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Lost Voices
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Curt Saemann (1893-1918)

Autor / Redaktion: 

Geboren am 2. Februar 1893 in Wiesbaden. Begann vor dem Kriege in München Chemie zu studieren. 1914 Kriegsfreiwilliger. Lernte in Berlin Theodor Däubler kennen. Im September 1918 bei Dixmuiden schwer verwundet. Starb am 24. Oktober 1918 im Lazarett in Hannover. Literarische Beiträge in spätexpressionistischen Zeitschriften. Keine Buchveröffentlichung.

Veröffentlichte in Zeitschriften: Die Aktion, Der Orkan, Die schöne Rarität. Rolf Conrad Cunz, der Herausgeber des Orkan, widmete das Doppelheft 6/7 von 1918/19 Curt Saemann: „Auch den „Orkan" hat der Krieg zuguterletzt noch schwer getroffen. Einer der besten, aus unserer Reihe, rein und unbeirrt“ sei gefallen.

Curt Saemann ist der Vater der Übersetzerin Eva Marianne Saemann (die u.a. ihre Arbeit an Dostojewskis „Der  Leidenschaftliche“ ihrem Vater widmete).

 Sein Nachlass wird zum Teil im DLA Marbach aufbewahrt.

 

Menagerie – Varianten

Da stehn sie schwarz an Pulten und Gestellen
Und angeln in den alten Tintenfässern
Nach spitzen Gründen und dem Ding an sich.
Westlicher Weisheit scharfgeschliffne Kiele,
Die reiten sie wie wohlerzogne Mähren
Und spießen mit den Köpfen schmal und spitz
Die Sterne auf und rennen sie zuweilen
Dem lieben Gott in den geschundnen Bauch.
Sie kriegen Kinder, werden Onkels, Tanten,
Und glauben, daß sie Kathedralen türmen
aus Ankersteinbaukasten. Bis sie eines Tags
Mit stieren Augen vor den Höhen stammeln,
Wo ungeheure Gespenster ziehn.
Dann kommt die nächste Generation. Und riesig schleicht die Seuche
Des Aristoteles von Mensch zu Mensch.

Da will ich lieber durch die Städte laufen,
In Zirkusse und lust’ge Varietés
Wo Säufer irre Rapsodien brüllen,
Verrückte Heilige auf Händen stehn,
In Kintops oder in Menagerien,
In Straßenknäule, wo Motore fauchen,
Und Menschen (abendlich) wie Grizleybären
Auf allen Vieren kollern in die Nacht.

Ein Klumpen rollt von Clowns in die Manegen,
Der ob der eignen Dummheit lustig brüllt.
Auf einmal stürzten Biester, furchtbar wild
- O Löwen, Tiger – hin auf allen Wegen.
Da hebt ein schrecklich Zähnefletschen an.
Die Menge flieht mit angstgepreßten Kehlen.
(Der Vorhang fällt und steigt dazwischen stets im Takt)
Dann kommt die Attraktion: Der letzte Akt!
Ein Beckenschlag! Die Strähnen, Mähnen, Zähne,
Die wilden Raubtieraugen fallen ab.
Revolver, Flinten werden schnell entladen
(Da zeigt sich’s auch, das Pulver war zu knapp).
Die Clowns umarmen die entpuppten Kameraden.
Wie lustig zeigt sich die Erkennungsszene!
Von allen Plätzen donnert der Applaus
Und jeder zieht befriedigt da nach Haus.
Die Junggesellen nach den Tanzlokalen,
Die Philosophen aber nach Ideen,
Und die Gelehrten saufen Tintenfässer,
Ganz ungeheuere, wie Streusand auf.
Und an den Ecken stehn Pazifisten
Mit Regenschirmen und geschwungnen Manifesten,
Hochzeitszylindern und geblumten Westen.

Inzwischen spulen sich die Offensiven
Voll Präzision wie Henkerseile ab.

 

aus: Menschen 1, 1918, Heft 5, Seite 1

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