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Notiz

Poesie ohne Ende

 

Poesie passieren & passieren lassen
Gedichtausstellung
Astrid Nischkauer
Pförtnerhäuschen zur Raketenstation Hombroich

 

 

Die Gedichte sind 24 Stunden da. Sieben Tage die Woche. Lesbar bis zum Sonnenuntergang, danach nur mehr mit Taschenlampe. Den Kern des Pförtnerhäuschens, den leeren Raum, lassen die Gedichte unangetastet. Sie stehen auf den Fensterbrettern, oder sind an die Fensterscheiben geklebt. Mit den Gedichten in seinen Fenstern nimmt der Raum Kontakt zu seiner Umwelt auf. Die Gedichte richten sich nach außen, an mögliche Passanten, sind trotz Drahtnetzes der Sicherheitsfenster gut lesbar. Um alle lesen zu können, muss man einmal rund ums Pförtnerhäuschen im Kreis laufen. Es gibt eine Tür und einen Titel, aber keine erste Seite, kein erstes Gedicht. Und damit auch kein letztes Gedicht. Diese Ausstellung hat kein Ende, nur vier Seiten.

Die Gedichte treten in Dialog mit dem Ort, antworten auf Architektur, Natur, Bilder, Ausstellungen oder Wolkenbewegungen.

 

  Es handelt sich dabei um eine einseitige Beschreibung der Wirklichkeit. Denn die Rückseiten der Gedichte sind ehemalige Vorderseiten von inzwischen zerlegt und aufgefalteten Verpackungen. Es ist eine recht bunte Ausstellung, obwohl nur zwei Schriftfarben verwendet werden – Blau und Schwarz – jeweils auf einfärbigem Untergrund, der weiß, grau, braun, silberglänzend, golden, oder durchsichtig sein kann. Aber es ist auch möglich, an den Gedichten vorbei in den leeren Raum hinein zu schauen und damit  zugleich auf die zumeist sehr bunten Rückseiten der Gedichte auf den anderen Fensterscheiben.

 

Die Verwendung von Verpackungsmaterial hatte auch Einfluss auf die Auswahl der Gedichte. Denn nicht alle Gedichte eignen sich dafür, eher nur kürzere. Häufig änderten sich auch die Zeilenumbrüche komplett, da sich das Gedicht der Schreibunterlage und dem damit zur Verfügung stehenden Platz anpasste. Tendenziell wurden die Gedichte somit länger und schmaler.

 

Manchmal bezieht sich die Wahl der Schreibunterlage dezidiert auf das Gedicht, oder umgekehrt. Nicht immer muss die Verknüpfung zwischen Gedicht und Schreibunterlage jedoch klar sicht- und nachvollziehbar sein. Im folgenden Beispiel ist der Bezug zwischen Gedicht und Schreibunterlage leicht zu erkennen, da die weiterverwendete Plastik-Nudelpackung es ermöglicht, dass Vorder- und Rückseite zugleich zu sehen sind.  

Vier Seiten mit Fenstern, inzwischen 35 Gedichte, damit lassen sich viele Querverbindungen zwischen den Gedichten aufbauen – thematisch, vom Wortmaterial her, aber auch auf andere Weise.

 

 

Denn die Gedichte bauen nicht nur inhaltlich Querverbindungen untereinander auf, sondern auch völlig unabhängig vom Gedichttext, allein durch wiederkehrendes Material, auf das sie geschrieben wurden.

 

 

Die Gedichte sind ein Versuch der Annäherung an die Raketenstation, einem Ort, der so vielschichtig ist, dass er sich einem nicht leicht erschließt. Einerseits gibt es den tatsächlichen Ort, der für sich allein schon erstaunlich genug ist – besonders ist auch gerade die enge Verbindung von Landschaft, Natur und Architektur.

anschmiegsame
Bauten
verborgen
hinter Erdwällen
Katzenohren
im Gras
ein Turm
ohne Dach
gebündelter
Himmelsblick
Schutzbunker
Wellblechhallen
lichtdurchlässiger
Beton
Bilderrahmen
für Wiesen
Fensterspiegel
für Bäume
Raum
& Freiraum
für Kunst
& Wolken

Es ist ein Ort, der dazu einlädt, innezuhalten und ihn zu beobachten. Daher finden sich in der Ausstellung auch viele stille Naturgedichte.

einzelne weiße Blütenblätter
aus dem Nichts heraus
ein Hauch von Schnee

Andererseits ist der Ort aber wesentlich vielseitiger, als man beim einfachen Durchspazieren bemerkt. Hinter manchen Türen der alten Militärgebäude oder neuen Bauten finden sich Archive, Sammlungen, Museen, oder Künstlerateliers, welche auch laufend genutzt werden.

Die Raketenstation ist nicht allein ein Ort für Kunstschaffende, sondern auch ein Ort der Kunst mit Archiven, Sammlungen und Ausstellungen. Es gibt auch einige Gedichte, welche von Ausstellungsbesuchen ausgelöst wurden. Während Archive und Sammlungen bewahren und tief mit dem Ort an dem sie sich befinden verwurzelt sind, können Ausstellungen etwas Wechselndes, Weiterziehendes sein.

war im Museum und
fand dort keinen Dichter
in höchster Konzentration
mit schmalen Lippen und
starrem Blick und auch
keine einzige der neunzehn
Szenen mit Kobolden
war zu sehen nur
Farbspiralen und –sphären
und ein einzelner Ventilator
der sich, von der Decke baumelnd
an langem Kabel, langsam
in weiten Kreisen drehte

Und es gibt nicht nur Gedichte zu ganzen Ausstellungen, sondern auch zu einzelnen Bildern.

keine Körper,
eher Wirbel sind es,
Farbraumwirbel
um einen stetig
wandernden
Punkt im Bild

Die Raketenstation als Ort hat eine lange Geschichte und Vorgeschichte. Sie war ein militärisch genutzer Ort, eine tatsächliche Raketenabwehrstation im Kalten Krieg. Die Erinnerung daran wird weitergetragen, da die alten Militärgebäude, Erdwälle und Schutzbunker bewusst stehen und erhalten blieben, inzwischen andere Zwecke erfüllen und für Kunst und Kunstschaffende nutzbar gemacht wurden. Da die militärische Vergangenheit immer noch sehr präsent ist, sprechen auch einige der Gedichte darüber.

es gab Jahre in denen
die Luftbildkarte
dezent retuschiert wurde
die Raketenstation
vorgeblich ein leeres
Feld mit seltsamer Form

Aber natürlich hat sich der Ort sehr verändert, hat nichts Bedrohliches und Beengendes mehr an sich, Stacheldraht und Lichtflutanlagen wurden gleich zu Beginn entfernt. Faszinierend an diesem Ort ist gerade das neue Leben in den alten Gebäuden, die Neu- und Umdeutung, die sie erfahren haben. Die Kriegsvergangenheit des Ortes wird hier nicht verdrängt, wurde aber entschärft.

 

Während der Ort selbst sich friedlich und friedvoll zeigt – zu einem Ort des Rückzugs geworden ist, wo Kunst entstehen kann und Raum findet – kann man Spuren gewaltsamer Sprache anderswo an unerwarteter Stelle finden, beispielsweise in den Noten des Vokalstücks Ahi bocca, ahi lingua von Rolf Riehm, welches eigens für Hombroich geschrieben wurde. Und damit sei zugleich die Musik angesprochen, die neben Literatur, bildender Kunst und Architektur ebenfalls sehr zentral für die Raketenstation ist.

in ein kleines
Luftloch lässt er
den abgefederten
Ton explodieren,
auf einen anderen
mit langem
Bogen zielen

 

Auch hat die Raketenstation ihre eigene Formensprache – vor allem durch die Architektur geschaffen, da viele der neueren Bauten in Dialog untereinander und auch mit den erhaltenen Militärgebäuden treten. So wird gerade die Form des Dreiecks, zu sehen in den Erdwällen und Schutzbunkern, von den Architekten häufig zitiert – am unübersehbarsten mit dem „Abraham Bau“, aber auch mit dem „Field Institute“, das einen künstlichen Erdwall schuf, der einen langen Gang enthält, ein ungewöhnlicher Ausstellungsraum mit je einer Tür am Beginn und am Ende.

Seit inzwischen rund 20 Jahren hat die Raketenstation auch schon eine Geschichte als Ort für Kunst und Kunstschaffende, auf die sie zurück blicken kann. Auch darauf beziehen sich Gedichte. So wird Michael Growe beispielsweise nicht zufällig zitiert, sondern deswegen, da viele Jahre lang eine Installation von ihm im Pförtnerhäuschen der Raketenstation zu sehen war.

hoffentlich heben wir ab
sagte Michael Growe
über die Raketenstation
hoffentlich heben wir nicht ab
sagte ich über mein Holzhaus
auf der Raketenstation
als das Sturmtief näher rückte

Eine andere Gruppe von Gedichten thematisiert das sich dem Ort und dem Schreiben aussetzende Individuum. Denn auch das ist die Raketenstation, ein Ort, der Gastkünstler und Stipendiaten herzlich willkommen heißt und für eine Weile bei sich aufnimmt.

 

 

Für mich ist die Raketenstation vor allem eines – ein Ort der Literatur. Aber die Auseinandersetzung mit den Werken von Autoren braucht viel Zeit. Daher finden sich in diesen Gedichten noch keine direkten Verweise oder Bezüge auf Thomas Kling oder Oswald Egger.

 

 

 

Die Idee zur Ausstellung wurde ausgelöst vom Pförtnerhäuschen selbst, einem großartigen Raum, der einfach leer stand und sehr geduldig auf mögliche Gedichte wartete. Dadurch und auch thematisch ist die Ausstellung extrem dicht mit dem Ort verflochten. Der Raum des Pförtnerhäuschens selbst ist auch während der Ausstellung ein Freiraum, da der eigentliche Raum leer- und freigelassen bleibt. Die Gedichte kleben, hängen und stehen an den Fensterscheiben, sind nach draußen gerichtet an eventuelle Passanten, die zu Lesern werden könnten. Die Gedichte laden diese erst einmal ein, stehen zu bleiben, etwas näher zu kommen und dann im Weiterlesen rund um das Pförtnerhäuschen zu wandern. Im Idealfall kann man nun mit dem Pförtnerhäuschen einen leeren, geschlossen-offenen Raum vor sich sehen, um den zu Lesern gewordene Passanten langsam kreisen.

Als Ganzes möchte die Ausstellung einen kleinen Einblick in den Raketenstationskosmos eröffnen. Einen Einblick, soviel kann ich geben, weitergeben, nach fast zwei Monaten hier.

an meinen Schuhen
kann man ablesen
wie lange
ich schon hier
Hombroich
hinterlässt Spuren..

 

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