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Notiz

De la toilette et de le papier

Oder von den (hoffentlich bald) Vereinigten Staaten Europas

Eine beliebte Aufgabe im Deutschunterricht meiner Generation, der in den 1950ern Geborenen war die treffende, genaue Beschreibung eines Gegenstandes und ein Gegenstand, ein höchst banaler zudem, über den niemand allzu lange nachdenkt, ist das Toilettenpapier. Als aber die nun schon historische erste Welle der augenblicklichen Pandemie anrollte, verlor die geneigte panic-stricken Käuferschaft mehr Worte gerade darüber als über das zur gleichen Zeit in den Börsenhimmel kletternde Gold. Ein gigantischer Wald verschwand in Form von gerollter Zellulose über die Theken der Supermärkte in die Behausungen der Mitbürger*innen. Und auf jeder Klein- oder Großpackung stand ein zusammengesetztes Wort: Toilettenpapier.

Nein, ich werde jetzt nicht den genannten Gegenstand beschreiben, keine Lust, und zudem bin ich schon etwas länger kein Schüler mehr. Ich werde die Aufschrift auf meiner damals letzten Packung des TPs, die ich sozusagen wie meine Augäpfel hütete und selten aus den Augen ließ, dekonstruieren, um zu zeigen, dass selbst diese Aufschrift, die sich mir unlöschbar einbrannte, gesellschaftlich und politisch gesehen, weiter ist als wir selber, respektive unsere liebliche Republik.

Das von unseren republikanischen Nachbarn seit dem 18. Jahrhundert entlehnte toilette bedeutet Tüchlein und ist das Diminutiv zu toile Tuch, was wiederum auf die Eroberer Galliens und Germaniens zurückgeht, indem es von lateinisch tēla Tuch stammt, das seinerseits ein Substantiv zu texere weben ist, abgeleitet von dem Supinum textum, gewebt oder das Gewebte. Die Pariserinnen verwendeten ein toilette, um ihre Kosmetika darauf auszubreiten (u. a. den Flacon Chanel Nr. soundso und natürlich Schminke, z. B.). Bei den feinen Damen in Paris, so kann man denken, trat dann eine Metonymie auf, was keine Form der Hysterie ist, sondern eine Bedeutungsübertragung darstellt: toilette stand für das Ankleiden und weiter für die Kleidung und schließlich verhüllend für den Abtritt oder Abort.

Bleiben wir noch ein wenig in Paris oder in dem dort gesprochenen wunderschönen Idiom, da die cité zurzeit leider unzugänglich ist. La toilette ist ein Meuble garni de ce qui sert pour se laver, se coiffer, se parer: Beispielsweise Le miroir d’une toilette. Wie schon gesagt, steht toilette auch für alle Tätigkeiten, die etwas Jüngere als sich aufbrezeln bezeichnen, im schönen Idiom lautet es so: Une toilette soignée. Faire sa toilette. Être longtemps à sa toilette. Und jetzt bitte keinen Übersetzungsklopps produzieren: Das letzte Sätzchen heißt “Lange Zeit aufwenden, um sich zurechtzumachen.“ Und hier nichts anderes! Meine französische Freundin hatte natürlich auch ein Nécessaire de toilette. Nämlich ein Sorte de trousse, de malette qui contient tous les objets nécessaire à la toilette. Und was ist wohl das Cabinet de toilette? Irgendetwas, wohin Minister*innen der Republik im Bundeskanzleramt verschwinden? Eher nicht, es handelt sich schlicht um ein Petite pièce où l‘òn fait sa toilette. Also um einen kleinen Raum, in dem sich weibliche, männliche und diverse Formen des homo sapiens sapiens aufbrezeln. Und besonders wichtig und wirklich schön für alle Lyriker*innen dürfte die Verbindung Faire la toilette d’un texte, was so viel heißt, wie das Poem vor der Sendung nach Hamburg noch einmal lesen und die letzten Korrekturen ausführen: Le revoir et y apporter les dernières corrections de détail. Man könnte auch sagen, das Poem noch etwas aufbrezeln. Eine Marchande à la toilette ist (bitte!) eine Händlerin, die Kleidung verkauft und kein Kaufmann auf der Toilette, wie eine grundgestörte KI-Übersetzungsmaschine behauptet. Und toilette ist auch das Stück Stoff, in das Schneider, Stoffhändler und sogar (früher?) Buchhändler ihre Ware einschlugen. (All dies findet sich im Dictionaire de L’Academie francaise, huitième èdition, tome second, H-Z. S. 665, Librairie Hachette 1935, in der Ausgabe, die [vielleicht] Walter Benjamin benutzte?).

Dieses schöne, elegante Wort haben wir dann diesseits des Rheins für das gewisse Örtchen entlehnt. Manche sagen aber auch „Topf“ dazu, aber lassen wir das lieber, denn „Topfpapier“ versteht kein Kaufmann und schon gar keine noch so ausgeklügelte KI-Übersetzungsmaschine.

Kommen wir lieber zu Papier. Auch dieses Wort, seit dem 14. Oder spätestens 15. Jahrhundert „bei uns“ gebräuchlich, kommt über Frankreich wie ein beträchtlicher Anteil unseres lexikalischen Vorrats über den Rhein, in Frankreich als le papier entlehnt aus dem lateinischen papȳrum, einer Nebenform zu pȳrus, das ist Papyrus, die hohe im Sumpf gedeihende Doldenpflanze Cyperus papyrus und das daraus hergestellte Schreibmaterial. Das Grimmsche Wörterbuch zitiert eine leicht abweichende Analyse der Herkunft: Papier stammt

nicht wol unmittelbar vom griech.-lat. papyrum, papyrus, sondern vom adj. papyrius durch versetzung des i und verwandlung desselben in e, wofür das prov. papiri zeugt. leinenpapier wurde in Deutschland schon seit anfang des 14. jahrh. verfertigt (…), der eigentliche aufschwung der papierfabrikation begann aber erst mit der erfindung der buchdruckerkunst.

Papyrus entstammt dem Griechischen πάπυρος, das seinerseits auf ägyptisch pa-per-aa »was zum Pharao gehört« oder pa-puro »der Königliche« zurückgeht, denn die Papierherstellung war im alten Ägypten ein königliches Monopol. Da die bis zu 6 m hoch werdende wunderschöne Pflanze in der vorgeschichtlichen Zeit in Gestalt von veritablen Papyruswäldern das gesamte sumpfige Nildelta bedeckte, wurde sie in der religiösen Kunst zum Sinnbild der entstehenden Welt. Bildlich als Säule stilisiert, stützt der Papyrus den Tempel, in dem sich täglich aufs Neue die Welt bildet. Mit der Papyrus-Hieroglyphe wird das Wort „grün“ geschrieben; sie dient als Bildzeichen auch als Zepter der Göttinnen. (Dazu siehe Knaurs Lexikon der ägyptischen Kultur, München 1978, S. 238 ff.)

Das wichtigste (und auf meiner Packung am größten aufgebrachte) banale Wort „Toilettenpapier“ enthält also aus der Antike ägyptische, griechische sowie römische und aus der Neuzeit französische Elemente und repräsentiert damit geografisch mit Frankreich, Italien und als Immigrant in unserer lieblichen Republik Kerneuropa, ja sogar mit Ägypten einen der wichtigsten Anrainerstaaten am Mittelmeer. Und sogar das Mutterland der überaus schönen Europa, Tochter des phönizischen Königs Agenor, Hellas nämlich, Quelle nicht nur der Demokratie sondern unserer humanistischen Kultur als Gesamtheit ist in dem Wort gegenwärtig. Göttin Europa hatte sehr wahrscheinlich ein toilette (avant la lettre), auf das sie die Schminke ablegen konnte, die Angelos ihrer Mutter Juno, verheiratet mit Jupiter, entwendet und der Europa gegeben hatte. Ja und die Schminke einer der höchsten Göttinnen garantierte göttliche Schönheit. (Man kann alles nachlesen in Bejamin Hederichs Mytholisches Lexicon, Leipzig 1770, S. 1074 ff.)

Es sei allen sogenannten identitären Lautsprechern gesagt: Wenn schon ein scheinbares Allerweltswort polynationalen und multikulturellen Charakter hat, wird es endlich Zeit für die Federal States of Europe FSE, vielleicht erst einmal für den Nukleus Italien, Frankreich (Benelux?), Griechenland und Deutschland als ein freier, gleicher und brüderlicher Staatenbund, denn die Sprache ist schon sehr lange sehr viel weiter als die Politik, quod erat demonstrandum.

 

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