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Notiz

Kontext & Missverständnis

 

Zu allererst muss ich mich tatsächlich entschuldigen: mein Text ist am Ende zu polemisch geraten. Die Fragen waren nicht rhetorisch gemeint. D.h.: sie sind für mich echt offen. Und deshalb noch ernsthaft zu beantworten.

Also wäre jetzt zuerst ein Missverständnis aufzuklären und ein Kontext zu erklären.

Ich lese als Lyrik-Interessierter in Fixpoetry den Titel „Zur prekären Lage der Lyrik-Kritik“. Interessiert mich. Ich lese also… und lese… und frage mich: was hat das im Kern mit Lyrik und ihrer Vermittlung zu tun? Ist das ein Fachdialog auf der Höhe der Zeit? Sieht eigentlich nicht so aus… zu viel conditio humana, zu wenig sachliche Argumentation, zu wenig aufeinander eingehen, zu wenig auf den Punkt kommen. Natürlich urteile ich von einer bestimmten Leseerwartung her. Habe ich vielleicht eine falsche Leseerwartung?1 Aber was weiß ich schon, ich bin nur bis Grünzweig, Grünbein, usw. gekommen, also salopp gesprochen letztes Jahrhundert. Interessiert mich das wirklich, wer mit wem… und ob sie das durften? Nein. Das ist überall so oder so ähnlich. Habe ich Grund mich einzumischen? Nein…  ich klicke also weiter…

Und halte inne: Moment! Ging es nicht um die Vermittlung von Lyrik? Und an welche Öffentlichkeit soll sich das denn richten, wenn selbst Typen wie ich gleich als Trolls gedisst werden?  (Keine Sorge Herr Reinecke, ich bin nicht beleidigt.) Ist es vielleicht nicht öffentlich? Rechnet man überhaupt nicht mit einem „Nichtbetriebler“? Dann kann man es doch in die Plattform „wirklich-gute-Lyrik.com“ einstellen, da braucht(e) man ein Passwort.
Nein, entscheide ich, die Diskussion ist öffentlich. Ich habe das Recht als Außenstehender meine Wahrnehmung einzubringen. Natürlich sind meine Vorhaltungen in vieler Hinsicht ein Zerrspiegel, selbstverständlich mit blinden Flecken. Das kann gar nicht anders sein und ob der „Betrieb“ beim Blick hinein letztlich Erkenntnisse für sich gewinnt, ist gar nicht meine Entscheidung.

Mir ist das alles bewusst! Das hätte man meinem Text durchaus entnehmen können. Allerdings wird bei der Lesehaltung meiner Kommentatoren nicht viel dabei rauskommen. Was nicht allein an der mangelnden Qualität meines Textes liegt, wie ich hoffentlich noch überzeugend darlegen kann. Aber wenn der „Betrieb“ es nicht für nötig hält, auf angemessener Augenhöhe auf meine Fragen einzugehen, kann er auch gerne im eigenen Saft weiterschmoren.

Ich mache mir also die Mühe, fast alles zu lesen. Wenn schon, denn schon. Wie gesagt, ich habe 20.000 Worte gelesen (nicht gefühlt, sondern gemessen) zum Teil mehrmals, und manches natürlich nur überflogen. 
Und die erste Frage ist „Was zum Teufel will der Autor?“.

Bei Marquardt ist es mir ziemlich klar. Seine Hauptintention ist zu zeigen, woran Lyrikkritik als Vermittlungsinstanz scheitert. Dass er Namen nennt, generiert zwar Aufmerksamkeit, ist aber ein taktischer Fehler. Es lenkt von der Argumentation ab. Denn die Angesprochen müssen sich rechtfertigen. In KiloAnschlägen nachzulesen und für’s Thema eher unergiebig. Falls ich in der ganzen Schmutzwäsche irgendwelche Goldmünzen übersehen habe (und das schreibe ich von meiner Perspektive als Außenstehender, der die Probleme der Lyrikkritik vermittelt bekommen möchte) dann tut es mir Leid. Ich hatte sogar den Eindruck, endlich am Schluss von Bertram Reineckes Ausführungen (und inhaltlich ähnlich bei Hofner, nur sprachlich anders) viel Erhellendes zur Rolle des Rezensenten (und Verlegers) als Dienstleister gefunden und es in Kurzfassung in meinen Text positiv(!) eingebracht zu haben… so kann man sich täuschen.
Dazu wäre noch Einiges zu sagen gewesen, ich habe es mir verkniffen, um eine größere Konzentration auf das für mich Wesentliche zu erreichen.   

Nicht verkneifen werde ich deshalb meinen Werdegang. Dass als ich zum ersten Mal eher zufällig und aus langer Weile Segebrechts Deutung zu „Umschrift eines Sarges“ in der FAZ gelesen habe, als es bei mit „gefunzt2“ hat. Damals wusste ich noch nichtmal, was ein Sonett ist. Zwei Jahre später habe ich Kemps „Europäisches Sonett“ mit Gewinn gelesen. Des Gleichen Herrn RR’s Einführungen zu Heine und seine Anthologie dazu: in einem seltenen Moment der Selbstbeschränkung sagt er, dass er Hölderlin nicht versteht. Aber er hat mir das Phänomen gedeutet, dass man von Sprache besoffen sein kann: „Nicht will wohllauten der deutsche Mund, aber lieblich am stechenden Bart rauschen die Küsse“, und ich fragte mich, was plötzlich mit mir los sei… Ich habe dann zu Bertaux gegriffen. Er hat es mir erklärt.

Es geht hier nicht um mich, sondern um die stupende Vermittlungsleistung dieser alten Herren. Ich habe dazu nur eine Sprachschulung an antiken Texten und eine Lebenskrise beigetragen.

Wozu nun diese Einlassungen?

Weil jedes Wort nur in seinem Kontext eine Bedeutung hat (das ist ja nichts Neues).

Ich hatte geglaubt, mit Nennung der Namen sei dieser Kontext ausreichend eingebracht. Immerhin spreche ich mit Lyrikern, so dachte ich… auch ein Fehlschluss, wie die Kommentare zeigen.

Eingebracht aber um folgender Pointe willen: Trotz ihrer Vermittlungsleistung sind die Genannten in erster Linie Fachwissenschaftler3 oder Journalisten mit einer Leidenschaft für ihr Fach und, mehr oder weniger fair dem Objekt ihrer Leidenschaft gegenüber. So habe ich es empfunden. Was sich hinter den Kulissen abgespielt hat, interessiert mich als Lyrik-Leser nicht und muss mich nicht interessieren.
Das heißt: die Vermittler sind als Vermittler Funktionäre eines institutionalisierten Betriebes, nicht Lyriker. Wie gut sie vermitteln, hängt auch von der Persona ab.

Lyriker können durch ihre Kritik in ihrer Eigenschaft als Lyriker andre Lyriker in ihrer Entwicklung fördern. Das steht hier aber nicht zu Debatte.4

Von daher die Frage zugespitzt: kann ein guter Lyriker ein guter Rezensent sein und umgekehrt?

Werden nicht verschiedene (materielle) Situationen und (geistige) Fähigkeiten angesprochen?

Marquardt gibt durchaus eine Antwort in diese Richtung. Einige pflichten ihm implizit auch bei, äußern nur Unbehagen in unterschiedlichste Richtungen, z.B. beim Begriff der Institutionalisierung. Zu Recht. Deshalb mein Hinweis auf Dialektik und die Notwendigkeit einer gewissen Ineffizienz. (Wenn man um einer wichtigen Einsicht willen 99 unsinnige Wege gehen muss.)

Es kann keinen Diskurs mit einhelligem Ergebnis geben (ich weiß, ich wiederhole nur.  Aber ich muss ja, weil man mich sonst für unterkomplex hält. Unter anderen Umständen würde ich sagen: Dank für das schöne Kompliment ;-).

Genial wird es, wenn die Komplexität der Wirklichkeit auf zwei polare Aspekte reduziert werden kann, die alle Beteiligten erhellend finden (Reduktion ist nur eines, es muss auch „funzen“, hier scheitert m.E. die Systemtheorie mit den Begriffen „binär“ und „selbstreferentiell“.).

Ein Monismus aber ist totalitär.

Für mich heißt das im Klartext: wenn ich nicht meine Position in Abgrenzung zu anderen klar formulieren kann und trotzdem weiß, dass die anderen auch Recht haben, dann habe ich den Diskurs (als Teilnehmer selber) noch nicht verstanden. Beide Pole (als Ergebnis einer Reduktion und Bündelung der Kräfte nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“)  haben Recht und Unrecht zugleich. Die Kunst - und das kommt jetzt von können - besteht darin, sich zusammen zu raufen und zwischen Skylla und Charybdis hindurch zu segeln wie weiland Odysseus. Dazu müsste man den Anker einer gemeinsamen Intention finden und weiter auswerfen, einen weiter gesteckten Horizont zulassen (als den Kampf um Deutungshoheit), von wo aus die scheinbar gigantischen Unterschiede untereinander etwas kleiner wirken… sub speciem aeternitatis 5 hätte man in früheren Zeiten gesagt.

Dazu eine kurze Kurzgeschichte:

Ich werde bei einem Symposium über Planeten- und Sonnensystem-Entstehung einen Vortrag über das Dreikörperproblem halten. Ein alter Hut. Neu ist der Rahmen: Die Heraeus-Stiftung (= Mäzen) sponsert großzügig (5-Sternehotel & Flugreise für alle) eine Summerschool in Florenz (= geile location), um Fachwissenschaftler, Lehrer, Schüler und Studenten zusammen zu bringen.  Neu ist auch, über geistesgeschichtliche Fragen zu sprechen, angefangen von der Methode des infiniten Regresses der Pythagoreer, über die erste Critique de la méthode durch die Paradoxien von Zenon, über Planetenentstehung als Beispiel für Autopoetische Systeme allgemein, bis zum heutigen Problem von Simulationen als Erkenntnisinstrument überhaupt (Halte-Problem, Turing-Test). Ich werde versuchen, den Studenten nahe zu bringen, dass das unmittelbar mit ihnen zu tun hat. Und sie vielleicht sogar etwas von der allenthalben grassierenden Algorithmus-Gläubigkeit kurieren, indem ich ihnen zeige, dass das streng gültige (hier: Gravitations-) Gesetz in seiner Anwendung unüberschaubar wird, aber Meta-Gesetze zur Folge hat, die sich logisch nicht zwingend herleiten lassen, sondern nur intuitiv erfassbar sind. Und ich weiß, dass da noch viel geht (sogar in Physik, erst recht in Sachen Lyrik). Interessant ist auch die umgekehrte Erfahrung der Kollegen, dass Vermittlungsbemühungen dieser Art ihnen sogar etwas für ihre eigenen fachspezifischen Fragen gebracht haben. Von daher ist abzusehen, dass die Trennung von Spitzenforschung und Lehre (als persönlicher Umgang) auf Dauer zu Sterilität führen wird. Ich hoffe, der Sinn dieser Parabel ist klar.

Unser Projekt wird auslaufen. Ich ringe mit mir, ob ich dem Vorstand der Stiftung nicht nahe legen soll, dasselbe mit Lyrikern, Fachwissenschaftlern, Deutschlehrern und Schülern zu machen. Immerhin eine Woche kostenloser Urlaub mit anregender Beschäftigung… Natürlich nur, wenn wir damit scheitern, ein neues Projekt an Land zu ziehen! Wir sollten die Kohle kriegen, nicht ihr. Soll also auf diesen Diskurs angewandt heißen: Eure Partikular-Interessen um Deutungshoheit im Existenzkampf sind menschlich verständlich, aber hier fehl am Platze.

Denn gesetzt, ich trete jetzt an den Vorstand heran: was soll ich ihm sagen?

„Da gibt es eine Diskussion zur prekären Lage der Lyrikkritik. Lest den mal!“?

Was glaubt ihr, wird dann passieren? Was wird die (Außen-) Wirkung sein?  Ich weiß es nicht…

Es war niemals meine Absicht, die Diskussion für obsolet zu erklären. Sondern zu spiegeln, wie sie auf einen „interessierten Laien“ wie mich wirkt.

  • 1. Manchmal dachte ich an einen Schreibwettbewerb für Kurzgeschichten: das würde eine ganz anderen Sinn machen!
  • 2. Ein Wortschöpfung aus „funktionieren“ und dem Geräusch „nnnnnz“ beim Funkenüberschlag, wenn Hochleistungs-Stromkreise geschlossen werden. Ich hatte mich unbewusst Hofners eher salopper Sprache angepasst. Wohl etwas zu weit unter Niveau…
  • 3. Sorry, Herr Segebrecht!  Dieser Moment, das wippende Kind und dann die leere Schaukel, wird mir immer unvergessen bleiben
  • 4. Als Beispiel einer Rezension, die  mich nicht erreicht, hatte ich „Alsohäute“ von Ames in der Interpretation von Reul angeführt http://www.textem.de/index.php?id=2352. Zu sehr verkürzt, wie ich einräumen muss, und dass sie mich nicht erreicht, ist ja per se noch kein Maßstab
  • 5. Oder sollte heute tatsächlich jede Form von Transzendenz im Wortsinn von Überschreitung obsolet sein?

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