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Notiz

Angst

Das Leben gleicht einer Maske. Auf dem Fensterbrett wächst ein Rasen. Alles ist undeutlich, d.h. allzu klar erkennbar. Aber durch Gitterstäbe. Ich bin Franz Biberkopf. Die Figur eines Schriftstellers, der längst tot ist. Ich bin eine Frau. Ich lebe. Das Gefängnis lebt in mir. Die Fantasie ist tot. Die Revolution hat nie stattgefunden. Ich hatte Träume, von denen ich hoffte, sie könnten mich unter sich begraben. Nichts davon ist geschehen. Mir fallen die Haare aus. Vielleicht bin ich krank. Ich bin nicht sicher, welches Jahr wir haben. Welches Jahr mich hat. Jedes Jahr ist ein neuer Gefängniswächter. Keiner sperrt mich ein. Außer meiner Angst. Die von Jahr zu Jahr neue Formen annimmt. Überaus geschmeidig. Wandlungsfähig. Anpassungsfähig. Genügsam. Oder auch unersättlich. Das muss sie nicht kümmern. Logik muss sie nicht kümmern. Folgerichtigkeit. Wahrheit. Alles nicht wichtig. Sie ernährt sich von selbst.. Autopoiesis. Selbsterhaltend. Und ich? Die Angst duldet mich, damit sie etwas zu spielen hat.

Ich habe Kinder. Ein Haus. Einen Mann. Sogar einen Beruf. Ich hasse den Beruf. Ich hasse meine Feigheit. Der Beruf ist eine Verkörperung der Feigheit. Die Kinder sind verwehte Versprechen. Ich muss sie frei lassen. Ich weiß nicht, wie das geht. Also ziehe ich mich zurück. Ich bin der kleine Anhänger, den die Diesellok der Angst zieht. Die Geräusche, die sie dabei macht, sind mir nicht einmal unangenehm. Vielleicht nur weil sie vertraut sind. So wie die fliehenden Kinder und der verhasste Beruf. An den Blick in den Spiegel gewöhne ich mich nie. Meine Mutter hat mir als ich ein Kind war von einem wunderschönen Mädchen erzählt, das rote Haare hatte. Niemand sonst im Dorf hatte rote Haare. Vermutlich war auch niemand so schön. Also wurde sie gehänselt. Sie schämte sich. Sie fand sich hässlich. So hässlich, dass sie nie wieder in einen Spiegel sah. Ihr Aussehen wurde von den anderen bestimmt. Der Blick der anderen war das was zählte. Ich weiß nicht, ob meine Mutter Angst hatte. Was Angst für sie war. Sicher hatte sie Angst. Aber das ist nichts, was ich damals, als sie noch lebte, erfahren habe. Sie war wütend, aber viel häufiger als sie wütend war, war sie traurig. Sie war sehr klein. Und sehr einsam. Aber nicht verbittert. Und dann war sie tot.

Ich würde gerne die Geschichte meiner Angst erzählen. Wo sie herkommt. Wohin sie geht. Aber es ist nicht möglich. Man kann nur von Dingen erzählen, die sich bewegen. Meine Angst bewegt sich nicht. Sie ist die Verkörperung des Stillstands. Um sie herum geht alles weiter, vorwärts, rückwärts, im Kreis herum, bergab und bergauf. Aber sie steht still. Manchmal, nein eigentlich immer, habe ich das Gefühl, ich selbst bin meine Angst. Es gibt gar keinen Unterschied zwischen mir und meiner Angst. Meine Angst sorgt für mich. Und ich sorge dafür, dass sie am Leben bleibt. Es ist eine Symbiose. Ich kann nicht ohne sie leben. Sie kann sich jederzeit ein neues Opfer suchen. Manchmal glaube ich mich erinnern zu können, dass es auch anders gewesen ist. Als meine Mutter mir die schrecklichen Geschichten ihrer Kindheit erzählte. Außer dem Mädchen gab es noch einen Jungen, der sich beim Spielen mit dem Bleistift ein Auge ausgestochen hat. Ein Mädchen, dass sein Brüderchen erstickt hat, weil es nicht aufhörte zu weinen. Und die Märchen. Von gemästeten Kindern, die in den Ofen gesteckt werden. Damals war die Angst etwas das sich bewegte, sie kam mit diesen Geschichten, sie kam auch mit der Dunkelheit, der Nacht. Aber sie ging auch wieder. Sie ging, wenn mein Vater mich tröstete, sie ging, wenn die Sonne aufging und die Vögel sangen. Später blieb sie. Ich weiß nicht mehr, wann das war. Oder ich habe Angst, mich zu erinnern.

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