Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Notiz

Aslı, die Bordsteine dürfen nicht verstummen!

Auf den auf-und absteigenden Kopfsteinpflastern von Galata höre ich Lieder, gesungen in einer fremden Sprache.  Setze mich langsam auf den Bordstein. Bin sehr gespannt! Als ob ich vor einer neuen Ausgrabung stehen würde …

Die Sprache der Lieder wärmt meine Haltlosigkeit mit einer kindlichen Freude. Wieso? Ich, der alles verstehen möchte, deshalb in verschiedensten Gründen weile …

Dieses Mal höre ich nur zu, lasse die Stimmen/Klänge durch mich hindurchwehen. Eine undefinierbare Freiheit ummantelt mich. Als ob ich barfuß auf einer weichen Erde laufen würde, als ob ich mir sehr nah bin. An meinem Rücken geht eine zierliche Frau entlang. Ihr lila/weißes Halstuch streichelt an meinem Haar. Ich drehe mich gar nicht um, genieße diese Berührung. Diese Frau warst du Asli, ja, ich bin mir sicher, frage mich nicht, woher ich es weiß, Empfinden ist oft der sicherste Augenzeuge!

Die Stimmen der Brüllenden werden immer lauter, Aslı. Das Geflüster des Gewissens immer leiser! Habe lange über das 10 Jährige Verstummen von dem armenischen Komponisten Komitas nachgedacht. Auf welcher Achse hat sich die Welt in diesen Jahren gedreht? Welche Verluste musste diese Welt wegen seines Verstummens erleiden? Welche Wunden wurden in dieser Zeit mit eingesperrten Worten geheilt?

Du darfst nicht verstummen, Aslı. Wir brauchen deine Stimme mehr denn je. Ich weiß, es ist leicht zu sagen. Letztendlich bist du die Leidtragende. Und wir? Ballern mit ein paar Wortkrümeln durch die Gegend und ziehen uns in die sicheren Stuben zurück. Die Kälte der Gänge, die Zellenwände, in denen sich tausende Wehen verbergen, das alles kennen wir nicht …

Trotzdem fällt es mir sehr schwer, mir dich als scheue Taube vorzustellen. Deine Stimme darf nicht in den Meeresgrund sinken!

Solange du verstummst, werden wir mit dir auf diesem dürren Ufer verhaftet sein. Vielleicht sollte man wie du, tapfer und selbstvergessen, in das tiefe Wasser springen. Doch nicht jeder Natur ist der Mut gegeben. Eigentlich ist das Ganze, mein Geschriebenes, ein Irrsinn: Beobachten, wie deine Äste gestutzt werden, und dich aus vollem Hals bitten: Du muss deine Äste schneller wachsen lassen, damit wir in dem Schatten ruhen können. Ja, Irrsinn, verzeih mir!

Darf ich dir das Lieblingsmärchen meiner Kindheit erzählen? Es war einmal ein schwarzherziger König, der nicht in den Spiegel schauen konnte. Er meinte, er wäre das hässlichste Geschöpf, das der Gott auf die Erde gesetzt hatte. Er befahl dem roten Stier, alle schönen, anmutigen Einhörner des Landes in das Meer zu treiben. Denn jede Schönheit auf der Welt spiegelte ihm sein eigenes, verfluchtes Gesicht. Der rote Stier folgt diesem Befehl. Alle Einhörner bedrohte er mit seinen feurigen Hörnern und trieb diese Schönheiten ins Meer. Außer das Eine! Ein gutmütiger Zauberer verwandelte das letzte Einhorn zu einem Menschen, damit es vom roten Stier nicht erkannt werden konnte. Zum Schluss dieses Märchens treffen sich die Beiden; der rote Stier und das letzte Einhorn. Der rote Stier schaffte es nicht, in die Augen seines Gegenübers zu schauen. Die Anmut und die Geduld im Blick des Einhorns schüchterten den tollwütigen Stier ein. Nun wiederholt sich die Geschichte, aus dem Jäger wurde der Getriebene und umgekehrt! Der rote Stier gab auf und bewegte sich mit geneigtem Kopf zum Meer. Sobald er ins Wasser trat, sah man auf den emporsteigenden Wellen die vor Freude wiehernden Einhörner. Als allererstes bildeten sie einen Kreis um das Schloss und liefen immer schneller, immer schneller, bis der Boden bebte und das Schloss des Königs zusammenbrach!

Vor Euphorie über diese wunderschöne Geschichte konnte ich den Butterkeks in meinem Mund nicht mehr schlucken Aslı. Jedes Mal liefen mir die Tränen über die Wangen…

Für mich sind Märchen keine Utopien, Aslı. Märchen gehören zum Leben, sie sind mitten in uns! Wie ich an die Unsterblichkeit glaube, so glaube ich auch an die Märchen. Diese Wellen werden eines Tages “das Gewissen“ auf die Erde tragen. Lassen wir die, die ihr Unvermögen hinter ihren Machtworten verstecken, die heute den Sieg erklären. Lassen wir sie die Mauern der Eitelkeit bauen. Egal was sie heute anrichten, dem Leben wohnt eine Magie inne, die früher oder später die Wahrheit beflügeln lässt. Wie der große Rilke sagt: “Wer spricht vom Siegen? Überstehen ist alles!“

Und bevor ich es vergesse, ich habe hier einen Schal für dich, bei meiner nächsten Istanbulreise bringe ich ihn dir mit …

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge