Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Rede

Eröffnungsrede Gertrud Kolmar Preis 2019 im Literaturhaus in Hamburg

 

Liebe Gäste, liebe Ulrike Draesner, liebe Pega Mund, liebe Ronya Othmann, liebe Jury des Elbkulturfonds, liebe Jury, liebe Judith Sombray, liebe Freundinnen und Freunde, nochmals ein herzliches Willkommen!

Ich möchte den Preisverleihungsabend mit einem Grußwort von Sabina Wenzel, der Nichte von Gertrud Kolmar beginnen. Sabina Wenzel lebt in Brasilien und kann heute Abend leider nicht bei uns sein. Sie schreibt uns:

``Es freut mich sehr, dass das Leben und Werk meiner Dichtertante Gertrud Kolmar wieder auf so eine schöne Weise geehrt und gefeiert wird und ich wünsche Ihnen allen, aus dem fernen Paraty in Brasilien, einen bereichernden, wunderbaren Abend in Hamburg``    Sabina Wenzel

Liebe Frau Wenzel, für diese motivierenden Sätze bedanke ich mich und präsentiere Ihnen heute Abend laute Frauen, laut dichtende Frauen, starke Frauen, die in Gedenken an Ihre Tante ausgezeichnet werden.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein großer Fußballfan bin und trotz meines wirklich großen Interesses an diesem Sport, habe ich mir fast nie Frauenfußball angesehen. Denn auch ich bin vor Vorurteilen nicht gefeit und saß diese lange Zeit auf, langsamer Fußball, geringere athletische Leistung, wenig spektakuläre Spielzüge. Männer spielen A Liga, Frauen spielen B Liga. Ein Bündel von Vorurteilen, die auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens übertragbar sind. Vorurteile, die uns alle betreffen, die wir verinnerlicht haben und von denen wir uns befreien sollten.

Die Namensgeberin dieses Preises ist Gertrud Kolmar, die zweite „Mutter“ des Preises ist die Webseite Fixpoetry.com, mein Magazin für Literatur, das ich gegründet habe, herausgebe und gemeinsam mit unzähligen Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum jeden Tag aufs Neue mit literarischem Inhalt fülle. Die Webseite ist seit 11 Jahren am Netz und hat sich, vor allen Dingen in den letzten 4-5 Jahren phänomenal entwickelt. Wir widmen uns der ganzen Bandbreite der Literatur, vor allem aber auch jener Literatur, die in den öffentlichen Medien gern vergessen wird. Über 1000 Autorinnen und Autoren haben sich mittlerweile auf der Seite versammelt, die in unterschiedlichen Formaten und Rollen, häufig ehrenamtlich, ihren Beitrag leisten.  Geschlechterparität, Beiträge aus dem literarischen Leben, Dokumentationen und Essays sind bereits seit Jahren fester Bestandteil unserer Arbeit. Und unsere Referenzen sind erstklassig, wie jeder und jede sich auf der Fixpoetry-Seite selbst überzeugen kann.

Als ich den Gertrud Kolmar Preis bei den Elbkulturfonds zur Förderung einreichte, habe ich neben meinen Erfahrungen durch das Betreiben der Webseite und unserer Expertise für zeitgenössische Lyrik und Sprache als Kunstform, in erster Linie mit der ungleichen Vergabe von Literaturpreisen an Frauen argumentiert. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen: Der Nobelpreis für Literatur wurde an 99 Männer versus 14 Frauen verliehen, der renommierte Georg Büchner Preis ging an 72 Männer versus 12 Frauen, und der ausschließlich an Lyrikerinnen und Lyriker gerichtete Peter Huchel Preis wurde an 25 Männer versus 11 Frauen verliehen.

In der Literatur sind fast alle Prestigepositionen, von Machtpositionen gar nicht zu sprechen, von Männern besetzt. Interessant ist auch, dass Literaturpreise meist entweder nach dem Namen einer Stadt benannt werden oder nach einem berühmten Schriftsteller, im Fall des Preisstifters Alfred Nobel nach einem Chemiker und Erfinder. Eher selten tragen gut dotierte Preise den Namen einer Frau, der Ingeborg Bachmann Preis, der Christine Lavant Preis und nun der Gertrud Kolmar Preis, ebenfalls hoch dotiert und dem Genre Lyrik gewidmet. Darauf bin ich stolz!

Die 2018 erschienene Studie des Deutschen Kulturrats „Frauen in Kultur und Medien“, die die Entwicklung der letzten 20 Jahre im Blick hat, zeigt noch einmal ausdrücklich, wie groß die Unterschiede – auch im Verdienst – sind. Im Kapitel zu literarischen Fördermaßnahmen zeigt die Studie an gleicher Stelle, dass Frauen nur zwischen ein Fünftel und einem Drittel der Begünstigten ausmachen. Im Verhältnis zum Anteil weiblicher Schriftstellerinnen werden weniger Bücher von Frauen in den Leitmedien rezensiert, zudem hält sich hartnäckig das Klischee „Frauenliteratur“ in Bezug auf von Frauen verfasste Bücher.

Im Rahmen meiner Arbeit am Gertrud Kolmar Preis, fielen mir die immer wieder gleiche Fragen auf: Warum machst du das? Warum sollen sich Gedichte von Frauen nicht mit Gedichten von Männern messen? Nach der anfänglichen Euphorie kamen selbst bei einigen aufrecht engagierten Frauen im meinem Umfeld Zweifel an meinem Vorhaben auf. In den sozialen Medien, wo mit einem ausgewogenen Diskurs ja ohnehin nicht zu rechnen ist, wurde mir der Preis erst recht madig gemacht. Ich wolle nur auf einen „Trendzug“ aufspringen, mir den Feminismus zu Nutze machen, Männer benachteiligen und meine Person in den Vordergrund stellen.

Ich stellte fest: Als Frau darf man ehrgeizig und erfolgreich sein, aber bitte nicht so laut, nicht so ernst, nicht so ein Statement abliefern wie einen Preis für Frauen, besser wäre es abzuwarten, zu beobachten. Das wird sich schon regeln! Wird ja schon besser! Dauert eben seine Zeit. Im Schweigen und Lächeln haben die meisten Frauen ja Übung und die meisten Männer sind genau das gewohnt. Ich weiß aus vielen Jahren beruflicher Erfahrung: Nichts regelt sich mit der Zeit und sicher nichts von allein. Der Feminismus-Zug bleibt stehen, wenn man ihn nicht befeuert, der Wald brennt, wenn man ihn nicht löscht.

Es geht also heute um Sichtbarmachung, um Öffentlichkeit, darum, bedeutsame Literatur von Frauen ins Licht zu holen und gegen deren Abwertung als Frauenliteratur ein Statement zu setzen. Die viel beschworene kulturelle Vielfalt braucht Geschlechtergerechtigkeit, Aufklärung und Öffentlichkeit. Wir müssen Schluss machen mit veralteten Vorstellungen von Frauenliteratur. Frauen schreiben, sie schreiben - wie Männer eben auch. Frauen schreiben Literatur. Frauen schreiben auch Gedichte. Frauen schreiben schon seit Jahrhunderten Gedichte, weil sie es können und weil sie es beherrschen, das Schreiben guter Gedichte.

Es ist also alles eine Frage der Wahrnehmung, der Aufklärung und der Stärkung literarischer Positionen von Frauen und dafür steht der Gertrud Kolmar Preis. Er soll kein weiteres Hashtag, kein weiterer Trend, keine Vermarktungsstrategie des Feminismus abbilden, sondern die Rolle schreibender Frauen stützen. Der Gertrud Kolmar Preis rückt Lyrikerinnen und ihre Gedichte in den Fokus der Aufmerksamkeit, nicht weil sie Frauen sind, sondern weil sie Urheberinnen großartiger Gedichte sind und weil sie neue literarische Räume schaffen. Ich will, dass junge Frauen anerkannte Autorinnen als Vorbilder haben und ich will, dass sie ambitioniert, inspiriert, aufregend und irritierend schreiben.

Ich glaube an Vielfalt, ich glaube an Diversität. Preise wie der Gertrud Kolmar Preis, dessen Weiterführung allerdings in den Sternen steht, gehören auf eine große Bühne. Preise wie dieser brauchen neben der Aufmerksamkeit auch Anerkennung. Preise wie dieser brauchen auch Auseinandersetzung mit den Männern, die in der Literatur in den Entscheiderpositionen in den Stiftungen und Institutionen sitzen. Hört uns zu, redet mit uns. Wir Frauen streben den Diskurs an, wir schaffen Poesie und Kunst aus unserem feministischen Standpunkt heraus. Wir wünschen uns Dialog

Und wie war das jetzt mit dem Fußball? Dem Frauenfußball? Frauenfußball-Teams sind lauter geworden. Sie haben auf sich aufmerksam gemacht. Sie schießen Tore, sie tanzen auf dem Rasen und vor dem Kapitol. Sie weisen auf Missstände in ihren Verbänden hin, sie sind laut, sie sind da, wie wir, die wir laut und selbstbewusst die Gewinnerinnen des Gertrud Kolmar Preises verkünden und uns nicht davon abbringen lassen möchten, dass die gesellschaftliche Relevanz für diesen Preis nicht hoch genug sein kann. Dafür kämpfen wir - für Vielfalt, Freiheit und Differenz.

1044 Frauen haben sich an der Ausschreibung zum Gertrud Kolmar Preis beteiligt. Bei Ihnen allen bedanke ich mich für das Vertrauen in unsere Arbeit. Vielen Dank der Jury des Elbkulturfonds für den Zuschlag, allen Jurymitgliedern, der Vorjury Judith Sombray aus Hamburg, Astrid Nischkauer aus Wien und Stefan Schmitzer aus Graz, der Hauptjury Esther Dischereit, Nefeli Kavouras, Olga Martynova, Beate Tröger und Insa Wilke, die heute Abend leider nicht bei uns sein kann, ich danke weiter Olaf Grabienski vom Bürobackbord aus Hamburg für die Webentwicklung und Judith Sombray für das Design des Logos und der Webseite, Monika Vasik für Beistand in allen, wirklich allen Belangen, Luise Behr von Kirchner PR für die Öffentlichkeitsarbeit, dem Suhrkamp Verlag, der uns die die Bücher von Gertrud Kolmar kostenfrei zur Verfügung gestellt hat, dem Wallstein Verlag für alle wichtigen Informationen über Gertrud Kolmar und  den Kontakt zu Sabina Wenzel, allen Lyrikinteressierten für das Weitertragen unserer Aktivitäten in den sozialen Medien, Josefine Israel für die Lesung  und last but not least, Antje Flemming von der Behörde für Kultur und Medien, die ich jetzt auf die Bühne bitten möchte.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

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