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Notiz

Als die Lyriker kritischer wurden

(zu Ann Cottens ‚Als die Kritiker lyrischer wurden’)

In einer Ballade mit Vorgesang setzt sich die bekannte Lyrikerin Ann Cotten mit der Kritik an der Lyrik – nein. In einem Vorgesang plus zwei Versuchen balladiert die bekannte Kritikerin – nein – setzt sich auseinander die in Wien Nein! in Io wa das, wo die Maissilos zum Himmel ragen wie visualisierte Kritikerfloskeln - die, ach in Berlin lebende - ! Ach in zwei Versuchen nach Präludium zur Kritik der reinen Lyrik dichtet die Ballerina mit kritischer Vorübung über den Schmäh, der halbstarken Kritikerschlingeln aus und in den Federn geronnen ist, in Versform – ach, ich merk es selbst, ich scheitere.

Knapp, aber nicht zu knapp, umfangreich, aber nicht zu sehr. Ein genau richtig dickes frohes Werk, ein Gedicht, sozusagen, in den besten Jahren!

Worum geht es?
Das ist einfach: um alles.
Halt, ich revidiere, zwar um die EU, aber nicht um die UNO. Wir bleiben im europäischen Konvergenzrahmen.

Wir wissen, wie alles anfing. Im Urbeginne schuf Gott den/die Lyriker/in. Erst das Wort, dann den Atem. Deutlich später den Kritiker und seinen heiseren Kehlkopf. Einschub des Kritikers: man darf sich das nicht zu romantisch vorstellen, die Sache mit dem einhauchen, jeder U-Bahnfahrer weiß das, Odem kann es nach ein paar Tagen in sich haben, oder Gott entfuhr gar ein gewaltiger Furz, der in die Kritikerbirne knallte und sie verspätet! zum Leben weckte.

    Und die Kritiker begannen Parodien zu schreiben
    auf Lyrik, und die Lyriker mussten ärger und ärger
    schreiben, um zu beweisen, dass
    dass sie die ersten waren.
    Dass sie die ärgsten waren.

Und es ward Abend und es ward Nacht, einunzwanzigster Tag (ziemlich genau). Denn da schlüpfen die fleißigen Bienenmaden und summen los.

    Und die Kritiker begannen Lyrik zu schreiben,
    selber zu schreiben in ihren freien Minuten

Hatte ich nicht oben ein Happy End angedeutet? Das ist hier, Anfang zweiten Versuchs, kaum noch vorstellbar. Krise, rasier dir den Schädel, was machst du so früh im Text? Ein langer zweiter Akt folgt, aber tatsächlich, alle 150 Jahre ersetzt sich die Sprache vollständig „wie eine Haut“ und schlängelt sich davon, es beginnt die ewige Widerkehr

    und die Poesie heult jetzt wieder draußen im Dunkeln in den Büschen
    wo ihr wieder jemand seinen schlecht informierten Prügel in den
                                                                                                                 Arsch flicht,

    und wir drinnen singen voll Sehnsucht nach ihr Lieder,

Das müsste trotz einer gewissen Unschärfe im „Wir drinnen“ sowohl die romantischen als auch die ruppigen Gelüste des Publikums befriedigen, apropos das Publikum, warum habe ich so wenig über das Publikum gesagt, wo es so viel Platz im Vorwurf (das ist nur ein altertümlich Cord-Sakko-artiger Ausdruck für Vorlage) einnimmt?

Nun ja, das steht mir schlicht nicht zu. Meine bescheidene Meinung: das Publikum sollte sich an Nase, Ohrring und Halskettchen fassen, damit das Strg-Alt-Entf des Zeitalters des Sprachprotzes einkreuzigen und käme dann der letzte Tag: geläutert und zufrieden schlösse auch ich mich dem hoffnungsvollen Werk in all seiner Gänze, das Knie demütig beugend und mit meinem Schicksal versöhnt, in die Kritikerhölle hinabfahrend
an.

 

Ann Cotten

0. Vorgesang, stotternd

Und dreht sich weg doch nur zum Schein
es fällt ihm dann wieder was ein.
Das gute Herz läuft für die Kunst,
nein für die Leute. Ihm selbst ist es Wurst.

O wie weit weg ist Harmonie
dabei irre ich doch andauernd
so viel wie alle andern auch
nur leider anders.

Wenn bloß mein Lieben strömen könnte
wie Tinte in ein Wasserglas.

Nein! Jetzt erinner ich mich auch noch
wies mit einem Geliebten auseinanderging
weil er mir dieses Gleichnis brachte,
Café Alt-Wien 2007.

Und jetzt erscheints als Utopie,
die Tinte liebend zu verströmen.
Typische Tintenfisch-Fantasie.

Say YES to what is good
say YES to harmony
avoid all broken glass
turn away from me

Die Tinte nimmt die Form
des Glases an.
Könnte doch diese Qualität
was Wahres haben.

1. Versuch

Und die Kritiker begannen, Parodien zu schreiben
auf Lyrik, und die Lyriker mussten ärger und ärger
schreiben, um zu beweisen, dass
dass sie die ersten waren,
dass sie die ärgsten waren.

Aber irgendwann meinten es die Kritiker ernst,
und die Lyriker mussten zugeben: Ja, ihr habt es jetzt begriffen.

Aber die Lyriker mochten es nicht, etwas sagen zu müssen.
Sie konnten jetzt überhaupt nicht mehr leicht schreiben,
seit die Kritiker auch Lyriker waren.

Daher wurden die Lyriker Philosophen,
schrieben nicht, schwiegen,

– indessen die Kritiker ungeheuer kreativ, produktiv,
konstruktiv, you name it –
und die Lyriker schwiegen,

um dann schließlich in autobiographischer Prosa
zu kapitulieren,
alles scheiß egal.

 

Mit freundlicher Erlaubnis von Ann Cotten, erschienen in Edit 69, Papier für neue Texte, Leipzig 2016. Eine Besprechung der gesamten Ausgabe der aktuellen Edit folgt noch.

 

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