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Notiz

„Darf man Rechtsextremen eine Bühne geben?”

Unlängst hat ein Sensationalist, den Journalist zu nennen derzeit des Lobes zuviel wäre, sich zu einer Diskussionsrunde über eine jüngst veröffentlichte Studie,

die zeigt, dass unter jugendlichen Muslimen in Wien erhöhte Gewaltbereitschaft, Antisemitismus und Homophobie festzustellen

sei, einen „Identitären” (sein Name – damnatio memoriae) eingeladen.

Proteste waren die Folge, samt Fernbleiben einiger der Eingeladenen; darauf tat der Sensationalist auf der facebook-Präsenz seines TV-Senders dies kund, und zwar wie die Antwort auf die ihm eigentlich gar nicht gestellte Frage, ob „man Rechtsextremen eine Bühne geben” dürfe: Ja, man dürfe dies, denn

die derzeit – zumindest im medialen Umfeld – den Mainstream bildende Position, dass man Rechtsextremen keine Bühne geben darf

sei „aus mehreren Gründen falsch.” Davon abgesehen, daß Mainstream und mediales Umfeld schon Kampfbegriffe sind, die dann besonders lustig sind, wenn einer mit ihnen schlicht Quote machen will, folgten dann diese „Gründe” nicht, sondern es gab (und gibt) diese wackelige, argumentativ nicht unpeinliche Aussage:

„In einem Rechtsstaat wie Österreich darf man sowohl Rechtextremist als auch Linksextremist sein, so lange man im Ausleben seiner Überzeugungen nicht die Grenzen des geltenden Rechts überschreitet. Das ist gut so. Und wir […] sehen es als unsere Aufgabe, in den Diskussionen, die wir führen, die ganze Bandbreite des Denkbaren abzubilden. Wir glauben nämlich an unser Publikum und seine Fähigkeit, sich auf dieser Grundlage eine eigene Meinung zu bilden.”

Die Rechtslage, daß man sein dürfe, was man wolle, solange man es nicht gesetzeswidrig auslebe, würde also zum Argument, man dürfe nicht bloß, man müsse alles auf die Bühne bitten, was irgendeine Meinung hat – wobei an die Kohärenz dieser Meinung, die Richtigkeit der Fakten, keine Ansprüche gestellt werden; jede Vokabelmischung wird derart zum „Denkbaren”. Sonst grenzte man ja auch schändlich jene aus, die, könnten sie, wie sie wollten, den, der intellektuelle Redlichkeit ernstnimmt, internieren. Denn „Identitäre” sind und bleiben zuletzt Nazis im Kleinbürgerdesign.

Da lobe ich mir die Grenze, und zwar nicht jene aus Stacheldraht, die den Horizont der „Identitären” markiert, doch jene, daß im öffentlichen Raum mit Zensur vorsichtig umgegangen werden muß, aber ein Privatsender eben nicht jedem Neofaschisten Gehör verschaffen muß. Bei den Aufmärschen Rechter werden öffentliche Plätze okkupiert, zugleich wird überall dort die Öffentlichkeit von ihnen eingemahnt (oder eigentlich lautstark eingefordert), wo sie darin schon besteht, daß man ihnen nicht zuhören muß – und es ist entweder dumm oder ein Akt der Quotengeilheit, auf diese Kategorienvertauschungen einzugehen.

Nein, man muss ihnen keine Bühne bieten. Und entschließt man sich, es doch zu tun, muß man sich die Gegenfrage wohl gefallen lassen: Sie laden sich doch nicht ung’schaut (wie der Wiener sagt) irgendwelche Leute ein, oder? Haben also Rechtsextreme Ihres Erachtens etwas Relevantes zu sagen? Zu diesem Thema? Oder irgendeinem? Finden Sie deren Bewerben der Unterbietung von erreichten Standards hörenswert … ? Oder, von der anderen Seite: War’s die Quote wert?

No pasaran!

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