Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Notiz

nächster Halt, next stop: Raketenstation

ein Zwischenbericht aus Sturmtief und Regen

 

Hombroich: Fellowship Literatur 2015

Ich habe hier eine Wiese zu betrachten. Sie beginnt vor meinem Fenster und brandet an Sträucher, an den mich schützenden Erdwall und umspült den einen solitären Baum in ihrer Mitte.

Es geht bergab. Alle Wege führen hier bergab, der Weg ins Dorf, zur Insel, zum Bauernladen.

Und es gab noch Fliegen, bei meiner Ankunft. Die letzten wohl. Die Fliegenfänger in der Schublade werde ich nicht brauchen.

Ich habe nicht viel hier, aber ein Bügeleisen, und das ist mehr, als ich brauche.

Ich bin hier, um hier zu sein. Es ist ein Ort, an dem man gut sein kann. Hier muss ich nichts, außer rechtzeitig einkaufen zu wandern, alles andere darf ich. Ich darf schreiben. Das ist viel. Sehr viel.

Auch der Flug der Elstern lässt sich gut beobachten von meinem Fenster aus. Die leuchtend weißen Flecken auf den gestreckten Flügeln, der lange Schweif, der ihrem Flug folgt, ihn nachzeichnet. 

„Da lebt jemand.“ – „Woher weißt du das?“ – „Weil ich hinein geschaut habe.“ – „Schläft noch?“ – „Ja“ – „Kann vorkommen.“

Nein, es ist nicht still hier. Es ist Montag und noch vor neun Uhr begannen die Grasmäharbeiten. Erst gegen zehn kamen sie hinter dem Erdwall hervor, gerade als ich mir Kaffee einschenkte.

Denke an das freudestrahlende Lächeln, das John Cage sicher beim Lärm der Mähmaschinen aufgesetzt hätte. Er wäre hinausgelaufen, in Pantoffeln und Pyjama und hätte sich einen Sessel in die Herbstsonne gestellt, um dem Konzert aus der ersten Reihe fußfrei lauschen zu können.

Eine einzelne Elster schaukelt auf der höchsten Spitze des Baumes, schwingt sich ein auf den Abflug.

Bin erst kurz hier und habe doch schon das Gefühl, zu kurz hier gewesen zu sein werden. Würde sie gerne zusammenfalten und mitnehmen, diese meine Schreibhöhle hier und auch mein Wiesenmeer einrollen um beides zu Hause dann wieder auffalten und ausrollen zu können.

Seit ich etwas Essensvorräte angelegt habe und es draußen beständig stürmt und kälter ist, habe ich kaum mehr Bedürfnis, hinaus zu gehen. Igle mich lieber ein in meinem Schreibschneckenhäuschen. Morgen, spätestens übermorgen muss ich dann sowieso wieder einkaufen, zur Post sollte ich auch, also muss ich mich jetzt dem Sturm noch nicht aussetzen, vielleicht legt er sich ja bald, vielleicht wird auch die Wolkendecke bald aufgeschlagen. Und es sind nur zwei Monate, zwei Monate kann man schon unbeschadet als Einsiedler verbringen, zwei Monate als Einsiedler kann man leicht überstehen.

Ja, auch ein Handy habe ich, aber hier ist es nur mehr für Notfälle da und als Wecker um meiner Langschläferschaft etwas Einhalt gebieten zu können. Internet habe ich ebenfalls und Post kann ich bekommen, ins Büro, bin also nicht abgeschnitten von  der Außenwelt, nur etwas im Abseits.

Der Rewe ist vielleicht kein unbedingt schönes Wanderziel, aber auch nicht das schlechteste. Mit etwas Glück führt der Rückweg nicht nur bergauf, das führt er in jedem Fall, sondern auch hinein in einen im höchsten Maße kitschigen rosaroten Sonnenuntergang. Es lässt sich hier ein vermehrtes Auftreten kitschig rosaroter Sonnenuntergänge beobachten. Wie es mit den Sonnenaufgängen aussieht, kann ich nicht beurteilen, da ich sie schlichtweg verschlafe.

Eichhörnchen, es gibt hier keine Eichhörnchen obwohl es Bäume, Schutz und Nahrung genug gäbe. Aber es fehlt der Baumkorridor hierher. Für Eichhörnchen sind die flachen Felder rundum ein Glacis, ein unüberwindliches Eichhörnchenglacis, auch nicht mit dem gewagtesten Sprung und Rückenwind zu überwinden.

Der kahle Baum im Hintergrund neu belaubt von einem Schwarm kleiner schwarzer Vögel. In der Mitte am höchsten Punkt ein einzelner Rabe über allem.

Weit weg bin ich hier von allem und doch nicht. Gleich nebenan das Warten der schweigenden Steinmauern von Palmyra, festgehalten in ihrer schwarz-weißen Stille, die nur ein Atemanhalten ist für einen Augenblick lang, den einen endlos langen Augenblick vor den Explosionen. Die Stille und Ruhe, die Gelassenheit der Steinquader zwischen den Dünen ist kaum zu ertragen. Eine unerträgliche Stille, weil sie so laut ist.

Der Sturm kostet Nerven. Es gab nicht immer Sturm hier, aber er hört nicht mehr auf, will sich nicht legen, nur Pausen einlegen. Kalte Sturmböen, warme Sturmböen, Sturmböen mit oder ohne Regen, meistens mit viel Regen. Sah heute Tauben und Raben rückwärts fliegen. 

Heini, das kräftige Sturmtief, Warnstufe Orange, Boden des Häuschens wackelte sehr. Motivationstiefpunkt wegen Dauersturm und –regen. Schon oder erst der Beginn der dritten Woche hier. Es ist gut, dass ich hier ausgeklinkt bin von der Welt, von den Nachrichten, der Terrorangst und –hysterie, und wenn sie noch so berechtigt sind.

Ich lerne zu sehen. Hier lerne ich zu sehen, die Landschaft zu lesen wie ein Gedicht. Ich lese langsam, lese immer wieder, lese innerlich weiter, trage Zeilen mit mir, in mir, bei mir. Ebenso nähere ich mich langsam der Raketenstation, bin nach zwei Wochen immer noch im Landeanflug auf die Raketenstation begriffen. Ich lese die Landschaft, folge den Wegen, suche die Wege, die unter dem Laub nicht zu sehen.

Ich entdecke Räume, immer wieder neue Räume und Räume immer wieder neu. Ich lerne hier, Räume zu lesen, Lichtstimmungen und Spiegelungen.

Ich lerne lesen, diesen Raum hier, ich lerne ihn lesen, als ich die Präriestraße heimwärts radle, mit schwerem Rucksack vom Einkauf, und eher rückwärts radle, als vorwärts, zu wenig Luft im Vorderreifen, zu viel Gegensturm auf der ansteigenden Straße. Auch Vögel sah ich hier schon rückwärts fliegen, der Rückwärtsgang oder -flug ist wohl eine Eigenheit des Ortes, oder der Zeit, es ist die Zeit der Novemberstürme.

Ich bin angekommen und dabei immer noch im Landeanflug. Wie ich auch nicht einfach abreisen werde können, sondern etwas mitnehmen, etwas hierlassen werde. Es ist ein Ort, der einen nicht loslässt und doch nicht festhält. Ich könnte weg, könnte weitereilen, aber ich bleibe hier sitzen im Sturm und im Regen, weil es wichtig ist, dass ich hier bin, hier geblieben bin, hier gewesen sein werde. Für den Ort und für mich.

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge