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Notiz

Kreditkarte

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Meine e-Mail-Korrespondenzen in aller Welt haben sich vervielfacht. Wie ihr? Ich? Du auch?

Ich telefoniere mit einem Center der Northwest Bank und veranlasse, dass meine US-amerikanische Kreditkarte aktiviert wird. Die angerufene Dame läßt sich meine Social Security Number sagen. Ich brauche diese Nummer, wenn ich in den USA für eine Arbeit bezahlt werden möchte. Die ganze Nummer, sagt die Callcenter-Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung. Ich gebe die Ziffern einzeln an. Klick: die automatische Stimme sagt: Sie können Ihre Karte benutzen. Sie ist aktiviert.

Ich kann jetzt mit der Kreditkarte in Chicago einkaufen gehen oder mein telefonisches Guthaben aufladen lassen oder die Metro-Card für die U-Bahn in New York bezahlen oder einen Impossible Burger kaufen. ... Meine 20- und 18 Jahre alten Neffen hatten gerade eine Zeitschrift darüber studiert, aber noch nie einen leibhaftigen Impossible probiert, als ich mit sechs Portionen zur hinteren Küchentür hereinkam. Eine ziemlich innovative und köstliche Erfindung auf dem Sektor Pflanzen basierter Lebensmittelproduktion. Ich hatte dafür angestanden. War ich in der Sherman Ave nahe Dave Street und Church Street gewesen? Sie berechnen jetzt für die Außer-Haus-Lieferung 2,99 Dollar und Trinkgeld. Man muß Trinkgeld geben. Die Leute leben komplett nur von diesem Trinkgeld. 20 Prozent mindestens, würde ich sagen. Ich lege die Karte in meine kleine eiserne Truhe zusammen mit den ausländischen Münzen und schiebe sie ganz nach hinten zur Regalwand hin.

Bald wird das Telefon läuten. Dann wird sich meine Freundin melden, wenn sie mit ihrem online-Unterricht fertig ist. Gestern sprach sie sehr leise, so als wolle sie nicht gehört werden. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht dasein darf, wo sie ist. Sie ist an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern, wohnt in Berlin, arbeitet in Baden-Württemberg, zweimal in der Woche eine sechsstündige Bahnfahrt. Früher, damals, als sie noch zu ihrem Arbeitsplatz fuhr. Ich weiß nicht, wie sie das mit dem Autokennzeichen gemacht hat. „Ich gehe immer erst sehr spät aus dem Haus, damit ich nicht auffalle.“ Ich sage etwas Unbestimmtes. „Hier sind doch alle blond,“ sagt sie. Auf dem Weg vorbei an dem fast verwaisten Bahnhofsvorplatz komme ich an einer Plakatwand vorbei. Sie ist mit unzähligen schwarzen Postern beklebt, auf denen in weißer sehr schlicht gehaltener Schrift zu lesen steht: RUHIG BLEIBEN und DILDOS BENUTZEN, ein blaßgoldenes Logo mit Penis und Hoden darauf. Zwischen einem Restaurant, das Orchidee heißt und Alberts Hotel und dann kommt Voltaire, Art Cafe und Bar. Wartende Plätze, gähnende Fensterscheiben. Dildoking heißt die Firma, die diese Serie startete. Ich kann mich nicht erinnern, die Plakate schon vor dieser Zeit jetzt gesehen zu haben. Vielleicht waren sie trotzdem schon da. Auch im wuseligen Kreuzberg, Little Istanbul, in Berlin, ist alles geschlossen. Ramadan.

 

25. April 2020
fini

english translation published by BERLIN SPLINTERS
Translated by Linda Frazee Baker

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