Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Notiz

Als es vorbei war [2]

Später erfuhren wir, wie das sich abgespielt hatte, was wir nicht mehr zu hoffen gewagt hatten und doch täglich, stündlich erhofften.

Eine Handvoll Patrioten – man kann es nicht anders nennen, Kinokerle mit eckigen Kinnladen und breiten Schultern – hatte sich gefunden.  An einem Tag, an dem er wieder kindlich und aggressiv in die Mikrofone gegurgelt hatte, war sein Fahrer ausgetauscht worden, ersetzt von einem durchaus ähnlichen. Die beiden Beamten, die ihn zum Golfplatz begleiten sollten, sahen fast aus wie immer, verzogen keine Miene und plötzlich war er weg.

Dass man ihn nicht umgebracht, sondern im Keller der großen staatlichen Vorratskammer zwischen den letzten echten Goldbarren geparkt hatte, zeigt einen feinen Humor, den wir jenen Kreisen niemals zugetraut hätten. Sie schoben ihm, hört man jetzt, da die Details herauskommen, täglich etwas durch eine Art Katzenklappe: Wasser, veganes Essen, Windeln.

Seine Frau hatte das Land sofort mit vielen Koffern in Richtung Osteuropa, vielleicht auch Mexiko verlassen.

Mit einer gewissen Verzögerung trafen die bedauernden Äußerungen seiner ausländischen Kollegen ein, man verurteilte die Gewalt, die ja offensichtlich im Spiel gewesen war, aber nun, na ja.

Es war in der ersten Aufregung schwierig gewesen, das Land zu befrieden, aber das war es ja ohnehin schon gewesen. Der verfassungsmäßige Nachfolger wirkte lustlos.  Eine Weile sah es so aus, als würde das Land der Freien sich in rot und blau aufspalten, es gab ein paar Scharmützel, die Nationalgarde und das tapfere Absingen von  Liedern aus dem letzten Jahrhundert beruhigten das Ganze zumindest an der Oberfläche, mehr war nie beruhigt gewesen, jedenfalls meinen wir das aus unserer langjährigen Zeitungslektüre zu wissen.

Natürlich vermissten seine Anhänger und Gegner die stündlichen schrulligen Botschaften des Verschwundenen, aber sie waren wie wir alle mit dem langsamen Erwachen aus der Seuche und dem Mangel beschäftigt.

Als man ihn jetzt herausließ (man hatte einen Verfassungszusatz gefunden, mit dem man die Aktion nachträglich rechtfertigen konnte), hatte er deutlich an Farbe und Masse verloren. Er lächelte etwas verwirrt in die Kameras, als er in den Hubschrauber stieg. Den Golfschläger hatten sie ihm wieder in die Hand gedrückt. Man ließ ihm, heißt es, die Wahl zwischen einem Sanatorium auf der Krim und einem arabischen Land, mit dem er sich verbündet geglaubt hatte. Vergeblich soll er darum gebeten haben, Hausmeister in einem Golfressort werden zu dürfen. Die Franzosen hatten durch ihren Botschafter ausrichten lassen, mit so einer halbherzigen Lösung habe ihr Land schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht, man rate höflichst ab.

Wir von jenseits des Meeres, ebenfalls mit dem Aufräumen und der sogenannten  Neuordnung unseres Lebens beschäftigt, fühlten und fühlen uns wie am Abspann eines jener Filme, die es einmal in Kinos gegeben hat: Als die Guten es gerade noch schafften, die Erde zu retten, und das Böse sich auf märchenhafte Weise gelblich glibbernd hinter die Galaxis zurückzog.

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge