte Gruseln, diese Aufregung, auf eine Großstadt, konkret Wien, übertragen kann.

Ich finde es grundsätzlich auch interessant, welche Emotionen erwecke ich, wenn ich schreibe. Oft habe ich das Gefühl, dass es da vonseiten anderer Autoren und Autorinnen aus Angst, manipulativ zu sein, ein gewisses Zögern gibt, in manche Emotionen hinein zu gehen. Es gibt viele Schreibende, die sich vielleicht trauen, ein bisschen Neugierde zu wecken, oder Überforderung  – auch ein Gefühl, das sehr oft mit Gedichten oder transmedialen Arbeiten erzeugt wird – aber nicht unbedingt mehr. Wobei ich natürlich verstehe, woher das Unbehagen kommt. Sehr viel gerade auch der österreichischen Literaturtradition geht ja auf die Wiener Gruppe zurück. Wir hatten am Beginn meines Sprachkunststudiums Seminare mit Gerhard Rühm, in denen er sehr interessante Sachen erzählt hat. Rühm kommt aus einer Zeit, wo das Verhältnis zu Sprache zerbrochen war, wo ein ganz großes Misstrauen vor Manipulation da war. Auf der Suche nach unbefleckten Texten sind Rühm und die anderen in den Tiefenspeicher der Nationalbibliothek gegangen und haben die Barockgedichte gesucht.

Dieser vorsichtige Zugang ist auch völlig legitim, aber mich interessiert, ob da auch mehr geht. Kann ich zum Beispiel als Autorin ein bisschen Gruseln erwecken, oder Neugier, Erregung,  Abscheu, Trauer? Wie kann ich meine eigenen Bedenken überwinden, wenn ich Angst habe, manipulativ zu sein, in einer Welt, wo gerade soziale Medien sehr zur Manipulation genützt werden. Die Frage ist für mich auch immer, inwiefern sind Texte insgesamt manipulativ, respektive inwiefern traue ich meinen Lesern und Leserinnen und Zuschauern und Zuschauerinnen zu, mit diesen Emotionen umgehen zu können? Ich traue meiner Leserschaft, meinem Publikum sehr viel zu.

Zum Thema soziale Medien: Du schreibst ja auch Gedichte auf Instagram?

Ja, ich experimentiere seit drei oder vier Jahren mit Instagramlyrik, habe inzwischen sicher 330 oder 340 Gedichte geschrieben. Ich habe ganz für mich alleine angefangen, ohne viele Follower, als Experiment, und damit ich eine Möglichkeit habe, spontane Gedichte zu schreiben und mit Bild-Text-Kombinationen zu experimentieren. Ich schreibe Instalyrik zwei- bis dreimal pro Woche, wobei es inzwischen fast wirklich eine größere Herausforderung ist, Fotos zu machen, die ich nicht irgendwie schon so oder so ähnlich hatte. Neue Texte sind kein Problem, aber ich versuche nicht repetitiv zu sein, was die Fotos angeht. Ich habe für mich und für die Instagramlyrik gewisse Regeln gesetzt. Es sind keine Gedichte, an denen ich ewig herumfitzle, es muss etwas sein, was schnell geht, spontan und ohne allzu viel nachzudenken. Ich schreibe die Gedichte deswegen auch oft, wenn ich unterwegs bin. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, Kunst machen zu können, wenn ich in der U-Bahn oder in der Schnellbahn sitze oder irgendwo zehn Minuten Zeit zwischen zwei Kursen habe. Das ist kleine Kunst, spontane Kunst, schnelle Kunst – auch etwas, was ich sehr spannend finde. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mir vielleicht auch TikTok anschauen, und schauen was es da für Möglichkeiten gibt, Videopoesie zu machen oder mit transmedialer Poesie zu experimentieren.

Instagramlyrik von Rhea Krčmářová

Kunst in soziale Medien zu stellen, finde ich auch irgendwie wunderbar subversiv gegen diese extreme Kommerzkultur. In Zeiten, wo die meisten Leute versuchen, als Influencer wahrgenommen zu werden, damit sie irgendwelche Markendeals haben, finde ich es sehr spannend, wenn Leute Kunst um der Kunst willen posten. Gerade in social media, die sehr auf Eitelkeit angelegt sind und wo es sehr oft nur darum geht, in der Gegend herum zu stehen und hübsch auszuschauen – ich kritisiere die Leute nicht, die das machen, aber ich finde es ein bisschen wenig. Es ist viel interessanter, wenn man solche Medien wieder ein bisschen mehr für Kunst und Kultur nützt. Was ich an diesen Medien auch sehr mag ist, dass sie niederschwellig sind. Ich habe mit siebzehn angefangen, in die Oper zu gehen und gemerkt, dass ich als junger Mensch da sehr allein auf weiter Flur stehe, weil diese Art von Kunst sehr elitär ist und sich sehr auf  Hochkulturräume beschränkt. Seitdem  habe ich ein leichtes Unbehagen, einen leichten Widerstand gegen das Elitäre in der Kunst. Ich finde es interessant, das aufzubrechen und Kunst viel niederschwelliger zu machen. Auch da keine Kritik gegen die Philharmoniker und Philharmonikerinnen, die in ihrem schönen goldenen Saal musizieren. Man muss auch sagen, dass Wien in dieser Hinsicht da – zumindest in der Theorie vergleichsweise niederschwellig ist, was Eintrittspreise für Hochkultur betrifft. Wenn man weiß, wie man es anstellt, kann man sich für acht oder zehn Euro eine Stehplatzkarte für die Wiener Philharmoniker kaufen oder für 4 Euro für einen Stehplatz in der Staatsoper, was ich als Teen und in meinen Zwanzigern oft gemacht habe. Kunst und Kreativität im weitesten Sinn bereichern Leben sehr. Deshalb finde ich es dann schade, dass Kunst ausschließlich oder zumindest viel zu oft in diesen Hochkultur-Institutionen bleibt, weil viele Leute Hemmungen haben, hinzugehen, und sich da fehl am Platz fühlen. Ich will jetzt keinen Bildersturm veranstalten und diese Institutionen auflösen, absolut nicht, die sind auch wichtig, so wie sie sind. Gleichzeitig finde ich es interessant, wie man Kunst einfach niederschwelliger präsentieren kann. Also auch über neue Medien.

Instagramlyrik von Rhea Krčmářová  

Ok, aber wie ist das mit den Monstern in der Essstörungsklinik?

Ein Thema, was mich auch künstlerisch sehr interessiert, sind Frauenkörper. Zwar auch menschliche Körper im Allgemeinen, aber spezifisch Frauenkörper, weil weibliche Körper immer schon kritisiert wurden und kritisiert werden. Ich möchte jetzt nicht auf Menschen eingehen, die sich jetzt nicht klassisch als männlich, weiblich, was auch immer identifizieren, das ist ein legitimes Thema, aber das ist nicht meine Spezialität und ich möchte nicht über etwas reden, wo ich mich nicht gut genug auskenne. Ich nehme natürlich wahr, dass es das gibt, aber es ist nicht mein Thema und ich finde, man muss jetzt nicht alles zusammenmischen.

Das Thema Frauenkörper, Kritik und Selbsthass ist besonders tragisch, wenn man bedenkt, dass die Frauen in meiner Generation und jünger eigentlich das erste Mal in der Geschichte der Menschen hier im Westen wirklich frei sein könnten. Wir können studieren, was wir wollen, oder auch gar nicht, wir können heiraten oder nicht, uns scheiden lassen, Kinder haben, keine Kinder haben, adoptieren … Wir sind so frei wie es unsere Mütter, Großmütter, Urgroßmütter nicht waren. Wir haben diesen gesellschaftlichen Druck nicht, den Frauen früher hatten, wir haben viel weniger von diesem Klassendruck, von diesem Eingrenzen der Leuten in soziale Klassen – von wegen: Du wirst als Bauernkind geboren und musst Bauer bleiben. Frauen sind viel mobiler, wir haben Freiheit, wir haben diesen ganzen religiösen Druck nicht, aber trotzdem sind Frauen nicht frei. Die Käfige im Kopf bleiben und es existiert so viel Selbsthass. Wir mögen unsere Körper nicht, unser Gewicht. So viele Frauen sind unsicher wegen imaginärer oder echter zwei oder zehn Kilo zu viel, was auch immer „zu viel“ heißt. Ich frage mich: Wem nützt das? Wem nützt es, wenn die Hälfte der Menschheit, und leider jetzt auch noch zunehmend junge Männer, verunsichert sind, wenn sie sich selber nicht mögen, wenn sie ihre Körper nicht mögen. Cui bono? wie man auf Lateinisch so schön sagt. Und: Wie kann man dagegen anschreiben? Mein erstes – sehr kommerziell orientiertes – Buch war ein erotischer Roman mit einer dicken Heldin. Das war durchaus ein bisschen subversiv. Das Buch war sprachlich natürlich ein anderer Stil als die Literatur, die ich jetzt schreibe, weil es kommerzieller gedacht war. Eine große Herausforderung war übrigens, Sexszenen zu schreiben, eine der schwierigsten Sachen, an die man sich als schreibender Mensch rantrauen kann.

In meinem neuen Buch kehre ich wieder zum Thema Körper zurück. Es handelt von Frauen in einer Essstörungsklinik, die beginnen, sich nach und nach in Monster zu verwandeln um sich dann, überspitzt formuliert, mit ihren dunklen Seiten zu konfrontieren. Da haben wir natürlich Aspekte von Jung, das kollektive Unbewusste, Archetypen. Mich interessiert, wie man das Thema literarisch bearbeiten kann, ohne zu sehr in Erklärungen hinein zu gehen, ohne einen Therapieroman zu schreiben. Ob man über diese Ebene des Surrealen etwas anderes kommunizieren kann, ob man dem Text eine Tiefe geben kann. Kann man Elemente von Mythologie nehmen und Elemente des Gleichnisses in den Text einweben? Wo kann man subtil sein, wo kann man dann vielleicht Elemente in den Roman hinein bringen, die, wenn man sie quasi ausschreibt, vielleicht zu platt wären, wie man im Englischen sagt „on the nose“.

Ob es funktioniert?

Wir werden sehen. [auflachen]

Instagramlyrik von Rhea Krčmářová  

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