Notiz

Sprache in Zeiten der Krone (Corona) und andere Unerträglichkeiten

Wir befänden uns in einem Krieg, schwirrt es durch die Sprache der Medien, und hört man dem Finanzminister der Republik zu, so donnert er die Bazooka1 auf den Tisch, um, so war es jüngst von anderer Seite zu hören, die Feuerkraft zu erhöhen. Hat Minister Scholz vergessen, dass in Syrien, in Afghanistan Menschen in Kriegen sterben? Oder eifert er nur seinem Vorgänger nach, der mit der Kavallerie in die Schweizerische Eidgenossenschaft einreiten wollte?

Das militaristische Register ist unangebracht, ja abstoßend. Politische Verlautbarungen, die sich an Millionen wenden, sollten eine nüchterne, kontrollierte Sprache verwenden, das ist in Zeiten des wachsenden Populismus geboten. Die Aufrüstung der Polit-Sprache, das verbale Waffengeklirr, ist besonders absurd, da die wirkliche Armee der Republik genau das tut, was einer deutschen bewaffneten Macht nach unserer jüngeren Geschichte angemessen ist: Soldaten im konstruktiven, humanen Einsatz: Sie verteilen Heißgetränke und Speisen an vor der deutsch-polnischen Grenze im Stau Stehende und die Bundeswehr kauft, nein, keine Bazookas, Herr Finanzminister, sondern medizinische Güter in Mengen, um den ärztlichen  Bedarf in der Republik zu decken. Die Bundeswehr als Nothelfer: Das Beste, was sie leisten kann.

Wer mit Literatur, insbesondere mit Lyrik, lebt, geht äußerst empfindlich mit Sprache und ihrem Wörtervorrat um. Die allseits gelobte TV-Rede der Bundeskanzlerin war in der kritischen gesundheitlichen Lage der Republik angemessen. Doch bei aller Zustimmung gibt es darin einen Satz, der nachdenklich stimmt:

„Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“

Es gab politische Fragen vor Corona, die mit dem Abschwellen der Epidemie wieder in den Vordergrund gelangen werden. Was ist mit den 1500 Kindern von 8000, die unsere Republik zusammen mit einigen anderen europäischen Staaten aus dem Katastrophenlager in Moira auf Lesbos aufnehmen wollte? Was ist überhaupt mit den 20.000 gestrandeten Menschen auf der Insel? Eine einzige Stimme, die des Sozialmediziners Gerhard Trabert2 war im Corona-Redestrom zu vernehmen. Wenn die Epidemie das Lager auf Lesbos erreicht, ergibt sich eine unvorstellbare Katastrophe. Wo bleibt da bei aller gegenwärtigen noch nie so vorgekommenen Zack-Zack-Politik der Exekutive in Gemeinschaft mit der Legislative „unser gemeinsames solidarisches Handeln“? Es ist eine wohlfeile und beschämende solipsistische Sprachform, es fehlt der Hinweis darauf, dass man die Nachbarn auf Moira und an den türkischen Grenzen im Süden zu Syrien und im Norden zu Griechenland nicht vergessen hat.

Humanismus kann nur ganzheitlich und umfassend gedacht werden, wenn man ihm normative Kraft zuweisen will. Andernfalls wird er hohl, unglaubwürdig, phraseologisch, und kann ebenso wenig normative Kraft beanspruchen wie kirchlich-christliche Haltungen etwa in Polen, für dessen politisch bestimmende Elite jedenfalls die Inhalte der Bergpredigt, dass nämlich jeder Mensch Bruder und Schwester sei, nicht zu gelten scheinen. Bist du ein aus dem Krieg oder aus Not Geflohener, bist du eben kein Bruder, keine Schwester.

Wenn es uns ans Leder gehen könnte, wenn das Ende aller Tage eintreten könnte, dann und offenbar nur dann, ist unsere Gesellschaft zu schneller, effektiver politischer Aktion bereit. Wie sollte man diese Haltung anders benennen als uferlose, beschämende Selbstbezogenheit?

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