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Wir reden über Literatur
Notiz

Als es vorbei war

 

Zeuge 1:

Wir hatten uns so sehr an die Stille gewöhnt, dass wir sie gerne mit allen Mitteln verteidigt hätten.. Natürlich sind Schrotflinten und Schreckschusspistolen ...nicht angemessen, vor allem nicht nach einer Zeit, in der man sich doch so sehr umeinander bemüht hatte. Jedenfalls stand das in den Zeitungen. Dass man sich bemüht hatte.

Zeugin 2:

Die Bewegungen, haben Sie sich mal die Bewegungen der Leute angesehen? Sie eiern immer noch umeinander herum. Sie gehen nicht mehr geradeaus, sie gehen nach wie vor in Kurven, Schlingen. Vor allem wenn da Menschen sind, die man uns genannt hat, die vielleicht doch irgendwie daran schuld sind, also nicht ursächlich, nur so in der Folge, weil sie so täppisch im Weg herumstehen und uns daran hindern, uns zu entfalten und unser Leben zu leben.

Zeuge 3:

Das Überraschendste waren die Gesichter der Politiker. Sie waren keine brutalen eckigen Alleinherrscher geworden, sie hatten plötzlich, als sie ihre Gesichter wieder zeigten, graue, knittrige Haut, wie alte Echsen oder Elefanten, sie schwangen die Köpfe hin und her wie übermüdete Reptilien.

Zeuge 1:

Nochmal zu den Zeitungen. Es hatte nur Zahlen gegeben, einzelne schnurrige, skurrile, anrührensollende Geschichten. Aber kein einziges Gesicht. Ich wartete auf Gesichter, sie müssten doch Gesichter haben: Antonia, 82, Obsthändlerin - wissen Sie was ich meine? Ich habe niemanden getroffen, den es erwischt hat, ich wollte unbedingt ein Gesicht sehen, aber man hat mir keins gezeigt. Da war immer etwas über den Gesichtern, Plastik, Stoff, ich habe nichts gesehen.

Zeuge 4:

Als es jetzt hieß, wir sollten wieder arbeiten und auch konsumieren, war ich irritiert. Meine Wünsche und Ziele waren mir abhanden gekommen. Ich kann mich noch immer nicht auf meine Projekte konzentrieren, sie erscheinen willkürlich, nicht unbedingt notwendig, etwas verblasst.

Zeuge 3:

Eine Weile hatten wir uns an unserer eigenen Hilfsbereitschaft berauscht, wissen Sie noch? Auch das erschöpfte sich. Wir belagerten die Eingeschlossenen (oder die wir dafür hielten) mit Angeboten, die sie irgendwann taktvoll annahmen, nur damit wir Ruhe gaben.

Zeugin2:

Ich habe ja schon das Ballett auf den Straßen und in den Hallen erwähnt, diese zarte Drehung zur Seite, die wir ganz selbstverständlich machen, wenn uns jemand entgegenkommt. Da ist noch mehr: Wie viel wir noch jetzt mit den Augen und den Händen ausdrücken, Gruß-und Kampfgesten aus einer fast fremden Choreografie. Es war eine hohe Zeit für Einzelgänger und Eigenbrötler, und sie haben uns ihr Repertoire zum Gebrauch überlassen, als Ersatz für das Nasse, Klebrige, Schmatzende, dem man vorher fast nicht ausweichen konnte

Zeuge 4:

Dass es so schwierig ist, den Betrieb wieder anzufahren, hätte ich nicht gedacht.  Aber vielleicht haben wir zu viel Energie damit verbraucht, auf listige Weise Dinge zu beschaffen, Anweisungen zu umgehen, Alltag zu imitieren. Und dies gleichzeitig zu leugnen.

Zeuge 3:

Ich denke, es hat alles mit dieser Müdigkeit zu tun. Es sollte mal jemand nachprüfen, wie viel in den letzten Wochen geschlafen wurde. Ich komme mir vor wie Rip van Winkle, verstehen Sie? Sie kommen aus dem Berg, haben wunderbar geschlafen, und alles sieht so ein bisschen verrutscht aus, Sie haben Mühe die Leute zu erkennen, na klar, die sind ja alle tot und das sind jetzt andere, Sie haben zwanzig oder hundert Jahre geschlafen, aber niemand kann mit Ihrer provozierenden Ausgeschlafenheit etwas anfangen.

Zeuge 1:

Irgendwann begann ich eine Sympathie, ein tatsächliches Mitgefühl zu entwickeln für einsame Oberhäupter, die verloren in riesigen Hallen herumstanden, ausgeleuchtet, allein mit der Aufgabe, etwas Sinnvolles zu sagen oder etwas Sinnhaftes zu vollziehen. Jemand, etwas hatte sie veranlasst, mit uns zu kommunizieren, dabei waren sie doch ebenso ratlos wie wir. Sie wussten so gut wie wir, dass hinter all dem Plexiglas etwas zum Vorschein kommen würde, etwas, das nicht einmal bewusst verschwiegen worden war. Es war nur eine Weile verspiegelt, getrübt, verwischt gewesen.  Es ist jetzt wieder da.

Die Jury hatte darum gebeten, Wörter wie Risikogruppe, Pandemie, Quarantäne, Masken, Viren usw.  nicht zu benutzen. Die Jury vermerkt mit Anerkennung, dass dies gelungen ist. Die Jury nimmt den Begriff Plexiglas in die oben genannte Liste auf.

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