Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Notiz

Poetische Quellen 2020 Bad Oeynhausen (Teil 2)

Sprache – Macht – Widerstand

Vom Übersetzen in ungedecktem Gelände

Wie können Übersetzungen für Vielfalt und Freiheit einstehen, wie entgehen Übersetzer*innen der Instrumentalisierung fragte Jürgen Keimer Dorota Stroinska, Larissa Bender und Olga Radetzkaja.

Dorota Stroinska, Larissa Bender und Olga Radetzkaja, Jürgen Keimer. Foto: Elke Engelhardt

Dorota Stroinska erzählt, dass sie zunächst Deutsch gelernt hat, weil ihr Vater überzeugt war, sie müsse die Sprache der Feinde lernen. Eine Feindschaft, die mit zunehmenden Lesen bei der Tochter mehr und mehr zur Freundschaft wurde. 1986 ging sie nach Berlin, um dort für ein Jahr zu studieren, und blieb.

Sie liest zunächst aus dem Roman „Dreckskerl“ von Wojciech Kuczok, den sie gemeinsam mit Gabriele Leupold übersetzt hat. Für diesen Roman, der 2003 in Polen erschien, wurde der Autor von Rechtskonservativen als entartet gebrandmarkt, nicht zuletzt aufgrund eben jener Stellen, die Stroinska exemplarisch liest, es ist eine Szene grausam gewalttätiger Züchtigung eins Kindes durch seinen Vater. Stroinska sieht darin nicht zuletzt eine Parallele zum Gebaren autoritärer Regime. Überhaupt ist der Roman voller Analogien zur politischen Situation in Polen. Die patriarchale Gewaltstruktur in der Familie ist übertragbar auf politische Systeme, die auf zum Teil grausame Art, ihren unmündigen Bürgern die eigenen Werte einimpfen, natürlich nur zu deren Besten. Eine Entwicklung, die in Polen seit Jahren besteht, und deren Ende nicht abzusehen ist.

Sprache, betont Stroinska, ist nicht nur Mittel zum Abbilden der Welt, sondern Medium, um die Welt zu erschaffen. Und auch um Gegenwelten zu kreieren.

So ist Kruso, Lutz Seilers mit dem Buchpreis ausgezeichneter Roman, für Stroinska, die ihn ins Polnische übersetzt hat, ein Buch über die Möglichkeiten des Widerstands. „Poesie war Widerstand. Eine ungeheure Möglichkeit.“ heißt es an einer Stelle. In Polen, erzählt sie, wurde Kruso vornehmlich als Traktat über die Freiheit gelesen. Wichtig in einem Land, in dem sich ein Zustand der Klaustrophobie immer weiter ausbreitet, findet Stroinska, die dem die Literatur als Möglichkeit einen ideologiefreien Raum zu schaffen, entgegensetzen möchte. Sie übersetze, um die Ambivalenzen zu vermitteln, um sie zu retten, zu feiern und zu erhalten.

Übersetzung als Gegenwehr zur Vereinfachung und gegen die Etablierung von Eindeutigkeiten, ist auch das Motto von Larissa Bender, die einen Text aus einer von ihr herausgegebenen Anthologie über Syrien vorliest, der sich insbesondere mit der Rolle der Sprache befasst, und fragt, ob das Regime die Sprache okkupiert hat. Im Gespräch macht sie deutlich, wie weitreichend es ist, ob man das, was in Syrien seit Jahren geschieht, Revolution, Ereignis oder Bürgerkrieg nennt.

Die Syrer, so Bender, lernen wieder zu sprechen, sie befreien sich von der erzwungen gefälschten Sprache. Der Faschismus, sagt sie, verbietet nicht Worte, sondern zwingt Menschen dazu, bestimmte Worte zu benutzen.

Die Haltung der Übersetzerin zählt und hat naturgemäß Einfluss auf die Übersetzung, weil Übersetzen nicht ohne Interpretation auskommt. Allein die Bedeutungsvielfalt bestimmter Worte zwingt zu einer Entscheidung, die häufig bereits Interpretation ist.

Deutlich wird während der Gesprächsrunde, wie unumgänglich neben dem Sprachschatz, ein großes Wissen von der Kultur aus der übersetzt wird, ist, um angemessen übersetzen zu können.

Olga Radetzkaja liest schließlich aus Maria Stepanovas 2018 auf Deutsch erschienenem Buch „Aus dem Gedächtnis.

Ein Werk, das persönliche Geschichte und Weltgeschichte verbindet, illustriert durch eine anekdotische Erzählung, in dem die Erzählerin den Ort, an dem ihr Großvater lebte besucht, und dort von einer Vielzahl von Emotionen des Wiedererkennens überwältigt wird, nur um wenig später zu erfahren, dass man sie zu einem falschen Ort geführt hat. Stepanova selbst spricht von einer Kolonialisierung der Erinnerung und versucht diesem Phänomen eine ständige Befragung des Gedächtnisses entgegenzusetzen, Erinnerung zu hinterfragen, ihr nicht leichtfertig zu trauen. Denn sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart sind voll von Graustufen und erschöpfen sich niemals in einfachen schwarz – weiß Zeichnungen.

Eine überaus gelungene Veranstaltung, die den Zuhörer*innen erlaubt die Sensibilität für Sprache wieder zu entdecken, die im öffentlichen Diskurs mehr und mehr verloren zu gehen scheint, und darüber hinaus deutlich macht, wie politisch Übersetzen immer ist.

Einig sind sich Stroinska, Bender und Radetzkaja, dass Übersetzen eine versöhnende und bestenfalls friedensstiftende Arbeit ist, weil hier Differenzierung und Vermittlung geschieht, genau das, was im öffentlichen Diskurs immer seltener zu finden ist.

 

 

 

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge