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Portrait

Raoul Schrott in Bonn

Erste Enttäuschung. Bericht über einen Marketing-Ansatz (nicht über ein Buch)

Mit einer nicht kleinen Vorfreude, wenig bis gar nicht getrübt von der Aus- und festen Absicht, das Schrottsche Büchlein zur Ersten Erde zu kaufen (ich kannte den Preis noch nicht), stiefelte ich zur Lesung von Schrott im Bonner Literaturhaus (15. Februar) - die sich als Erzählung entpuppte, denn Lesen könne schließlich jeder selber.

Es gäbe, so Schrott in Einleitung eins, keinen Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Und referiert (ohne sie zu zitieren) die alte These der zwei Kulturen, eine in den letzten Jahrzehnten immer wieder aufflackernde Diskussion entlang der Überlegungen von Charles Percy Snow (Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. Klett, Stuttgart 1967). Eher würde es literarisch interessierte Natur- als naturwissenschaftlich gebildete Geisteswissenschaftler geben, Verachtung von NatWi sei die gängige Haltung. Erstes Gähnen, im Stillen, für solche Diagnosen fehlt mir die jugendliche Frische.

Die Menschen würden zu wenig wissen von der Welt, Einleitung zwei, von ihren eigenen Grundlagen. Das hält dem privaten ad hoc Faktencheck nicht stand, neben Quarks & Co, Lesch usw. scheint es mir eine ganze Reihe von Fernsehsender zu geben, die kontinuierlich Programme über die Entstehung des Universums und evolutionäre Prozesse auf den Galapagos-Inseln anbieten. Die ›Wissen‹-Seiten in den Zeitungen, die Beilagen scheinen mir nicht weniger zu werden. Ob diese Medien leisten können, was der Zuschauer sich von ihnen erhofft, Bedeutung, Beruhigung, Verbindung mit der Erde, was auch immer, das ist eine eigene Frage. Was sie in jedem Fall liefern, ist Wissen.

Und, Einleitung drei, es hätte kein Buch zur Geschichte der Erde gegeben, auch die angelsächsische Science Literatur sei blank gewesen, deshalb hätte er selbst zur Tat schreiten müssen. Auch hier Störgefühle, etwa weil Bill Brysons ›A short History of Nearly Everything‹ schon so lange im Regal steht (erschienen 2003, es war später auch in Deutschland ein Bestseller). Bücher zur Geschichte des Lebens - sind sie tatsächlich Seltenheiten? Da liegt der Stanley (Historische Geologie, Spektrum der Wissenschaft) zuhause, sehr zugänglich für geologische Laien, da ist seit langem ›Gravity from the Ground up‹, da bietet die wissenschaftliche Buchgesellschaft ihr kaum erschöpfliches Programm - Mangel an hochkarätigen Einführungen in alle möglichen Wissensgebiete kann ich nicht nachvollziehen, noch weniger die Aussage, dass es den Autoren nicht um die Rückkopplung des Menschen an seine Naturgrundlage gegangen sei (»The tiniest deviation from any of these evolutionary imperatives und you might now be licking algae from cave walls or lolling walrus-like on some stony shore or disgorging air through a blowhole in the top of your head ...« - der herrliche Bryson natürlich)

Schrott sieht sich also in der Volksaufklärer-Rolle, als Hirschhausen der Paläogeologie und Kosmologie gewissermaßen und reiste kreuz und quer über die Erde, auf der Suche nach den Quellpunkten der Naturgeschichte, er nennt es den Stationenweg. Denn die absoluten Spezialisten für den Urknall, die säßen nun mal an exotischen Plätzen, etwa auf chilenischen Hochplateaus, umgeben von Spiegelteleskopen, nur jene Handvoll Spezialisten wären tatsächlich auskunftsfähig, um dem interessierten Laien Schrott die wahre Geschichte der Welt zu vermitteln.

Spätestens hier wurde mein innerer Kommentator leicht itzig. Jeder halbwegs gut ausgebildete Durchschnitts-Kosmologe weiß in seinem wissenschaftlichen Gebiet mehr, als er fachsprachenfrei einem Laien erklären könnte. In der Praxis sind die Leute am chilenischen Teleskop vermutlich halb Ingenieure, halb Data-Cruncher, die ihre Tage mit Justierungen, Fehlerkorrekturen an Geräten zubringen dürften, mit Verwaltung und Abrechnung der Zugriffsrechte der diversen Nutzergruppen, die mehr mit Datenleitungen, Komprimierungsverfahren und Algorithmen beschäftigt sein dürften, als mit der Schätzung der Parameter für die kosmologischen Modelle.

Die Übersetzung der Modelle in populäres, Magazin-taugliches Format fällt in die Kompetenz des Wissenschafts-Marketing, diese Leute sind für Interessenlagen zuständig, wie sie bei Schrott oder bei Journalisten vorliegen. Schrott braucht professionelle Interpreten der Wissens-Modelle - vorsichtige, kritische Denker, für die nicht das Ausgesagte im Vordergrund steht, sondern das, was der Kommunikationsempfänger wohl mit dem Ausgesagten macht. Und natürlich sind auch diese Menschen Interessen getrieben, sie bilden zusammen mit den zugehörigen Organisationen die Wissenschafts-Lobby, ein Interessenverband, demgegenüber der Bund Deutscher Banken ein Häufchen Waisenknaben ist.

 Ein Besuch bei den Top-Spezialisten mag ein vergnügliches Unterfangen für Schrott gewesen sein, eine legitime literarische Anreicherung. So zu tun, als habe eine sachliche Notwendigkeit vorgelegen heißt sein Publikum veräppeln. Wenn er ebenso wie dieses nicht über die Fachsprache verfügt - in der Kosmologie also differentialgeometrische Eigenschaften komplexer Mannigfaltigkeiten - wird er die Dinge auch vor Ort nur aus großer Distanz anstarren können, weil ihm die Sprache fehlt, in der die Dinge sagbar sind. Und das ist eben nicht nur ein Problem der Terminologie oder von Übersetzung. Wie übersetzt man Ricci-Tensor, Krümmung, Zusammenhang semi-Riemannscher Mannigfaltigkeiten? Nicht selten eröffnet die Fachsprache erst die Möglichkeit, die Dinge überhaupt zu denken, Gravitation und Quantenmechanik sind Beispiele für solche Felder. Um die Fragen zu sehen, um potenzielle Antworten (Interpretationen von Messergebnissen) bewerten zu können braucht es die Bereitschaft, die eigenen Denkmodelle a) wahrzunehmen und sie b) gegebenenfalls zu ändern (was auch unter professionellen Naturwissenschaftlern nicht immer gegeben ist). Der Laie hat allzuoft das Bedürfnis, die Dinge in seine Vorstellungsschemata integrieren zu wollen und wird sich immer wieder mit der von Goethe schön vorformulierten Rückweisung des »Erdgeistes« (im Faust) konfrontiert finden: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!«

Schrott verwendet in seiner Argumentation eine Variante der biogenetischen Grundregel Ernst Haeckels (dass die Entwicklung des Individuums die Entwicklung der Spezies nachvollzieht): nämlich den Ansatz, dass im Menschen Spuren jeder paläogeologischen Phase abgedruckt sind. All das verquickt er in einer etwas sensationslüsternen Weise in die Ontogenese. Urzeitliche Schwämme, deren genetische Spuren in Neuronen, im Ohr, in den Eileitern, in Spermien wirksam sind, das klang in der dargebotenen Kurzfassung nach dem positivistischen Religionsersatz, wie sie heute noch in den esoterischen Ecken als Grundlage für ganz andere Spekulationen dienen (ich denke etwa an Ken Wilbers ›Eine kurze Geschichte des Kosmos‹, 2007)

Es ist ein grundsätzlicher religiöser Ansatz, den Schrott als Motiv angibt: die Rückbindung des in seinem Bewusstsein vereinsamten Individuums an die eigene Körperlichkeit mit deren komplexer Genese, also Religion mit ›Welt‹, insofern sich im Körper die Welt abdruckt. Diese Religio, so vermittelte Schrott zumindest in dieser Veranstaltung, erfolge durch Wissen. Das Bewusstsein etwa davon, dass jedes Atom im Körper durch im Mittel vier Sonnen-Phasen gegangen sei, derartiges Wissen würde diese Rückbindung leisten. Oder das Wissen, dass die Alpen geologisch betrachtet jung seien. Darüber könnte man ins streiten kommen, ob die lineare Zeitbetrachtung der geologischen Genese hilfreich ist - wenn die 130 Mio. Jahre der Alpen ein ›Augenblick‹ sind, was zählen dann noch die 10.000 Jahre des Holozäns? Der von Schrott aufgewandte Enthusiasmus, etwa über die Information, dass der mitteleuropäische Mensch kaukasischen Ursprungs sei könne Rechtsnationalismen der Boden entzogen werden, klang naiv. Nationalismus hat den Kern seiner Ideologien am Ende des Tages im Begriff der Familie, daraus sprießt immer neu der Blut-und-Boden-Mythos, ein vorintellektueller Zusammenhaltsbegriff, der dann je nach Bedarf auf Volk oder Nation erweitert wird.

Jedenfalls, die Darstellung des Wissens und das Aufsuchen der Wissenden in literarischer Weise hatte Schrott sich zum Thema gemacht. Wissen lebt in Begriffen; Begriffe leben in Fachsprachen. Den Wechsel von der Fachsprache in die poetische Sprache hat Schrott in Bonn nicht plausibel begründet - er führte ästhetische Argumente, seine eigenen ästhetischen Ansprüche als Motiv an, lieferte eher eine Rechtfertigung als eine Begründung.

Es blieb mir unklar, woher sich denn die Hoffnung nähren könnte, dass poetische Sprache einen Ersatz für Fachsprachlichkeit bieten könnte? Zwei Fragen scheinen mir dabei offen zu bleiben.

Zum einen die nach der Verständlichkeit. In der Fachsprache sind die Bedingungen, die Begründung und die Abgrenzung des Ausgesagten enthalten, das genau macht Wissenschaft aus. In der poetischen Sprache fehlt wie in der populären Darstellung alles das, die Sachverhalte erscheinen mit einer Absolutheit, die ihnen innerhalb des eigenen Kontexts nur selten anhaftet - dort sind sie Denkmodelle, falsifizierbare Denk- Experimente. Sie sind ein Zusammenspiel einer geistigen Interpretation mit der meist mathematisch modellierten Erfahrungswelt. Für das Publikum liegen sie übersetzt in wissenschaftlichen Erzählungen vor. Sie sind bereits menschengemachte, größere oder kleinere Epen, der Epos der Evolution, der der Quantenmechanik, jener von der Kosmogenese, der Plattentektonik, vom Federkleid der Dinosaurier. Gemeinsam ist die Ausblendung aller Relativierungen, der methodischen Entscheidungen, aller Bedingungen des Wissens, aller Reduktionen in der Fragestellung, die der Wissenschaftler vorgenommen und angegeben hat. Dieser Prozess der Bedingungs-Entkleidung bedeutet Dogmatisierung. Auch in poetischer Sprache muss Wissenschaft dogmatisiert werden.

Und zum zweiten: kann ein Dritter die Religio für den Leser vornehmen? Wird er ihn nicht einlullen, seine Freiheit durch literarische Mittel überlisten müssen, um die Rückbindung des Wissens an dessen je eigene Existenz vorzunehmen? Wie kann das Ganze gelingen, ohne den Begriff von Geist, jenen blinden Fleck im Auge der Naturwissenschaften ins Visier zu nehmen, dessen Unschärfe sie in so vielen konkreten Fragestellungen lähmt? Wird nicht jede Beschwörung von Bedeutung ohne Rückbezug auf die geistige Gestalt des Menschen mit seiner Selbstreflexionsfähigkeit in eine mehr oder weniger sichtbare pseudo-kausale Überredungsoperation münden? Muss Schrott also methodisch nicht zwangsweise den Fichte’schen ›Versuch, das Publikum zum Verstehen zu zwingen‹ wiederholen?

Grummelnde Gedanken auf dem Nachhauseweg, belastet von überflüssig, sinnlos, stumpfsinnig im Geldbeutel vor sich hin modernden 68 Euro: Die Funktion poetischer Sprache für das Thema ließe sich so viel leichter vorstellen, wenn Schrott nicht einem (vorkritischen?) Begriff des naturwissenschaftlichen Wissens auf den Leim gegangen wäre. Kann es sein, dass er vor der Übermenge der »Fakten« kapituliert hat? Typischerweise wird Wissenschaftsgeschichte seit längerem als Geschichte des Fragens aufgezogen. Nicht selten am Detail-Thema entfaltet, bei dem der Forscher einen bestimmten Wissensstand vorfindet und auf Fragen stößt, bei denen er nicht weiterkommt. Vielleicht hätte Schrott bei denjenigen Verfahren ansetzen sollen, mit denen ein Wissenschaftler sein Nicht-Wissen attackiert? Hinterfragen, was dieser/diese alles unternimmt, um Probleme zu lösen und zu Einsichten über ungelöste Probleme zu kommen?

»Nichts ist so leicht, wie ein bewiesener Satz«, so mein (Mathe) Prof gelegentlich, und wer je mit den beliebig komplexen Beweisen mathematischer Sätze in Berührung kam, wird unsere studentische Ambivalenz bei diesem Spruch nachvollziehen können. Jedenfalls: Denken ist etwas völlig anderes als Nachdenken. Ein nachvollzogener Gedankenfaden schafft in den meisten Fällen keine sonderliche Bedeutung für den Menschen. Erst wenn er auf Fragen trifft, bekannte oder unbekannte, kann es zünden (wenn er sich die Frage ins Bewusstsein hebt und sich nicht mit einem Happen aus der Keksdose von Wikipedia zufriedengibt). Ein selbstdenkender Mensch, in aller Kürze, spannt für sein Problemfeld einen Bildraum auf, versucht, die Bestandteile der Ausgangslage in Bewegung zu bringen, in Wechselwirkungen. Denken out of the box bedeutet, dass der Denkende auf die Subjekt-Objekt-Kategorien verzichtet, sich zurücknimmt und im Denkraum Ereignisse zulässt - Wechselbezüge ermöglicht, die sich sein Verstand a Apriori nicht ausdenken konnte (hinterher wird der Verstand sie verifizieren / falsifizieren). Meine Vermutung wäre, dass sich ein poetisches Verfahren für die Darstellung derartiger konstellativer Ansätze im Wissenschaftsbetrieb besser eignen könnte als für Wissensvermittlung.

Ein paar Säcke Wissen von den Naturwissenschaftlern mit dem Poesie-Laster hinüber zu den Geisteswissenschaftlern zu transportieren wird, befürchte ich, die Lage nicht ändern. Vermutlich ist naturwissenschaftliches Wissen per se der geistigen Realität des Menschen nicht näher, als die mechanistisch gelesenen Natur-Vorgänge auf der Erde ihren tatsächlichen Lebensprozessen.

Informationen zum Buch:
Erste Erde, Raoul Schrott,
Erscheinungsdatum: 26.09.2016
848 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband    
ISBN 978-3-446-25282-0

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