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Notiz

Park

Briefe aus Berlin

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Ich gehe hinunter zum See. Viele gehen jetzt hinunter zum See. Sie dürfen sich aus sportlichen Gründen bewegen. Immer mehr Menschen bewegen sich. Über dem Wasserspiegel hängen die Zweige einer Weide, Enten ziehen ihre Kreise. Auf den Bänken sitzen einzelne Menschen. Es sieht so aus, als habe sich der Park in einen heimlichen Heiratsmarkt verwandelt, diese Menschen, die den Blick abwenden, wenn man näherkommt. Sie würden zum Verweilen einladen. Ich schaue auch weg, so als würde das Hinschauen den Anderen unanständig belästigen. Ich will nicht in diese Richtung atmen, ich meine ... Da und dort spielen Mütter mit ihren Kindern. Sie kommen mir besonders freundlich und zugewandt vor. Nachdem ich aber eine Mutter erlebt habe, die ihre zwei kleinen Kinder in strengstem Ton dazu aufforderte, sich an die Steinwand des Parkhügels anzulehnen, sobald jemand aus der Gegenrichtung vorbeikommt, meide ich diesen Weg. Er führt außerdem in einen Tunnel, enger als Mittelaltergäßchen, da ist kein Abstand einzuhalten.

Außerdem ist es so, dass ich beim Joggen laut und deutlich atme ... Ich gehe also woandershin, die Treppen hinaus und zum anderen Parkeingang wieder hinein. Hier sitzt ein Mensch auf einem Matratzenlager. Zwei Polizisten auf Rädern halten an, der Mann sieht großartig aus mit Helm und Sportkleidung, wie ein männliches Model. Wie die Polizistin aussieht, habe ich vergessen. Der Park ist berühmt dafür, dass er an bestimmten Ecken als Schwulen-Strich funktioniert. Der Polizist will bei Strafe von entsetzlich viel Geld, dass der Matratzen-Mensch geht. Aber wohin? Wohin soll einer verschwinden, der kein Zuhause hat? Die Geldstrafe kann er auch nicht bezahlen. Die Gefängnisse werden gerade für die Deliquenten in dieser Kategorie geöffnet und die Insassen nach Hause geschickt.

Ich jogge weiter, einen ansteigenden breiteren Pfad entlang. Hier begegnet mir sicher niemand, ein einzelner Mann fast schon auf der Höhe. Eine dichte Wolke verfliegt in meine Richtung. Er raucht Marihuana. Ein wenig blendet die Sonne jetzt gegen Mittag.

 

27. März 2020

english translation published by BERLIN SPLINTERS
Translated by Linda Frazee Baker

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