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Poetische Quellen 2020 Bad Oeynhausen

Gegen die Eindeutigkeit der Welt – Dichtung als Widerstehen

Lyrikabend mit Tomasz Rózychi, seiner Übersetzerin Dorota Stroinska, Daniela Danz und Hussein Ben Hamza, Moderation Jürgen Keimer, Sprecher Thomas Streipert

In diesem Jahr der besonderen Umstände, stehen die Poetischen Quellen in Bad Oeynhausen unter dem Motto: Literatur und Widerstand. Ein Motto, das gerade notwendiger zu sein scheint als je.

Der Lyrikabend, der am Freitag nicht wie gewohnt in der Auferstehungskirche, sondern im Literaturzelt stattfand, sprach sich klar und deutlich gegen die Eindeutigkeit der Welt und für die Dichtung als unentbehrliches Widerstandsmoment aus.

Różycki und Dorota Stroinska

Was mit der launigen Frage Jürgen Keimers, seit Jahrzehnten kluger und unterhaltsamer Führer durch die poetischen Quellen, begann, nahm schnell Fahrt in eine ernsthafte Richtung auf. Während Tomasz Różycki auf Keimers Frage, warum die Anwesenden, nicht wie die meisten Menschen, die in der Pubertät Gedichte schreiben, wieder damit aufgehört haben, antwortete: das er im Gegensatz zu denen, die damit aufgehört hätten, wohl nicht wirklich erwachsen geworden sei, und Daniela Danz angab, weitergemacht zu haben, weil sie das Geld brauchte, ist Bin Hamza eine ungebrochene Antwort nicht möglich. Er habe, sagte er an diesem Abend, mehrmals aufzuhören versucht, was ihm jedoch nicht gelang. In Deutschland schließlich habe er einen neuen Dichter in sich entdeckt. Wie viel Leid hinter diesen scheinbar leichten Worten steckt, ist vermutlich für keinen einzigen im Publikum auch nur vorstellbar. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass jemand in nur drei Jahren eine fremde Sprache so gut lernen kann, dass er diesen Abend ohne Übersetzer*in bestreiten kann.

Eine Übersetzerin ist an diesem Abend dennoch anwesend, es ist die wunderbare Dorota Stroinska, die tags darauf auch beim Übersetzerinnen Gespräch anwesend sein wird. An diesen Abend aber sorgt sie für die Gesprächsübersetzung zwischen dem polnischen Dichter TTomasz Różycki und seinem deutschen Gastgeber.

Tomasz Różycki ist derjenige, der den Reigen beginnt, indem er zunächst ein Gedicht im Original liest. Anschließend trägt Thomas Streipert, gewohnt bewegend einen ganzen Block seiner Gedichte in deutscher Übersetzung vor. Tomasz Różycki Gedichte handeln vom Schreiben als Krankheit, die jedermann dem Dichter auszutreiben versucht, erzählen, von Buche und Birke, und einem Vaterland im Nebel, es ist eine Lesung voller Leiden und Leidenschaft. Die Frage liegt nah, ob der Dichter seine Gedichte in diesem Vortrag in einer Sprache, die er nicht spricht, wiedererkennt. Ja, sagt Różycki, er habe sie wiedererkannt, aber gleichzeitig beim Hören mit Schrecken entdeckt, welche Dramatik einigen Gedichten aus „Der Kerl, der die Welt kaufte“, innewohnt. Ein Titel, der sich sowohl Bowies Song „The man who sold the world“ verdankt, als auch auf eine polnische Redewendung zurückgeht, nach der kaufen nicht nur merkantil verstanden und verwendet wird, sondern darüber hinaus eine Art von Akzeptanz  bedeutet, so dass der Kerl, der die Welt kaufte, auch jemand ist, der sich abgefunden hat mit der Widersprüchlichkeit der Welt.

Aktuell gebe es in Polen eine Art Manie, erzählt Różycki, nahezu alles zu kartographieren, ein Zustand, der klar erkennen lässt, wie sehr die alten Teilungen Polens nach wie vor politisch nachwirken, ablesbar nicht zuletzt am unterschiedlichen Wahlverhalten der Polen.

Daniela Danz an Hölderlins „Wildniß“ angelehnter Gedichtband mit eben diesem Namen erzählt eine Geschichte vom Verfall, vom Wald, der sich das Dorf zurückholt, und heißt in vielen Gedichten die Wildniß willkommen, als einen Zustand, der die menschliche Kultur hinwegfegen soll. Die Gedichte klingen, von Daniela Danz gelesen, mitunter wie eine Beschwörung. Sie bewegen sich zwischen Angst vor und Hoffnung auf die Natur. Danz, die ohnehin eine Affinität zur Zeit der Romantik hat, fühlt sich auch in der Erfahrung der Natur Hölderlin sehr nahe, der die Natur suchte, obwohl sie ihn bedrohte.

Der Band, so sehr er sich an einen seit fast 200 Jahren toten Dichter anlehnt, ist andererseits so aktuell, dass sich Gedichte über Corona in ihm finden. Danz erklärt das mit einer Aussage Franz Fühmanns, der von einer „Teilfunktion“ des Dichters sprach, eine Aufgabe, der sie sich mit ihrer Dichtung anzunehmen versucht. Dichtung, die versucht einen Beitrag zur Vermessung der Gegenwart zu leisten, indem sie die Zeit, in der sie lebt, unter dem Konzept der Wildniß betrachtet und ordnet.

Die „Wildniß“, so Danz, sei Trost, wenn das Spiel, von sich selbst abzusehen, gelingt. Ein Spiel, so die Dichterin, dass sie besonders gerne spielt.

Es liegt vermutlich nicht nur an der arabischen Sprache, dass die Lesung von Hussein Bin Hamza eine gänzlich andere Atmosphäre verbreitet, das Beschwörende, das auch bei Danz bereits anklang, bekommt hier durch das eindringlich leise, fast gehauchte Lesen des Dichters, noch einmal eine neue Dimension.

Hussein Bin Hamza, im Hintergrund Thomas Streipert

Dabei sind die Gedichte, in dem Band „Ich spreche von Blau, nicht vom Meer“, für den Bin Hamza den Chamisso Preis erhalten hat, ganz unterschiedlich. Sie erzählen von dem Gedicht, das als einziges von all den verlorenen gegangen Gedichten, nicht verlorenen gegangen ist, von den Werkzeugen der Geflüchteten, mit denen sie nahezu zwangsläufig, ihre Wunden immer wieder aufs Neue aufreißen. Vor allem aber sind es Gedichte, die nicht zuletzt auch eine ganz eigene Kultur repräsentieren, voller origineller Analogien, die scheinbar absolut gegensätzliche Kulturen verbinden, z.B., wenn sie den verschrobenen deutschen Nachbarn in das Gedicht des geflüchteten Syrers aufnehmen, um dort ihre Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Die Frage nach dem Wiedererkennen der eigenen Gedichte in einer anderen Sprache stellt sich bei Hussein Bin Hamza anders, da er bereits eine Beziehung zur deutschen Sprache aufgebaut hat. Laut eigener Aussage liest er den Gedichtband auf Deutsch, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Welche große Leistung hinter diesen Gedichten steht, begreift man ansatzweise, wenn man erfährt, dass Hamza in seiner Heimat längst ein anerkannter Dichter, nach der Flucht hier in Deutschland noch einmal bei null anfangen musste. Andererseits, sagt er, sei er hier, in der Fremde, produktiver als er es in seiner Heimat gewesen ist. Während dort in zwanzig Jahren ein Gedichtband entstand, hat er während seiner drei Jahre in Deutschland bereits mehrere Bände veröffentlicht.

Hamza betont die Unterschiedlichkeit der hier gelandeten Flüchtlinge, er versucht in seinen Gedichten dem Klischee der Geflüchteten etwas entgegen zu setzen, auch indem er der Erwartung wie Emigranten zu schreiben haben, unterwandert.

Ihm sei es ein großes Anliegen, so Hussein Bin Hamza, wie ein Dichter zu sprechen, nicht wie ein Geflüchteter. Seine Lesung beweist eindringlich, dass es ihm gelungen ist.

„Seine Texte“, schrieb Gerrit Wustmann über Hamzas Gedichte, „sind wichtig für ein deutsches Publikum, das gerne über Geflüchtete spricht, aber eher selten mit ihnen.“ Wenn man ihm zuhört, erfährt man von einer Zerrissenheit und einem großen Verlust, den jemand mit kreativer Kraft in eine überlegene Gelassenheit zu verwandeln versteht.

 

***alle Fotos: Elke Engelhardt

 

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