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Notiz

Avenidas y flores y mujeres y un admirador ... y analfabetismo

Foto: Helmut Oelschlegel

2011: Eine Berliner Fachhochschule präsentiert nicht ohne Stolz auf ihrer Fassade als „bleibende Erinnerung an unseren Poetikpreisträger Eugen Gomringer” ein Gedicht. Es ist der konkreten Poesie zuzurechnen, „avenidas” heißt es, es setzt unkommentiert eine Szene im Kopf des Lesers zusammen, und zwar aus „avenidas” (Straßen), „flores” (Blumen), „mujeres” (Frauen) und „un admirador” (einem Bewunderer).

2017: Studierende sehen darin nur die patriarchale Kunsttradition, worin die Frauen die Musen seien, der Bewunderer aber der Macho sein müsse, dessen Privileg die kreative Tat bleibe; und sie haben Erfolg, nach einer Entscheidung des Akademischen Senats hat die ASH einen Aufruf zur Neugestaltung der Fassade veröffentlicht, für den noch bis zum 15. Oktober Vorschläge eingereicht werden können – mit dem schalen Argument, bei der erstmaligen Gestaltung habe es Verfahrensfehler in Bezug auf Mitbestimmung etc. pp. ... gegeben.

Man kann über das Gedicht diskutieren; man kann über die Fassage diskutieren. Aber eines ist doch seltsam: Das Gedicht, das eine Szene im Kopf des Lesers zusammensetzt, wird für die Köpfe der Studierenden, in denen es sich so zusammensetzt, daß es in eine patriarchale Kunsttradition paßt, verantwortlich gemacht – könnte das Gedicht nicht auch alle mit dem „y” (und) verbunden haben und ohne Regens auskommen, ohne den Dichter, dem folglich auch keine Musen beigegeben sind? Die „avenidas” (Straßen), „flores” (Blumen), „mujeres” (Frauen) und „un admirador” (einem Bewunderer) stehen nebeneinander ...

            ... polemisch könnte man allenfalls das monieren, daß die Konjunktion y/und als Totaladdition genau nichts besage, keinesfalls aber, was die Studierenden als ihre Deutung mit einer Zensurmaßnahme verbinden.

Nichts wäre, wenn man sich solchen Ressentiments beugt, und zwar diskussionslos, vor den Zensurmaßnahmen derer sicher, die da ihre schöne, neue Welt basteln, die ahistorisch, unironisch und tranquiliert sein soll.

Sie tun es mit dem Gestus der Bosse, die nicht herausfordern, beunruhigen und etwas zeigen können, wie es historisch der Meister tat – siehe Steiners Lessons of the Masters  –, sondern fordern und anordnen: auf Basis eines sprachlosen Kapitalismus, worin sie die Kunden und ihr Befinden das unverhandelbare Kapital ist.

Schlechte Zeiten für Lyrik als das Gegenteil dieser Welt, die derweil solche Abstumpfung gerne als Befreiung feiert.

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