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Postkästen

Briefe aus Berlin

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Ich kehre zurück von meinem Besuch auf den leeren Straßen. Gerade noch konnte ich ein Päckchen aufgeben, als der Postabholer mit seinen gelben Kisten hereinkam, um die Ladung für heute abzuholen. Ich halte ihm die Türe auf und wende mich ab.

Er wendet sich ab und sagt danke. Er trägt einen Mundschutz und Plastikhandschuhe. Der Mann an der Postannahmestelle trägt ebenfalls einen Mundschutz. An den Seiten baumelt er lose herum. Selbstverständlich sage ich dazu nichts. Allein die Vorstellung, dass er etwas unternimmt, wird ihm nützlich sein und den Kund*innen auch. Die Straße zurück führt an den S-Bahngleisen entlang. Die Züge sind Geisterbahnen, Bahnen mit langgestreckten Waggons. Als räkelten sie sich wie Eidechsen. Ich höre sie, so als wären sie lauter, wenn niemand darinnen sitzt. Von meinem Fenster aus sehe ich sie auch. Hier fahren die Bahnen nach Wannsee, nach Potsdam, nach Spandau. Obwohl sie unbesetzt bleiben, fahren sie. Einmal sah ich im hintersten Waggon drei Menschen sitzen. Die Bahnen fahren zum Trotz. Sozuagen aus prinzipiellen Gründen. Das ist eine moralische Sache.

Ich denke so vor mich hin, dieses und jenes. Eine schwarzgekleidete hochgewachsene Person tritt aus einer Tür. Ein langer Steppmantel, schwarze fast hutartige Mütze, schwarzer Schal. Gerade dachte ich, dass der Person ein wenig Farbe guttun würde, blicke ihr hinterher, und rufe dann einen Namen. Sie dreht sich um. Sie ist es wirklich. Fast vier Meter Abstand zwischen ihr und mir. Die Person sagt irgendetwas, will weiter, ich soll offenbar nicht näherkommen, auch nicht begleiten. Sie läuft so schnell, dass ich dachte, sie wird doch nicht eine dieser leeren U-Bahnen oder Busse bekommen wollen.

Am Abend schreibt sie mir, dass jemand aus ihrem näheren Umfeld erkrankt ist, dass sie nicht sprechen kann, dass sie ... ich verstehe. Sie macht sich Sorgen, sehr große Sorgen sowie meine Freundin Cloe. Sie stellt jeden Tag ein Video auf facebook, in dem sie ihrer kranken Mutter etwas vorliest. Das kann sie im Krankenhaus dann ansehen. Zuerst dachte ich, das Video sei eine Botschaft an die Menschheit oder ihre Fan-Gemeinde, bis sie mir sagte, nein, das ist für meine Mutter. Die Mama ist in Warschau, sie in der Schweiz. Einer ihrer Freunde ist ein Arzt, der jeden Tag nach der Nachtschicht erst gegen Mittag in seine Wohnung kommt. Sie stellt ihm einen Topf Suppe vor die Tür. Dann schläft er ein paar Stunden, bevor er wieder losgeht.

24.3.2020

 

english translation published by BERLIN SPLINTERS
Translated by Linda Frazee Baker

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