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Notiz

GEGENDARSTELLUNG

 

Sehr geehrter Herr [oder eine (leicht) vergiftete Retourkutsche auf die Sonntagsergüsse des Herrn Bibliothekars] Raffael Keller,

nach der Lektüre Ihrer Brachial-Kritik meiner Shijing-Übersetzung wende ich mich in Form eines philologischen und durchaus polemischen Schreibens an Sie, obwohl ich Sie nicht kenne (nur diese Kritik & zeitgemäß aus dem Netz natürlich) und –entschuldigen Sie – auch Ihre offenbar wochenendlich erarbeiteten Übersetzungen nicht.

Die von Ihnen als Ausweis meines „Haderns mit der chinesischen Sprache“ herangezogenen Zeilen in Lied Nr.65 können unterschiedlich verstanden werden. Ich beschränke mich auf die Kurzanalyse der 5. Zeile: 知我者 zhī wǒ zhě: der Satz ist durch 者 zhě nominalisiert und kann als Relativsatz übersetzt werden, „Das, was..“oder „Derjenige, der…“ oder dann sicher auch „Wer…“. Meine Lösung beruht auf der Lesung in Umstellung von 我知者 wǒ  zhī  zhě „Das, was ich weiß…“. meine Begründung: Die im Altchinesischen (AC) des Shijing mögliche Umstellung betont das Verb 知 zhī, indem es an den Anfang gestellt wird. Da ich als Philologe (als ein Freund der Wörter) schreibe, erlauben Sie aber, dass ich mir IHRE Fassung (Nr. 65) anschaue, um kontrastiv zu zeigen, worin die Besonderheit meiner Versionen liegt:

Hängende Hirse, in die Ferne gereiht,

Wieso "hängend"? Nicht im Text, wieso "in die Ferne"? = nicht im Text. Die Reduplikation lílí 離離 ist einfach unter den Tisch gefallen. Offenbar haben Sie nicht rezipiert, was ich dazu schrieb.

sieh die knospenden Ähren!

„sieh“? = Nicht im Text, freie Zutat. „Ähren“? = Nicht im Text, bitte erklären sie mir bio-logisch die Logik von „knospenden Ähren“ Knospe = nicht geöffnete Blüte, „Ähre“ = Frucht. Oder wollen Sie etwa behaupten, Sie hätten bewusst das Oxymoron gewählt? Auch dann handelt es sich um eine freie Zutat. Was sollte es auch an dieser Stelle?

Schweren Schrittes geh ich dahin,

„schweren“ = nicht im Text, im Original befinden sich mit 行邁 xíng mài zwei (!) das Gehen unterschiedlich beschreibende Verben, sie verflachen die Expressivität in „dahingehen“. Erneut ist hier eine Reduplikation - mímí 靡靡 - unter den Tisch gefallen.

mein Herz kommt nicht zur Ruhe.

„mein“ = freie Zutat, 中 zhōng „Mitte, hier innen“ vorangestellt, aber in Postposition zu übersetzen, unterschlagen Sie, sie haben offenbar die Konstruktion nicht verstanden, Herr Bibliothekar. Ebenso unterschlagen Sie wie immer die Reduplikation.

Die mich kennen,

Subjekt: Ihre Wahl, anderes ist ebenso möglich wie meistens im Altchinesischen. Diese Übersetzung ist aber durchaus eine Möglichkeit. Ich gratuliere.

sagen, ich sei traurig.

心憂 xīn yōu „traurig“? 心 xīn ist im Altchinesischen kaum je mit der Bedeutung „Herz“ als Sitz der Emotionen zu verstehen, es bezeichnet den Sitz der Ratio, bedeutet also umfassend etwa engl. „mind“ oder dt. „Geist“.

Die mich nicht kennen,
fragen, was ich suche?

„fragen“? -  謂 wèi heißt „sagen“, im zwölfbändigen Hanyu dacidian (etwa dem zehnbändigen DUDEN entsprechend) sind auch für den altchinesischen Usus insgesamt zwanzig Bedeutungen aufgelistet, „fragen“ jedenfalls gehört nicht dazu (auch nichts Ähnliches). Sie, Herr Keller, mögen das für „buchhalterisch“ halten, ich meine, dass es immer um philologische Genauigkeit geht und dass die Präzision Grundlage des Respekts für den Text ist und sehr wohl seine Würde in der Übersetzung wahrt.

O großer Himmel, so blau und so weit,

Mit Ernst Jandl (und in bibliothekarischer Polemik = es sei mir einmal gestattet) möchte ich nur ausrufen Ogottogott. Ernsthaft: Interjektion O = freie Zutat, lässt mich an Rückert denken, Reduplikation unterschlagen.

was für ein Mensch ist das nur?

Ich will nicht ausweichen, aber lesen Sie zur Zeile den Kommentar von Gāo Hēng, S. 96 (genaue Angaben in meiner Bibliographie). Es würde hier wirklich zu  fachchinesisch.

Selbstverständlich sind Sie der Meinung, IHR Vorschlag sei doch nun eine wirkliche Übersetzung und vielleicht hätte der Verlag lieber auf den Bibliothekar der Kantonsbibliothek Valdiana und Sonntagsübersetzer Raffael Keller zukommen sollen? Ich muss Ihnen aber mit einem gewissen Maß an Dank sagen, dass Sie gerade mit Ihren Vorschlägen explizieren, wogegen ich mich wende: Das anmaßende Auffüllen und Umbiegen des Originaltextes, die Herabstufung des Originals zum Material des „autolyrischen Übersetzers“ nach dem Rezept (oder sollte ich von Ihrer „Theorie der Übersetzung“ sprechen?): „Nehmen Sie so viele freie Zutaten wie möglich und mischen Sie alles gut zusammen. Es passt dann schon.“ Sie mögen von Ihrer „sprachlichen Imaginationskraft“ überzeugt sein, ich nenne dieses Herangehen ungenau und respektlos.

Ich möchte nicht auf alle Ihre Anwürfe und „Pauschal-Arroganzien“ (das ist ein Neologismus, Herr Bibliothekar!) eingehen, (ich bin Übersetzer und arbeite auch werktags) aber dass Sie meinen, meine beiden anderen Übersetzungen mit dem Verweis auf die Dunkelheit der Texte abtun zu können, ist nicht nur lächerlich und töricht sondern infam. Wären Sie Philologe, wüssten Sie, dass es keine „dunklen“ Texte gibt, es gibt Texte, jedenfalls aus der Sicht eines professionellen Übersetzers. Sie wüssten es auch, wenn Sie nur wenige Zeit aufgebracht hätten, sich die genannten Übersetzungen anzuschauen, denn ich setze mich mit der angeblichen „Dunkelheit“ auseinander.

Schöne Grüße in die Bibliothek

Dr. Rainald Simon

PS
Ich wünsche Ihnen weiterhin schöne Stunden mit dem Theosophen V.v. Strauß & Torney.

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