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The Beat Goes On!

Beat Generation | ZKM Karlsruhe | 26.11.2016 – 30.4.2017

Ausstellungen über die Beat Generation haben ja im ZKM Karlsruhe schon eine gewisse Tradition. Ich erinnere an die große William S. Burroughs-Ausstellung in 2012 und die virtuelle Ausstellung über Allen Ginsberg in 2013. Das mag an dem Leiter des ZKM liegen, denn Peter Weibel hat auch mehrere Ausstellungen über die Beat Generation (zusammen mit anderen) kuratiert. So auch die aktuelle Ausstellung, die in Gemeinschaft mit dem Centre Pompidou Paris entstanden ist (und dort bereits zu sehen war). Die Beat Generation wird ja oftmals auf ihre Hauptprotagonisten Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs beschränkt, wobei zu dieser literarischen Bewegung wesentlich mehr Autoren gehören, was diese Ausstellung auch gerade zeigen möchte. Und es ist vielleicht auch an der Zeit für diese Ausstellung, da die letzte allgemeine Ausstellung über die Beat Generation ja bereits über zwanzig Jahre her ist, nämlich „Beat Culture and the New America, 1950-1965“ im Whitney Museum of American Art New York in 1995/96.

Jack Kerouac, On the road, ZKM Karlsruhe Die Ausstellung ist in mehrere Sektionen gegliedert: „On the Road“ von Jack Kerouac als eines der zentralen Bücher der Beat Generation; „New York“ als Geburtsort der Beat Generation; „Kalifornien“ an der Westküste als Gegenpol; „Tanger“ als „freie Zone“, in der viele Schriftsteller und Künstler der Beat Generation gelebt haben; „Mexiko“, das eine besondere Anziehungskraft auf Beat-Autoren entfaltete, sowie „Paris“ mit seinem legendären Beat Hotel. Die Anordnung im ZKM ist etwas durcheinander. Die Zeitschriften sind in der Sektion „New York“ konzentriert worden. Schallplatten sind in der Sektion „Kalifornien“ zu finden. Aber dieses Durcheinander spiegelt ja gerade die Heterogenität dieser in ihrer Gesamtheit doch recht großen Künstlergruppe wider, lässt sich also in einer so breit gefassten Ausstellung gar nicht vermeiden.

Aber was macht die Beat Generation aus bzw. was macht sie so einzigartig? Gerade diese Aufbruchsstimmung, dieses „Eine andere Welt ist möglich“, das die Beat Generation gezeigt und (vor)gelebt hat, das sich ja auch gerade in ihren literarischen und künstlerischen Werken manifestiert. Man kann die Beat Generation als literarische Gruppierung auffassen, als eine Künstlergruppe. Man kann sie aber auch als eine soziale Bewegung verstehen, die ihre Anfänge Ende der 1940er Jahre, also kurz nach dem 2. Weltkrieg hatte, aber sich in den 1950er und 1960er Jahren zur bis dato größten sozialen Massenbewegung entwickelt hat, die es weltweit je gegeben hat. Die sogenannte wilde Zeit danach, also die Hippies und Flower Power, knüpft ja an die Beat Generation nahtlos an. Das zeigt sich nicht nur darin, dass Allen Ginsberg einer ihrer „Hauptsprecher“ gewesen ist (von dem übrigens auch der Ausdruck „Flower Power“ stammt), sondern auch, dass die Hippies zahlreiche „Errungenschaften“ ihrer Vorläufer übernommen und weitergeführt haben. Nämlich insbesondere das Experimentieren mit bewusstseinserweiternden Drogen, die Hinwendung zu fernöstlichen Religionen und die sexuelle Freizügigkeit bzw. Befreiung. Zu Zeiten der 1968er-Bewegung war Jack Kerouac längst schon ein versoffenes Wrack gewesen, aber man sollte nicht vergessen, dass er mit seinem Buch The Dharma Bums auch maßgeblich zu dem Aufbruch einer Gegenkultur beigetragen hat. Denn dieses Buch hat die weltweite Rucksackrevolution vorweggenommen. Nicht zu vergessen William S. Burroughs, der Zeit seines Lebens gegen Sucht, und darauf aufbauend gegen jede Form von gesellschaftlicher Kontrolle, auch gegen den amerikanischen „Ugly Spirit“ angeschrieben hat, auch und gerade durch die Cut-up-Technik, die ihm als Mittel der Medienguerilla galt.

Und genau diese aufrüttelnde und verändernde Stimmung wieder heraufzubeschwören, ist auch heutzutage – und vielleicht gerade auch heutzutage – angesagt. Aber kann dies eine solche Ausstellung überhaupt leisten? Denn letztendlich sind die Hauptprotagonisten der Beat Generation längst tot. Und selbst von den vielen anderen, die Gegenstand dieser Ausstellung sind (wobei das ZKM hier die Zuordnung zu dieser Gruppierung schon recht weit gefasst hat), leben viele bereits nicht mehr. Und so muss sich solch eine Ausstellung notgedrungen mit den toten Gegenständen begnügen, die der Nachwelt noch zur Verfügung stehen. Und kann damit immer nur eine vage Ahnung bzw. Vorstellung dessen geben, was damals wirklich möglich war. Und so verstehe ich die Ausstellung „Beat Generation“ auch mehr als einen „Appetizer“, nämlich die Besucher anzuregen, sich interessante Autoren etc. herauszusuchen, um sich später gezielt mit ihnen zu beschäftigen. Ich war als jemand, der sich schon seit Jahrzehnten intensiv mit der Beat Generation beschäftigt, angenehm überrascht, dass neben den vielen mir bereits wohl bekannten Exponaten mir doch vieles mehr oder weniger bis jetzt Unbekannte präsentiert worden ist.

John Cohen, ZKM Karlsruhe Das Herzstück der Ausstellung bildet das 36 Meter lange Typoskript des Romans On The Road von Jack Kerouac. Drum herum befinden sich zahlreiche Leinwände, die an der Decke hängen, und auf denen Filme so projiziert werden, dass sie auf beiden Seiten der Leinwand jeweils zu sehen sind. Das erhöht die starke Räumlichkeit und Präsenz dieser vielen Beat-Filme.

Ettore Sottsass, Neal Cassady, ZKM Karlsruhe Die ganze Ausstellung im 1. Stock des ZKM bildet quasi einen Mikrokosmos „Beat Generation“, durch den sich der Besucher bewegen kann. Gezeigt wird dabei das ganze Spektrum schriftstellerischer und künstlerischer Äußerungen. Einen Schwerpunkt bilden die Fotografien, die die Stimmung der Beat Generation in besonderer Weise eingefangen haben, insbesondere die von Allen Ginsberg, Robert Frank, John Cohen, Fred W. McDarrah, Harold Chapman und Ettore Sottsass. Gezeigt werden auch wenig bekannte Ölbilder und Zeichnungen von Jack Kerouac, sowie Zeichnungen von Gregory Corso und anderen. Des weiteren Collagen von diversen Künstlern, Kalligraphie von Brion Gysin. Ein weiterer Schwerpunkt sind die Filme. Direkt am Eingang sieht man, wie Bob Dylan und Allen Ginsberg im Herbst 1975 das Grab von Jack Kerouac besuchen: Ein Ausschnitt aus dem Film Renaldo und Clara von Bob Dylan. Neben den legendären Cut-up-Filmen von Anthony Balch und William S. Burroughs und dem Beat-Film Pull My Daisy von Robert Frank und Alfred Leslie werden viele, teils auch wenig bekannte Filme mit Bezug zur Beat Generation gezeigt.

Gregory Corso, ZKM Karlsruhe Als Exponate dieser Ausstellung wird neben den gängigen Medien auch anderes probiert. Ein Mimeograph will andeuten, dass die Autoren der Beat Generation in ihren Anfängen sich wegen der Ablehnung durch die etablierten Verlage und Redaktionen notfalls ihre Publikationen im Selbstverlag erstellen mussten. Eine alte mechanische Schreibmaschine von William S. Burroughs, nämlich eine legendäre „Underwood“. Ein Koffer und Kleidungsstücke von Jack Kerouac. Brion Gysins Zeicheninstrumente, sein Cutter (also ein Stanley-Messer, mit dem er im legendären Beat Hotel in Paris in den 1950er Jahren die Cut-up-Technik entdeckt hatte) und seine Weste aus dem Film The Cut Ups von Anthony Balch. Eine sogenannte Dreamachine ist dagegen leider nicht zu sehen, kommt aber in mindestens einem der gezeigten Filme vor. Es handelt sich dabei laut Wikipedia um „eine Leuchte, die mittels des Stroboskopeffekts eine optische Stimulierung des Gehirns bewirkt“. Als Entwickler der Apparatur werden nämlich gerade Brion Gysin und Ian Sommerville genannt (beide werden als Künstler der Ausstellung genannt). Zu sehen sind auch vier alte, schwarze Telefonapparate, auf denen „Dial-A-Poem“ steht. Sie stammen aus einem Projekt, das John Giorno 1968 gestartet hat: Mittels Wählscheibe gelangt man zu unterschiedlichen Gedichten, die man dann über den Telefonhörer hören kann.

Diese Gemeinschaftsausstellung war ja bereits im Centre Pompidou Paris zu sehen. Hierzu liegt ein Ausstellungskatalog (leider nur) in französischer Sprache vor. Er macht deutlich, dass in beiden Ausstellungen teilweise andere Exponate zu sehen sind bzw. waren. Die Ausstellung im ZKM hat dabei auch viele Beat-Exponate aus dem deutschsprachigen Raum versammelt. Insbesondere zahlreiche Bücher aus der Stadtlichterpresse von Ralf Zühlke, der ja gerade ziemlich viele Bücher der weniger bekannten Autoren der Beat Generation oftmals erstmals in Deutsch veröffentlicht hat (meist sind die Bücher zweisprachig gehalten). Interessant auch das Plakat zu einer zweitägigen Lesung, veranstaltet von einem „Jack Kerouac Institut Frankfurt“ im KOZ an der Uni Frankfurt im Mai 1972, denn von den 52 aufgeführten Autoren leben eine ganze Reihe noch, und viele von ihnen kann man durchaus zur deutschen „Sektion“ der Beat Generation zählen, wie Jürgen Ploog, Carl Weissner, Udo Breger oder Hadayatullah Hübsch.

Und so zeigt diese Ausstellung, dass die Beat Generation zwar mittlerweile auch in die Jahre gekommen, aber nach wie vor noch sehr lebendig ist: The Beat Goes On!

 

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