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Diskursives bei einem Glas leuchtender Milch

Zehn Autorinnen und Autoren inszenieren ihr Schreiben im Wiener Literaturmuseum

Würde man einen Handwerker darum bitten, sich und seine Arbeitswelt im Zuge einer Ausstellung zu präsentieren, bekäme man wahrscheinlich Werkzeuge wie Maschinen zu Gesicht und natürlich diverse Materialien in unbearbeitetem bzw. bearbeitetem Zustand. Wohl kaum ein Besucher wäre nicht in der Lage, Ausgangs- und Endprodukt aufeinander zu beziehen. Wie aber stellen Autorinnen und Autoren ihre Arbeit dar, wenn ihnen, wie aktuell im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, die gleiche Aufgabe gestellt wird?

  1. Sonderausstellung des Literaturmuseums „Bleistift, Heft & Laptop. 10 Positionen aktuellen Schreibens”.

Nicht leere Räume stehen den zehn ausgewählten Schriftstellerinnen und Schriftstellern zur Verfügung, sondern das ehemalige Archiv im Dachgeschoß. Die alten Holzregale, mit denen es vollgestellt ist, beschränken auf der einen Seite die gestalterischen Möglichkeiten, auf der anderen Seite geben sie eine Grundstruktur vor, die für Alle gilt, was einen direkten Vergleich erlaubt.

Auf Thomas Stangls Regalbrettern zum Beispiel finden sich Tagebücher aus seiner frühen Jugend genauso wie Landkarten, Fotos und Reiseberichte, die er in diesem Alter verschlungen hat. Fast sieht man den Autor vor sich, wie er, in antiquarischen Folianten blätternd, den einen Schritt tut, der „vom Zimmer in die Wüste“ führt. Dieser Halbsatz, der Stangls Ausstellungsstücken beigesellt ist, spielt auf seinen vielgelobten Roman Der einzige Ort an. Zu dessen grüblerischer, nach innen gewandter Sprache passt auch ein weiteres ausgestelltes Zitat, in dem von „wiedererfundenen, in Träumen und im Nebel der Sätze auftauchenden Menschen“ die Rede ist. Soll das bedeuten, dass literarische Figuren nicht erst vom Autor erschaffen werden müssen, weil sie, schon bevor sie zu Sprache werden, außerhalb seiner selbst existiert haben, in Büchern oder Objekten? In seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog wehrt sich Stangl eher gegen derartige Zuschreibungen. Gegenstände, meint er, zeigten höchstens ihre „zweifelhafte und irreführende Aura“, erzählten aber selbst keine Geschichten, soweit man auch zurückgehe in der „Autoarchäologie“.

Ganz anders Teresa Präauer, die nicht nur Autorin, sondern auch bildende Künstlerin ist. Auf einem Foto sitzt sie als Bleistift verkleidet vor ihrem Laptop. Die Spitze des Schreibgeräts wächst direkt aus ihrem Kopf; Umwege des Denkens scheint es bei ihr nicht wirklich zu geben. Auch die Bleistiftmännchen, die sie zum Katalog beigesteuert hat, tragen diese netten Graphithauben und lächeln, Gartenzwergen nicht ganz unähnlich, lieb in die Welt.

Ähnlich verspielt, wenn auch konkret auf Metaphern bezogen, geht es bei Clemens J. Setz zu. „Die einzige Lichtquelle im Raum war ein Glas Milch“, ist zum Beispiel ein Zitat aus seinem Roman Indigo. Die Milchglühlampe, die die Künstlerin Katharina Weiß dazu gemalt hat, soll zusammen mit Setz‘ Katalogtext wohl ein erhellendes Licht auf seine Inspirationsquellen werfen: Im Ausstellungskatalog protokolliert der Autor seinen Facebook-Chat mit der Künstlerin, deren „hübsche Vergleiche“ er aufschreibt, um sie nicht zu vergessen: Eine Kartoffel etwa, die in einem Schrank gelegen ist und Triebe entwickelt hat, gerät ihr zu einem „Kometen“; „Selbstmord-Abschiedsbriefe“ erinnern sie an „Spickzettel, die man eigentlich nicht mehr braucht, weil man ‘es’ eh längst auswendig kann“. 

Weniger schräg geht es bei Kathrin Röggla zu. Ihre Regalmeter hat sie schlicht mit leeren Aktenordnern vollstellen lassen. Auf einem Schreibtisch-Bildschirm läuft ein Film, der Tanks in einem Chemiewerk zeigt. Die Autorin als jemand, der mitschreibt, der ein Steno-Format der Arbeitsrealität anfertigt? Hier hilft der Ausstellungskatalog doch einmal weiter. Röggla nämlich hat sich die Mühe gemacht, einen richtigen Essay zu verfassen. Gewohnt gescheit referiert sie über die „naturalistische Verzückung, die authentische Verführung“, von der das Theater immer wieder angezogen werde und denkt dann über die Sprache an sich nach, die „gewissermaßen tendenziell“ verschwinde. Anschließend kommt sie zum Schluss, dass es im Grunde darum gehe, „zwingende Texte“ zu schreiben, „Texte, die ihre Unbedingtheit in sich tragen, die so und nicht anders geschrieben werden konnten.“

Nach so viel Diskurstheorie tun die Regale des Ferdinand Schmatz dem Auge wohl. Jedes Brett trägt schlicht einen Buchstaben. Erst beim näheren Hinschauen merkt man, dass es sich um eine Collage aus des Autors zerfetzten Tagebüchern handelt – ein gelungenes Bild für die Sprache, die hoffentlich nicht wirklich verschwindet, sondern sich, wie auch immer sie verwendet worden ist, in ihr Ausgangsmaterial zurückverwandeln lässt. „verbindet sich breitet sich mit finger spitzen tupft es zeichnet fällt sanft in längeres grübeln fragt nach den kürzeren fragen“, heißt es in Schmatz‘ orphischen skizzen, die sich im Ausstellungskatalog finden, und wenn man dieses Zitat auf die Sprache bezieht, rettet es wenigstens ein klein wenig Poesie in diese Ausstellung und ihren Katalog.

 

Bleistift, Heft und Laptop
10 Positionen aktuellen Schreibens im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek.Johannesgasse 6, 1010 Wien. Noch bis zum 12. Februar 2017

Ausstellungskatalog
Mit Beiträgen von Brigitta Falkner, Hanno Millesi, Richard Obermayr, Theresa Präauer, Kathrin Röggla, Ferdinand Schmatz, Clemens J. Setz, Thomas Stangl, Gerhild Steinbuch und Anna Weidenholzer. Herausgegeben von Angelika Reitzer und Wolfgang Straub, Jung und Jung Verlag, Salzburg 2016

 

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