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Portrait

† Annette Bitsch

Gespenstergeschichte – Annette Bitschs grandiose Genealogie des Unbewussten

Annette Bitsch kennengelernt zu haben, wenn auch flüchtig, im Nachhinein ist das Flüchtige ihr eigentümlich beigesellt, war ein Glück. Nun kann man nur mehr nachlesen, was für eine brillante Denkerin wir zum Jahreswechsel verloren haben.

Etwa in Diskrete Gespenster, einem ungemein klugen Buch, das – materialreich – unter der Last des Gesammelten doch leichtfüßig ist, scharf, klar. Verhandelt wird darin, was das Unbewußte sei, wie es zu seinem Erscheinen stehe. Es sei eine Wiederholung, aber, so Bitsch, die von „Wiederholungsmedien”. Diese iterieren den Ersatz, Ersatzobjekte, die es „jenseits der Halluzination” nie gab – diese ist also die Geisttätigkeit: was den Geist antreibt, aber auch, was er daran leistet. Er geht folglich eben als Gespenst um, nach einem „trancehaft sanften Hungertod”, welcher Denken sei: „nicht ungefährlich” dies, nicht ungefährlich, wer hier denkt..: Denken ist pathologisch und doch ganz es selbst, wo es „sich beim besten Willen nicht mehr mit dem Voluntarismus der Ichfunktion” arrangieren kann.

„Gespenster-Botschaften” also immer schon, dennoch einen anders berührend, da Bitsch nicht mehr ist, wiewohl sie es nie so gewesen ist, wie eine oder einer eben einfach ist, das war das, was einen anders an ihr schon zuvor berühren mochte.

Aller Unsinn hebt sich auf”, kursiv, da ja bei Schreber zu finden, wird hier referiert und umgesetzt: „Aller Unsinn hebt sich auf.” Man ahnt: „Freud war kein Psychologe”, bei ihm gab es ja „kein Erbarmen, keine Lügen, keine Illusionen”:

„Humanberater und Psychologen übernehmen keine Verantwortung für Worte und symbolische Geschichten. Sie überhören die geflissentlichen Fragen, seien es noch so flehentliche, so tief von Sein und Leid gezeichnete Fragen”…

Wahrheit ist in Bezug auf ihr Menschengemäßes eben erst post mortem bestimmbar, wenn überhaupt. Darin ist keine Rettung, aber auch die dagegen oder dazu gestellte „Wiederholung […] das […] diskret oszillierende Sein”, so Bitsch. So bleibt als „Apokatasis” der Jazz, es bleibe „nichts anderes übrig, als Jazz zu machen.” (Lacan) Wie musikalisch es ist, wenn die Philosophin dies begrifflich akkurat herausarbeitet, lohnt allein das Lesen, von der besagten Schärfe ganz abgesehen, die imponierend die Vivisektion des Analytikers durch diesen betreibt, der in sich „Hassliebe zwischen Eins und Zwei bis zur Intervention von Drei” sei.

Freud, Lacan, Heidegger, Derrida, immer auch Kittler, dies ist, was hier geboten wird, aber eben anders, einerseits sie zeigend, aber andererseits zu erproben geneigt, was dann sei. Mit Schlüssen, die stimmen und nach denen nichts mehr stimmen mag. „Aporienmanie”, „Antiphysis”, die Einlösung dessen, was der nomos (oder: der logos?) sei… Denken ist unrettbar, also. Oder?

Man wünschte, Bitsch hätte geirrt, aber das Buch spricht dagegen, schwer im Leichten, im Leichten schwer.

 

Annette Bitsch: Diskrete Gespenster. Die Genealogie des Unbewussten aus der Medientheorie und Philosophie der Zeit. Bielefeld: transcript Verlag 2009

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