Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lost Voices
27

Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914)

Autor / Redaktion: 

Über EWL ist in der Deutschen Biographie nachzulesen:

"Seine Kindheit verbrachte L. in Köslin, Karlsruhe, Wahlstatt (Liegnitz) und Plön. Schon zur Zeit seiner Ausbildung in der Hauptkadettenanstalt in Groß-Lichterfelde begann er zu schreiben. Als Fähnrich wurde er 1909 zum Infanterie-Rgt. Nr. 143 in Straßburg versetzt, wo er Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Friedrich Lienhard schloß. 1910 zum Leutnant befördert, gab er im Sept. 1911 die Offizierskarriere auf, da er sich unfrei und „unwürdig behandelt“ fühlte.
Den Entschluß, „Schriftsteller, d. h. Bohemien“ zu werden, stellte er zunächst zurück und begann nach dem Besuch einer Berliner Handelsschule 1912 ein Volontariat bei einer Hamburger Import-Export-Firma. Gleichzeitig beschäftigte er sich mit Rimbaud- und Verlaine-Nachdichtungen…  1913 lernte er Richard Dehmel kennen; im selben Jahr wandte er sich endgültig vom bürgerlichen Leben ab und fand als freier Schriftsteller durch die Freundschaft mit Kurt Hiller und Ernst Stadler rasch Zugang zur Berliner Literatenavantgarde.
21 seiner Gedichte wurden in der expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“ veröffentlicht. Seine erste Lyriksammlung „Und schöne Raubtierflecken …“ (1913) verrät Einflüsse der Literatur des Fin de Siècle. Seine zum Teil an Verlaine orientierten Gedichte sind in ihrem Vitalismus und ihrer Exotik Ausdruck eines Willens, aus den Normen der wilhelminischbürgerlichen Welt auszubrechen. Das bekannteste Gedicht „Aufbruch der Jugend“ (1913) wendet sich mit aktivistischem Revolutionspathos, aber ohne konkrete politische Ausrichtung gegen das Bestehende und gilt als für L. und den utopischen Frühexpressionismus typisches Dokument.

Im Frühjahr 1914 zog L. sich mit Ludwig Meidner aus der Großstadthektik in die Bohème von Dresden zurück… Am 2. Aug. 1914 wurde L. nach Straßburg einberufen“
... und fiel als Kompanieführer während eines Angriffes bei Bouconville in einem französischen Schützengraben.

(Die teils im Internet kursierenden Fotografien sind nach aktuellem Recherchestand nicht zutreffend. Sein Freund Ludwig Meidner beschreibt Lotz als „Schmetterlingsbunt und Gangestänzer, blonder Soldat. … Sein nervöser Poetenleib schoß in unseren Stuben jäh wie eine Brandfackel herum. Der kleine Bachstelzenkopf, die ganz engen Augen, wie Mauerritzen scharf geschnitten und überspült von Kindes Unbefangenheit …“ - er hat einige Bleistiftskizzen von ihm angefertigt, auch als „Liegender lesender Mann“).
 

Und schöne Raubtierflecken...

Bist du es denn?
Groß aus dem Weltraum nachts, der Spiegel ist,
Tönt dein zerwehtes Bildnis in meine Seele.
Die Sterne durchziehen harfend deine Brust.
Du aber ...

Du glänzt vielleicht versehnt im weißen Federbett,
Traum liegt dir hart im Schoss. -

Oder ein junger Liebling
Zieht fühlsam mit zeichnendem Finger
Die festen Runden deiner Brüste nach.
Ihr seid sehr heiß.
Und schöne Raubtierflecken zieren eure Rücken.

Aus: Und schöne Raubtierflecken... Ein lyrisches Flugblatt von Ernst Wilhelm Lotz.
Berlin, A. R. Meyer Verlag, 1913.
Erste Auflage: 500 Exemplare. 16 nicht nummerierte Seiten.

Letzte Feuilleton-Beiträge