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Wörter, Klänge, Erinnerungen

Der Lyriker Klaus Martens wird siebzig Jahre alt

„So schicken wir Wörter in die Welt“, schreibt der 1944 geborene Lyriker Klaus Martens in dem 2012 erschienenen Band „Abwehrzauber“ (Conte Verlag). Ein paar Seiten weiter finden wir im selben Band den Satz „Vom Ende her bestimmt sich alles“. Nun wäre es völlig unangebracht, das Wort Ende im Zusammenhang mit Klaus Martens literarischen Schaffen und Schaffensdrang wörtlich zu nehmen, sondern man sollte es eher mit „Rückblick“ übersetzten  - oder, mit Sicht auf Zukünftiges besser noch als  (vorläufige) „Bestandsaufnahme“ sehen. Denn an seinem siebzigsten Geburtstag kann der Autor, der Mitglied des P.E.N. und des VS ist,  auf viele Wörter in vielen Publikationen zurückblicken.

Schon in seiner Bremer Schulzeit schrieb er Lyrik und ein erster zarter Erfolg war 1965 die Veröffentlichung eines Gedichts in der Rowohlt-Anthologie „Primanerlyrik-Primanerprosa“.

Seitdem beschäftigt sich Klaus Martens in verschiedenen Funktionen und Bereichen mit Literatur. Als Professor für Nordamerikanische Literatur und Kultur sowie als Gründer und Leiter des Kanadazentrums  (CCAC) an der Universität des Saarlandes taucht er in die nordamerikanische Literatur ein und wird zwischen 1984 und 2014 nicht nur als Lyriker mit dreizehn eigenen Gedichtbänden  bekannt,  sondern auch als wichtiger Übersetzter u.a. von dem Literaturpreisträger Derek Walcott, von Dylan Thomas, Wallace Stevens, Elisabeth Bishop, Charles Simic und Thomas Lux . Damit nicht genug. 2010 hat er für den englischsprachigen Band „State(s) of the Art: Considering Poetry Today“ (Königshausen & Neumann)  als Herausgeber namhafte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eingeladen, über zeitgenössische englischsprachige Poetik und Lyrik nachzudenken. Dieses Buch sei als Beispiel für sechzehn wissenschaftliche Bücher und über sechzig wissenschaftliche Aufsätze genannt. 

„Niemand steht ganz allein da – ich verdanke vieles an Sprache und Form geliebten Lyrikern, von denen ich manche übersetzten durfte“, schreibt er in der Zeitschrift Bawülon des POP Verlages . Dass ihn die Dichter, die er übersetzt hat, nicht loslassen, zeigen die schönen Verse aus „ Erinnerung an Dylan Thomas“, in denen er sich auf dessen berühmtes Gedicht „Fern Hill“ bezieht. „Dylan Thomas, an den heran ich mich / heiß übersetzend wagte, ist mir / mit dem Alter fremder geworden - // Früher konnte ich wie im Rausch mit ihm / den Kindheitshügel hinab eilen, besprenkelt / von Apfelzweigen im windabgeworfenen / Licht“.  Klaus Martens spielt hier mit seiner eigenen Übersetzung von „Down the rivers of the windfall light“.

„Karibischer Dichter, Für D. W.“ heißt ein Gedicht aus dem Band „Alter Knochen spricht“ (Amarant Presse 2010), eine Hommage an den ebenfalls von ihm übersetzten Derek Walcott und gleichzeitig eine Kritik an dem Umgang mit ihm. „Zuhause, mein Freund, im englischsprachigen Haus, / hat man dich schnell verräumt, vom Empfangszimmer / in eine Ecke der Bibliothek. Dies große, weiße Haus / mit Freitreppe und dem unblühenden Garten / / sieht seine bunten Bewohner gern in anderen Rollen: / Weißzahnig fletschend am Ruder des Ausflugsbootes, / dekorativ auf dem Schnappschuss mit den Damen -/ aber als Champion der unbändigen, salzigen Sprache? // Dies fiel schwer, als der rote Neger nobel wurde.“

Diese Zeilen passen zu dem Nachwort, das Klaus Martens zu seinem Derek Walcott-Band „Das Königreich des Sternapfels“ (Edition Akzente Hanser 1989) geschrieben hat. Hier zeigt er sich als sorgsamer, verantwortungsbewusster Übersetzter, indem er schreibt, dass wir „auf manches Kostbare bei Walcott verzichten“ müssen, weil  sich nicht alles aus der Sprache des karibischen Patois übersetzten lässt. Und weiter, in Bezug auf die misslungene Sprache der ‚guten Schwarzen‘ bei weißen Autoren:  „Sprache ist auch Sozialgeschichte. Man täte Walcott einen schlimmen Tort an, würden diese kolonial-rassistischen Konventionen des ‚Mammy-Englisch‘ bewahrt.“

Nein, Verschweigen ist seine Sache nicht. „Meine Gedichte nehmen aus der mir bekannten Welt und aus Teilen der Welt, die ich besser kennen möchte. Sie erschließen mir Unbekanntes und loben zugleich die Alltäglichkeit, denn unser Alltag ist alles, was wir haben“, sagt er selbst über seine Lyrik. Geht man allerdings mit seinen Gedichten auf dreißigjährige Zeitreise, nimmt man schnell wahr, dass der Begriff Alltag bei Martens sehr weitgefächert ist und viele inhaltliche sowie räumliche Nuancen aufweist. Da kann es wie in seinem ersten Lyrikband „Heimliche Zeiten (DVA 1984) sowohl um das Aufräumen einer Wohnung gehen: „Es wird vermutlich Zeit, /  meine Wohnung zu säubern, / die Flaschen in die Tonne zu tun / und das Geschirr zu waschen“ als auch,  wie in „A Restatement of Dreams“ (POP Verlag 2014) um „Bird Watching“:  „she observes / the holes hight up among the leaves, unpatched / holes, where doves are / nesting, flying in and out“.  Manchmal kann er Beobachtungen, Gedanken und Gefühle, so schreibt er in einem Vorwort zu diesen Gedichten in englischer Sprache, nicht nur in einer Sprache ausdrücken, weil er mehr als eine Stimme in seinem Kopf und Herzen hört.

Aber gleichgültig in welcher Sprache auch immer, von Beginn an findet der Leser die lakonische, unaufgeregte Stimme, die die Lyrik von Klaus Martens auszeichnet. „Es gibt Tage, an denen geht / gar nichts“, schreibt er in seinem ersten Gedichtband und achtundzwanzig  Jahre später lesen wir „Etwas fehlt immer am perfekten Tag“.  Die Lyrik von Klaus Martens ist realistisch und poetisch zugleich. Sie kommt mit Leichtigkeit daher und berührt doch oft existentielle Fragen. „Es gibt keinen richtigen Frühling im falschen“, lautet die erste Zeile des Gedichts „Falscher Frühling“ aus dem Band „Das wunderbare Draußen“ (Fixpoetry 2010). Und derart auf Adorno eingestimmt, geht es in den nächsten Versen erst einmal recht prosaisch weiter mit harten Brötchen, getrockneter Marmelade und dem unerwartet früh gekommenen Frühling, von dem „der Schwarzseher“ sich nicht täuschen lässt.  Aber, so lautet das Fazit dieses Gedichts „Doch wo bleibt das Leben // im falschen Frühling, wenn der richtige / so weit noch entfernt ist, tief im Süden ? / Es ist das richtige Leben, die Jahreszeit / die wir uns machen. Sie ist, weil wir sind.“

1995 erschien in der Zeitschrift Akzente des Hanser Verlags ein Langgedicht von Klaus Martens „Die Fähre“ (2006 in der Reihe Tropicana des VS Saar neuaufgelegt). Darin beschreibt er in vierundvierzig Strophen in Mittelachsenform ausgehend von einer Fähre, die seit den Fünfziger Jahren Arbeiter über die Weser transportiert hat, seine Kindheit und Jugend in Bremen. Erstaunlicherweise befindet sich diese Fähre in der ersten Strophe „In Mangroven versunken / im spanisch sprechenden Fluß“, denn sie wurde in den Achtziger Jahren als Zeichen der Solidarität Nicaragua geschenkt. Nie hätte ich diese ungewöhnliche Geschichte ohne die Verse von Klaus Martens erfahren. Anhand des kleinen, unermüdlich auf der Weser kreuzenden Schiffes führt der Autor die versunkene Welt „beim Dorf meiner Jugend, auf Dünsand gebaut“ dem Leser plastisch vor Augen. „Einer nach dem anderen / tropfen wir an Bord / (Augenblicksschauder über dem Abgrund), / schweißnaß von der Sonne, / und belegen den Platz am Heck / über der gelben Schraubensahne. / Hol över. / /Die Fähre legt ab.“

Bleibt zu hoffen, dass Klaus Martens seine Leser weiterhin mit auf große Fahrt nimmt.

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