Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Tobias Roth

Und die Sonne scheint.

 

Tobias Roth, Foto: Astrid Nischkauer

 

Also wir haben uns jetzt zum Interview auf der Frankfurter Buchmesse ganz malerisch hinter einen Würsteltruck zurückgezogen, die Sonne scheint, alle sitzen im Raumschiff und ich freue mich, dass ich mich hier ein bisschen mit mir selbst unterhalten kann, weil gerade auf der Messe muss man so viel mit anderen Menschen reden [auflachen], dass es ganz erfrischend ist. Ich hoffe, es schlägt nicht zu sehr durch, der Messesprech, der sich in mir schon manifestiert hat. Es ist natürlich dieses Jahr wieder Hick-Hack mit den sogenannten rechten Verlagen und gestern war hier – gleich ein kurzer fast-live Bericht von der Messe – gestern war hier ein riesen Buhei, ich kam aus einer anderen Halle zurück und dann stand da Martin Sonneborn in der SS-Uniform und als Stauffenberg verkleidet und die Cops haben alles abgeriegelt, weil der Herr Höcke irgendwo einen seiner niederträchtigen,  jetzt ist die Frage niederträchtig oder nichtsbedeutenden, Gesprächsbände irgendwie vorgestellt hat und da war dann gleich alles gesperrt. Und die Frage ist ja schon: Wieso funktioniert das so wahnsinnig gut und wieso wird diese Provokation so angenommen und alle geben sich her als Verstärker für diesen Käse?

Ich bin hier momentan auf der Messe in meiner Eigenschaft als Compagnon im Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“. Bei uns schrillen natürlich die Alarmglocken immer ein bisschen intimer, wenn so Sachen wie Geschichtsrevisionismus oder Geschichtsvergessenheit oder Vergangenheitsleugnung – also diese ganzen Formen des Ausblendens und Überschreibens losgehen. Und wir haben uns gefreut, dass man merkt, es funktioniert auch anders herum ein bisschen. Also, dass die ästhetisch links-grün-versiffte, wissenschaftlich gedenkende, quasi mit bestem Wissen und Gewissen überhaupt denkende Propaganda auch ein bisschen funktioniert, die wir dieses Jahr mit Erasmus von Rotterdam aufgezogen haben. In diesem Komplex, der ja auch mein eigenes Schreiben durchzieht und fragt: Was wollen wir eigentlich mit dieser Vergangenheit? Was sollen wir damit anfangen? Und noch bevor man diese Frage sich beantworten kann, der Gedanke: Was haben wir eigentlich sonst? Also es gibt ja sonst relativ wenig außer der Vergangenheit. Und die Frage ist: Wer sortiert sich das wie zurecht, um dann ein bestimmtes Bild zu malen, das in jeder Couleur die gleiche Verbindlichkeit zumindest entfalten soll; ob es dann funktioniert ist eine andere Frage. Und da ist unser Verlag ja genau die Schnittstelle, dass man sagt, wir versuchen alte Texte auszugraben, die man heute benutzen kann, die wir brauchen können und die irgendeine Funktion erfüllen, jetzt, jenseits des Museums und der bloßen Ausstellung dessen, was einfach aufgrund seiner umwerfenden Schönheit bewahrens- und schützenswert ist, wie unsere Goldreserven.

Und jetzt haben wir dieses Jahr – das ist das Groteske, dass wir, die wir quasi auf jahrhundertealte Texte zugreifen und aus diesem Horizont so viel Zeit haben wie es nur irgendwie geht, jetzt immer schneller und immer quasi wuseliger versuchen, der Gegenwart hinterher zu kommen, weil die ganze Zeit plötzlich Dinge über die Vergangenheit gesagt werden und in Anspruch genommen werden, die völlig hanebüchen und grotesk sind; und wir jetzt so ein bisschen in der Enge sind, weil wir eben als Medium das Buch gewählt haben, das doch ein wenig langsamer funktioniert, aber trotzdem in Debatten eingreifen kann. Und jetzt haben wir es diesen Sommer mit Hilfe von Verbündeten und mit Kraftakt geschafft, doch relativ schnell ein Buch raus zu hauen, eben dieses Erasmus von Rotterdam Thema. Weil die AfD, die jetzt im Bundestag sitzt, die dürfen jetzt auch eine parteinahe Stiftung haben, die mit 70 Millionen im Jahr bestallt wird und haben diese Stiftung, wie sie im Hochsommer kund getan haben, nach Erasmus von Rotterdam benannt. Was wir völlig empörend, grotesk und niederträchtig finden. Ich muss die ganze Zeit an irgendwelche verwirrte Erstsemester denken, die googeln, wie sie ins Ausland gehen können, und dann plötzlich auf der AfD-Stiftungsseite landen, nur weil die Kisten halt gleich heißen. Und entsprechend haben wir jetzt in Zusammenarbeit mit der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt, die die eigentlich einzige richtig gute, große Erasmus-Werkausgabe hat, eine Auswahl aus einem Werk des Erasmus namens „Adagia“ gemacht. Das ist ganz witzig, das ist eine Sprichwortsammlung, antike Sprichwörter, die aus Plutarch und aus Plinius und aus so den üblichen Verdächtigen gezogen sind, und die bis heute in Gebrauch sind. Also es ist wirklich „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ und „Einmal ist keinmal“ und diese ganzen Redensarten, die man aber versteht und die auch jeder aus dem Schulunterricht kennt, weil sie den Spracherwerb so schwierig, aber auch so schön machen, wenn es dann plötzlich „cats and dogs“ regnet oder so und man versteht, da geht es jetzt nicht um Säugetiere, das ist ein sprichwörtliches Ding, das natürlich auch die Rede ziert und schön macht. Da hat Erasmus sein ganzes Leben lang daran gebastelt, das ist so eine ein-Mann-Enzyklopädie, es sind fast viereinhalb tausend Stück geworden am Ende, die der Mensch zusammen gesammelt hat. Das muss man sich einmal vorstellen, irgendwie um 1500, mit was für Ressourcen der arbeitet, also da ist Kerzenschein schon Luxus, geschweige denn irgendwie ein ordentlicher Zettelkasten, oder eine Datenbank, oder was weiß ich was. Genau. Und jedenfalls von diesem Werk gab es eine Auswahlübersetzung bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft und davon haben wir ein paar Sprichwörter mit Kommentar genommen und ein paar habe ich geschwind neu übersetzt. Das Werk komplett auf Deutsch gibt es noch nicht, es gibt nur eine französische Übersetzung, das sind halt sofort gleich siebentausend Seiten oder was, das ist riesig, weil die Kommentare zu den Sprichwörtern sind teilweise drei, vier Zeilen, teilweise fünfzig Seiten. Also das berühmte Sprichwort „Eile mit Weile“ ist ein monströser riesiger Essay, wo Erasmus zum Beispiel auch genau auf das Thema eingeht, was jetzt die AfD mit ihrer Stiftung mit ihm selbst macht. Er spricht über die junge Buchdruckerkultur, vor allem in Venedig, und sagt, dass, wenn jemand venezianisches Tuch für englisches ausgibt und es verkauft, oder anders herum, dann wird er bestraft, dann wird das geahndet von der Obrigkeit. Wenn aber jemand unter dem Namen eines großen Autors nichts verbreitet als Pein und Geistesqual, dann genießt er die Früchte seiner Unverfrorenheit. Und quasi dieser Etikettenschwindel ist natürlich auch in der frühen Neuzeit schon nichts Neues und nichts Unbekanntes. Und leider funktioniert es halt immer noch.

Und wir haben jetzt versucht ein ganz kleines schlankes hundert-Seiten-Buch mit Sprichwortkommentaren des Erasmus heraus zu bringen, in dem alle seine anti-AfD Positionen versammelt sind – also es ist schräg, ihm zu unterstellen, er hätte anti-AfD Positionen, das sollte ihn ja eigentlich gar nichts angehen, es sind einfach Erasmus-Positionen. Jedenfalls geht es um Nächstenliebe, es geht um Hilfe für Verfolgte, es geht um Asyl, das ist ein wahnsinniges Thema, es geht um benevolentia und diesen ganzen Tugendbereich der Großzügigkeit und der magnanimitas. Es geht um radikalen Pazifismus, Erasmus ist ein Ireniker, der den Wert des Friedens über allem anderen sieht und genau deswegen von allen Seiten Stress bekommen hat. Alle Katholiken wollten, dass er die Trommel rührt, weil er Katholik bleibt. Alle Protestanten wollten, dass er als Humanist zu den Protestanten kommt. Und hat dann von beiden Seiten entsprechend Stress bekommen und entsprechend groß ist die Zahl der Sprüche von ihm, dass er keiner Partei dienen will und auch nicht kann und da überhaupt keinen Nerv dazu hat. Wiederum umso schöner, dass die AfD das halt einfach nicht gelesen hat, oder jedenfalls so tut, als hätten sie das alles nicht gelesen. Und wir wollten jetzt dieses kleine Büchlein, das den schönen Titel „Der sprichwörtliche Weltbürger“ trägt, auch so ein bisschen als Morgengabe für die Desiderius Erasmus-Stiftung zu Verfügung stellen, damit sie nachschlagen können, worauf sie sich denn verpflichten, wenn sie auf ihrer Homepage sagen, dass sie sich auf das Erbe des Erasmus verpflichten. Wo sie dann auch lesen werden, dass ein wahrhaft christlicher Fürst sich mindestens genauso gut, wenn nicht besser um Fremde und Vertriebene kümmern muss, als um seine eigenen Untertanen, weil die Fremden und Vertriebenen haben ja keine Verwandten, keine Freunde, die haben gar nichts, die bedürfen des besonderen Schutzes der Obrigkeit. Es geht wunderschön um Gütergemeinschaften, er spricht dann auch vom christlichen Kommunismus und solchen Dingen. Und diese omnia communia, alles Gemeingut, da zieht er Platon raus und Aristoteles, also alle großen Autoritäten des Abendlandes und führt wirklich vor, wie man eine ganz andere politische Linie mit denen argumentieren kann. Also gegen Ballung von Eigentum und gegen ökonomische Ungerechtigkeiten, indem er einfach aus Platon zitiert, dass doch der beste Staat der ist, wo die Wörter „dein“ und „mein“ überhaupt nicht vorkommen, also überhaupt nicht bekannt sind in dem Sinne.

Es gibt ein wunderbares Sprichwort: „In den Tag hinein leben.“ Also man merkt, es gibt ganz viele Wendungen, die fallen einem als Sprichwort gar nicht mehr auf. In den Tag hinein leben – wo er auch sagt, ja das ist doch genau das, was Jesus Christus sagt und alle, die sich als Superchristen aufspielen – das macht die WBG-Übersetzung sehr schön – dass die, die eben die Ultrachristen sind, die sind, die das am wenigsten akzeptieren, dass jemand in den Tag hinein lebt und halt mal kuckt und improvisiert.

Wo es mich am meisten gerissen hat, da zitiert er aus einem altrömischen Mimos, also aus einer Komödie, sage ich mal. Und da ist das Sprichwort „Niemand hat eine glückliche Stunde“ und der Vers geht weiter „ohne dass jemand anders eine unglückliche Stunde hat.“ Und dann sagt Erasmus ganz trocken, das müssen wir uns einfach bewusst machen: Man kann keinen Krieg gewinnen ohne Leute umzubringen. Man kann keinen Gewinn machen ohne dass jemand Verlust macht. Du kannst nicht wachsen ohne dass andere schwinden. Soweit so gut. Und dann sagt er eben: „Niemand hat eine glückliche Stunde ohne dass jemand eine unglückliche hat. Man könnte statt irgendwer auch irgendwo sagen.“ Wo man dann plötzlich merkt, da beginnt so ein Bewusstsein von Globus und quasi Bedeutung auf dem Globus. Und dass sich diese ganzen allgemeinen Strukturen –du kannst nicht aufstapeln ohne wo anders wegzunehmen – dass sich das auch über den Globus ausbreiten wird und das ist ja genau der Zustand, in dem das heute leider so gut funktioniert. Weil wir in Europa dieses Sprichwort nicht so sehr in Aktion sehen, wie wenn man auf den Globus schaut.

Da sind auch so tolle Sätze drin wie: „Ein Geizhals kann nichts richtig machen außer sterben.“ [auflachen] Und, eben, wir lachen jetzt und Erasmus sagt auch, er hat das gelesen und hat sich kaputtgelacht. Was ja auch so ein schöner Effekt von Kritik und Wahrheit ist, dass man sagt, es ist irgendwie so bündig und man ist für einen kurzen Moment so wehrlos gegen diesen Inhalt, dass man einfach lachen muss, weil es der einzige Weg ist jetzt kurz mal damit umzugehen. [auflachen]

Genau, da gibt es natürlich auch so klassische Sachen in den „Adagia“ wie „Schuster bleib bei deinem Leisten“ und dieses ganze Zeug ist da aufgespeichert und es ist wirklich ein Gedächtnisspeicher. Also dieses Buch will ich in dem Sinne promoten, einfach auch als Artefakt oder Machwerk. Dass man einerseits merkt, es macht Vergangenheit zugänglich, indem es Sprichwörter erklärt, also eine Lektürehilfe bietet. Wenn man nie Englisch hatte und kommt wie ein Humanist an einen alten Text, wo es „cats ans dogs“ regnet – du kommst mit Lexikon nicht weiter, du hast keine Chance, du brauchst sowas wie die „Adagia“ von Erasmus, die dir dieses Sprichwort erklären. Und auf der anderen Seite wird immer wieder gefordert: Es geht darum, damit etwas zu tun. Es geht darum, deine eigenen Texte anzureichern und zu schmücken mit diesen antiken Sprichwörtern. Und Erasmus sagt an ganz vielen Stellen nicht nur, was bedeutet das Sprichwort, sondern: was kann das Sprichwort bedeuten, wenn man es so und so verwendet. Und man merkt immer, dass Gedächtnis, dass Überlieferung, Tradition nur als Aktionspotential und als Treibladung von etwas überhaupt sinnvoll in Betracht kommen können. Und diese potentiellen Bedeutungen – da muss ich jetzt allmählich auch zum Schluss kommen – da ist zum Beispiel auch der totale Knaller, das Sprichwort „Der innere Feind.“ Das ist ja heute auch noch total im Schwang und auch dieses Konzept, natürlich momentan gerade im Zusammenhang mit den Sprichwörtern „Das Boot ist voll“ und so weiter. Jedenfalls der innere Feind, da sagt er: „Ok, ist ganz klar, das gibt’s bei Platon schon, dass sich Leute halt innerhalb einer Stadt gegenseitig denunzieren: die brauchen keine äußeren Feinde, die haben schon innere Feinde.“ Und dann sagt Erasmus: „Aber ich finde, das Sprichwort bedeutet etwas anderes, nämlich es bezeichnet einen Schwätzer, der so viel Scheiße redet, dass er dir alles liefert um ihn zu widerlegen.“ Das ist sein innerer Feind, dass er nicht die Klappe halten kann und die ganze Zeit brabbelt und sich in die Widersprüche seines Schwachsinns verstrickt oder eben in die Widersprüche seines Eigennutzes und seines Egoismus, der irgendwann, wenn man lang genug redet, irgendwann ja raus kommt. So wie ich jetzt auch nur mein Buch toll finde und je länger ich rede, desto besser wird mein Buch. [auflachen] Genau. Das waren jetzt also die letzen Tage in Frankfurt, wo ich gemerkt habe, man versucht irgendetwas in die Realität hinein zu gestalten, die Realität erweist sich dann als immer noch grotesker, dann versucht man schnell ein Buch hinterher zu schieben, und dann plötzlich steht da Sonneborn in SS-Uniform. [auflachen] Genau. Und die Sonne scheint.

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