Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Uwe Warnke

Wir mit unseren kleinen, schönen Büchern.

 

Uwe Warnke, Foto (c) Astrid Nischkauer

Lass uns über Buchmessen reden, wenn wir schon einmal hier sitzen, auf der Buchmesse. Ich habe so viele Buchmessen hinter mir, ich habe meine Sachertorte1 längst mit den Kollegen aufgegessen und auch vielen anderen dabei geholfen, ihre Sachertorte, so sie sie hier erhalten haben, zur Strecke zu bringen. Also wir haben hier Geschichten geschrieben. Ich musste allerdings ziemlich bitter auch erst einmal lernen, dass eine Buchmesse mit Literatur so sehr viel ja gar nicht zu tun hat. Dass es eben eine Buchmesse ist und keine Literaturmesse. Hier geht es eben um Bücher und das ist ja ein weites Feld, um einmal einen Titel eines literarischen Buches hier zu zitieren. Selbst bei der Werbung für diese Buchmessen wird ja häufig auch nicht mit Autoren, Literaten, Dichterinnen oder ähnlichen Personen geworben, sondern einfach mit in den Medien präsenten Leuten, wie Schauspielern, Kommentatoren, usw., usf. -die sich dann herablassen, einmal auf eine Messe zu kommen und dort zu lesen. Das sind dann die „Stars“. Das muss man sich einmal vorstellen.

Ja und selbst das, was wir hier machen im Segment der Buchkunst, ist ja auch so eine Art Feigenblatt. Man hört dann gelegentlich: „Ah, hier würden noch richtige Bücher gemacht!“ Aber wir spielen ja für den Buchmarkt – auch das ist ja wieder wie so ein Synonym zum Thema Buchmesse / Buchmarkt, das gehört irgendwie zusammen – wir spielen ja überhaupt keine Rolle. Darauf bezogen sind wir doch völlig egal. Wir mit unseren kleinen, schönen Büchern.

Wir hatten am Anfang ja den Traum und haben uns gegenseitig auch Mut gemacht, dass das schöne Buch, das Kunstbuch, die Buchkunst auch an Bedeutung gewinnen würde, je schneller und digitaler die andere Seite des Buchmarktes agieren würde. Das hat sich, glaube ich, nicht bewahrheitet. Wir haben immer noch unseren Platz, aber da ist jetzt irgendwie nichts abgegangen, in einer bestimmten Richtung, dass man sagen könnte, wir seien die Gewinner dieser Entwicklung, oder so. Das ist nicht so. Dennoch gibt es eine kleine Schar von Freunden des Buches, aber auch Freunden der Kunst, hier eben in der Verbindung von beidem, die uns die Treue halten und uns am Leben halten.

Und selbst auf dem theoretischen Feld, was also Buchkunst eigentlich sei, wie sie sich definiert, selbst da gibt es ja Streit. Wir sind die, die mit Originalgraphik arbeiten, mit Radierungen, Siebdrucken, Lithographien und Ähnlichem und die das dann in Auflagen und in irgendeine Form von Buch, Mappe, Edition bringen. Da gibt es die Auffassung, das sei ja die Buchkunst der 1960er und 1970er Jahre, das sei ja längst durch. Das Künstlerbuch heute sei die Umsetzung einer künstlerischen Idee im Offset-gedruckten Buch, schnell hergestellt, in hohen Auflagen gedruckt und billig unter die Leute gebracht. Da gibt es wirklich von namhaften Kollegen anhaltenden Streit darüber, was jetzt das „wahre“ Kunstbuch sei. Relativ fruchtlos das Ganze.

Ja, mit solchen Dingen gehen wir um, schlagen uns hier durch. Uns gibt es immer noch, auch wenn der große Buchkunstbereich – als ich hier ankam, 1990, 91, 92 hatten wir hier drei ganze Reihen voll mit Buchkünstlern und Buchkünstlerinnen, nicht nur aus Deutschland, sondern auch die Holländer waren hier, die Engländer waren hier und die Russen hatten ihre Stände, usw. Buchkünstler, die sich zum Teil auch selbst vertreten haben oder auch kleine Verlage, die sich eben auf Buchkunst spezialisiert haben – schlicht weg ist. Den gibt es hier nicht mehr. Aus den drei Reihen ist hier noch eine halbe übrig geblieben. Hier sind längst diese Postkartenverlage eingedrungen. Das hat sich alles so gewandelt. Veränderung ist erst einmal grundsätzlich natürlich was Normales. Aber hier schrumpft etwas ein, das irgendwie bedrohlich ist. Also nee. Bedrohlich ist, dass hier so etwas – und zwar so rasch – zusammen schrumpft. Und das, was die Messe hier als Großzügigkeit verkauft, zum Beispiel diese breiten Gänge 2016 und sowas, das war vor fünfundzwanzig Jahren undenkbar, weil einfach so viele Leute herkamen, wir hatten gar nicht den Platz. Jetzt diese große Diagonale, die durch die Halle als Gang durchgeht, ist einfach nur ein Zeichen dafür, dass keiner die Stände mietet und dass man das vertuschen muss. Übrigens führt die Diagonale zu Creativity and Business, eine neue Spielecke. Und was für ein Name …

Ja und kommen wir noch einmal auf die Besucher zu sprechen. Hierher nach Frankfurt kommen ja immerhin noch ein Großteil der Sammler und Freunde der Buchkunst. Und gelegentlich, wenn man Glück hat, erwerben sie auch was. Glücklicherweise spielen hier die Mangas nicht so eine Hammer-Rolle, wie zur Leipziger Messe. Wo man ja, solange ich da war, versucht hat, künstlich die Besucherzahlen hochzutreiben, um die Bedeutung der Leipziger Messe hierüber nachzuweisen. Das hat sich jetzt mittlerweile zu einer Art Eigentor entwickelt. Es ist schon immer so, dass am Donnerstag dann die Schulen aus Leipzig-Land alle einen Wandertag haben und alle zur Leipziger Messe gehen, wirklich. In den ersten Jahren sogar die Erstklässler, die schon völlig platt waren, wenn sie nur die Eingangshalle hinter sich hatten. Das hat auch mit Buch und mit Interesse wecken fürs Buch überhaupt nichts zu tun, das ist ganz schnödes Zahlen-Schrubben. Und am nächsten Tag, am Freitag, war dann Leipzig-Stadt dran, mit genau den gleichen Besuchern.

Dann kamen sie auf die Idee, jeder, der sich als eine Manga-Figur verkleidet, kommt kostenlos rein. Das hat dazu geführt, dass man mittlerweile mit Scharen von obskuren Gestalten, die die Gänge verstopfen und den Verlagen die Stände zustellen, zu tun hat. Das ist mitnichten ein Publikum, das sich irgendwie fürs Buch interessiert, das ist völliger Unsinn. Aber man schraubt natürlich so die Besucherzahlen hoch und stellt das dann hin um zu sagen: Wie bedeutend ist doch diese Messe! Alles Unsinn.

Ich bin gerne in Leipzig, um noch was Positives zu sagen, solange ich dort ausstellte, zur Eröffnungsfeier gegangen. Ich würde hier in Frankfurt nie auf die Idee kommen, zur Eröffnungsfeier zu gehen, selbst wenn da der Wirtschaftsminister käme (und ja auch kommt), oder wer auch immer. Aber in Leipzig war das eben im Gewandhaus. Und wenn man Glück hatte, spielte das Gewandhausorchester. Und wenn man noch weiter Glück hatte, sogar eine Uraufführung von einem Werk. Das war einfach hohe Kultur, das war großartig. Aber alles andere habe ich mir bis 2007 angesehen und dann habe ich dort die Fahnen gestrichen.

Wir schreiben ja das Jahr 2016 und ich musste in diesem Jahr auch eine neue Erfahrung machen. Ich bin das erste Mal auf der Buchmesse in Frankfurt mit der Botschaft, dass ein Künstler, mit dem ich über 20, 25 Jahre gearbeitet habe, zuvor verstorben ist. Auch für mich völlig neu. Ich hab im Vorfeld keine Ahnung gehabt, was denn das jetzt für die Messe bedeutet. Was heißt das denn jetzt hier? Stehen die Leute jetzt Schlange und wollen sie alle noch was haben von ihm? Keine Ahnung. Aber ich will nur sagen, auch das ist natürlich ein Zeichen, wie lange wir hier schon dabei sind. Jetzt sterben schon beteiligte Künstler. Und das ist auch etwas, was mich natürlich durchaus nachdenklich macht.

PS: einige Buchkünstler haben im Nachgang zur Buchmesse 2016 angekündigt 2017 nicht mehr zu kommen. Weitere, gewissermaßen Urgesteine und schon immer dabei, ließen durchblicken, dass 2017 für sie der letzte Auftritt auf der Buchmesse in Frankfurt sein wird. Tja, was soll ich dazu noch sagen.

  • 1. Eine Sachertorte bekommt, wer 25 Jahre lang einen Stand auf der Frankfurter Buchmesse hat.

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