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Notiz

Die Zeit benimmt sich wie ein Vakuum

Briefe aus Berlin

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Die Zeit benimmt sich wie ein Vakuum, in dem wir gefangen sind.
Da wir nicht wissen, wann, wo oder wie das Vakuum zu verlassen ist und wohin eigentlich, passen wir uns der Zeit an, werden ein Vakuum. Wir füllen es mit allem Möglichen, zum Beispiel mit Rosmarin Scones oder aus dem Fenster schauen oder Frederic Chopin spielen. Leider sitzen wir zumeist alleine im Vakuum oder zu zweit oder zu dritt oder zu noch mehr alleine. Ich kann mich nur mit Mühe auf andere im Vakuum Sitzende besinnen, so als wären sie außer Sicht geraten, obwohl ich weiß, dass sie da sind.

Vorgestern klingelte ich bei einem Goldschmied. Er öffnete. Ich sagte, ich kaufe deinen silbernen Ring. Gerne, sagte er, ich kann ihn passend machen. Ich ging weg, er schloß die Tür hinter mir. Das Café- und Backwarengeschäft an der Ecke bewirtschaften drei Frauen, sie sind fast alle gleich alt. Ihre Männer wohnen auch in dieser Straße und sind Handwerker. An diesem Morgen waren zwei der Männer noch im Laden. Wahrscheinlich sprachen sie darüber, dass dem Laden bald die Ware ausgehen wird. Sie holen sie regelmäßig  von jenseits der polnischen Grenze. Der Buchweizenhonig stand auf der Preistafel, aber es gab ihn nicht. Der Akazienhonig stand auf der Preistafel. Aber es gab ihn nicht. Nur Lindenhonig, den gab es, viele Gläser davon. Eigentlich brauche ich gar keinen Honig, dachte ich bei mir und kaufte zwei Bouletten aus eigener Herstellung. Ich schnitt sie später in zwei Hälften und verteilte ihren Genuß auf vier Tage.

Der Goldschmied hatte seine Auslagen nicht dekoriert. Warum machst du das, fragte ich, gibst du schon auf?
Nein, sagte er, ich hatte eine Arbeit fertigzustellen, und da doch keiner kommt … Bitte, sagte ich zu ihm, dekoriere deine Auslagen wieder. Es macht mich traurig, deine geräumte Auslage anzusehen. Als ich aus dem Cafe- und Backwarengeschäft wiederkam, hatte er schöne Steine in das Schaufenster gestellt und eine feinziselierte Kette mit kleinen Mondsteinen. Er reichte mir den Ring. Eine flache siberne Rosette. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Kleidungsstück oder einen Schmuck mit einer Rosette getragen zu haben. Es war aber dieser eine von zweien, die infrage gekommen waren, denn der andere Ring hatte ebenfalls eine Rosette. 

Jetzt sitze ich im Vakuum und drehe den Ring. Manchmal lege ich ihn ab. Dann sorge ich mich darüber, ob ich ihn verlegt haben könnte. Es ist von Wichtigkeit, dass ich ihn wiederauffinde, mich in das Vakuum setze und den Ring drehe.

20.3.2020

english translation published by BERLIN SPLINTERS
Translated by Linda Frazee Baker

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