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Notiz

you have to go back from the banks of the river

 

Odia oder Oriya ist eine der 12 Hauptsprachen Indiens, die Muttersprache von 33 Millionen Menschen v.a. im südwestindischen Bundesstaat Orissa (Odisha). Verglichen mit dem Französischen, das weltweit 70 Millionen Menschen als ihre Muttersprache betrachten, ist Odia statistisch gesehen eine Weltsprache. Es verfügt über eine eigene Schrift und eine jahrtausendealte Literatur, mit den anderen Sprachen, Schriften und Literaturen Indiens nur bedingt verwandt.

Fotounterschrift: Künstlertreffen am 9. Februar 2016 in Bhubaneswar/Orissa: Ganz rechts unter den Gastgebern der Odia-Dichter Surya Mishtra und dritter Kopf von links Ute Eisinger aus Wien zu Gast, die das von ihm vorgetragene Gedicht anschließend übersetzen wird.

Orissa ist weltweit bekannt für den klassischen Tanzstill Orissi und seine eigenständige Religionsgeschichte. Der Jainismus und der Buddhismus haben sich in dem mehrheitlich hinduistischen Land niedergeschlagen, was sich am pagodenähnlichen Stil von Anlagen wie dem Weltkulturerbetempel von Konark sehen lässt. Die volkstümliche Krishna-Verehrung begann im Spätmittelalter im Jagannath-Tempel von Puri am Indischen Ozean, Anziehungspunkt auch für westliche Hare-Krishna-Anhänger. Keinen Stempel haben dafür die islamischen Moguln der indischen Neuzeit Orissa aufgedrückt; umso mehr hat die von den Briten aufgezwungene Schicksalsgemeinschaft mit dem nordöstlich gelegenen Bengalen die Geschichte der letzten Jahrhunderte geprägt. Besonders die in den Urwäldern bis ins 18. Jht. ungestört lebenden animistischen Stämme der Adivasis, die vor-arische Bevölkerung des Subkontinents, lehnten sich gegen die Zwangs­umsiedlung um. Die reichen Eisenerz- und Bauxitvorkommen des Landes gaben den Machthabern wiederholt Anlass, sie aus ihren Lebensraum zu vertreiben.

In Orissa leben die letzten Tiger Indiens in Biosphärenparks. Es gibt auch Reservate für endemische Schildkröten- und Vogelarten, wo die Zugvögel der eurasischen Steppen im Delta am Golf von Bengalen überwintern.

Das fruchtbare Land kannte tausende Sorten Reis, der mit dem Gattungsnamen Oryza heißt. Heute wirken sich die Folgen der bundesweiten Modernisierungskampagne der Landwirtschaft dahingehend negativ auf die Kleinbauern aus, als der Hybridreis die Artenvielfalt zunichte gemacht hat, aber nur mehr ein Viertel von dem einbringt, was vor seiner Einführung verdient werden konnte. Die Folge sind Überschuldungen der Kleinbauern für Düngemittel und Saatgut sowie ihre Abhängigkeit von den Händlern; eine Situation, die das ganze Land korrumpiert.

Zur Tragödie von Orissa hat der indische Dokumentarfilmkünstler Amar Kanwar auf der letzten Documenta und im Wiener TBA-21 die Installation „The Sovereign Forest“ gezeigt. Er stellt 266 Reissorten aus, die der Industrialisierung zum Opfer gefallen sind und zeigt Folgen in seinen Filmen, kontrastiert mit der Würde der Landschaft, wie die fruchtbare Erde Orissas und die, die für ihre Rechte kämpfen, unter dem sogenannten Fortschritt leiden.

 

Amar Kanwar: The Sovereign Forest + Other Stories from Yorkshire Sculpture Park on Vimeo.

Der österreichische Erzähler Josef Winkler schildert in mehreren Büchern seine Indieneindrücke. In „Roppongi“ und dem Teisetagebuch „Kalkutta“ heißt es: ...meine Frau Christina war als Kind vier Jahre lang mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern in Indien gewesen, ich wollte einmal das Land ihrer Kindheit sehen. Die Familie lebte damals in Rourkela, im indischen Bundesstaat Orissa, wo in den Sechzigerjahren der Vater von Christina als Ingenieur am Bau eines der modernsten Stahlwerke der damaligen Zeit mitarbeitete, das von 35 großen deutschen und indischen Firmen errichtet wurde. Um dieses Stahlwerk bauen zu können, enteigneten die indischen Behörden 32 Dörfer, von denen sie 16 völlig zerstörten, 13 000 Ureinwohner, die so genannten „Adivasi", wurden umgesiedelt. Entwurzelt und ohne Aussicht auf Beschäftigung lebten die meisen als rechtlose Landarbeiter, als Schuldknechte oder als Kulis in den Slums der Städte. Damals, in den Sechzigerjahren, hatte das Dorf Rourkela mehrere Tausend Einwohner, heute ist es eine Industriestadt mit 300 000 Menschen. Das Gelände für das Hüttenwerk und die Wohnstadt umfasste über achttausend Hektar. In dieser „Steel City", wie die Wohnstadt genannt wurde, waren 1800 Deutsche untergebracht, die man die „Rourkela-Deutschen" nannte, 40 000 Menschen arbeiteten bei diesem Stahlwerk, das damals eines der größten Auslandsprojekte der Bundesrepublik war ...

Flüsse sind in Indien heilig. Angefangen bei der Ganga, der Mutter aller fließenden Gewässer des Subkontinents, werden sie als Nährerinnen und Lebensadern gesehen. Im vorliegenden Gedicht des Odia-Dichters Surya Mishra ist es nur naheliegend, dass ein Mann in der Krise seiner Lebensmitte sich nicht wie der Europäer im Wald, sondern, indisch, spätnachmittags am Ufer des Flusses ruhen sieht.

Man wird in dem Gedicht nicht mitkommen, wenn man nichts über den Raubbau an der Orissischen Natur, die Monopolisierung der Landwirtschaft (nach dem Reis Cashew-Nüsse) und die Landflucht bzw. Flucht aus der Schuldknechtschaft weiß – darum die längere Einleitung.

Shiva, der Gott der Zerstörung, besitzt ein unsichtbares drittes Auge auf der Stirn, Trinetra. Auch Dichter, heißt es, hätten dieses dritte, weise und erfahrene Auge. Damit sieht das Ich im Gedicht eine scheußliche Zukunft und beschließt, seinen Platz – nicht an der Sonne, wie wir Europäer stets wünschen, sondern: am Fluss – als etablierter Dichter in den besten Jahren zugunsten von mehr Engagement aufzugeben.

aus dem Odia ins Englische von Chittaranjan Mishra

YOU HAVE TO GO BACK FROM THE BANKS OF THE RIVER

You're sitting on the banks, oh poet!
Your poems have fused all,
the lush of the river side,
the rice-filled prayers of the green fields,
the spell hung from the wide breasts of Nature,
the ethereal chatter of flocks,
the clatter of folks astride the river,
the white kites of smoke rising up from hatch and roofs,
the hide and seek of the gentle breeze and all,
the bright rays of sunrise and of crimson dusk on the sand –
all swelled your mirth
Often your poems were heard
through the cloister of reverie.

Where are they gone?
Your gratitude composed by
strings of longing of flesh and blood,
the three eyes blinded by tears
for the sorrows of earth?
How could your convictions, your intentions
weakened over a few years?
Your will, your spirit shattered
through silent reconciliation.

Now look at the eerie shadows of
nightmares on the river-bed,
the green wealth is gone,
the breeze has vanished.
Who tore apart
and buried her heart erecting mansions,
cashew plantation?
Watch the sights rising up from chimneys
of factories on the banks,
pride celebrating itself with cries of bones.
Watch the long procession of the homeless
carrying bundles of their belongings
on their shoulders.
And an ordinary crowd shouting a slogan –
Save River.
See, you are the arch-witness to this transformation,
the protagonist of this sponsored play,
the propagandist of this absurd race.
You are the unfortunate son of immortality,
the painter of a polluted future.
The face of your failure is facing you
at last on the little water left in the river
What vain profit are you speculating on
seated here as in the pomp of coronation,
claiming as being heir to a bygone glory
with a rusty sword, a laureate's pride.

You have to go back from here.
These riverbanks
call the conference of defeats a day
to earn the might to face eternity
from the transience of a bubble,
to tell everybody that
protesting is living,
the alternative at the moment is to return.
Yes, you have to return from the banks,
have to identify the wicked
once again to rear poetry anew,
yes, you have to go back from the banks of the river.

aus dem Englischen ins Deutsche von Ute Eisinger

TRITT VON DEN FLUSSUFERN WIEDER ZURÜCK

Sitzt du am Ufer, Dichter!
Deine Gedichte haben alles zusammengebracht,
was am Fluss üppig ist,
die reisprallen Gebete der grünen Felder,
geboten von den Zitzen der Mutter Natur,
das ätherische Schnattern der Schwärme,
das Scheppern derer am Fluss unterwegs,
das Drachensteigen aus Rauch aus Stroh- und Ziegeldächern,
das Versteckspiel des Lüftchens mit allem,
die hellen Strahlen des Sonnenaufgangs und die dunkelroten, wenn's dämmert, am Sand –
alles hat deine Stimmung gehoben.
Wie oft deine Gedichte erklungen sind
durch einen träumerischen Wandelgang.

Wo sind sie hin,
Deine auf Saiten der Sehnsucht von Fleisch und Blut aufgezogene Großmütigkeit,
die drei im Weltschmerz tränen-
blinden Augen Shivas?
Wie konnten deine Überzeugungen, deine Vorsätze
in ein paar Jahren schlaff werden?
Dein Wille, dein Geist
in stiller Übereinkunft zerrüttet.
Schau jetzt auf die gespenstischen Schatten
des Albtraums im Flussbett;
die grüne Fülle ist vorbei,
verflüchtigt das Lüftchen.
Wer riss die Natur hier entzwei,
vergrub ihr Herz, Landhäuser hinzubauen oder
Cashew-Plantagen?
Behalt das Ersichtliche im Blick, aus Fabrik-
schloten erheben sich hohen Muts Fabriken,
feiern mit dem Schreien von Knochen.
Behalte den langen Zug derer im Auge, die nirgends mehr wohnen, ihren letzten Hausrat mit sich tragen.
Und eine gewöhnliche Menschenmenge einen Slogan plärren –
Rette den Fluss.
Wer, wenn nicht du, kann den Wandel bezeugen,
Hauptperson in dem finanzierten Theater,
Werber in diesem absurden Rennen.
Du bist der unselige Sohn der Unsterblichkeit,
der Maler einer verpesteten Zukunft.
Das Antlitz deines Versagens sieht dir entgegen
aus dem nur mehr jämmerlichen Rinnsal von Fluss.
Auf welchen nichtswürdigen Gewinn zielst du ab,
hergesetzt als ob pompös inthronisiert,
als stünde das Erbe vergangenen Glanzes dir zu,
mit einem rostigen Schwert, stolzer Lorbeerträger.
Von hier heißt's Zurücktreten.
Diese Flussufer
rufen irgendwann zur Versammlung der Niederlagen,
um der Macht willen, sich der Ewigkeit zu stellen
aus der Vergänglichkeit einer Luftblase,
damit sich jedem klarmachen lässt,
dass Dagegensein Leben ist,
und die Wahl heißt im Moment Umkehr.
Genau: Von den Ufern kehr um,
spür auf, was schief läuft, nenn's beim Namen
zieh' deine Saiten wieder neu auf,
ja, tritt vom den Flussufern zurück.

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