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Karl Thylmann (1888-1916)

Autor / Redaktion: 

„Karl Thylmann (* 11. April 1888 in Darmstadt; † 29. August 1916 in Groß-Auheim) war ein deutscher Buchkünstler, Graphiker und Dichter. In Darmstadt besuchte der Sohn eines Oberlehrers das Ludwig-Georgs-Gymnasium, wo er die Bekanntschaft mit dem späteren Komponisten Wilhelm Petersen machte. Während seines Architekturstudiums an der Technischen Universität München lernte er auch Stefan George, Karl Wolfskehl und Friedrich Gundolf kennen. Er zeichnete mit Bleistift und Tusche, benutzte graphische Techniken wie Radierung und Lithographie und fand letztlich zum Holzschnitt. Bis zu seinem Tode schuf er etwa 70 Holzschnitte.

Seit 1913 wurden er und sein Schaffen durch die Anthroposophie Rudolf Steiners beeinflusst. 1914 heirateten er und die holländische Schauspielerin Jo Koops. 1915 wurde er zum Militär einberufen und erlitt am 4. August 1916 an der Front vor Verdun eine Verwundung, die am 29. August im Lazarett Groß-Auheim zu seinem Tode führte.“ wikipedia

 

Im Lazarett geschrieben
(aus dem Nachlass)

III

Fieber

Ein Diadem von haarigen Blitzen prasselt
unaufhörlich aus dem Schädel mir.
Die eherne Wölfin mit den Zitzen rasselt –
Hier ein Durstiger, hier!
Ach, nur ein öder großer Gummiknebel
wächst durch die Zähne in mein Haupt,
doch weicht er mählig auf in jenem schwarzen Nebel,
der aus dem Kleiderschrank des Herzogs Alba staubt.

 

IV

Aufwachen

Gelächter der Genesenden
reißt mich in meinen Leib zurück.
Auf schrägem Milchglas über mir
läuft schattenhaft ein Sperling hin,
nur seine Füße prägen sich,
schief schwarze Sternlein, schärflich ab.
Rücksinke ich in meinen Traum,
schon dreht sich meine Lagerstatt
auf stummer Stromspirale weg.
O schwarze Sternlein, mein Geleit!
 

V

Narkose

Ein Lallen, Lachen, Mißverstehen, Stumm-rufen ...
Da quellen schon empor die untern Stufen,
der Abgrund, aufgerollt, trägt mich im Gleichen.
Die Brillen, Kittel, Messer glühn und bleichen.
Watte mein ganzes Fleisch, die Luft Granit ...
So ist der Tod! Die Luft wird Sterngranit
Die Luft ist sternig flimmernder Granit.....

 

Aus: Briefe. Hrg. von Joanna Thylmann. Selbstverlag, Darmstadt, 1919.

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