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Im Kern angekommen

Die Lettrétage Berlin präsentiert eine Auswahl an Bild-Text-Gedichten von Hans-Peter Stark und Tobias Falberg

Manches erinnert noch an die Anfänge: Zum Beispiel die Apfelbäume vor dem Fenster, das auf BTG Nummer 23 zu sehen ist. Die Bäume stehen im Garten des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop, wo sich der bildende Künstler Hans-Peter Stark und der Lyriker Tobias Falberg während eines Stipendienaufenthalts im April 2010 kennenlernten. Einen Monat lang hatten Falberg und Stark Zeit, die Arbeit des jeweils anderen kennenzulernen, Berührungspunkte und Schnittmengen herauszufiltern. Auf der Dachterrasse, im Atelier des Künstlers, bei gemeinsamen Strandspaziergängen oder Kochsessions nahm das Konzept des Bild-Text-Gedichts (BTG) allmählich Form an: Eine Form der Poesie zu schaffen, die visuelle und sprachliche Elemente organisch miteinander verbindet.

BTG-Falberg-Stark

In der Lettrétage, dem jungen Literaturhaus in Berlin-Kreuzberg, ist nun ein repräsentativer Querschnitt der BTGs zu sehen, die im Laufe der letzten vier Jahre entstanden sind. „In den Äther tätowiert“, so der Titel der Ausstellung, ist eine Gedichtzeile aus Falbergs jüngstem Lyrikband „Plastiniertes Gelände“. Für den Autor symbolisiert dieser Titel in erster Linie die Freiheit der Großstadt, aber auch eine gewisse Härte und Aggressivität, die er mit Berlin assoziiert.

Manche der ausgestellten Werke wirken ausgereift, andere eher experimentell, einige überzeugen auf den ersten Blick, andere entfalten ihre Wirkkraft erst bei längerem Schauen. Ein BTG soll über bloßes Illustrieren oder Kommentieren hinausgehen, so das Statement des Künstlerduos. Vielmehr wird eine Spannung zwischen Text und Bild angestrebt, die neue Denkräume öffnet. Im Idealfall entsteht ein neues, ganzheitliches Gesamtkunstwerk.

 „Das Sichtbare reduziert sich, während das Bewusstsein immer stärker wird“, erläutert Falberg das Geschehen in BTG 23. Das Werk zeigt Starks Abschlussinstallation, für die er das Fenster seines Ateliers im Künstlerhaus Lukas nutzte, in drei Varianten. Nach unten hin verschwinden die Wiesen, die Apfelbäume, fressen sich Löcher in die Landschaft. In die weißen Flächen hinein tropfen Worte, die vom Willen und gleichzeitig der Unmöglichkeit sprechen, das Außen vollständig zu erfassen. Und nicht nur das Draußen, auch das Fenster selbst wird brüchig. Am Ende des Gedichts hat die Wahrnehmung ihren vorgegebenen Rahmen verloren. Nur so kann sich das Bewusstsein des lyrischen Ichs für Neues öffnen.

Alles liegt im Auge des Betrachters: Manchmal muss dieser den Kopf regelrecht mitbewegen, um den Worten zu folgen. Ein Helioexplorer begibt sich auf eine surreale Reise ins Innere der Sonne. Das Hineinbohren in den heißen Kern findet seine Entsprechung in der Anordnung des Texts, der sich in rot-pink-orangen Farbverläufen von außen nach innen windet. Das Zentrum bildet ein unscharf konturiertes Frauenporträt, das Falberg sofort an Infrarotbilder denken ließ.

In den ersten BTGs sind Starks Werke, von denen sich Falberg inspirieren ließ, noch an zentraler Stelle integriert. Im Laufe der Zeit jedoch wandelte sich die Arbeitsweise, wurden neue Möglichkeiten ausgelotet. Wortersetzungen durch Bildelemente schaffen neue Interpretationsspielräume, belassen Unsicherheiten, die der Floskelhaftigkeit leerer Worthülsen entgegenwirken.

„Sprich nicht von Perfektion / oder Fehlern, sprich von Varianten“ steht da. Oder besser: Würde da stehen, hätten nicht bestimmte Buchstaben ihre Plätze getauscht oder sich ganz vom Papier verabschiedet.  GTAC – die vier Aminosäuren, aus denen sich unsere DNA zusammensetzt. Das Spiel mit unterschiedlichen Schriftarten und Farbabstufungen erlaubt es, diese vier Buchstaben hervorzuheben, zu ersetzen, durcheinanderzuschütteln oder ganz wegzulassen. Genetische Abweichungen, die eine Weiterentwicklung überhaupt erst ermöglichen, parallelisiert in orthografischen Mutationen – so wie die Sprachmatrix die Welt erzeugt, bilden die vier Aminosäuren die Basis des biologischen Lebens.

BTG 56 hingegen kommt ganz ohne Wortersetzungen oder typographische Spielereien aus; seine Spannung bezieht es vor allem aus  den verstörenden Kontrasten zwischen Text und Bild. Der naiv-romantischen Beschreibung „bewaldeter Hügel auf freier Fläche“ steht der nüchtern skizzierte Querschnitt eines Staudamms gegenüber, der sofort die potentielle Katastrophe beschwört. „Beschreibungen sind selten / eindeutig“, heißt es weiter: „Wir sind eingesperrt, wir / sind von schützenden Händen umgeben.“ Daneben entfaltet sich eine Collage, die Szenen aus Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ mit Bildern des Pariser Hôpital de la Salpêtrière verbindet, einer Klinik, die Ende des 19. Jahrhunderts bekannt war für seine öffentliche Zurschaustellung angeblicher „Hysterikerinnen“. Text und Bild stellen die Frage, wer hier die Wahrheit verkörpert. Arzt oder Patient_in? Die sich in ihrem Bett aufbäumende „Hysterikerin“, oder die darum gruppierte Traube ernst-voyeuristischer Herren in  grauen Anzügen?

„Manche Stimmungen können durch Bilder oder Verfremdungen besser bzw. intensiver vermittelt werden als durch ein einzelnes Wort oder eine Wortgruppe“, sagt Falberg. „Eine visuelle Stimulation aktiviert ganz andere Sensoren als die Verarbeitung von Text.“

So wird die ganz spezielle Poesie von Falberg und Stark auch einem breiteren Publikum zugänglich, das sich normalerweise nicht auf eine Lyriklesung verirren würde. Bei vorherigen Ausstellungen der BTGs in den Stadtbüchereien Würzburg und Erlangen beispielsweise blieben die Blicke tausender Besucher an den Wort-Text-Gebilden hängen. Falberg gefällt der Gedanke, dass sich bestimmte Elemente, und seien es nur winzige Eindrücke, in der ein oder anderen Hirnwindung festsetzen und dort weiterleben.

In den aktuellen Werken beschreiten Falberg und Stark noch einmal neue Wege: Minimalistisch kommt Nummer 60 daher, mit nichts anderem als wenigen gezielt gesetzten Worten auf weißem Hintergrund. Der Text erinnert an Gertrude Steins berühmte Gedichtzeile „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“, die Anordnung erinnert an Ernst Jandls konkrete Poesie.

Nummer 61 hingegen verfolgt eine bunte Comic-Ästhetik: zu sehen und zu lesen ist ein quirliger Kindertraum, in dem es so verspielt wie blutig zugeht. Ein „dummer Böser“ will die Welt mit Giftbomben zerstören, doch auch ein führerloses Auto und ein Fußballtor sind von zentraler Bedeutung. Die traurig-schöne Idee „Mit Staubsaugern saugten wir das Gift auf“ beschließt dieses jüngste BTG.

Noch bis zur Sommerpause (Mitte Juli) wird „In den Äther tätowiert“ in den Räumen der Lettrétage (Mehringdamm 61, 10961 Berlin) zu sehen sein.

 

 

 

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