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Notiz

Die Gewerkschaft der Lokführer

Briefe aus Berlin

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Die Gewerkschaft der Lokführer war der Ansicht, man könne die unbesetzt fahrenden Züge der Deutschen Eisenbahn eigentlich derzeit einstellen. Die Deutsche Bahn wollte dies nicht tun. Wie kann man das erklären? Den Zusammenhang von fahrenden Eisenbahnen und der Seele der jetzt nicht Reisenden? Sie bleiben der Möglichkeit nach mobil. Nicht fahrende abgestellte Waggons ... in den Familien wurden die Untergangsszenarien des Zweiten Weltkriegs bewahrt und weitererzählt, die Kanzlerin hat nicht über Krieg gesprochen. Das ist gut. Die fahrenden Eisenbahnen und Busse sind so etwas wie geöffnete Blumenläden.

Oder wie der Spendenzaun an der Ecke gegenüber dem geschlossenen Spielplatz.

Viele Beutel hängen hier, ich meine, es sind heute mehr als gestern.

Eine Frau klebt einen Zettel auf ihre Tüte „Brot“ und „Margarine“. Auf einem anderen Beutel steht „T-Shirt“. Ich sah einen Mann dort, als die Frauen nicht mehr da waren. Er las alles sorgfältig durch und entschied sich dann für „Bitte nur 1 Tüte pro Person – Enthält Bananen, Äpfel, Mandarinen, Dosenfisch, Brot, Schokolade, Kekse, Wasser, Klopapier, Seife. Alles ganz frisch und sauber. Bleiben Sie gesund! Herzensgruß Aleksandra.“

Ich mag auch etwas dorthin hängen. Aber etwas hindert mich daran. Es ist mir eigentlich peinlich etwas dorthin zu hängen. Bin ich nicht diejenige, die jemand anderen dazu bringen wird, sich dem Abnehmen auszusetzen? Vor dem Copyshop steht ein etwas untersetzter Mann, ein bißchen unrasiert. Mit seinem sizilianischen Akzent ruft er herüber: was ist das denn? Dann nickt er: aha. „Dass das hängen bleibt, eigentlich kommen doch Rumänen und nehmen alles.“ Ich sage „hm“. Dann reden wir über Palermo und dass die Polizei jetzt in den Supermärkten steht. „Es gibt da keine Sozialhilfe wie hier“, sagt er.

Ich lief zurück durch den Park. Noch niemals war ich dermaßen oft im Park wie in diesen Tagen. Das hat etwas mit dem Eingesperrtsein zu tun. Eine Frau überholt mich. An einem Müllbehälter hat ein Mann einen Supermarktwagen zur Seite gerückt, beladen mit einer Matratze. Er geht näher heran und späht ins Dunkle. Die Frau stoppt bei ihm, zieht aus der Tasche ihres Kapuzenpullovers einen Geldschein und streckt die Hand aus. Er nimmt das Geld, sagte danke. Sie rennt weiter, noch schneller als vorher.

Die Wolken schoben sich ineinander. In Böen begannen Winde zu peitschen und Schneeflocken durch den Park zu treiben. Jetzt war es ein wenig einsam hier. Im Haus gegenüber dem Eingang lehnte ein Mädchen aus dem Fenster. Sie hielt ihr Handy in die Höhe und fotografierte die Joggerin. Vielleicht war es eine Schulaufgabe, die Vorbeigehenden zu porträtieren. Vielleicht sollte dann ein Text dazu geschrieben werden. An der Ecke hielt die Joggerin an, unter dem Schild einer Bar in Berlin, Großbeerenstrasse Ecke Hagelbergerstrasse. „Haltet durch, haltet zusammen, haltet Abstand, haltet Eure Hände sauber und bleibt gesund! Herzchen.

Das Gretel hält durch und hilft Euch dabei mit. Take away Drinks!“465

 

2.4.2020

english translation published by BERLIN SPLINTERS
Translated by Linda Frazee Baker

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