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Notiz

Schweigende Stimmen: Seht hin!

Schriftsteller in der Türkei unter Druck

Wir müssen hinsehen. Wir. Alle. Wir dürfen nicht schweigen, wenn andere zum Schweigen gebracht werden!

Vor rund einem Jahr saß ich gemeinsam mit meiner Verlegerin Inci Bürhaniye und mit Emrah Serbes in einer Kneipe in Istanbul. Wir tranken Bier, mittags. Wir waren erleichtert, dass wir mit Emrah dort sitzen konnten. Am Morgen war gegen ihn ein Haftbefehl wegen Präsidentenbeleidigung ergangen. Als eine Gruppe Polizisten vorbeikam verstummte unser Gespräch, unsere Körper spannten sich an. Sie gingen vorüber. Emrah grinste. „Jeder Depp kennt die zwei, drei Läden hier, in denen ich immer zu finden bin. Nur die Bullen nicht.“ Zwölf Jahre sollte Emrah, dessen Roman „Deliduman“ über die Gezi-Proteste ich Euch allen ans Herz legen möchte, hinter Gitter. Weil er den Präsidenten auf Twitter als „Street Fighter“ bezeichnet hatte. Ein paar Tage später wies der Richter die Klage ab. Wir atmeten auf.

Heute wäre das nicht mehr möglich. Es gibt in der Türkei keine unparteiischen Richter mehr. Zuletzt ließ Recep Tayyip Erdogan sogar zwei Verfassungsrichter verhaften und besetzte die vakanten Posten mit Linientreuen.

Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet, soll, wenn es nach dem „Büyük Lider“ geht, lebenslang ins Gefängnis. 2014 deckte er Waffenlieferungen des türkischen Staates an Extremisten in Syrien auf. Er leistete hervorragende journalistische Arbeit. Die Presse als vierte Gewalt im Staat: Diese Aufgabe nimmt Can Dündar ernst. Er lebt sie. „Die Türkei ist ein freies Land. Man kann alles sagen. Aber man muss den Preis dafür zahlen“, sagte er kürzlich. Inzwischen ist er in Deutschland untergetaucht. Er weiß, was ihm bei einer Rückkehr droht. In keinem Land sitzen mehr Journalisten im Gefängnis als in der Türkei. Die freie Presse ist heute faktisch ausgeschaltet. Oppositionelle Medien wurden verboten oder unter staatliche Kontrolle gestellt. Wer öffentlich Kritik übt, begibt sich in Gefahr.

Vor wenigen Wochen wurde der Dichter Hilmi Yavuz verhaftet. Er ist achtzig Jahre alt. Die Polizei verweigerte seiner Familie, ihm Medikamente zu bringen. Er wurde tagelang verhört. Inzwischen ist er wieder frei. Die Nachricht erleichterte uns alle, die wir uns um ihn gesorgt hatten. Aber die Verschnaufpause war nur kurz.

In der Nacht zum 17. August wurde Asi Erdogan in ihrer Wohnung in Istanbul verhaftet. Sie ist eine der starken oppositionellen Stimmen der türkischen Gegenwartsliteratur. Sie ist eine engagierte Menschenrechtlerin, setzt sich mit dem internationalen PEN für Schriftsteller in Haft ein. Nun sitzt sie selbst in Haft. Sie wurde verhaftet, weil sie für die vor wenigen Tagen verbotene kurdische Tageszeitung Özgür Gündem eine Kolumne schrieb. Ihr wird Volksverhetzung und Terrorpropaganda vorgeworfen. Die Vorwürfe sind absurd.

Kollegen organisierten am Freitag, den 19.8., eine Pressekonferenz in Istanbul. 149 Schriftsteller haben den Aufruf, sie freizulassen, unterzeichnet. Auch ich. Einige der anderen Unterzeichner kenne ich. Engagierte Menschen, Künstler, die für die Freiheit des Wortes eintreten. Mit ihrer Unterschrift begeben sie sich selbst in die Schusslinie. Sie riskieren ihre eigene Freiheit, um die Freiheit zu verteidigen.

Aus der Haft schrieb Asli Erdogan: “Ich bin in guter seelischer Verfassung. Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Grüße an alle. Mit meinen Schriften wird nicht nur die Meinungsfreiheit verurteilt, sondern auch das Gewissen. Das Gewissen wird mit Vorurteilen festgesetzt. Die Literatur ist da, um dieses Gewissen aufzubauen. Seit 18 Jahren habe ich mich konsequent gegen Gewalt eingesetzt und meine Artikel für Özgür Gündem immer als eine Brücke zum Frieden betrachtet.“

Eine Brücke zum Frieden ist die Brücke, die Recep Tayyip Erdogan abfackeln will. Er nutzt die Nachwehen des gescheiterten Putschversuches vom 15. Juli, um Kritiker und Oppositionelle auszuschalten. Er nutzt sie, um starke Stimmen zum Schweigen zu bringen. Und auch die deutsche Bundesregierung schweigt. Sie schwieg, als Can Dündar in Untersuchungshaft saß. Sie schwieg, als Redaktionen gestürmt wurden. Sie schwieg, als Asli Erdogan verhaftet wurde. Die strategische Partnerschaft mit er Türkei ist ihr wichtiger. Es ist erschreckend. Es ist beschämend.

Wir müssen hinsehen. Wir. Alle. Wir dürfen nicht schweigen, wenn andere zum Schweigen gebracht werden!

 

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