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Notiz

Als es vorbei war [4]

...war es eben nicht vorbei, was wir durchaus schon wussten, als wir unsere sommerlichen Lockerungsübungen machten, in weißen Kampfanzügen auf dem leeren Schulhof in der Abendsonne wie kleine Spitzbuben, die eine Lücke im Zaun gefunden hatten: so  voller Stolz auf unser unbeholfenes Training auf dem ungewohnten Asphalt, auf unser Kämpfen ohne Berührung, unser öffentliches Ballett.

Wir wussten auch, dass es eine privilegierte Frechheit war, an den großen Flüssen des Landes, dort, wo auf den Stadtbrücken weiße Bistrotische in sorgfältiger Anordnung platziert waren, Sundowner zu trinken und den Menschen zuzulächeln, die sich an uns vorbeischoben und weniger gelassen waren als wir, eiliger, sorgenvoller. Wir nahmen uns ein Stück Sommer und lutschten es weg, weil es ja ohnehin schmolz, jeder Bahnhof, an dem wir ausstiegen, war ein kleiner Sieg über unsere Bedenken, über das, was sich da ohnehin zusammenbrauen würde, eine Gewitterwolke, eine Riesenwelle, ein schlammiger Erdrutsch.

Die Bilder dieses Sommers sind sehr hell, scharfkantig. Du hast dich gewundert, dass ich mich nicht über die Hitze beschwerte und den Lärm aus den Gärten, dass ich untätig in der Sonne sitzen konnte, mit einem orangeroten Drink Insekten fing und ohne zu klagen endlos lange Fahrten auf mich nahm, auf Nebenstrecken in unbedeutende, aber schön gruppierte Kleinstädte und an besagte Flüsse, die sich tatsächlich im Abendlicht – wie sonst in Büchern zu lesen - in metallische Bänder verwandelten. Es ist in Ordnung so, sagten wir, dachten wir, weil wir wussten, dass es nicht so bleiben würde.

Es war nicht vorbei. Es kam wieder, und beim zweiten Mal kommen die Geschehnisse als Farce wieder auf die Bühne, wie der große Magier sagte, nicht wahr? Werden wir ungeduldig, unwirsch? Hätten wir gern dies oder jenes kleine Sonderrecht? Wir tricksen und wir vergessen gelegentlich, was sich jetzt gehört. Und wenn du es vergessen hast, dann spürst du schnell, dass dein Gesicht nackt ist, ein Gefühl, als würdest du mit nacktem Unterleib den Laden betreten, wie in schlechten Träumen. Alle Geschichten und Witze sind bei den dürftigen Zusammenkünften hastig erzählt, alle Einwände vorgebracht, die Listen der aufs Lager Geworfenen hängen an den Klinikeingängen; auf den Straßen tobt etwas, das laut und obszön das Geschäft des stacheligen Todes betreibt, Durchschlängeln und Vermeiden werden schwieriger, in jeder Hinsicht.

Es ist nicht vorbei. Die apokalyptischen Reiter hängen müde auf ihren  abgemagerten Gäulen und bieten täglich dasselbe Schauspiel, und wir, die wir doch meist Unterhaltung, Aufregung, Steigerung verlangen und durch das wiederholte Verlesen von Fallzahlen nicht mehr ausreichend aufgeschreckt werden, nicken nur noch bestätigend, arbeiten an den kleinen Fluchten und Auswegen (leere Parkplätze, Waldränder, Autokinos).

Noch atme ich durch, die Luft geht bis unten hin und kehrt auch wieder zurück nach draußen, noch schmeckt ein fauler Apfel wie ein fauler Apfel. Wenn du schläfst, rasselt da nichts, das ist gut. Wir schultern den Rucksack und frühstücken auf dem Friedhof, wo es luftig und weit ist. Manchmal weichen wir einer Beerdigung aus, spähen durch die Zweige, sehen, wie ein Sarg durch die magere Reihe der einzeln aufgestellten schwarzen Wachposten getragen wird, freuen uns, dass wir nicht dabei sind. Dann suchen wir eine stille Bank, packen das Hefegebäck und den Kaffee aus. Nimm noch ein Stück, man wird Kraft und Energie brauchen, es ist noch nicht vorbei. Die Marmorengel mit den bröckeligen Flügeln und die Spatzen kriegen auch ein paar Krümel ab, wir sind am Leben, wir können großzügig sein, wir sollten großzügig sein, der Sommer war tatsächlich sehr groß, und es ist noch nicht vorbei.

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