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Notiz

Kunst und Krawehl

Einige Gesichtspunkte ohne Schuppen vor den Augen zur wirklich bemerkenswerten Eröffnungsrede des Lyrikpreises Meran 2018

«Poesie bedarf nicht länger des überambitionierten Gegenschlags,» verkündet Thomas Kunst, Träger des Lyrikpreises Meran 2014, anlässlich der Eröffnung der 2018er Ausgabe des Wettbewerbs im Mai dieses Jahres. Das Ziel der antiintellektualistisch angelegten Rede des Leipziger Autors (hier einige Zitate daraus, der Rest für 2 Euro) ist eine Apotheose des poète maudit. Diese irrationalistische Strömung innerhalb der dt. Lyrik ist derzeit gleichermaßen obenauf wie fragwürdig.

Ich frage: Warum muss der Dichter Autodidakt sein? Weil Thomas Kunst einen autodidaktischen Zugang zur Dichtung fand? Ist doch gut für ihn. Und es hat ihm – schon früh – einige sehr angesehene Auszeichnungen eingetragen. Was seiner These von der Unterdrückung einer nichtakademischen Schreibart diametral widerspricht. Kunsts Eruption hat nichts mit «Liebe» zu tun, sondern mit schierem Ressentiment. Bei Behauptung des Gegenteils.

Zum Gedicht, um Kunsts Ad-hoc-Definition («Ein Gedicht ist erst dann ein Gedicht, wenn mich die gewöhnlichsten Dinge in ihm auf das Heftigste irritieren») aufzugreifen, gehört in ganz wesentlichem Maß die Fähigkeit, das Geschriebene kongenial vorzutragen. Der Vortrag ist nicht Schmuck und Ornament. Sondern gehört zum Poetenleben dazu wie das Wasser zum Fisch, um beim Sinnbild von den Fischen und dem Angler (lies: Literaturbetrieb) zu bleiben, das Kunst als Rahmung seiner Thesensammlung verwendet.

Ich wundere mich sehr: Diejenigen, die es fertigbringen ein Gedicht kunstgerecht vorzutragen als «Sprechartisten» abzuqualifizieren, und sich selbst und einige geschmäcklerisch handverlesene Kollegen (übrigens alles Männer) in den Parnass zu kanonisieren: Das liegt voll im Trend. In der Wettbewerberöffnungsrede (!) trittt aber noch eine weiterer irritierender Aspekt hinzu: Aus einem Vortragstalent wird von Thomas Kunst etwas Anrüchiges gemacht:

«Mir ist aufgefallen, dass die Performancetauglichkeit der Dichter inzwischen zur höchsten Geselligkeitskategorie ausgerufen worden ist. Wer sich heute bei einer Lesung […] nicht traut, beim Lesen sogar noch zu singen oder seine Texte mit gleichzeitigen Multimediadarbietungen andickt [!], hat schon verloren. Das finde ich zutiefst bedauerlich. Aber trotzdem sollte jede Illusion auch weiterhin ein Recht auf Zuversicht haben, auf die Zuversicht, dass die Dichter die Sprechartisten um Jahrhunderte überleben werden.» (VOLLTEXT 2/2018, S. 64)

Darüber hinaus: Thomas Kunst inkriminiert Unverständlichkeit oder Schwerverständlichkeit von Poesie als «bieder». Das scheint ein Standardvorwurf aus Leipzig zu sein. Schon der Rezensent und Facebookaktivist Jan Kuhlbrodt wetterte vor einiger Zeit gegen das von ihm und einigen Gefühlslinken herbeifantasierte «Neobiedermeier». Aus Sachsen, dieser Eindruck drängt sich auf, kommt vor allem Pauschales und eine ungebändigte Lust an der «Wut» (Kunst). Aber der schreibende Wüterich, der Kunsts Idol ist, braucht noch eine andere Zutat, um sich als Dichter fühlen zu dürfen. Sein Ideal ist die «einfache und klare Sprache». Deutlich schreibe man. Deutsch. Deutsch-genialische Sprachkunst hat einen wunderbaren Pappkameraden: Die Ausbildungsstätten für Schreibende. Das Wettern gegen den «Institutsstil» wird zumeist von solchen Teilnehmer*innen des literarischen Feldes – in schöner Regelmäßigkeit – vorgetragen, die noch nie eine solche Institution von innen gesehen und erlebt haben. In Kunsts Anklageschrift liest sich das so: «Die Zeit der Autodidakten ist ein für alle Mal vorbei. Die Geschichte des Schwafelns hat längst begonnen. Heere von akademisch aufgeblähten Biografien stehen sich gegenüber.» Das sei kein Neid. Behauptet Kunst.

Ich frage weiter dagegen, – und jetzt mal Hand aufs Herz! – ob man wohl wirklich einer Klempnerin oder einer Konzertpianistin oder Komponistin vorwerfen würde, dass sie ihr Handwerk versteht und sich darin hat ausbilden lassen? Schon der Epigrammatiker Arnfrid Astel (1933-2018) reimte: «Dichten lässt sich nicht unterrichten.» Nunja, zumindest nicht von denjenigen, die «wissenschaftliche Bildung» (Kunst) als unnütz und entbehrlich fürs Dichterhandwerk erachten.

Ich plädiere hingegen dafür: Sprachkunst, die von Intermedialität und den Bedingungen ihrer Darbietung und Verbreitung und ihrer intellektuellen Kulisse keinen Schimmer hat und dies auch nicht möchte, ist hoffnungslos vorgestrig – und wäre begründet außen vor. Sie ist es gerade nicht! Die Lyrik des Interessantismus hatte zu allen Zeiten gute Konjunktur, diese Allyrik ist eingängig, gefällig, rührselig – und braucht nur noch die passende Backstory Wound. Reflexionsfähigkeit – wie sie üblicherweise von akademischen Disziplinen gestärkt wird – ist im Zusammenhang von identitätspolitischer Subjektbesoffenheit gerade hinderlich. Einige Lyrikpreise, vor allem im U-35-Bereich, werden in der Tat altklugen Backfischen zugeworfen.

Aber statt deshalb auf Betrieb und Kritik in querulierender Weise zu schimpfen, wäre es doch weitaus produktiver und obendrein konsequent, sich in den Dienst der (vermeintlich oder tatsächlich) medial unterrepräsentierten Kollegenschaft zu stellen. Und deren Werke zu besprechen – wenn denn wirklich Liebe zur Poesie das Motiv des Handelns sein sollte! Warum hat Thomas Kunst keine Besprechung von Gert-Peter Eigners Lyrik (er erwähnt den Dichter lobend) verfasst, die er doch so schätzt? Warum gründet er nicht eine Zeitschrift, in der er genau solche Kolleg*innen publiziert, die seinem Anspruch genügen?

Dieses mangelnde Engagement für die Kollegenschaft bei gleichzeitiger Selbstgewissheit der Anklageberechtigung («Die poetische Solidarität untereinander ist heutzutage wohl für immer auf der Strecke geblieben») macht diese Brandrede in meinen Augen so wohlfeil und konfus; konfus, denn Namen werden natürlich nicht genannt. Typisch für die Lyrikszene. Wenn von einem Skandal die Rede ist, dann wären aber schon auch Beteiligte zu nennen! Als jemand, der das offene Wort selten gescheut hat, empfinde ich Thomas Kunsts Meraner Rede als vergleichsweise beißgehemmte Predigt an Thesengläubige. Wohlgemerkt: Zu einer Brandrede bestand damals im Meraner Mai, und besteht überall im deutschsprachigen Raum, nach wie vor übrigens guter Anlass! Es gibt seit Jahren schon ein gewaltiges Problem innerhalb der Szene, aber es sind aus meiner Sicht nicht die Akademiker*innen, sondern die Korruptniks und Allyriker. Die strategischen Meckerer. Die Schleimer. Die Lächler. Diejenigen, die sich erfolgreich suggeriert haben, schon der bloße Akt des Gedichtverfassens sei eine politische Tat. Und wie ist es mit denjenigen Kritiker*innen, die – einer geisteswissenschaftlichen Bildung zum Trotz! – «Akademismus» für eine taugliche Kampfvokabel halten? Wo das Wort doch lediglich einen Volltreffer beim Bullshitbingo bedeutet. Ich weiß dann immer nicht: Ist das plumper Undank oder echte Abgestumpftheit durch übermäßigen Kitschkonsum.

ausgewählt und bearbeitet von Konstantin Ames

Die lyrische Paradedisziplin von Thomas Kunst ist das Sonett. In seinem ergiebigen Lehrwerk «Neuere deutsche Metrik» (ISBN 3-89693-455-4) kommt der streitbare Literaturwissenschaftler Leif Ludwig Albertsen (1936-2016) bzgl. des Sonetts zu einer Einsicht, die allen Eierköppefressern wenig zupass kommt: «Das Sonett ist intellektuell. […] Das Sonett ist für Kenner, d.h. Verfasser und Leser gehen von einer Vorerwartung aus, die sich allenfalls umspielen lässt. […]». Es wirkt auf mich so, als ob das fortgesetzte Sonetteschreiben von jemand gewählt wird, der eine möglichst große Flughöhe anstrebt und auch der Lieblingsknüppel saust wieder gnadenlos herab: «Erst seit ein paar hundert Jahren rechnet man es [Das Sonett, KA] zur Lyrik; es ist dem biederen deutschen Denken in Viertaktversen zwischen Kirchenlied und Volkslied sehr fern und wurde denn auch höchst selten vertont.» (S. 88f., Hervorhebung von KA)

Also, Allyriker*in, ran an die strengen Formen! Grab sie aus! Find sie im Tier! Aber bitte im Raubtier! Flarf Dir eins! Du darfst! –– Wir «Sprechartisten» (Thomas Kunst) vom «Neobiedermeier» (Jan Kuhlbrodt) und von der «Sprachfraktion» (Steffen Popp) kümmern uns um alles, was Sache ist, aber nicht nur dem Namen nach und auch bittschön ohne übergriffigen Eigentlichkeitsjargon à la Kunst:

«Die Passion, die Leidenschaft, diese rauschhafte Hingabe an eine von allen verantwortungsfreien Einwänden gereinigte Sprache aus Liebe ist mehr Politik, als sie in der heutigen Gesellschaft gewünscht und gefördert wird. Aber solange es eine Philosophie der Absicherung, den moralisierenden Geruch von Ambitioniertheit und honorierter Kalkulation gibt, tritt die Poesie der Gesellschaft nicht zu nahe.» (a.a.O., S. 62)

Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der eine auratische Dichterpriesterkaste nebst kritikimmunisierter Entourage nach Gusto und unwidersprochen Überambitioniertheitszertifikate ausstellen und ‹Akademismus!›-Stempel draufdrücken dürfen! Sonst kommt wohl bald wieder die Existenzberechtigungsausweiskontrolle in Mode. Kunst, der wutbeseelte Sonettist, der früher (2011) Spottverse auf «Suhrkamp und Konsorten» schrieb, er wird übrigens inzwischen (2018) selbst bei Suhrkamp verlegt. Wenn also Wut schon ein schlechter Ratgeber ist, dann erst recht die Wut hinter den Glasscheiben des Haifischbeckens, tock-tock-tock.

Wer seine Dichtung nicht vortragen kann, ist kein Dichter, sondern allenfalls dicht dran. Wer seine Gedanken zum Schreiben anderer in dünkelhafte Abschätzigkeit hüllt und bei Eröffnung eines Wettbewerbs (!) nur im Gestus eines Volkstribunen vorzutragen vermag, verdient als Trittbrettfahrer autoritären Zeitgeists keinen Respekt für sein krudes Krawehl. In Demokratien ist Poesie eine soziale Praxis. Diesbezüglich offenkundiger Nachholbedarf rechtfertigt larmoyante Ausraster keineswegs. Kunsts Rede und die Auslassungen seiner Gesinnungsgenossen (s.o.) atmen die Lust am Zündeln. An die Stelle des solidarischen Engagements stellen sie das antiplurale Ressentiment. Den von Thomas Kunst namenlos kritisierten Gruppen (meint er das Kook-Konsortium, meint er die eigene Verlagskollegenschaft bei Suhrkamp?) steht sein Pamphlet bezüglich Apodiktik und Humorfreiheit in nichts nach. Wer so redet, hat den Weg in die Vormoderne bereits angetreten.

Respekt vor der Jury, die sich durch diese wabernde Eröffnungsrede zum Wettbewerb um den  Lyrikpreis Meran 2018 nicht davon abhalten ließ, die voraussetzungsreiche Poesie von Kerstin Preiwuß auszuzeichnen! Feine Ironie an der Sache: Die geschätzte Kollegin ist nicht nur Romanautorin und Dichterin, sondern auch noch promovierte Linguistin. Es geht also doch auch abseits des bitteren Feldwegs! Allemal gewinnbringender als die Suada von Kunst («Biedere Verschwommenheit führt das Ungefähre immer sicher ins Ziel») läsen sich einige der ausgezeichneten Gedichte von Preiwuß, Piekar und Häfner. So verkommt ein Publikationsorgan von der ehemals interessanten Fachzeitschrift zum bloßen Meinungsmedium.

Über einem neuen und differenzierteren Versuch, den Konnex Poesie und Gegenwartslyrikbetrieb zu beschreiben und zu kritisieren, muss der vermeintlich banale Satz dieser missglückten Rede stehen: «Die Poesie hat eine große Verantwortung gegenüber der gesprochenen und geschriebenen Sprache.» (Ebd.)

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