Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lost Voices
41

Kurt Striepe (ca. 1890-1918)

Autor / Redaktion: 

„Schon wieder eine Anthologie, Die Aktion ist die jederzeit angeklingelte und immer bereite Hebamme für Dichter.“ urteilte der Wiecker Bote in seiner ersten Ausgabe 1914 über Pfemferts „Aktionismus“. Der sich auch darin spiegelte, daß eigentlich unfertige Dichter wie Kurt Striepe auf ein etabliertes Podium fanden, mehr oder weniger weil sie als Soldat im Feld standen. Striepe veröffentlichte im Sturm und in der Aktion. Er schrieb mitten im Kampfgeschehen, erzählt in seinen Briefen bspw. an Herwarth Walden im August 1916: „Einliegend ein Manuscript. Hoffentlich eignet es sich für den "Sturm ". Ich schrieb es während eines 54stündigen Trommelfeuers ...“ Ein Gedichtband von ihm ist nie erschienen.

 

Pubertas

Ihr wißt nichts von uns
und kennt uns nicht,
wenn mit uns unsere Kindheit bricht
und wenn wir außer uns geraten.
Wie rote Fahnen glühn aus Dunkelheiten,
fühlen wir alle Schatten von uns gleiten
und wissen uns verraten.
Und unser zittriges Denken
wagt sich hervor aus grauem Ödsein
- sehenden Auges fallen die Stunden
aus der Ewigkeit in den gläsernen Mund der Zeit.
Müde Geigen, liegen wir des Nachts in Betten,
bang und vor Lust verstört,
rufen euch, uns zu befreien aus den Ketten
- niemand hört.
Und nur der Mondschein glittert durch die Fenster,
zu mehren unser Zweifeln,
aufpeitscht er Sinnlichkeiten –
aus jedem Dunkel schrecken sie uns an.
Weit offene Augen suchen zu begreifen,
was uns Erwachen gibt an Rätseln und Wahn.
Bleich und verfallen die Wangen,
Nebel die Augen umhangen,
um Kinderlippen sprechende Falten
- niemand von euch unser Zweifeln nahm.
Ihr krochet zurück in eure Häuser,
oder schluget ein Kreuz
oder spracht einen Fluch
und tranket Karthäuser.
Uns aber hießet ihr gehn –
wir müssen unsere brennenden Fackeln weitertragen,
in dunkle Tage,
in helle Gebrechen,
und dürfen nicht wagen
die Brände zu löschen,
aus denen neue Qualen
wie Blitze brechen.
Und unsere Hände fahren farblos fahl
an schleimige Wände, den Ekel entlang.
Wir staunen allen Frauen ins Gesicht,
suchen, erbitten des Schweigens Lösung.
Wir wissen unsere Zweiheit.
- Doch vor allen Rätseln und Raten
kommen wir nie zu Taten.
Nur Hohn trifft uns,
und so zerfallen wir an uns.
Wir fühlen uns uns selbst entgleiten –
wir blicken fremd ins eigene Gesicht.
Unser Lachen steht –
wenn sich die Dirne uns um Dirnenlohn verspricht
und uns herniederzieht zu ihren Niedrigkeiten.
Dann sind wir Männer –
dann sind wir erwachsen - -
von allen Süßigkeiten
bleibt nichts als ein schales Erinnern.
Manchmal,
still und verhalten
eine flehende Stimme - -

aus: DIE AKTION 4, 1914, S. 523-524

Letzte Feuilleton-Beiträge