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Wir reden über Literatur
Notiz

Leipziger Buchmesse 2015

Verschiebungen vom Rand aus

I. It’s a book!

Einige Fragen, die sich auf der diesjährigen Messe besonders gestellt haben, wurden am Samstag in der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei der sogenannten Independent Publishing FairIt’s a book“, die dieses Jahr unter dem Titel „It’s a book, it’s a crowd, it’s an open cloud“ stattfand, diskutiert. Während unten im Lichthof der Hochschule kleine, unabhängige Verlage ihre eigene Buchmesse abhielten, darunter auch die Lyrikverlage KOOKbooks und Hochroth, aber auch Spector Books, Edit, Merve und viele kleine, teils internationale Kunstbuchverlage, fand im Festsaal im ersten Stock ein Symposium statt, dessen Vorträge sich zwischen Crowd und Cloud bewegten, also die kleinen, unabhängigen Verlage zu den großen Verlagen und die großen Verlage zur sogenannten Cloud in Beziehung setzten. Die Cloud als Symbol für den Wandel von Netzwerken und die Einwirkung auf das Medium Buch wurde thematisiert. Und deutlich wurde hier auch die Sache mit den Rändern, die das Motiv der diesjährigen Messe sein könnte, ist schließlich nicht zuletzt auch der diesjährige Buchpreisgewinner Jan Wagner als Lyriker vom Rand in einen Raum eingedrungen, der bisher der Prosa gehörte. Überall konnte man in diesen Tagen Diskussionen um diese Verschiebung wahrnehmen. In Diskussionen auf der Messe selbst wie auch im Internet, wo diese Entscheidung nicht nur in den Feuilletons, sondern auch umgehend in den fingierten Amazon-Bewertungen polarisierte.

In der Hochschule für Buchkunst wurde ausgehend vom Objekt Buch ein Fragenhorizont aufgespannt, der fast immer mit Rändern zu tun hatte. Thematisch: Die Immaterialität des eBooks, die das Objekt Buch mit Fragen der Wirtschaftlichkeit in Rechtfertigungsnot bringt und es im Verhältnis zu etwas randständigem macht. Die Global Player, die durch die Forcierung der Aufweichung der Buchpreisbindung eine ganze Kultursparte in Frage stellen. Und demgegenüber der Rand, der bei „It’s a book“ im Fokus stand: das Künstlerbuch, das literarisch wertvolle und darüber hinaus ästhetische Objekt, der Lyrikband der kleinen Verlage.

Diese Bücher erleben eine Aufwertung, wenn sich der breite Markt der Literatur auf die Ebene des Immateriellen verschiebt, wenn die Texte zu Daten werden, die vervielfältigt und weitergeleitet werden können und wir uns nach und nach an eine schlechtere haptische und grafische Qualität unserer Lektüre gewöhnen. Das ist die positive Lesart. Diese Aufwertung des Objektes Buch ist, wenn sie stimmt, bemerkenswert, wurde doch wie Helge Malchow, Verleger von Kiepenheuer und Witsch, im Gespräch mit dem Grafikdesigner Albrecht Gäbel feststellt, die Bücher in den letzten Jahren unter dem ökonomischen Druck zunehmend hässlicher. Und doch ist das hochwertige Objekt Buch ganz sicher ein randständiges Phänomen. Sowohl für das Kunstbuch als auch die Lyrik sowie die meisten anderen unabhängigen Publikationen gilt: Die Herstellenden sind Autoren, Designer, Produzenten, Unternehmer und Käufer in einem. Das Objekt zirkuliert nur in einem bestimmten Netzwerk Gleichgesinnter, das es hervorbringt und sich zugleich wieder einverleibt. In den letzten Tagen in Leipzig wurde das deutlich, indem sich die Publikumskreise der einzelnen Veranstaltungsarten kaum mischten. – Sicher auch der fehlenden Übersicht von Leipzig liest geschuldet, in der jedes Jahr eigentlich nur das auffindbar ist, was im Vorfeld mit dem entsprechenden Suchwort bereits bezeichnet werden kann.

Barbara Steiner, Kuratorin, Autorin und Herausgeberin mit dem Schwerpunkt Architektur, Design und Display im Ausstellungs- und Museumsbereich, hat in ihrem sehr klaren und eingängigen Vortrag eine Bestandsaufnahme dieses Phänomens vorgenommen und damit das Wesen des Problems charakterisiert, das nicht nur für ihr Metier des Kunstbuches, sondern auch für die kleinen Literaturverlage, insbesondere die der Lyrik, gilt. Der Titel ihres Vortrags lautete „Groß und Klein“ nach dem gleichnamigen Theaterstück von Botho Strauß und nicht nur, weil es darin um eine arbeitslose Grafikdesignerin geht. Beeindruckend seziert Barbara Steiner die Beziehung dessen, was sie als Strukturen von beträchtlichem Ausmaß und Strukturen von geringem Ausmaß bezeichnet.

Alle wissen, dass es der unabhängige kleine Verlag – der Lyrikherausgeber, das Kunstbuch – zunehmend schwieriger hat, es sei denn es steht ein großer Name oder ein bedeutender Anlass mit einer Publikation in Verbindung. Viele Akteure suchen sich unter diesem wirtschaftlichen Druck neue innovative Tätigkeitsfelder. Als Reaktion auf die geschlossene Maschinerie der Großen entwickeln sie Ambitionen, die dort in der Regel keinen Platz haben. In der Folge entstehen in der Nische der Kleinen die interessantesten Dinge, so auch ein Stockwerk tiefer in der Hochschule für Gestaltung und Buchkunst zu entdecken: eine neue Qualität inhaltlicher Auswahl, sorgfältige editorische Entscheidungen, herausragende Gestaltung und Materialität des Objekts. (Vielleicht manchmal zugegebenermaßen thematisch sehr spezielle Sujets.) Das Buch wird so als Ort der Inszenierung begreifbar. Oft sind die Entstehungsprozesse von einer besonderen Kultur der Zusammenarbeit geprägt. Und: Keiner der Herausgeber kommt aus dem Verlagswesen! (- eventuell zu deren ökonomischen Nachteil.)

Kleine Verlage sind, wie etwa auch kleine Buchhändler, von starken ökonomischen Schwankungen betroffen. Sie haben keine Ressourcen, um diese auszugleichen. So, stellt Steiner fest, wird das unabhängige Publizieren zum Widerspruch an sich, wenn der Herausgeber sich im Fall der Fälle nicht einmal einen Anwalt leisten könnte. Ganz abgesehen von den prekären Verhältnissen, unter denen die hohe Qualität entsteht. Das Independent Publishing ist nicht neu, man denke an die Avantgarde. Neu jedoch, stellt Steiner fest, sei die nun entstandene extreme Spaltung in ganz klein und ganz groß. Die Mitte ist verschwunden. Die ökonomische Schere könnte nicht größer sein.

Interessant und traurig wird es dann, wenn sich die großen Verlage für die kleinen zu interessieren beginnen. Barbara Steiner nennt das Prinzip „gefräßige Ausweitung und sanfte Einverleibung“. Die Prognose für die Zukunft fällt eindeutig aus. Die Institutionen mit den größten Netzwerken werden in Zukunft am effizientesten sein, die Impulse aber, kommen von den Kleinen. Die Imagesteigerung der Großen, die erreicht wird, indem man sich mit den Kleinen assoziiert, ist für letztere unbefriedigend, denn eine echte Teilhabe an den Netzwerken der Großen gibt es für sie nicht, selbst wenn im besten Fall vorübergehend Sichtbarkeit und ein wenig finanzielle Hilfe dabei herauskommen. Die Impulse der kleinen Initiativen helfen den großen Herausgebern, sich zu erneuern und zu stabilisieren. Eine Gefahr werden die unabhängigen Herausgeber nicht. Es fehlen ihnen die Ressourcen dafür. So stellt Steiner fest: „Die Zufütterung funktioniert nur in eine Richtung.“ und in den Folgen ist es tragisch. Haben einige wenige Netzwerke die größte Macht, kommen keine Diskussionen mehr zustande und es existieren keine verschiedenen Anschauungen und Werte mehr. Die gesellschaftliche Emanzipationsbewegung werde in allen Bereichen aufgegeben, konstatiert Barbara Steiner. Gesellschaftliche Teilhabe finde nur noch rhetorisch statt und die Kunst erlebe eine Refeudalisierung als Repräsentationsmedium an der Seite der Mächtigen. Man sei sehr konservativ geworden. Das Netzwerk der Kleinen schaffe es nicht mit dem eigenen Anspruch über die eigene Zielgruppe hinauszuwachsen. Interessant werden jene Verlage, die nun nach vielen Jahren ein wenig über diese Kleinheit hinausgewachsen sind. Spector Books zum Beispiel, dessen Wachstumschance vielleicht darin lag, dass der Verlag sich durchaus in Konkurrenz mit den ganz Großen dachte. Immerhin dachte. Denn die Kleinen müssen, so Steiner, sich umso mehr die Frage stellen, inwiefern sie eine gesellschaftliche Wirkung erzielen können. Das Formulieren eines Anspruchs darf nicht ausbleiben, wenn ein Verhältnis auf Augenhöhe mit den Großen auch schwierig bis unmöglich ist. Steiners Analyse ist wachsam. Sie bringt Zusammenhänge zum Vorschein, die an sich vielleicht nicht gänzlich neu sind, aber sie tut es, indem sie die Bequemlichkeit, die aus dieser Bestandsaufnahme entstehen könnte, verbietet, und indem sie passende Bilder findet. Im Glanz verschwinde die kritische Diskussion, zum Beispiel. Aber auch: Die Selbstgenügsamkeit der Kleinen bedeutet eventuell ein sich Entziehen von gesellschaftlicher Verantwortung.

Fütterungsstunde also, wenn der Carl Hanser Verlag mit Jan Wagner den Buchpreis gewinnt? Bedingt. Wagner wurde zwar nie von einem ganz Kleinen verlegt (vor Hanser erschien er im Berlin Verlag), doch ist er Vertreter der aus Marktperspektive nun mal kleinen Gattung Lyrik. Er selbst sagte bei der Veranstaltung Lyrik-Empfehlungen am Buchmesse-Freitag: „Es ist eine Auszeichnung für uns alle und für die Lyrik.“

Wie gesagt, bedingt. Als Helge Malchow, Verlagschef von Kiepenheuer & Witsch dran ist, eröffnet er mit der Feststellung, 80 Prozent von dem, was Steiner gesagt hat, treffe auch auf ihn zu. Die Sache mit dem Rand ist, dass er aus jeder Perspektive besteht. Die Ränder laufen überall zu. Obwohl KiWi zu Holtzbrink gehört – in der Leiter von Macht und Ohnmacht stehen immer noch Größere über einem. „Kriegerische Auseinandersetzung“ nennt Malchow das und über ihm stehen Google, Facebook, Amazon und Apple. Das rechtfertigt die Terminologie. Das Problem: Die Buchverlage, die sich als kulturell bestimmend verstehen, bräuchten hierfür einen funktionierenden Markt, aber die Machtverwerfungen, die sie vorfänden, seien extrem und würden in den nächsten Jahren vermutlich noch viel extremer. Auch Malchow spricht vom Netzwerkeffekt. Die Kapitalkraft der Riesen kann die Widerstände der anderen integrieren. Also auch hier eine einseitige Fütterung. Und das Kapital, mit dem die Einverleibung stattfindet, ist deshalb so groß, weil es woanders als auf dem Buchmarkt generiert wurde. Die Abhängigkeit ist wegen der ungleichen Machtverteilung auch hier fatal. Einverleibung, so Malchow, bedeutet hier auch, dass die Logik des Silicon Valley darin besteht, die Entwicklung auf ein Unternehmen zulaufen zu lassen, so dass sich daneben im gleichen Geschäftsfeld nichts anderes mehr aufbauen kann. Jeder Versucht wird aufgekauft. Die Abhängigkeit betrifft, und das sind nur wenige Beispiele, die Sichtbarkeitsfrage (Google) oder das Bangen um die Buchpreisbindung und die Existenz der Buchhandlungen (Amazon). Ich überlege mir, was heißt es, wenn KOOKbooks und seine Veranstaltungen bald nicht mehr bei Google angezeigt würden? Kürzlich hat Google schließlich angekündigt, die Algorithmen würden in naher Zukunft nach „Wahrheit“ sortieren. Wissensbasierte Vertrauenswürdigkeit statt Pseudowissen. Was heißt das für die Geschichtsschreibung und vor allem für einen Gegenstand, der aus sich heraus weder wahr noch nicht wahr sein kann. Malchow bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, es stehe die Kultur im abendländischen Sinne der Logik von Handelsunternehmen gegenüber, die Bedürfnisse und Werte algorithmisch statt hermeneutisch ermittelten. Dass die Großstrukturen niemals die Innovation vorantreiben, bestätigt auch er. Interessant sei die Frage, wie die Verlage nun mit den neuen in Frage kommenden Technologien umgingen. Wir befänden uns diesbezüglich noch immer in der Frühphase. Es gibt viele neue Möglichkeiten, aber noch keine definierten Märkte. Hybridprodukte entstehen in den Verlagen, an der Schnittstelle von Text, Film, Bild und Interaktion. Ein Beispiel ist die sogenannte „Box“ des Carl Hanser Verlags. Es ist teuer, das Publikum reagiert noch nicht darauf, aber jeder Verlag muss sich um eine solche Entwicklung bemühen, hoffen, er setzt auf den richtigen Trend. – Noch nie waren übrigens auch die Internetauftritt einzelner Veranstaltungen wie beispielsweise der Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei oder der Lyrikveranstaltung Expedition Lyrik so integriert in das Format selbst wie in diesem Jahr. Klar scheint, wer jetzt nicht mitmacht, wird irgendwann den Anschluss verloren haben.

Geht man durch die Messehallen sieht man die randstiftenden Gegensätze überall. Klein und groß, groß und riesig, analog und digital, Lyrik und Prosa – das ganz besonders in diesem Jahr, auch wenn die wenigen Lyrikveranstaltungen sicher kein Raubtiermahl feiern können – und dann ganz grundsätzlich: Literatur und Buchmarkt, der wohl größte Gegensatz der Messe.

II. Verschiebungen vom Rand aus – Lyrik!

Foto: Lyrikbuchhandlung.de

Was die Independent Publishing Fair für Kunstbuch und ein wenig Lyrik ist, ist die Lyrikbuchhandlung im Kunstraum 21 für Lyrik alleine. Initiator ist der Hochroth-Verlag, der seit 2012 jedes Jahr zur Leipziger Buchmesse junge Verlage einlädt, deren Verlagsprogramm sich zu mindestens 50 Prozent aus Lyrik zusammensetzt und die gegenwärtige Autoren verlegen. Vor dem Hintergrund des verlegerischen Risiko dieser kleinen Verlage, versucht die Initiative sie zu unterstützen. Im Charme des Kunstraums haben sie die Möglichkeit, ihre Bände an drei Abenden auszustellen. Darüber hinaus gibt es Lesungen mit den Autoren der Verlagen. Der Kunstraum 21 ist mit seinen teils unverputzten Wänden ein typischer Leipziger Ort für kulturelle Begegnungen. Er verleiht der Veranstaltungen eine besondere Wertigkeit, vor allem, wenn am Abend das Publikum um den Tisch mit den Veröffentlichungen herumsitzt, wohl wissend, dass sie eine Randerscheinung an den Messeabenden sind, dort in Lindenau, weit weg vom Getriebe der Maschinerie, wohl aber ein zentrales Ereignis für die Lyrik an sich, sind doch alle bedeutsamen Verlage und aktuellen Autoren versammelt.

Man hat den Eindruck die Bemühungen um die Sichtbarkeit der Lyrik in diesen Tagen erleben unter Jan Wagners Buchpreisgewinn ein Aufatmen. Wie von selbst, hat sich eine Aufmerksamkeit generiert, die zumindest ein klein wenig größer ist, als sie ohne Jan Wagner gewesen wäre. Leider ist sie hier und da auch mit Kränkungen an die Gattung gespickt.

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung / Lyrik Kabinett München

Die Veranstaltung Lyrik-Empfehlungen und die dazugehörige Empfehlungsliste deutschsprachiger und ins Deutsche übertragene fremdsprachige Lyrik, verantwortet von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und der Literaturwerkstatt Berlin in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bibliotheksverband, setzt sich auch mit der Frage von Verhältnissen und Rändern auseinander. Das hat eben zwangsweise mit Grenzen zu tun. Messebetrieb und Gedichte – geht das zusammen?, wird gefragt und: warum gibt es eigentlich so viele junge Lyrikverlage, Festivals und Veranstaltungen, aber einfach keine Aufmerksamkeit, keinen Markt? Die Lyrik-Empfehlungen wollen kein Ranking sein, vielmehr Hilfestellung, eine Handreichung, um einen Einstieg zu bieten in die Gegenwartslyrik. Es scheint nötig zu sein. Netzwerkarbeit könnte man das auch nennen. Marcel Beyer („Graphit“, Suhrkamp), Sonja vom Brocke („Venice singt“, KOOKbooks), die Übersetzerin des australischen Lyrikers Les Murray, („Auf einem See von Strophen“, Edition Rugerup), Margitt Lehbert, und der polnische Tadeusz Dabrowski („Die Bäume spielen Wald“, Carl Hanser Verlag) lesen. Sie wurden gemeinsam mit den anderen zwanzig Empfohlenen von Kritikern, Lyrikern und Vertretern literarischer Institutionen ausgewählt und werden von diesen nach dem Patenprinzip vorgestellt. Die Handreichung der Veranstaltung besteht vor allem in den kleinen Gesprächen, die sich hieraus ergeben. (Vielleicht auch in lockenden Ankündigungen vor der Lektüre wie bei Tadeusz Dabrowski: „Es ist streng pornografisch.“) So werden kleine Gespräche über Lyrik möglich. Über den Klang- und Geschichtsspeicher eines Gedichtes bei Marcel Beyer, über das ungeheure Vokabular und die Vielfalt an Themen und Formen in Les Murrays Dichtung, über die körperlichen Elemente und die starken, von Lust und Verlangen geprägten Bilder bei Sonja vom Brocke, schließlich auch über die faszinierenden Texte von Tadeusz Dabrowski, die immer wieder die Relativität von Wahrheit zum Thema haben und die Frage stellen, was passiert, wenn Werk und Sprache separiert werden. Sie sind, wie Dabrowski sagt, „Mein persönlicher Kampf gegen die Postmoderne.“. „Die Bäume spielen Wald“, aus dem Polnischen übersetzt von Renate Schmidgall, ist ein Band mit Gedichten, die zwischen 2005 und 2014 entstanden sind und eine der Entdeckungen der letzten Leipziger Tage.

Expedition Lyrik

Auch die Expedition Lyrik, ein Abend in der Galerie für zeitgenössische Kunst (GfzK), organisiert von den Verlagen Edition Azur, Brueterich Press, Verlagshaus J. Frank und der Edition Korrespondenzen, stellt am Samstag neun Autoren mit ihren neuen Lyrikbänden vor. Eigens für den Abend wurde eine hochästhetische und sehr aufwändige Website entworfen. Einen Twitter-Hashtag gab es ebenfalls. Der Aufwand erscheint angesichts des zarten Formats, in dem neun Autoren auf salonartigem 70er-Jahre Mobiliar aus ihren Bänden lesen, sehr groß. Er zeugt vom Kampf um die Sichtbarkeit. Im ganz und gar geborgenen Raum dann, in dem die Frage der Sichtbarkeit glücklicherweise keine Rolle mehr spielt, heftet sich einiges in die Erinnerung. Lea Schneiders eindringliche Prosagedichte zum Beispiel aus dem im Verlagshaus J. Frank erschienenen Band „Invasion Rückwärts“. Auch Ulrich Kochs Texte aus „Ich im Bus im Bauch des Wals“ (Edition Azur), die schön sind („Danke den Pferden, / sie atmen wie Mehl.“) und zugleich die Schönheit des Immateriellen und Gegenständlichen beschwören zu scheinen, manchmal wortwörtlich wie im „Schlaflied“ („Schönheit der Ungefickten. / Schönheit der Prothesen / und der ausgestorbenen Tiere.“ „Schönheit der Ungezeugten, / ohne Papiere, Gepäck. / Schönheit, noch größere, der Ungewollten.“) Ähnlich eingängig, nur das Zarte aufgemischt von einer Spur Endgültigkeit, manchmal Trash, die Gedichte des mexikanischen Dichters Julián Herbert, aus deren Übersetzung von Timo Berger Johannes Frank liest. („Du wirst langsam alt und hässlich und Jesus liebt dich nicht.“; „auch wenn es die Stimme eines Mannes ist, dessen Lachen man vor Jahren ruiniert hat (...) meine Stimme kann dich umarmen.“)

Die Lyrik-Veranstaltungen sind dann immerhin doch so zahlreich, dass man die parallel stattfindende Lyriknacht Teil der Bewegung, veranstaltet von den Verlagen KOOKbooks, luxbooks, poetenladen, Schöffling&Co und dem Texttonlabel KOOK in der Hochschule für Grafik für Buchkunst, verpasst. Sonja vom Brocke, Carolin Callies, Max Czollek, Thilo Krause, Nadja Küchenmeister, Andre Rudolph, Anne Seidel, Volker Sielaff, Ulf Stolterfoht.hätte man hier hören dürfen.

III. Grenzen durch eine Gattung –  ein kleiner Teil Prosa

Auch verpasst man die Release-Lesung der neuen Jahresanthologie des Deutschen Literaturinstituts, der Tippgemeinschaft 2015, die ebenfalls nur ein paar Schritte von GfzK und Hochschule für Grafik und Buchkunst entfernt stattfindet.

Einige der interessantesten neuen Prosaveröffentlichungen waren zum Glück wie jedes Jahr schon am Donnerstagabend zu entdecken. In den Gewölben der Moritzbastei veranstaltete Claudius Nießen mit Clarapark in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal die Lange Leipziger Lesenacht. An vier Orten lasen sechs Stunden lang 59 Autoren, das ist bereits an sich beeindruckend. Und auch hier ist der Rand irgendwie präsent. Viele der Autoren sind Absolventen des Leipziger Literaturinstituts und des Studiengangs in Hildesheim. Sie erscheinen in renommierten Verlagen und haben mit dem Massenbetrieb des Buchmarktes, der auf der Messe boomt, wenig zu tun.

Eine Entdeckung des Abends ist – leider ist die Lange Leipziger Lesenacht ein Format, zu der auch das Verpassen vieler Lesungen gehört – Matthias Jüglers Roman „Raubfischen“, der bei Blumenbar erschienen ist. Es ist die Geschichte von Großvater und Enkel, deren rührende Verbindung in ihrer Faszination für die See, das Wasser und das Raubfischen besteht. Als der Großvater an ALS erkrankt, nimmt ihn Daniel noch einmal mit, aus dem Pflegeheim an den Tostaholmen-See in Südschweden, den Ort vieler gemeinsamer Erinnerungen. Der Roman erzählt so berührend von einem Abschied, so ruhig und unaufgeregt, so wenig um Aufmerksamkeit buhlend, dass er sich beeindruckend von vielem anderem Gehörten der Messetage abhebt. Sogar die Grausamkeiten, mit dem Angeln gehen immerhin tote Fische einher, werden hier zärtlich erzählt. „Wir messen ihn. 24 cm.“ – Der Fisch wird gemessen wie ein Baby – und „Ich werfe ihn zu den anderen, denen längst eine Haut aus Eiskristallen gewachsen ist.“ – irgendwie liegt bei Matthias Jügler ein liebevoller Blick auf allem.

Der zweite Roman des Abends, der sich abhebt, ist von Valerie Fritsch und im Suhrkamp Verlag erschienen. Beschrieben wird hier der Untergang einer einst paradiesischen Welt, der in den Städten beginnt. Die Entwicklung der Städte dem Tod entgegen. Valerie Fritschs reiche Sprache ist in diesem Roman Kontrapunkt einer ärmer werdenden Welt. Der Vogelzüchter Anton und seine Frau Frederike, Geburtshelferin, erfahren die Wichtigkeit, die ihre Verbindung vor dem Hintergrund der wegbrechenden Zukunft entfalten kann. („Der Augenblick, ab dem die große Liebe nicht mehr größer werden kann, aber nur noch kleiner, fehlte in ihrer Zukunft.“) Fritschs archaischer Sprache ist hin und wieder von uns vertrautem Vokabular wie „Chat“ und „Touchscreen“ unterbrochen und konfrontiert uns mit einem Endpunkt („Die Städte brannten, als habe man ein Streichholz angerissen und in ihre Mitte gesteckt.“), dessen Konfrontation aktueller denn je scheint.

Entdeckungen kann man auch bei der neuen Veranstaltungsreihe des Literaturinstituts  machen – sie heißt Institutsprosa, man kommt hier also in Zukunft dem Feuilleton mit der Namensgebung zuvor – immerhin sind im letzten Jahr knapp vierzig Bücher von Absolventen erschienen, und das LCB stellt mit den Prosa Prognosen seine aktuellen Stipendiaten vor. Kai, von Maruan Paschen und Ich bin da von Nikolas Hoppe, werden noch notiert, um verfolgt zu werden.

Auch nach in drei Tagen 37 gehörten Autoren, bleibt das Bewusstsein um die Bewegung an den Rändern des eigenen Horizonts groß. Das Gute ist, wenn es Ränder gibt, muss das zwingend bedeuten, dass es immer noch Vielfalt gibt. Auch wenn man sich die Gewichtung der Kräfteverhältnisse sicher anders wünscht, bleibt das ein gutes Zeichen. Also: statt Angstmetaphern das experimentelle Potenzial des medialen Umbruchs nutzen! Vielleicht an den Rändern sogar wieder zu Gunsten des schönen, gedruckten Buchs! Der mediale Wandel ist schließlich nichts neues. Wir sollten so langsam damit umgehen können. Der Publizist Roland Früh erinnerte bei It’s a book an Victor Hugos Zitat „Ceci tuera cela“ – dieses wird jenes töten – und damals ging es noch um die Angst der Kirche vor dem Buch. Zugegebenermaßen, das Buch erscheint harmlos angesichts dessen, was uns Google bringt. Eines aber hat sich nicht geändert: man lebt in der Gegenwart und versucht stets die Zukunft vorauszusagen.

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