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TageBuchBesprechung

(Die Forelle von Leander Fischer)
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„Schubert!“ schießt es den Musikaffinen beim Titel „Die Forelle“ sofort durch den Kopf, wobei die eine Gemeinde das Lied, die andere das Streichquintett meint und die dritte beide. Den Freunden der Literatur – und wahrscheinlich auch den politisch Interessierten – fällt zu „Die Forelle“ zuallererst der Name Schubart ein. Und schließlich gibt es noch jene, die beide Namen mit diesem Titel verbinden, denn Schuberts Lied basiert auf Schubarts Text und das Quintett, genauer gesagt sein vierter Satz, wiederum auf den ersten beiden Strophen von Schuberts Lied.

Leander Fischer: Die Forelle Wallstein Verlag, Göttingen 2020 782 Seiten, geb., Schutzumschlag ISBN 978-3-8353-3730-5 € 28,– (D), € 28,80 (A) Nun versucht ein dritter Name, mit dem Werktitel „Die Forelle“ identifiziert zu werden: Leander Fischer. Wir erinnern uns: bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur2019, dem sogenannten Bachmannpreis bzw. -wettbewerb, errang der Text „Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf1von Leander Fischer den Deutschlandfunkpreis und rückte damit das Fliegenfischen oder eher das Fliegenbinden für kurze Zeit in das allgemeine Interesse. Glaubten die Fliegenfischer. Alle anderen wussten, dass der junge oberösterreichische Autor in das allgemeine Interesse gerückt war, nicht die von ihm beschriebenen Tätigkeiten einer, sagen wir eher kleinen und von manchen „interessiert“ beäugten Gruppe von Anglern. Aber als Fliegenfischer glaubt man fest an die erste Version, und wenn dann auch noch zufällig das Jahresheft eines bekannten oberösterreichischen Fliegenfischervereins nach vierjähriger Pause endlich wieder erscheinen soll, ja dann setzt man sich eben hin, liest den Einreichtext nochmals, diesmal aber etwas genauer und schreibt eine kurze Kritik – aus der Sicht des lesenden Fliegenfischers.

Wie es aber so ist, mit verspäteten Jahresheften, ist das Layout irgendwann gemacht und dann kein Platz mehr für eine zweiseitige Rezension (gar so kurz war sie also doch nicht, die Kurzrezension). So kommt die Pönale-Klausel zum Zug und ich zu je einem Tag geguidetem Fischen mit dem Herausgeber sowie dem Chefredakteur des Traun-Journals Meine Erwartungshaltung ist (noch immer) groß.

In der zweiten Junihälfte 2020 stolpere ich zufällig über die Ankündigung, dass Leander Fischer die, den Vorgaben des Bachmannpreises ziemlich exakt entsprechenden knapp zwölf A4-Seiten seines im Vorjahr eingereichten Texts auf etwa 700 Buchseiten erweitert hat und das Buch Ende Juli im Wallstein Verlag unter dem Werktitel „Die Forelle“ erscheinen soll. Was spricht dagegen, die bereits vorliegende Rezension des Einreichtextes nun ebenfalls zu erweitern? Eigentlich nichts und so frage ich bezüglich eines Rezensionsexemplars an.

Der Wallstein Verlag bietet mir eine elektronische Vorabversion an, doch erscheinen mir 700 Seiten Bildschirmlektüre doch zu anstrengend. Die Leseprobe nehme ich allerdings gerne in elektronischer Form an und beginne hinein zu lesen.

Das erste, was auffällt ist, dass Leander Fischer den Einreichtext von 2019 nahezu unverändert als Prolog in das Buch übernimmt (oder der eingereichte Text ein Exzerpt war). Dass der Verlag diesen als Leseprobe zur Verfügung stellt, kann als Verbeugung vor jenen gewertet werden, die den Text bereits im Vorjahr gelesen haben, kann aber auch ein stolzer, allzu verständlicher Bezug auf den errungenen Preis sein. Unverändert stimmt allerdings nur insofern, als die bereits bekannten Textstellen tatsächlich das Grundgerüst des Prologs bilden. Doch ist der Titel nun zu „Goldkopf“ kondensiert und eine weitere Erzählebene eingefügt, der, wie bereits jeweils den drei bekannten, ein eigener Ort und eine eigene Personengruppe entsprechen. Da ist einerseits die namensgebende „Goldkopf-Ebene“, in der Ernstl den Ich-Erzähler mit nahezu missionarischem Eifer, unter dem Desinteresse von Nina in der Herberge ins Binden von Goldkopferln und auf der Wiese in das Fliegenwerfen „einweiht“. Dann die Beziehungsebene des Ich-Erzählers, die in seinem Zuhause verortet wird, das aber ebenso wie seine Familie nur skizziert bleibt. Und ebenfalls bekannt ist seine Arbeitswelt, wobei Musikschule und Musikschüler lediglich in Rückblenden und Gesprächen evoziert werden. Als vierte Ebene des Prologs wird der Stammtisch beim unbenannt bleibenden Wirt mit Volki, dem nicht anwesenden doch allgegenwärtigen Genius Loci, eingeführt. Vieles deutet darauf hin, dass sich diese Ebene anders als die anderen präsentieren und jene verändern wird. Doch bleibt alles nur angedeutet, etwa, wenn vom „Eichenholz“stammtisch gesprochen wird, der sich in eine Schar kläffender Schäferhunde verwandelt, oder wenn Volki am Schrottplatz gezielt den letzten „Empfänger“ gesucht und gekauft hat, während Ernstl nur an einem älteren Radiogerät interessiert ist, da er den darin verarbeiteten Kupferdraht zum Fliegenbinden braucht. All das lässt langsam und unmerklich Assoziationen aufkommen.

Anmerkung für die Nicht-Fliegenfischer: Mit „Goldkopferl“ werden künstliche Fliegen (also kleine Köder) bezeichnet, die dazu gedacht sind, Wasserstadien von Insekten zu imitieren und in Grundnähe den Forellen und Äschen angeboten werden. Das notwendige Gewicht liefert eine goldfarbene Metallkugel, die im vorderen Teil des Fliegenkörpers eingebunden wird – daher der sprechende Name.

Das zweite, das mir auffällt, ist, dass das Wort „Fiber“ (als Teil von Vogelfedern) konsequent mit langem „i“ geschrieben wird. So kommen mehrfach „Fiebern“, „Hechelfiebern“, „Hahnenfiebern“ und möglicherweise auch „Sonstwie-Fiebern“ vor, die vielleicht fiebernd eingebunden werden, aber sonst mit erhöhter Körpertemperatur nichts zu tun haben. Diese falsche Schreibweise des in Fliegenbinder- und -fischerkreisen üblichen Begriffs "Fiber" war bereits im Einreichtext gegeben, doch erschien sie dort als von allen, auch den Juroren übersehener Tippfehler. „Diese »Fehler« sind Teil eines poetologischen Konzepts dieses Textes, die auf einer anderen Ebene dann bedeutsam sind“ war die entsprechende Antwort des Verlags auf eine Anfrage. So etwas macht neugierig!

In der Zwischenzeit ist es Ende Juli, aber noch kein Buch im Postkasten – trotz meiner Neugierde, ob das poetologische Konzept von der Rezensentenlogik durchschaut wird.

Auf den Seiten des Wallstein Verlags wurde in der Zwischenzeit die Ankündigung aktualisiert. Und siehe da, die Forelle umfasst nunmehr nicht mehr „ca. 700 Seiten“ sondern exakt 782 und ist damit endgültig das bisher umfangreichste literarische Werk über das Fliegenfischen und das Drumherum – Paul Tordays „Salmon Fishing in the Yemen“ (deutsch: „Lachsfischen im Jemen“) umfasst im englischen Original 323 Seiten, Kirk Wallace Johnsons „The Feather Thief“ („Der Federndieb“) 320 Seiten, David James Duncans „The River Why“ (sollte dieser Titel noch nicht ins Deutsche übersetzt sein?) 304 Seiten, Norman Macleans „A River Runs Through It (and Other Stories)“ („Aus der Mitte entspringt ein Fluß“) ca. 230 Seiten, Paulus Hochgatterers „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“ 110 Seiten und … Ernest Hemingway hat zu den englischsprachigen Ausgaben von Charles Ritzs „Pris sur le vif“ („A Flyfisher’s Life“ / „Erlebtes Fliegenfischen“) nur fünf Sätze als Vorwort beigesteuert. Knapp 800 Seiten! dieser Umfang ist auch in der sehr umfangreichen Fliegenfischerliteratur, wie die Fachbücher zu diesem Spezialgebiet bezeichnet werden, rekordverdächtig: entsprechende Bücher mit 500 Seiten und mehr fallen mir nur eine Handvoll ein, ausschließlich alle englischsprachig, aber mit mehr als 560 Seiten keines mehr. Allerdings hält der vielleicht voreilig gezogene Schluss, der Text wäre in kaum einem Jahr, das zwischen der Einreichung zum Bachmannpreis und der Veröffentlichung vergangen ist, auf 800 Seiten angewachsen, nicht lange, belehrt eine kurze Internetrecherche doch, dass Leander Fischers Bachelorarbeit an der Universität Hildesheim den Titel „Wie Tristram Shandy Fliegenfischen lernt: poetologische Selbstreflexion des Romanprojekts ‚Die Forelle‘" trägt, womit das Projekt zumindest sechs Jahre auf der Rückenflosse haben dürfte.

Es ist schon eigenartig, womit man sich so alles beschäftigt, wenn man auf ein Rezensionsexemplar wartet.

Tristram Shandy … hmm, diesen Konnex hätte ich aufgrund der Leseprobe bzw. des Einreichtexts nicht gezogen, aber der Prolog ist ja nur 22 Seiten lang, da kann sich auf den 760 weiteren noch jede Menge an Verbindungen auftun.

Erste Augustwoche: Der „Falter“ Nr. 32/20, die Wiener Stadt- und Programmzeitschrift, ist im Postkasten. Und auf Seite 31 eine Rezension der Forelle unter dem Titel „Hudeln verboten“.2

Nein! Ich werde sie nicht lesen, aber sicherheitshalber beim Verlag nachfragen, ob mein Rezensionsexemplar bereits verschickt ist. Antwort: Ja, seit Montag vergangener Woche ist es auf dem Postweg. Doch der kann lange und verschlungen sein, zwischen Göttingen und Wien. Also weiter warten.

Um die Wartezeit abzukürzen, schaue ich bei Laurence Sterne nach, ob sich irgendwo in einem der neun Bücher ein Hinweis auf das Fliegenfischen versteckt. Wäre mir zwar aufgefallen, aber wer weiß. Sicherheitshalber in einer englischen Ausgabe, denn vielleicht hat der Übersetzer „Fliegenfischen“ irgendwie oder sehr frei übersetzt, wer weiß. Trotz meiner Vorbehalte gegen elektronische Versionen suche und finde ich im Netz eine pdf-Datei und dort sofort nach dem Begriff „fly“ … einige Treffer, aber kein einziger im Zusammenhang mit „fly fishing“. Hätte mich auch gewundert.

Familientreff im Garten. Man plaudert, erzählt dies und das und irgendwie kommt die Rede auch auf das neue Buch von Leander Fischer. Und auf Tristram Shandy. Meine Tochter meint, es gäbe da ein Bild, das die Bewegungen des Stocks von Onkel Toby oder dem Korporal nachzeichnet …

 

  Tristram Shandy Buch 9 Kapitel 4

 

Na ja, eine Ähnlichkeit mit älteren Stichen, welche die Bewegungsabläufe beim Fliegenwurf grafisch darstellen, ist nur bedingt gegeben. Und ob ein einziges Bild den Konnex macht? Man wird sehen.

Es wird weiter geplaudert und plötzlich steht die Idee im Raum, das Warten auf das Buch zu dokumentieren – irgendwie ist eine gewisse Parallele zu einem anderen Warten auf ... ja nicht von der Hand zu weisen. Warum also nicht ein Tagebuch einer Rezension, wenn sich das Rezensionsexemplar eigenmächtig Europa ansieht, und somit einer Rezension entzieht?

Wieder E-Mail-Austausch mit dem Verlag. Ich bekomme langsam aber sicher ein schlechtes Gewissen, weil ich so lästig bin.

Zurück zu Schubarts Gedicht. Am Anfang dieses „Tagebuchs“ war die Rede von „politisch Interessierten“, was bei dem vordergründig harmlosen Thema mit einem moralisierenden Schluss etwas weit hergeholt zu sein scheint. Schubart war ein wortgewaltiger Kritiker vor allem des Absolutismus sowie der menschenverachtenden Praktiken (nicht nur) seines Landesherrn, weshalb er, wie später auch Schiller, wegen dieser Haltung aus Württemberg verbannt wurde. Allerdings scheint Schubart dem Landesfürsten auch in der Verbannung gefährlich erschienen zu sein, sodass dieser ihn auf sein Gebiet locken ließ um ihn festnehmen und für zehn Jahre einkerkern zu lassen. Das sagen, leicht verklausuliert, die ersten drei Strophen. Die vierte, die „Moral“, warnt vor allzu großer Leichtgläubigkeit. Da Schubart „Die Forelle“ während seiner Haft und eigentlich unter Schreibverbot stehend schrieb, musste er wohl mehr als vorsichtig sein, um die Willkür nicht noch mehr herauszufordern. Dies könnte die Einschränkung seiner Warnung der Jugend in den letzten drei Versen auf eine Warnung der „Mädchen“ vor (männlichen) Verführern erklären. Hartmut Riedel merkt in seiner Interpretation des Texts  an, dass die „‘Moral von diesem Gedicht‘ […] in schlechtem Versmaß geschrieben“ ist, ganz im Gegenteil zu den anderen Strophen bzw. Versen, und eröffnet damit viele neue Auslegungen des Texts. Bei Schuberts Vertonung klingen die ersten beiden Strophen unbeschwert, leicht und heiter, während in der dritten genau dort, wo Riedel ebenfalls einen Bruch im Rhythmus bzw. im Versmaß feststellt, nämlich bei der hinterlistigen Trübung des Wassers, die Musik kurz dramatisch wird. Die vierte Strophe vertont Schubert nicht. Zufall? Vielleicht nicht, wenn man den Interpretationsansatz von Riedl weiterführt: auch Schubert lebte in repressiven Zeiten und könnte durch das Weglassen der „verharmlosenden“ Moral den Schwerpunkt auf die Darstellung der willkürlichen Unterdrückung durch die Obrigkeit gelegt haben, eingepackt in eine fast durchgängig heitere Melodie. Sowohl Text wie auch musikalische Umsetzung der Forelle lassen sich somit durchaus als politische Statements verstehen.

Der Klappentext zu Leander Fischers Forelle sagt, dass er „in seinem Debütroman […] aus dem Fliegenbinden eine ganze Welt [entspinnt], in der Themen wie Kunst und Nachahmung, Natur und Umwelt, Gesellschaft und Politik Österreichs in den 80er Jahren […] eine wichtige Rolle spielen“. Begnügt sich Fischers Forelle mit der Beschreibung oder nimmt sie auch Stellung? Warten wir also ab.

Vorschlag des Verlags: sie schicken mir ein neues Exemplar, denn das erste scheint sich verselbständigt zu haben. Auf meinen Wunsch diesmal zum Buchhändler meines Vertrauens, denn da wird der Postweg ausgeschaltet. Was für ein Glück, dass ich einen solchen Buchhändler habe – Danke an Reinhold Posch – und dass es solche Verlage gibt – Danke an Frau Kröning!

Morgen soll die Forelle kommen. 782 Seiten, von denen ich 22 schon recht gut kenne. Damit endet das Tagebuch und macht einer Rezension Platz. Hoffentlich.

  • 1. Der im Rahmen der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur (Bachmannpreis bzw. Bachmann-Wettbewerb) mit dem Deutschlandfunkpreis ausgezeichnete Text „Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf“ von Leander Fischer steht unter dem Link  zum Nachlesen und herunterladen zur Verfügung.
  • 2. Sebastian Fasthuber „Hudeln verboten“ im Feuilleton des Falter 32/20, nachzuschlagen unter diesem Link

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