Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Literarische Selbstgespräche

Von und mit Wanda Koller

Ich würde eigentlich gerne über Entscheidungen interviewt werden.

Wanda Koller, © Astrid Nischkauer Also wir sind hier gerade am Siza Pavillon, auf der Raketenstation in Neuss. Und ich bin hier angestellt als Wachhund, im Siza Pavillon. Und jetzt wurde ich von Astrid gefragt, ob ich nicht ein Interview führen will, bei dem sie keine Fragen stellt. Und darüber habe ich mir Gedanken gemacht, was das eigentlich heißt, ein Interview ohne Fragen. Und dann kam ich zu dem Gedanken, dass ich erst mal eine Entscheidung treffen muss, worüber ich das Interview führe. Und das muss ich selber tun, weil Astrid tut es nicht. Und ich bin darüber aber auch auf die Form von Astrids Konzept, also auf die Frage gekommen, was das eigentlich heißt, ein Interview ohne Fragenden. Und daraufhin dachte ich eigentlich, bin ich auf mich zurück geworfen, in meine intersubjektive Schale. Und alles, was ich an Entgegnungen nonverbaler Art von ihr bekomme, ist reine Spekulation. Also ich kann mir keiner faktischen Frage sicher sein.

Jetzt habe ich gewisse Indizien der nonverbalen Kommunikation. Und ich könnte jetzt mal entscheiden, also die Interviewende kuckt mich an mit ihren strahlenden blauen Augen und lächelt, also was? Und jetzt lacht sie sogar, also sie lacht nicht wirklich, ich höre diese atmenden Geräusche, ich sehe ihren Körper sich auf und ab bewegen. Und da jetzt sogar, jetzt faltet sie die Hände ineinander und drückt die Kuppen ihrer Daumen gegeneinander. Aber alles das hilft mir nicht weiter bei der Frage, um was dieses Interview sich weiter handeln wird. Und deshalb muss ich mich jetzt vielleicht doch nochmal befragen, da Astrid mir diesen Raum schafft, in dem ich mich selber fragen kann, worüber ich dieses Interview eigentlich handeln lassen will.

Denn eine Frage, die mir noch sofort in den Sinn kommt, ist: was ist der eigentliche Unterschied zwischen dem gesprochenen Wort, der direkten Kommunikation, und der vielleicht etwas mehr indirekten Kommunikation über das geschriebene Wort. Man hat ja ganz andere Nuancen im Sprechen, als im Schreiben. Ich lese zum Beispiel auch sehr, sehr gerne Theaterstücke, weil das gesprochene Wort da ja im Vordergrund steht. Und nicht eine andere Form quasi dem noch vorausgeht. Das nur so nebenbei.

Ja. Also würde ich eigentlich das Interview, würde ich sagen – ich würde es gerne über den Begriff der Entscheidung führen. Ich würde eigentlich gerne über Entscheidungen interviewt werden. Was ist eine Entscheidung und wie wird diese getroffen? Und darüber habe ich mich auch informiert, also vom Wort her. Die Entscheidung kommt daher, dass man ein Schwert aus der Scheide zieht, also das ist der Moment der Entscheidung. Und jetzt weiß man, ok, das Schwert, das ist eigentlich eine Waffe. Und sobald man quasi die Waffe zieht, ist es eine Entscheidung, merkwürdiger Weise vom Wortstamm her. Und dann ist doch interessant, dass sobald man eine Entscheidung trifft, eigentlich eine gewisse Form von Gewalt auftritt, vom Wortstamm her. Also man quasi anfängt, einen Ausschluss zu vollziehen, was immer eine gewisse Art von Gewalt beinhaltet, würde ich jetzt einmal behaupten. Also je nachdem, wie sensibel man das eigentlich betrachtet. Und die Entscheidung von Astrid zum Beispiel, keine Fragen zu stellen, ist ja auch eine Form von Entscheidungsvermeidung, oder so ähnlich. Und vielleicht ist das ja der Grund, weil dann weniger Gewalt herrscht quasi, von dem Fragenden dem Interviewten gegenüber. Und Entscheidungen generell beinhalten natürlich auch – und die müssen wir tun, jeder Mensch trifft Entscheidungen – dass man eine Fokussierung vollzieht.

Jetzt kommt hier der René herein, der ist auch Mitarbeiter hier im Siza Pavillon. Und das ändert natürlich jetzt die Situation. Die Umgebung, in der ich über Entscheidungen spreche, sowie gewisse Entscheidungen treffe, ist jetzt faktisch verändert da die Umgebung sich verändert hat und die Anwesenden. Jetzt muss ich nochmal anders darüber nachdenken. Also auch der Zuhörer beeinflusst ja eigentlich das, was ich spreche. Außer ich treffe die Entscheidung für das, was ich – also wie viel der Umgebung lasse ich eigentlich zu auf meine Reflexion, oder wie viel findet sie in mir selbst statt.

So es reicht jetzt. Das war’s. Das Interview ist beendet.

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