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Wir reden über Literatur
Notiz

Die beste Kritik der Kritik besteht in guten Kritiken

Es mehrt sich seit einigen Tagen erneut eine Diskussion um die Literaturkritik. Die Leidenschaft, Lebendigkeit und argumentative Dichte dieser Debatte ist ein Zeugnis dafür, dass wir gegenwärtig eine Renaissance der Dichtung erleben, die unweigerlich eine Blüte der Kritik nach sich ziehen muss. Solcherart Debatten sind freilich so alt wie die Lyrik selbst; daher sollten wir uns an das Maß der Vorausgeborenen erinnern, um eine einmal erreichte Höhe nicht zu unterbieten.

Nun gibt es aber, wie mir scheint, unter den Diskutanten ein leichtes Missverhältnis, denn so sehr Tristan Marquart, Ann Cotten Jan Kuhlbrodt, Walter Fabian Schmidt, Konstantin Ames ihre sicherlich gut platzierten Schläge austeilen und ihr exquisite Expertise zur Schau stellen, so wenig scheint mir tatsächlich das Unternehmen, welches sie zu kritisieren suchen, dadurch gefördert zu sein.

Können wir uns vielleicht einigen, dass die beste Pflege der Kritik in ausgezeichneten Kritiken besteht? Wo sind diese?

Die Lyrik bedarf keiner Kritik. Kritische Auseinandersetzung allerdings ist ein Modus des Umgangs mit Poesie: eine mögliche, freiwillige Interaktion mit ihr und kein – niemals – privilegiertes Aufstellen von Gartenzäunen um einen prinzipiell offenen Text.

Bestünde nicht die kritischste Herausforderung darin, durch eine gute Kritik, das Beste an der Lyrik zu kommentieren und so daran teilzunehmen, sich an ihr zu erfreuen, denn über das Dürftige, wovon ja – wie wir alle wissen – es ebenfalls ausreichende Bestände gibt, sollte man schweigen.

Ich fordere daher die Diskutanten auf, doch die besseren, vielleicht auch die besten Kritiken zu verfassen – sich am konkreten Gegenstand jener Kunst, die uns interessiert, die ästhetischen, literaturhistorischen, individuellen, gesellschaftlichen, sicherlich auch die subjektiven und geschmäcklerischen Aspekte in solcher Weise kritisch zu diskutieren, dass sie einen Beitrag einer ars poetica sein können. Zeigt und verteidigt doch eine ästhetische Qualität eines Textes, ohne – was leicht ist – die blinde Geistlosigkeit anderer in den Vordergrund zu rücken, um vom eigenen Unvermögen abzulenken.

Sicherlich fehlt es nicht an Kompetenz und Kenntnis gute Kritiken zu verfassen; doch die Kritiken müssen dennoch besser werden, an guten Kritiken fehlt es dennoch. Also her damit.

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