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Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Verena Stauffer

Verena Stauffer

Was mir fehlt, ist eigentlich nur das Klavier.

 

Oft denke ich an einen Satz aus Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes, von Clemens Setz, vor allem wenn ich in der Früh ein weiches Ei esse. Eigentlich bin ich Veganerin, aber auf ein Ei mehr oder weniger kommt es jetzt nicht an. Also das Zitat ist: „Es war früher Morgen. Das Frühstücksei in dem roten Holzbecher sah aus, als würde es intensiv über etwas nachdenken.“ Das ist Clemens Setz, Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes. Aber dazu später.

Zuerst wollte ich über das Grau der Elefanten sprechen. Ich meine, es ist doch so, dass Elefanten sich durch ein besonderes Grau auszeichnen. Ein durchdringendes Grau. Ein die Augen durchdringendes, in die Körper dringendes Grau, ein bis zu den Gedanken durch den ganzen Körper vordringendes Grau. Also ein alles in ein Grau tünchendes Grau. Aber die Frage ist eigentlich, ob die Grauheit der Elefanten wirklich hinreichend zu unterscheiden ist von, zum Beispiel, der Grauheit einer Maus. Ich meine, warum sind wir uns da so sicher? Sind wir uns da so sicher? Graut das Grau der Elefanten wirklich mehr als das Grau einer Maus? Ist denn immer alles eine Sache der Größe? Also es hat ja einmal jemand gesagt: „denn dasselbe ist denken und sein“, das ist jedem klar. Ich meine, wenn ich denke, bin ich, das kennt man schon. Aber was ich denke, das bin genau ich. Ich bin also, was ich denke und was ich denke, macht mein Handeln aus. Gesetzt, dem großartigen Zustand einer gewissen Form von Freiheit. Und so ist das mit dem Schreiben. Im Schreiben bin ich frei. Nur im Schreiben bin ich es. Also was ich denke, tue ich, sofern es mir möglich ist. Und noch viel klarer: was ich denke, schreibe ich. Ich schreibe, was ich an sich denke. Und, was ich mir aus-denke. Und dieses Ausdenken, das klingt ja so nach einem Ende: Aus. Denken. 

Hab ich mir etwas ausgedacht, dann ist es fertig, und der Gedankengang ist aus, abgeschlossen. Je mehr, oder je weniger man sich auszudenken in der Lage ist, je mehr oder weniger ist man in der Lage zu denken. Was aber auch mit lügen zu tun hat. Sobald Dinge geschrieben sind, halte ich sie für erdacht. Durch das Einweben von wahren Dingen in literarische Textfelder sind sie in einer anderen Welt, in der Wortwelt und nicht mehr in der Wirklichkeitswelt. Wobei die Wortwelt natürlich zur Wirklichkeitswelt gehört. Was man sich ausdenkt ist ja außerhalb der Wahrheit. Ist es nicht so, es ist draußen, in einer Sphäre über dem Sein, in einer Phantasie-Ebene. Wer sich etwas ausdenkt, ist zu diesem Zeitpunkt mit dem jeweils Ausgedachten gemeinsam draußen. Und manchmal nimmt man eben Echtes mit nach draußen. Ob es dann drinnen noch so bleibt oder sich mit dem Hinausnehmen auch das Verbleibende im Drinnen verändert, ist die Frage. Mit dem Hinausnehmen in die Phantasiewelt verändert man auch die Wirklichkeitswelt. Manchmal denke ich, ob das für mich gefährlich werden könnte. Es kommt hin und wieder zu Verwechslungen in mir. Ich verwechsle das Wirkliche mit dem Erdachten oder umgekehrt. Erdachtes, Geschriebenes scheint mir mehr wahr zu werden und irgendwann mehr da zu sein, als tatsächliche Sachverhalte der Wirklichkeitswelt. 

Mit Gedichten verhält sich das anders. Über Gedichte kann ich nicht sprechen. Ich weiß manchmal nicht woher sie kommen und erkenne sie später nicht wieder. Sie gehören mir nicht. Sie gehören einem irgendwann nicht mehr. 

Nein, ich spiele nicht Klavier. Ich würde gerne Klavierspielen, vielleicht könnte ich es, manchmal denke ich, hätte ich ein Klavier, dann könnte ich Klavierspielen. Was mir fehlt, ist eigentlich nur das Klavier. Aber ich höre beinahe ununterbrochen Musik, auch während ich schreibe und ich höre immer ein Stück. Derzeit ist es Lang Lang und Guo Gan: thehorserace. Oft frage ich mich, wie das japanische Wort „Mu“ so viele Bedeutungen haben kann, in der früh-sinitischen Form stand es für viele (40) Leute im Wald. 

Also es wäre reine Barbarei, ein intensiv nachdenkendes Frühstücksei schon am Abend zu essen, es am frühstücklichen Denken zu hindern. Wo wir uns doch im Human Enhancement zu den liebsten Menschenwesen, die je existierten, im Begriff sind zu entwickeln. Nur sind wir dann halt nicht mehr ganz echt. Was soviel heißt, wir sind dann nicht mehr einfach so aus der Natur heraus entstanden, sondern wir werden dann gemacht sein. Wir sind dann ausgedacht. Wie Maschinen eben, wie Computer, oder wie Kunstwerke. Dann müssten wir uns nicht mehr vor unseren Geräten schämen, und auch nicht mehr vor unseren Kindern, weil wir dann auch kreierte, geschaffene Kreationen wären und unsere Kinder auch. 

Geräte wären wir dann, die nicht einfach nur hervorgebracht worden sind, durch den Geschlechtsakt, den wir auch immer weniger betreiben. Wir messen ihm immer weniger Wichtigkeit bei. Immer ist so ein komisches Wort. Immer. Vor allem scheint es unwichtiger zu werden, wer die körperlichen Bedürfnisse stillt. Wir bedienen uns selbst, wir behandeln uns bereits selbst als Maschinen. Die Frage ist, wie wir dann denken, wenn wir Maschinen geworden sind, modifiziert und in einen Idealzustand gebracht. Ob wir dann noch selber denken? Ob wir uns überhaupt noch Lügen werden ausdenken dürfen? Wer könnte eine Lüge von einer Vision unterscheiden. Vielleicht dürften wir dann nur mehr die Wahrheit denken, weil die Wahrheit doch unser aller erster Anspruch ist. 

Wenn wir dann nur mehr Wahres denken würden, nur mehr Dinge denken, die notwendig gedacht werden müssten, wenn wir nicht mehr träumen würden, oder dürften, nicht mehr phantasieren und uns nichts mehr ausdenken dürften, wäre das dann das Ende der Kunst? Das Ende der Schriftstellerei? Ich meine, was wäre Clemens Setz ohne seine Phantasie? Wäre er dann überschätzt? 

Ich esse heute Abend sicher nicht das denkende Ei vom morgigen Frühstück. Vielleicht esse ich heute Abend einen Elefanten. Ich bin sehr gerne manchmal Veganerin. Sonst ist an mir nichts interessant. Es gibt keine Fragen, die ich beantworten könnte. Deshalb ist es gut, dass Sie mir keine stellen. Also an mir ist nichts dran, glauben Sie lieber an eine andere Mogelpackung, wie zum Beispiel Clemens Setz. Ich schreibe zwar gerade einen Roman, aber das tut nichts zur Sache. Wenn Sie mir bisher aufmerksam gefolgt sind, dann sehen Sie das sicher genauso. Es geht in dem Roman um eine frustrierte Mittdreißigerin, die zufälligerweise einige Ähnlichkeiten mit mir aufweist. Meine Freunde tun so, als sei ihnen das nicht aufgefallen. Ohne seine Bücher gelesen zu haben ist sicher, dass die Bücher von Clemens Setz nicht vorgeben, nichts mit Clemens Setz zu tun zu haben. Da können Sie sicher sein, denn er scheint sich, im Gegensatz zu mir, nicht permanent mit seinen Romanfiguren zu verwechseln. Im Gegenteil, er scheint selbst eine ausgedachte Romanfigur zu sein. Was für ein Versager. Finden Sie das nicht auch befremdlich? Irgendwie schockierend. Ich habe zwar nicht wirklich etwas von ihm gelesen, aber was ich gelesen habe ist unerhört. Also interviewen Sie zuerst Clemens Setz an meiner Stelle, er ist eine Mogelpackung mit mehr Inhalt, als draufsteht. 

Kamele müssen immer streng von Lamas unterschieden werden. Diese Unterscheidung liegt meinem besten Freund Sebastian so am Herzen, dass es ihm wichtig ist, sie hier von mir erwähnt zu wissen. Kamele sind sehr günstig: siebenhundert bis achthundert Euro. Um siebenhundert bis achthundert Euro wäre es möglich, ein Kamel zu erstehen. Ich hätte gerne eines. Zum Abendessen würde ich in so einem Fall warme Kamelmilch trinken und Datteln essen. Wäre ich keine Veganerin. So ist es heute Abend Mandelmilch. 

Wenn Sie mich so fragen, Sie haben es zwar nicht getan, aber ich stelle mir vor, Sie hätten mich gefragt, dann würde ich gerne in einem Land leben, in dem ich ein Haus hätte, um dieses wäre ein Garten und in diesem stünden ein Kamel und mehrere Feigen- und Dattelbäume. Auch Palmen und blütenreiche Büsche aller Art, Mandelbäume. Aber das nur so nebenbei, auf Ihre ungestellte Frage. Gerne einen Mann dazu, der sehr wild wäre. Vielleicht einen, wie Clemens Setz. Obwohl ich hier sehr unsicher bin, ob er in echt tatsächlich so wild ist, wie in seinen Ausdenkungen. An Liebe glaube ich nicht. Nein. Ich kenne komischerweise Menschen, die ich liebe. Aber es kommen keine neuen mehr dazu. Ich kann niemand neuen mehr lieben. Aber fragen Sie mich das in zwanzig Jahren noch einmal nicht. Vielleicht stimmt es nicht, vielleicht kann ich nur mehr Wörter lieben, die bestehen bleiben, gesagte oder geschriebene und mit den Wörtern jene Menschen die diese Wörter sagen oder schreiben. Aber das ist ein sehr hoher Anspruch, den fast niemand erfüllen kann. Ich spüre manchmal nichts. Wenn ich schreibe, gibt es die Welt draußen nicht. Sie verschwindet. Oder ich verschwinde. Wo gehen Sie in dieser Zeit hin? Manchmal habe ich Angst, die Wirklichkeit zu verlieren. Und das verstärkt sich, wenn die Menschen ihre Worte vergessen, ich gehöre vielleicht auch zu ihnen, allerdings sehr selten. 

Das Schreiben dient dem Ausdenken und dem Erinnern. Das Aufschreiben. Ich schreibe lieber alles auf, als ich alles sage. 

Ich möchte schon lange einen Text schreiben. Er soll den einen Moment beschreiben, den einen Moment in dem sich eine Wolke langsam vor die Sonne schiebt und wie sich dabei alles verändert. Vielleicht wird das der Text sein, den ich nie schreiben werde, weil ich ihn nicht schreiben kann.

Avocados hätte ich auch gerne im Garten, ganzjährig, und natürlich auch Granatäpfel. Mandarinen – klar, Mandarinen, danke, dass Sie noch einmal nicht nachgefragt haben.

Es sollte, und das ist mir wichtig, zu erwähnen, wieder mehr Fürchtegott gelesen werden. Ein völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratener Künstler. Dass jemandem wie Clemens Setz so etwas hoffentlich nicht widerfährt. Einmal so in Vergessenheit geraten zu sein. Ich erinnere mich an eine Geschichte von einer Freundin, an seine Geschichte, die Geschichte von Clemens Setz, von einer Freundin, vermutlich einer Freundin von Clemens Setz, die ihr Studium abgebrochen hatte, und ins Wiener Riesenrad gezogen ist. Diese Geschichte wird vermutlich nicht in Vergessenheit geraten. Ich muss erneut betonen, Setz nie gelesen zu haben, nur vom Hörensagen hörte ich von dieser Geschichte, nur vom kurzen Hineinlesen bezaubert. Aber lesen Sie neben Setz in jedem Fall wieder Christian Fürchtegott-Gellert. Ein völlig zu Unrecht vergessener Dichter, der zu Unrecht, wie ich sagen muss, völlig zu Unrecht, nicht mehr gelesen wird. 

Natürlich bin ich Atheistin. Lieb, dass Sie mich deshalb so angesehen haben, als hätten Sie mir diese Frage gestellt. Ich habe ja auch Fürchtegott gelesen. 

Elefanten sind wunderbare Wesen. Lieber auf einem grauen Elefantenrücken durchschlafen, als träumend auf einem Tiger hängen. Nietzsche schrieb, wir Menschen würden alle auf dem Rücken von Tigern hängend träumen und nichts von dem mitbekommen, was Sache ist.

Clemens Setz ist überschätzt. Er ist insofern überschätzt, als er nicht der ist, der rein äußerlich Peter Handke am ähnlichsten sieht. Das ist tatsächlich ein großes Problem für ihn, vermutlich. Mir ist es mehr oder weniger total egal. Ansonsten ist er ein Genie mit großem Humor.

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